Jens ist jetzt Jenny - Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung von heute (10.08.16)

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Heike_007
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dabei seit: 10.04.2006

Nach längerem Schweigen (aber regelmäßigem Mitlesen) möchte ich mich auch mal wieder zu Wort melden.In unserer Regionalzeitung (Tochterunternehmen des "Kölner Stadt-Anzeiger") fand ich einen Artikel über eine pre-OP-TS aus Dessau.Es liegt mir fern, jedes Wort auf die sprichwörtliche Goldwaage zu legen, schließlich sind die Journalisten eines solchen Regionalblattes keine Spezialisten für Transgenderfragen. Ich meine, er hat sich Mühe gegeben, sachlich und ohne reißerischen Voyerismus zu berichten.

Mich bewegt etwas anderes:

Zitat:
Jenny Bittner lebt von Hartz IV. Ihren Job im Kundendienst eines Elektronik-Fachmarkts verliert sie, nachdem sie sich geoutet hat. Von da an wird alles anders: Ihr Chef, erzählt sie, habe plötzlich ihre Arbeit in Frage gestellt, ihre Entscheidungsgewalt schwindet. Am Ende steht die Kündigung. Dutzende Bewerbungen hat sie seitdem geschrieben, erfolglos. Man rät ihr, sie solle doch lieber in ein anderes Bundesland ziehen, in dem ihre geschlechtliche Orientierung eher toleriert werde.
Auch 26 Jahre nach der Vereinigung ist es offenbar mit der Toleranz in Ostdeutschland noch immer nicht allzu weit her. Der Rat zum Umzug in ein "toleranteres Bundesland" spricht Bände. In der DDR bestimmten Partei und Staat, was der Bürger erfuhr und wa nicht. "Randgruppen" wurden totgeschwiegen, schlichte Gemüter glauben deshalb bis heute, "so etwas hat es früher nicht gegeben". Schlimm ist, das diese Sichtweise auch an die jüngeren Generationen weiter getragen wird.

Traurig, traurig!

Der ganze Artikel ist zu finden unter: http://www.mz-web.de/dessau-rosslau/transsexualitaet--jens-ist-jetzt-jenny-24532644

 

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).

Dreiviertelmann
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dabei seit: 20.03.2013

Ich lebe im Osten und würde ihn nicht als ganzes pauschalisieren. Ja, der Osten hat ein Problem mit Neonazis, das will ich gar nicht leugnen. Aber es kommt schon sehr auf die Gegend an. Wo ich lebe, geht es. Man nimmt die Nazis wahr, aber da es hier sehr viele Studenten gibt, haben sie keine Chance, Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu nehmen. 30km Richtung Südosten sieht das schon wieder anders aus. Dort ist die NPD stärkste Partei im Stadtrat. Rings um Berlin sieht das andersrum noch deutlich besser aus als hier im äußersten Nordosten. Berlin dürfte nach Köln auf Platz 2 der tolerantesten Städte Deutschlands liegen und auch im Umfeld haben die Nazis keine Chance. Sachsen ist allerdings ein Kapitel für sich. Dort gibt es leider nicht nur eine Hochburg der Rechten.

Nadja DD
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dabei seit: 20.10.2014

Ich lebe in der Sächsichen Schweiz (ich denke Heidenau Freital und Schöna sind manchen ein Begriff) und trotzdem habe ich bisher kaum ablehnung erfahren. bis auf 2 mal nen unpassenden Spruch kam da bisher gar nix und ich denke nicht das ich da nochmal was befürchten muss!

intolleranter Osten ist also kompletter Blödsinn. Idioten gibts überall und in manchen Gegenden halt eins, zwei mehr.

Meine Erfahrung ist das die meisten sich mit unserem Thema nicht auskennen und wenns ihnen von jemanden Betroffenen erklärt wird gibts auch keine Probleme!

 

MfG Nadja

LolaLeipzig
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dabei seit: 03.04.2015

Ich liebe es wenn immer alles über einen Kamm geschnitten wird. 

Das Thema mit dem Arbeitsamt oder Behörden kenne ich auch, egal ob aus Ost oder West. Und die wenigsten Arbeitgeber sind in dieser Hinsicht tolerant, da sie ruhe unter den Mitarbeitern haben wollen. 

Was mich nach fast 26 Jahren der Wiedervereinigung allerdings richtig aufregt ist, dass einige dieses Land immer noch in Ost und West aufteilen. Wenn diese dann noch Nord und Süd dazu nehmen würden, hätte ich nichts mehr dagegen. 

Sonnenengel
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dabei seit: 07.02.2012

Dreiviertelmann schrieb:

Ich lebe im Osten und würde ihn nicht als ganzes pauschalisieren. Ja, der Osten hat ein Problem mit Neonazis, das will ich gar nicht leugnen. Aber es kommt schon sehr auf die Gegend an. Wo ich lebe, geht es. Man nimmt die Nazis wahr, aber da es hier sehr viele Studenten gibt, haben sie keine Chance, Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu nehmen. 30km Richtung Südosten sieht das schon wieder anders aus. Dort ist die NPD stärkste Partei im Stadtrat. Rings um Berlin sieht das andersrum noch deutlich besser aus als hier im äußersten Nordosten. Berlin dürfte nach Köln auf Platz 2 der tolerantesten Städte Deutschlands liegen und auch im Umfeld haben die Nazis keine Chance. Sachsen ist allerdings ein Kapitel für sich. Dort gibt es leider nicht nur eine Hochburg der Rechten.

... nun, nach meinen Umzug in den Nordosten, kann ich sagen die Menschen hier zum Grossteil nicht wirklich tolerant sind, was nichts mit rechter Gesinnung zu tun hat.  Auch gerade was mein neuer Kollegenkreis betrifft. Der eigentlich nur aus Männern besteht. Und diese kommen überhaupt nicht klar damit, die haben ja schon ein Problem mit Frauen in dem Beruf und dann noch ich als TS und geben einem ständig das Gefühl nicht willkommen zu sein. Das zeigt sich oft darin, auf Arbeit wird man gerade noch so gegrüßt und wenn man sich privat übern Weg läuft, wird man ungekonnt künstlich ignoriert. ZurZeit bin ich bin echt am überlegen, wieder Richtung Grosstadt zu ziehen, da zu leben und zu arbeiten ...

Heike_007
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dabei seit: 10.04.2006

Sonnenengel schrieb:
... nun, nach meinen Umzug in den Nordosten, kann ich sagen die Menschen hier zum Grossteil nicht wirklich tolerant sind, was nichts mit rechter Gesinnung zu tun hat.  Auch gerade was mein neuer Kollegenkreis betrifft. Der eigentlich nur aus Männern besteht. Und diese kommen überhaupt nicht klar damit, die haben ja schon ein Problem mit Frauen in dem Beruf und dann noch ich als TS und geben einem ständig das Gefühl nicht willkommen zu sein. Das zeigt sich oft darin, auf Arbeit wird man gerade noch so gegrüßt und wenn man sich privat übern Weg läuft, wird man ungekonnt künstlich ignoriert. ZurZeit bin ich bin echt am überlegen, wieder Richtung Grosstadt zu ziehen, da zu leben und zu arbeiten ...

Genau das meinte ich. Da in Deinem Beruf auch Bio-Frauen sehr selten sind, stelle ich mir das alles andere als einfach vor.

Dass alle Bürger in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen automatisch eine rechte Gesinnung haben hat niemand behauptet. Berlin nimmt (und nahm schon immer) hier eine Sonderstellung ein. Das Problem ist die große Provinzialität in diesen Bundesländern. 40 Jahre Monotonie im Alltag und das Nicht-Vorhandensein einer Boulevardpresse hinterlassen so ihre Spuren. Für viele Leute stellte es selbst in größeren Städten schon eine mittlere Sensation dar, wenn jemand in der Nachbarschaft sein Auto in eine andere Farbe umgespritzt bzw. Frau xyz eine neue Friseur hatte. Das gab Gesprächsstoff für mehrere Tage. In dieser piefigen Atmosphäre wäre ein Transgender wohl als Außerirdischer wahrgenommen worden. Das ist mit Worten nur schwer zu beschreiben, das muss man live erlebt haben.

Das Problem ist, dass diese Sichtweise mittlerweile besonders in den bildungsfernen Schichten durch die Eltern auf nachwachsende Generationen übertragen wird, die das nie selbst erlebt haben. Mir ging es nicht um Nazis und/oder die AfD, mir ging es um diese latente bornierte Provinzialität, die weithin noch anzutreffen ist. Das gilt für alle Lebensbereiche und längst nicht nur für T*-Probleme.

Für Ost-Berlin traf das kaum zu, deshalb fehlt es auch in der Aufzählung am Anfang. 

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).