Bei VOX gefunden Transsexuelle in Deutschland

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Ronja S. EX
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Tassi schrieb:
Besonders wenn man typsiche Aussagen hört, dass man sich seit der Kindheit schon weiblich gefühlt hat usw., schwillt mir irgendwie der Kam, denn fast jeder weiß, dass man vor der Pupertät kein Geschlechtsempfinden hat.

Viel besser fände ich, wenn auch mal wissenschaftlich versucht wird, der Entstehung von Transsexualität auf den Grund zu gehen...

Dazu muß ich sagen, dass eine Transidentität nichts mit einem sexuellen Geschlechtsempfinden zu tun hat, sondern sich auch schon in der Kindheit im Kopf abspielt. Die Pubertät ist der Prozeß des Erreichens der Geschlechtsreife, in welchem sich u.a. die sexuelle Orientierung ausbildet. Sie hat aber nach meiner eigenen Erfahrung nichts damit zu tun, dass eine Transidentität sich nicht auch im frühen Kindesalter manifestieren kann; welche früher überwiegend durch gesellschaftliche Zwänge und Erziehung im Elternhaus "wegzuerziehen" versucht oder unterdrückt oder durch eine Medikation zu therapieren versucht wurde. Es ist nicht das sexuelle Empfinden, sondern das Zugehörigkeitsgefühl zum anderen Geschlecht, was es ausmacht, sich wunschgeschlechtlich kleiden zu wollen, heimlich am Kleiderschrank von Schwester oder Mutter zu bedienen oder sich bei Schminkversuchen vor dem Spiegel einfach wohl zu fühlen.

Ich verweise da auf den Film "Mein Leben in Rosarot", der kein Klischee ist.

Eine anderes Indiz ist das Spielverhalten im Kleinkind- bis Vorschulalter bis hin zum Grundschulalter, welches in einem solchen Fall schon früh Merkmale auf eine vorhandene Transidentität zeigt. Damit denke ich an Verhaltensweisen, in denen sich eine zwanghafte Anpassung an das andere Geschlecht schon früh ausbildet (z. B. sich den Mädchen zugehörig zu fühlen und nur mit jenen spielen zu wollen) und oft in Konflikte gipfelt, wenn es z. B. zur Einschulung kommt oder eine Ausgrenzung der entsprechenden Person auf Grund ihres dem Geburtsgeschlecht abweichenden Verhaltens erfolgt. Eine Anpassung an das unerwünschte, angeborene Geschlecht ist dann die Folge, um gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Vermutlich wäre in den seltensten Fällen - ich spreche von meiner Kindheit Anfang der 1970er - auf die Person eingegangen worden; eher das Gegenteil wäre der Fall gewesen. Die Gesellschaft war damals lang nicht in der Lage, "Andere" zu tolerieren.

Ich war nach meinem Outing sehr erstaunt, als ich mit meiner Familie über diese Thematik diskutierte und dass eben geschriebene "Symptome" auch in meiner Kindheit massiv auftraten. Erzählungen meiner Verwandtschaft und Fotografien aus meiner Kinderzeit bestätigen dies und decken sich mit meinen Erinnerungen. Im Fazit möchte ich sagen, dass es eine Transidentität bereits im Kindesalter gibt bzw. bei mir gab, denn ich habe meine entsprechenden Erinnerungen, die durch die Aussagen meiner Familie belegt wurden.

Zum Anderen forschen Wissenschaftler weltweit nach Ursachen, wie eine solche "Krankheit" wie die F64.0 oder sexuelle Ausrichtungen wie Homosexualität entstehen. Bislang gibt nicht einmal ansatzweise einen Grund dafür. Meine Verwandten haben mich oft gefragt, weshalb und wie ich denn so geworden sei, und meine Antwort war immer dieselbe: Fragt die Wissenschaft, die weiß es selbst nicht!

Tassi, ich hoffe, Dein Kamm ist wieder abgeschwollen, morgen früh wirst Du Dich bestimmt frisieren wollen... :mgreen: :mgreen:

Johanna schrieb:
Ich kann jetzt nicht sagen, dass es nur Klischee war. Im Gegenteil, drei der fünf Beiträge beschäftigten sich mit TS mit Kindern, und gerade die beiden Beiträge der ersten Stunde hatten auch als Fragestellung, wie denn die Kinder mit der Transsexualität eines Elternteils umgehen und klarkommen. Das sind für mich, in meiner speziellen Situation,  die wichtigsten Fragestellungen überhaupt.

 

Ich erinnere mich an einen Filmbericht des Senders Kabel1, in dem zum einen Kim, zum anderen die Frau Scheller begleitet wurden. In Bezug auf Kim fand ich den Bericht sehr interessant, in Bezug auf Frau Scheller recht klischeehaft. Worauf bei solchen Berichterstattungen nie eingegangen wird - und das stört mich - ist der Behördenkampf, den jede TS zur Erreichung ihrer Lebensqualität absolvieren muß. Davon ist nie eine Rede, sondern es wird, wie es ich es bereits geschrieben habe, nur der erste Besuch bei einer/m Ärztin/Arzt gezeigt, der erste Friseurbesuch etc. und die Fahrt zur OP, aber über die Alltagsquerälen fällt nie ein Wort. Deshalb schrieb ich auch in meinem früheren Beitrag "Friede-Freude-Eierkuchen". Selbst würde ich mich einer solchen medialen Betreuung nicht unterziehen, obwohl ich gern für Menschen wie uns in der Öffentlichkeit "eine Lanze brechen" würde, einfach nur, um aufzuklären.  Das kann ich aber auch tun, indem ich anderen helfe, die am Anfang stehen und denen ich mit Erfahrungen zur Seite stehen kann.

Die meisten der TS, von denen es in meinem Umfeld auch einige gibt, mögen eine Öffentlichkeit massenmedialer Art nicht, sondern wollen einfach nur ihr Leben leben;  und das ist nicht nur mein Eindruck, sondern auch mein Wunsch. Ich bin ebenso Deiner Meinung, dass auch auf die familiären Aspekte eingegangen werden muß. Und wenn es sachlich geschieht.

 

LG Ronja

 

Lebe Dein Leben wie du selbst, und Du wirst überrascht sein, was Du alles kannst.

Kirsten EX
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@Ronja

Ich glaube, die Zielrichtung beider Beiträge war nicht aufzuzeigen, welche Alltagsprobleme Transsexuelle haben, sondern darzustellen, wie Transsexuelle fühlen und denken und vor allem - ganz wichtig - dass sie im Kern ganz normale Männer und Frauen sind. Und dazu waren beide Reportagen mehr als geeignet.

Probleme wurden zumindest angedeutet - Zitat Lukas "Ich versuche mich zu integrieren" - und eine andere Mutter berichtete, welche Ablehnung Lukas zunächst als Transmann erfuhr. Oder seine Angst vorm Outing im Betrieb. Und Ria sprach mir aus der Seele, als sie von einem andauernden Identitätskonflikt sprach. Gut auch, dass der OP-Zwang in Bezug auf den Personstand "Frau" angesprochen wurde.

Aber du hast recht: Interessant wäre sicherlich auch mal eine Reportage über all die Widrigkeiten, die wir so erleben - zum Beispiel die Fixierung der Kassen auf die Nadelepilation. Und eine Doku, die wissenschaftlichen Ansätzen nachgeht, wäre auch mehr als interessant.