Zeitungsartikel: Klage gegen Chirurgen

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AnneTG
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dabei seit: 18.01.2005

Ich wundere mich immer wieder, warum in den Transgender-Foren so wenig Intersexuelle präsent sind. Da wir oberflächlich betrachtet vieles gemeinsam haben, müsste das doch überraschen. Leider kenne ich persönlich keine IS, wenigstens nicht bewusst, so dass es mir schwer fällt, deren Situation zu beurteilen.

Da ich in solchen Fällen dazu neige, mich über Literatur schlau zu machen, habe ich vor einiger Zeit ein wirklich hervorragendes Buch zum Thema gelesen: Claudia Lang, Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus, Frankfurt/man 2006.

Dabei ist mir nun ein entscheidender Unterschied zwischen uns und IS deutlich geworden: IS definieren ihr Geschlecht vom Körper her. D.h. sie leiten aus ihrer geschlechtlichen Uneindeutigkeit ab, dass sie Menschen zwischen den Geschlechtern sind. Viele von ihnen fühlen sich daher auch als "drittes Geschlecht", manche fühlen sich beiden Geschlechern zugehörig, andere keinem. Operative Eingriffe in der Kindheit, die ihnen ein körperlich eindeutiges Geschlecht zuweisen sollten, empfinden sie im Nachhinein als grobe Körperverletzung.

TS definieren ihre Geschlechtszugehörigkeit dagegen nicht über den Körper, den sie von Geburt an haben, sondern sie sehen es im Kopf verankert und wollen ihren Körper, wenn sie denn den Weg der vollen Geschlechtsanpassung gehen, dem inneren Empfinden anpassen. Für sie gilt also das genaue Gegenteil wie für IS: Medizinische Eingriffe bringen ihnen eine Befreiung, während IS diese als Körperverletzung empfinden und oft traumatisch darunter leiden.

Das ist, so glaube ich, der wesentliche Grund, warum sich IS und TS so wenig zu sagen haben. Sie gehen diametral entgegengesetzte Wege.

Oder sehe ich das falsch? Es würde mich mal interessieren, ob IS unter uns sind und, wenn ja, ob sie mir zustimmen.

LG
Anne

Beate_R
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dabei seit: 03.02.2005

Liebe Anne,

nach meinem Empfinden hast Du die Situation mit wenigen Worten recht treffend wiedergegeben. Vielleicht noch als Ergänzung - aus eigenem Eindruck im Kontakt mit Betroffenen: ist es wirklich nur die Körperverletzung, sondern möglicherweise auch eine seelische Verletzung durch den vielfachen Vertrauensbruch durch die Mediziner, aber viel mehr noch durch die eigenen Eltern und Verwandten? Das ständige Gefühl, in der Gesellschaft als nicht existent angesehen zu sein?

Dann auf der anderen Seite Transsexuelle: ist es wirklich nur die Verankerung im Kopf? Ist da nicht der wie es manchmal den Anschein hat, oft genug dringliche Wunsch überraschend vieler Transsexueller nach einer körperlichen Ursache für dieses Anderssein? "Ich bin eine Frau mit Geburtsfehler."

Was den Graben eher noch tiefer machen dürfte. Allerdings frage ich mich, wie sich intersexuelle Menschen entscheiden würde, wenn man all dies von ihnen wegnehmen würde - keine Zwangszuweisungen, keine Traumatisierungen durch Operationen - aber natürlich sehr wohl die Belastung durch das Anderssein, die sich nur abfedern, aber nicht verhindern läßt. Welche Identität würde sich dann einstellen? Würde es dann Raum dafür geben, dass auch manche Intersexuelle aus eigenem Antrieb heraus medizinische Hilfe ersuchen würden, um körperlich dem empfundenen Geschlecht näher zu sein?

Viele liebe Grüße

Beate 

jasminchen
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dabei seit: 17.06.2007

AnneTG schrieb:
Ich wundere mich immer wieder, warum in den Transgender-Foren so wenig Intersexuelle präsent sind.

Hallo Anne,

Is halten sich für etwas Besseres, auch wenn sie teils genauso grottenschlecht vom Äußerlichen wie einige Ts dahergekommen. Sie haben eine körperliche Ursache, während TS laut F 64.0 und TSG nur Männer sind, die sich ihre Krankheit nur einbilden.

LG Cveta

PS: Neuere Forschungsergebnisse einer hirnorganischen Ursache bleiben dabei völlig außer Acht.

Jestem prawda, nie mam tajemnicy.

Extra Gottingam non est vita, et, si est, non est ita. Cogito ergo sum

Hrad přepevný jest Pan Bůh náš ….

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Prime_Directive

 

Nadine-Rose
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dabei seit: 16.04.2005

@all

Thema: Klage gegen den Chirurgen

dazu mal ein wenig zur Ergänzung des Artikels im Hamburger Abendblatt, so gelesen in der Kölner Rundschau und aus der Verlautbarung des LG in Köln.

Im laufenden Verfahren gegen den Chirurgen geht es nur im die Frage, ob der Chirurg ausreichend über die Folgen und Risiken einer/dieser OP aufgeklärt hat. Und wohl auch ganz wichtig zu wissen, daß der Kläger (damals mit 18 Jahren) sehr bewußt dieser OP zugestimmt hat, wohl wissend, daß er weibliche Geschlechtsmerkmale in sich trug. Ebensowenig berührt diese Klage den Umstand des unumkehrbaren Zustandes nach der OP. Nach Aussage des Klägers geht es ihm/ihr auch weniger um die Frage, ob er mit seiner Schadensersatzklage durchkommt, sondern um das Aufmerksammachen auf den Umstand, daß bei jeder Geburt teilweise sehr vereinfacht das Geschlecht des Kinders bestimmt wird. Entsprechend war auch die öffentliche Aufmerksamkeit im Gericht, samt zahlreicher Personen, die erkennbar als Zwitter da aufgetreten sind. Passend dazu auch die Frage des Richters: "Wie möchten Sie gerne angesprochen werden ? Als Mann oder als Frau ..." - Bitte gerne als Frau ...

Daneben stand eine interessante Kolumne eines Professors für Medizin, der genau dieses Thema aufgriff und dringend empfahl, die Entscheidung über das Geschlecht nicht den Krankenschwestern und Ärzten ohne Kontrollfunktion zu überlassen, sondern nach entsprechender genetischer Untersuchung zu dokumentieren und die daraus folgende Entscheidungsfindung bewußt nach hinten zu schieben. Aber auch hier kam die wohl sehr genau überlegte Aussage, daß das Wohl des Kindes über alle Entscheidungen zu stellen ist.

Nadine

Beate_R
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dabei seit: 03.02.2005

Hallo Nadine,

danke für die ergänzenden Zusatzinformationen. Eine kleine Anmerkung zu den vorgeschlagenen genetischen Untersuchungen: Intersexualität ist ein weit gefaßter Begriff, der mehrere ganz unterschiedliche Abweichungen vom körperlichen "Sollzustand" umfasst, und nicht alle Erscheinungsformen sind genetisch feststellbar - wie es auch bei der Klägerin der Fall war.

Viele liebe Grüße

Beate 

Tatjanna.S
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dabei seit: 25.11.2005

Hi Mädels,

jetzt gleich (22.45 Uhr) bei SAT1 Planetopia haben sie gesagt in der Vorschau soll genau das Thema kommen!

Liebe Grüße
Terry

La Rouge
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dabei seit: 20.02.2007

...jetzt gleich 22.45 in "Planetopia" Intersexuelle klagt...

schnell schauen, Sat 1

La Rouge

"Unsere Kräfte können wir abmessen, aber nicht unsere Kraft" Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph

La Rouge
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dabei seit: 20.02.2007

...hihihi,

"Unsere Kräfte können wir abmessen, aber nicht unsere Kraft" Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph

Tatjanna.S
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dabei seit: 25.11.2005

@La Rouge: Toll Du warst einen Tick schneller..... Wink

La Rouge
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dabei seit: 20.02.2007

...neee, Du warst erste da...

"Unsere Kräfte können wir abmessen, aber nicht unsere Kraft" Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph