Letzte Woche in der Closer ...

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Jessica-Spirit
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Letzte Woche gab es in der neuen Zeitung "CLOSER" mal wieder einen Zeitungsartikel von uns:

"Franzi liebt einen Transvestiten – und hat ein Kind mit ihm

Die einjährige Emma spielt mit ihrem Ball im Wohnzimmer. Franzi (30) sitzt an der Nähmaschine, ihre Tochter im Blick. Freund Stephan (31) rasiert sich nebenan für seine Arbeit. Eine ganz normale Familie? Nicht ganz. Denn Stephan ist Transvestit – ein Mann, der sich ab und zu in eine Frau verwandelt. Auch beruflich: An fünf Abenden in der Woche tritt er in einem Dresdener Travestietheater auf.

 

 

Seitdem Emma auf der Welt ist, hat sich viel in unserem Leben verändert. Aber nicht alles: Stephan verwandelt sich nach wie vor manchmal in eine Frau. Er nennt sich dann Jessica und für einige Stunden wird aus meinem Freund meine beste Freundin. Sein zweites Ich lebt er nur mit mir gemeinsam aus. Ich berate ihn bei der Auswahl der Kleider und helfe ihm, sich zu schminken. Anschließend gehen wir shoppen, ins Kino oder auf Partys. An die Blicke der Leute haben wir uns schon längst gewöhnt. Doch die meisten merken sowieso nichts. Als wir für Emma Babyklamotten kauften, hielt uns die Verkäuferin beide für Mamas. Erst als Stephan den Mund aufmachte, verriet ihn seine tiefe Stimme.

Natürlich ist es nicht immer leicht. Ich hatte schon oft Phasen, in denen mir Jessica zu viel wurde – vor allem, wenn ich durch unsere Jobs wenig von Stephan habe und er als Jessica Zärtlichkeiten von mir wollte. Ich kann sie küssen, aber mehr auch nicht! Meine Mutter gab zu Bedenken, „dass es auch andere Männer“ gäbe und auch von anderen musste ich mir schon oft blöde Bemerkungen und nervige Ratschläge anhören. Aber das ist mir egal, weil ich ihn so liebe wie er ist. Eigentlich habe ich in unserer Beziehung die Hosen an. Doch wenn Stephan als Jessi unterwegs ist, wird aus dem schüchternen, zurückhaltenden Mann der quirlige, extrovertierte Vamp, der mir den Rang abläuft. Die Männer gucken nicht mir, sondern ihm hinterher, weil er die schöneren Beine und den knackigeren Hintern hat. Manche pfeifen sogar oder fragen nach seiner Telefonnummer – wenn die wüssten, dass sie auf eine Mogelpackung hereingefallen sind!

Unsere Geschichte begann vor 13 Jahren in der Berufsschule für Werbegestalter. Ich war 17, er 18. Seine langen braunen Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, und seine sensible Art hatten es mir angetan. Fünf Monate nach unserem ersten Kuss gestand er mir sein Geheimnis. Seine Mutter hatte ihn gerade vor die Tür gesetzt, weil er sich mal wieder aus ihrem Kleiderschrank bedient hatte. Ich war geschockt, aber nicht abgestoßen. Und versuchte zu verstehen, was er selbst nicht begreifen konnte. Er erzählte mir, dass er sich mit 10 das erste Mal verkleidet und später Musicclips von Blümchen oder den Spice Girls nachgespielt hätte. Immer wieder sei er dafür an die Kleidung seiner Mutter gegangen und hätte damit seine Eltern auf die Barrikaden gebracht. „Ich habe nur manchmal das Bedürfnis, die Rollen zu tauschen“, sagte er. Und versicherte mir: „Ich bin nicht schwul und will auch keine Geschlechtsumwandlung.“

Ich liebte ihn und beschloss, ihm zu helfen. Nicht, indem ich ihm seinen Drang ausredete, wie es seine Eltern versucht haben, sondern indem ich ihn bestärkte, seinen Herzenswunsch auszuleben. Wir knüpften Kontakte zu anderen Transvestiten, auch Crossdresser oder Transgender genannt: Menschen, die sich nicht nur mit einer Geschlechterrolle identifizieren. Gründeten einen Transen-Stammtisch und engagierten uns auf dem Christopher Street Day in Dresden. Ich rede ganz offen über das Thema mit Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen. Damals hatten wir noch dieselbe Kleidergröße, also lieh ich ihm Sachen von mir. Später nähte ich ihm gewagte Outfits. Mittlerweile akzeptieren auch Stephans Eltern, dass aus ihrem Sohn alle paar Monate ihre Tochter wird – mit Makeup, hohen Schuhen und ausgepolstertem BH.

Seit drei Jahren arbeitet Stephan in dem Travestie-Revue-Theater Carte Blanche. Als ich ihn das erste Mal als glamouröse Diva in Paillettenrobe und Federboa unter tosendem Applaus auf der Bühne sah, schossen mit die Tränen in die Augen. Ich freute mich so sehr für ihn! Insgeheim hatte ich allerdings gehofft, dass sein Drang durch den Job weniger werden würde. Fehlanzeige! Auch die Tatsache, dass wir jetzt eine kleine Familie sind, hat sein weibliches Ich nicht zum Verschwinden gebracht. Im Gegenteil: „Emma hat mein Bedürfnis, Frau zu sein, nicht geändert. Jessica bedeutet für mich eine Insel im Alltag“, rechtfertigt sich Stephan. Natürlich nervt es mich, dass er auch als Vater mitunter nur Jessi im Kopf hat, während ich mit Haushalt, Kind und Kochen beschäftigt bin. Dann gibt es Diskussionen. Aber wir haben gelernt, immer wieder Kompromisse zu finden.

Vor kurzem waren wir mit Emma im Zoo. Noch denkt sie sich nichts dabei, wenn ihr Papa auf manchen Ausflügen Rock und Lippenstift trägt. Doch schon bald werden viele Fragen auftauchen – nicht nur von ihr, sondern auch von anderen Kindern und Erzieherinnen im Kindergarten. Wir werden ihnen erklären, dass es in Ordnung ist, anders zu sein und dass Emma deshalb von Zeit zu Zeit zwei Mamas hat."

 

 

Minolfa
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Glückwunsch Jessica!

Ein schön formulierter Artikel, und das Foto von euch beiden mit Emma ist so süß! Applause

Liebe Grüße, Michi

jasminchen
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Jessica-Spirit schrieb:

Er erzählte mir, dass er sich mit 10 das erste Mal verkleidet und später Musicclips von Blümchen oder den Spice Girls nachgespielt hätte.

 

Kann aber auch mehr draus werden.....

LG Jasmina

 

Jestem prawda, nie mam tajemnicy.

Extra Gottingam non est vita, et, si est, non est ita. Cogito ergo sum

Hrad přepevný jest Pan Bůh náš ….

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Prime_Directive

 

Svenja-J
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Michi_2 schrieb:
Ein schön formulierter Artikel, und das Foto von euch beiden mit Emma ist so süß! Applause

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein toll illustrierter, sehr schöner Artikel.