Menschenrechte und Transidentität - Aktueller Report vom Europäischen Kommissar für Menschenrechte

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liliane
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Der Europäische Kommissar für Menschenrechte, Thomas Hammarberg, hat letzte Woche seinen Bericht "Human Rights and Gender Identity" veröffentlicht. Es ist eine längst überfällige Bestandsaufnahme der Situation in Europa, die in vielen Ländern noch ungleich schwieriger ist als hierzulande. Dabei wird das ganze Spektrum von Transgendern einbezogen und es werden die folgenden wichtigsten Themenkomlexe angesprochen:

- Geschlechtsidentität als Anlass für Diskriminierung,
- gesetzliche Anerkennung der bevorzugten Geschlechtsidentität,
- Zugang zum Gesundheitssystem,
- Zugang zum Arbeitsmarkt,
- Transphobie  und Gewalt gegen Transgender und
- Probleme von Transgender Flüchtlingen und Migranten.

Der Report schließt mit einer Liste von 12 Empfehlungen an die Staaten zur notwendigen Verbesserung der Menschenrechte von Transgendern. 

Keine leichte Lektüre und zudem in Englisch, aber sicher ein Bericht, auf den man sich noch lange beziehen wird.
Mehr unter: www.coe.int/t/commissioner

n/v
lizzz
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dabei seit: 23.07.2009

ein guter anfang aber leider so fern ab der gesellschaftlichen realität.

wenn ich bedenke, wie sehr (selbst) homophobie in den köpfen verankert ist. obwohl der kampf schon sehr langwierig und auch mehr oder minder erfolgreich verläuft. 

 

 

über die existenz und unterscheidung zu/von transgender wird ja leider kaum einmal nachgedacht.

schade schade...

trotzdem ist dies kein grund aufzugeben. 

ich freu mich über einen offiziellen sinneswandel, auch wenn er zumal nur auf dem papier steht.

 

ahoi,

lizzz

 

 

Johanna
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dabei seit: 15.05.2007

lizzz schrieb:

ein guter anfang aber leider so fern ab der gesellschaftlichen realität.

Was hat das miteinander zu tun? Hier soll nicht die aktuelle gesellschaftliche Realität beschrieben werden. Hier soll eine neue rechtliche und gesellschaftliche Realität geschaffen werden. Es geht nicht primär um eine Beschreibung der aktuellen Situation. Es geht darum, die Gesellschaft von morgen zu formen.

Zu verdanken haben wir das sicher der Homosexuellenbewegung, wo wir uns bei LGBT mit dem T hinten anhängen durften, auch wenn es bei uns nichts mit sexueller Orientierung zu tun hat (weshalb einige immer wieder meinen, sich davon abgrenzen zu müssen). Nur für uns Transgender wären so weitreichende Regelungen vermutlich nicht geschaffen worden.

Heute davon profitieren können definitiv diejenigen, die im Staatsdienst arbeiten. Aber auch sonst hat sich in der Gesellschaft in den letzten dreißig Jahren schon einiges zum Besseren gewandelt. Was nicht heißt, dass es noch um einiges besser werden dürfte.

 

lizzz
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dabei seit: 23.07.2009

hallo johanna,

ich sehe einen klaren zusammenhang zwischen der aktuellen gesellschaft und der von morgen. es ist ja ein stetiger wandel. deshalb bringe ich auch eine beschreibung heutiger zustände in eine direkte verbindung.

einer gesetzlichen grundlage würde ich auch keinesfalls absprechen.

ich sehe nur, dass in meiner lebensrealität, gesetze primär weniger bedeutend sind. ich lebe auf der strasse und nicht auf dem papier.

bis sich gesetze in einen zu lebenden, gesellschaftlichen umgang formiert, kann es in diesem fall noch einige zeit dauern. es kann auch nach einer welle der toleranz wiederum kippen. ich habe ein wenig das gefühl, dass es bezüglich der homophobie, momentan ein wenig so ist.

in meinem bekanntenkreis und umfeld haben sich übergriffe gegen homosexuelle eher gehäuft.

selbst als ein bekannter zur polizei gegangen ist um anzeige zu erstatten sagte selbst der polizist, dass von dieser sorte (homosexueller) in dem besagten stadtteil ja immer mehr wohnen würden. (unverschämt. gar illegal.)

ich will einzig und alleine sagen, dass der weg selbst von hier aus noch ein weiter ist.

womit sicher ein guter anfang geschafft ist, es auch gesetzlich zu forcieren, jedoch im realen leben, diskriminierung und sogar physische gewalt zur tagesordnung gehören.

ich finde es gut, was passiert, sicher haben wir ein gutes stück des weges schon geschafft und unsere realität wird hoffentlich im wandel der kommenden generationen weiter entzerrt.

ahoi,

lizzz

 

 

Johanna
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dabei seit: 15.05.2007

Zitat:
ich sehe nur, dass in meiner lebensrealität, gesetze primär weniger bedeutend sind. ich lebe auf der strasse und nicht auf dem papier.

Ja, sicher. Gesetze sind erst einmal nur Papier.

Aber dein Beitrag hat einen so negativen Grundton. Statt dich zu freuen, dass sich die rechtliche Lage bessern könnte, beklagst du, dass die Initiative nicht alle deine Probleme mit der Gesellschaft schlagartig behebt.

Außerdem ändern auch Gesetze die Gesellschaft. Denke z. B. an das Transsexuellengesetz vor dreißig Jahren. Bei allen seinen Fehlern, wenn es das nciht gegeben hätte mit den Möglichkeiten zur Namens- und Personenstandsänderung, wir hätten es heute viel schwerer, vor dem Recht und in der Gesellschaft.

Sicher reichen Gesetze alleine nicht aus, um die Gesellschaft weitgehend zu ändern. Aber sie sind auch ein Schritt (unter anderen), den wir in diesem Falle begrüßen sollten.

 

Kalen
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dabei seit: 07.02.2007

Jeder lebt in seiner Welt, die auf seinen eigenen Erfahrungen beruht.

Was aber nicht bedeutet das es überall so ist.

Egal, ob du denkst, du kannst etwas besonders gut oder gar nicht ... du wirst auf jeden Fall recht behalten. (Henry Ford)

Um die eigene Welt zu stützen werden auch nur Referenzerfahrungen herangezogen die das eigene Weltbild stützen.

 

Das Schreiben aus Straßburg ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Zeigt es doch irgendwie auch auf das unsere Gesellschaft so langsam erkennt das ein äußerlicher Mann ein vollkommen anderes Innenleben haben kann. Wer weiß vielleicht gehen in 30 Jahren Männer als Frauen zur Arbeit, Frauen die wie Männer gekleidet sind gibt es ja schon Wink

Ein interessanter Schritt der da als Vorschlag von der EU kommt.

Mal sehen wie es sich entwickelt.

Ob es sich entwickelt wird wohl auch stark an uns, sprich der "Szene", liegen.

Das die EU TS, TV, CD, sprich TG, in einem Atemzug benennt ist sehr interessant.

Ich hab das ganze mit einem Lächeln gelesen.

Ein kleiner Schritt ...

Oft schon konnte ein einzelner Mensch die Welt verändern oder beeinflußen.

 

Die Berichterstattung in den Medien scheint sich ja auch etwas zu unseren gunsten zu ändern.

 

 

 

 

Ich befinde mich auf einer Reise www.transseelische-reise.de . Two-Spirit ein alter Weg, der gerade wiederentdeckt wird.Welchen Weg wir auch wählen, es wird der eigene individuelle Weg sein, wenn er aus uns "selbst" kommt.

Kalen
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dabei seit: 07.02.2007

Sonya-Rose-OWL schrieb:

Jeder lebt in seiner Welt, die auf seinen eigenen Erfahrungen beruht.

Was aber nicht bedeutet das es überall so ist.

Egal, ob du denkst, du kannst etwas besonders gut oder gar nicht ... du wirst auf jeden Fall recht behalten. (Henry Ford)

Um die eigene Welt zu stützen werden auch nur Referenzerfahrungen herangezogen die das eigene Weltbild stützen.

Das gilt natürlich auch für mich Smile

Ich habe diese Negativerfahrungen mit der Schwulenszene bis jetzt nicht gemacht.

Muss aber auch gestehen ich bewege mich da sehr selten, bis gar nicht.

In meinem direkten Umfeld (Famile, Freunde, Kontakte beim en femme sein) und der Öffentlichkeit habe ich keine Angriffe oder Übergriffe erlebt.

Mal ein etwas prüfender Blick, extrem selten mal ein Spruch oder bemerkbares Getuschel.

Toi Toi Toi

Ich befinde mich auf einer Reise www.transseelische-reise.de . Two-Spirit ein alter Weg, der gerade wiederentdeckt wird.Welchen Weg wir auch wählen, es wird der eigene individuelle Weg sein, wenn er aus uns "selbst" kommt.

Jula
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dabei seit: 12.12.2004

Zustimmung in der Sache

aber Kritik an einem Einzelpunkt:

Sonya-Rose-OWL schrieb:
Ein interessanter Schritt der da als Vorschlag von der EU kommt...Das die EU TS, TV, CD, sprich TG, in einem Atemzug benennt ist sehr interessant.

Herr Hammarberg ist Menschenrechtskommissar, aber NICHT bei der EU! Er ist, wie man aus dem Link ersehen kann, beim EUROPARAT. Das mag verwirrend sein, aber der Europarat hat nichts mit der EU zu tun, außer dass beide Organisationen als MItgliedsländer Europäische Staaten haben. Beim Europarat übrigens 47!

Abgesehen davon: auch die Menschenrechtsagentur der EU, die neulich einen großen Bericht herausgebracht hat, teilt die gelobte Meinung und sieht Transgender als Oberbegriff über alle Formen von Transidentität und sieht nicht nur die Transsexuellen (wie tendenziell das deutsche Antidiskriminierungsrecht).

 

Und ansonsten stimme ich Sonja zu! Solche Berichte sind gut und wichtig!

 

NIVEAU ist keine Handcreme! Julas Homepagehttp://www.julaonline.de/

AnneTG
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dabei seit: 18.01.2005

In dem Bericht des Menschenrechtskommissars beim Europarat, Hammarberg, wird auf die Yogyakarta-Prinzipien Bezug genommen. Dazu habe ich weiter recherchiert mit folgendem höchst interessanten Ergebnis:

Die Yogyakarta-Prinzipien wurden auf einer Konferenz vom 6. bis 9. November 2006 in der indonesischen Stadt Yogyakarta von einer Gruppe von 29 Experten für Menschenrechtsfragen aus allen Kontinenten beschlossen, darunter als prominenteste Mary Robinson, ehemalige Hohe Beauftragte der UN für Menschenrechte und vormalige Staatspräsidenten Irlands, aber auch z.B. Stephen Whittle, ein Trans-Mann und Professor an der Manchester Metropolitan University.

Aufgabe dieser Gruppe war es, einen globalen Standard zur Anwendung von internationalen Menschenrechten in Bezug auf sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität zu entwickeln. Während diese in der Schwulen- und Lesbenszene intensiv diskutiert werden, ist an uns offenbar weitgehend vorbei gegangen, dass die Yogyakarta-Prinzipien auch grundlegende Vorschläge zu den Menschenrechten für transidentische Menschen entwickeln. Zwar haben sie noch keine offizielle Anerkennung durch UN- oder sonstige internationale Organisationen erfahren, aber mehr und mehr beziehen sich nationale Regierungen und internationale Organisationen argumentativ auf sie, wenn sie Rechtsinitiativen zur Verbesserung der Situation von Menschen mit abweichender sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität vorschlagen, so auch der Menschrechtkommissar des Europarates.

Die für Transgender entscheidende Aussage der Yogyakarta-Prinzipien lautet in Ziffer 3  ("Das Recht auf Anerkennung vor dem Gesetz"):

"Die selbstbestimmte sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität jedes Menschen ist fester Bestandteil seiner Persönlichkeit und eines der grundlegenden Elemente von Selbstbestimmung, Würde und Freiheit. Niemand darf als Voraussetzung für die rechtliche Anerkennung seiner geschlechtlichen Identität gezwungen werden, sich medizinischen Behandlungen zu unterziehen, darunter operativen Geschlechtsanpassungen (sex reassignment surgery), Sterilisationen oder Hormonbehandlungen. Kein rechtlicher Stand, wie beispielsweise die Ehe oder die Elternschaft, darf als Grund angeführt werden, um die rechtliche Anerkennung der geschlechtlichen Identität eines Menschen zu verhindern. Es darf auf keinen Menschen Druck ausgeübt werden, seine sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität zu verbergen, zu unterdrücken oder zu verleugnen."

Dies überschreitet den politischen und rechtlichen Mainstream in den meisten Ländern der Welt, Deutschland eingeschlossen. Denn die Aussage "Niemand darf als Voraussetzung für die rechtliche Anerkennung seiner geschlechtlichen Identität gezwungen werden, sich medizinischen Behandlungen zu unterziehen" verbietet, wenn sie denn förmliches Recht werden sollte, den gesetzlichen Zwang zu medizinischen Eingriffen als Voraussetzung für die Anerkennung eines Menschen in dem von ihm empfundenen Geschlecht und erklärt diesen als Verstoß gegen die Menschenrechte der Betroffenen. Auch das deutsche TSG widerspricht diesen Vorgaben. Dies bedeutet, dass die geschlechtliche Identität eines Menschen unabhängig von (und ohne) medizinische Eingriffe seinem Empfinden entsprechend selbstbestimmt gewählt werden darf.

Wer dies zur Utopie erklärt, für den ist die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundesregierung zur Bewertung und Einschätzung der Yogyakarta-Prinzipien vom 27.12.2007 (Bundestags- Drucksache 16/7454) sicher interessant. Darin erklärt diese: "Die Bundesregierung, die auf internationaler Ebene seit Jahren konsequent gegen Diskriminierung sexueller Minderheiten eintritt, betrachtet die Yogyakarta-Prinzipien als einen wichtigen Beitrag der Zivilgesellschaft, der geeignet ist, die Debatte zum Thema Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität zu versachlichen."

Auch wenn dies noch keine förmliche Anerkennung der Yogyakarta-Prinzipien bedeutet, so würdigt sie diese doch in erstaunlich klaren Worten. Es dürfte der Bundesregierung schwer fallen, einer Initiative des Europarats zu ihrer verbindlichen Vorgabe für seine Mitgliedstaaten, wie sie ihr Menschenrechtskommissar anstrebt, zu widersprechen. Sollte diese Initiative Erfolg haben, könnte sie, z.B. über Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dessen Urteile in Deutschland verbindliches Recht sind, auch in deutsches Recht einfließen.

Ich hoffe, damit ein wenig mehr zur Aufklärung beigetragen und der einen oder anderen von uns Hoffnung gemacht zu haben. Liliane sei noch einmal herzlich für ihren Hinweis auf die Hammarberg-Stellungnahme gedankt.

Anne

Chantal-TS EX
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Ehemaliges Mitgllied
dabei seit: 22.08.2010

liliane schrieb:
- Geschlechtsidentität als Anlass für Diskriminierung,..

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich wollte mich vor einem halben Jahr in einem Fitnisscenter für Frauen anmelden, und die haben mich abgelehnt. Das finde ich unglaublich!