Transvestit erstochen: Jugendlicher gesteht Todesstich

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Johanna
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Jula schrieb:
Johanna schrieb:
Ich würde auch sagen, dass das Opfer sehr wohl eine Mitschuld an dem Geschehen hat. Insofern wird das wohl auf eine Affekthandlung oder Notwehr draus hinauf laufen.

Shock
Eine heftige Aussage und eine gewagte Prognose.
Woher hast du denn diese Erkenntnisse?
Hast du Zugang zu den Akten oder sind das einfach Vorurteile gegenüber transidenten Menschen?
Woher ich meine Erkenntnisse habe? Aus dem Zeitungsartikel vom Juni:

Zitat:
hatte sich das spätere Opfer als Frau verkleidet und den 16-jährigen mutmaßlichen Täter „animiert“. Der betrunkene Jugendliche gewann den Eindruck, dass es sich um eine Frau handelte, und begleitete den 30-Jährigen in dessen Wohnung.

Während des Austausches von Zärtlichkeiten hatte der Jugendliche dann aber erkannt, dass es sich bei dem Gegenüber um einen Mann handelt. Der 16-Jährige wurde wütend und besorgte sich ein Küchenmesser aus der Wohnung des Mannes. Als der Jugendliche die Wohnung verlassen und der 30-Jährige dies verhindern wollte, stach der Jugendliche einmal auf ihn ein.
Auf Seiten des Transvestiten sehe ich hier zwei erhebliche Fehler:
1) Er hat den Jugendlichen animiert, in sein Haus zu kommen und Zärtlichkeiten auszutauschen, obwohl er wusste, dass dem Jugendlichen seine wahre Natur nicht bekannt war und er sie entdecken könnte, und
2) Er hat den Jugendlichen am Verlassen der Wohnung gehindert.
Beide Handlungen haben eindeutig mit zur Eskalation beigetragen.
Gut, eine Aussage des Toten liegt nicht vor, und ich will das Verhalten des Jugendlichen nicht reinwaschen. Aber die Umstände der Tat (Jugendlicher vom Opfer abgeschleppt, Jugendlicher gesteht nach der Tat sofort) sprechen doch gegen einen geplanten Mord.

Roxanne
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dabei seit: 03.01.2006

Johanna schrieb:
Auf Seiten des Transvestiten sehe ich hier zwei erhebliche Fehler:
1) Er hat den Jugendlichen animiert, in sein Haus zu kommen und Zärtlichkeiten auszutauschen, obwohl er wusste, dass dem Jugendlichen seine wahre Natur nicht bekannt war und er sie entdecken könnte, und
2) Er hat den Jugendlichen am Verlassen der Wohnung gehindert.
Beide Handlungen haben eindeutig mit zur Eskalation beigetragen.
Gut, eine Aussage des Toten liegt nicht vor, und ich will das Verhalten des Jugendlichen nicht reinwaschen. Aber die Umstände der Tat (Jugendlicher vom Opfer abgeschleppt, Jugendlicher gesteht nach der Tat sofort) sprechen doch gegen einen geplanten Mord.

Irgendwie und irgendwo hatten wir ja zu diesem Fall wirklich alles schon einmal gesagt... :roll:

1) Was genau geschah, ist nicht mehr festzustellen, weil nur eine Aussage vorliegt.
2) Es ist keine akzeptable Reaktion jemanden zu erstechen, wenn man sich vom Partner getäuscht fühlt oder festgehalten wird.

Schließlich bringt der junge Mann auch nicht die Disco-Bekanntschaft um, wenn die den gepolsterten BH auszieht, sich abschminkt und die stahlblauen Kontaktlinsen rausnimmt. Thinking

Natürlichkeit ist langweilig    

Johanna
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Die Frage ist, was in dem Moment geschah, als der Jugendliche die Wohnung verlassen wollte:
- hat der Jugendliche womöglich panische Angst um sein eigenes Leben gehabt und in Notwehr zugestochen, oder
- ist der Jugendliche zwar am Verlassen der Wohnung behindert worden, hat aber mehr aus seinem Ärger, zu schwulen Zärtlichkeiten verleitet worden zu sein, zugestochen, oder
- ist die Geschichte, am Verlassen der Wohnung gehindert worden zu sein, vom Jugendlichen erfunden worden?

Es wird die Aufgabe des Gerichtes (bzw. der Ermittlungsbehörden) sein, dies herauszufinden.

Da hakt dein Beispiel von der Dame mit Polster-BH:
- Sie behindert niemanden am Verlassen der Wohnung
- Sie ist trotz allem Frau, daher weniger bedrohlich als ein Mann (der hat mehr Muskeln)
- Sie hat niemanden zu schwulen Zärtlichkeiten verleitet.
Gerade der letzte Punkt macht einen großen Unterschied, insbesondere wenn der Jugendliche noch in der Pubertät ist und damit womöglich nicht klar kommt.

Und gerade da hat sich der Transvestit sehr dumm verhalten. Was nicht bedeutet, dass der Jugendliche nicht auch eine große Dummheit gemacht hat.

Roxanne
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dabei seit: 03.01.2006

Johanna schrieb:
Sie hat niemanden zu schwulen Zärtlichkeiten verleitet.
Gerade der letzte Punkt macht einen großen Unterschied, insbesondere wenn der Jugendliche noch in der Pubertät ist und damit womöglich nicht klar kommt.

Ich weiß natürlich, was du meinst. Aber selbst wenn man das erstmal als gegeben annimmt, also daß eine Verführung zur homosexuellen "Unzucht" schlimmer ist, als zum heterosexuellen Sex (wobei mir da die Nackenhaare hochgehen), selbst dann ist es keine angemessene Gegenreaktion, im Sinne einer Abwehrmaßnahme, die Person zu erstechen. Das ist völlig indiskutabel und wäre mir als Richterin so wichtig, wie die damalige Wetterlage.

Natürlichkeit ist langweilig    

Roxanne
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Bei allen Abwehr- und Notwehrmaßnahmen geht es um die Verhältnismäßigkeit der Mittel und auch um den abgewehrten Schaden.

Das wird immer geprüft. Wenn ein Kampfsportler von einem Jugendlichen beraubt wird und es um 20 Euro Bargeld geht, darf der Kampfsportler den Jungen auch nicht krankenhausreif schlagen, sondern nur die Mittel anwenden, die erforderlich sind um den Angriff abzuwehren (wegschubsen, einen einzelnen Schlag etc..) Wenn ich mit meiner Waffe auf dem Schießstand von jemanden mit einem Messer überfallen werden sollte (wenn sich so ein Blödmann findet), dann darf ich ihn auch nicht erschiessen - ein Schuß ins Bein geht aber angeblich in Ordnung :mrgreen:

Natürlichkeit ist langweilig    

jasminchen
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dabei seit: 17.06.2007

Johanna schrieb:
[Auf Seiten des Transvestiten sehe ich hier zwei erhebliche Fehler:
1) Er hat den Jugendlichen animiert, in sein Haus zu kommen und Zärtlichkeiten auszutauschen, obwohl er wusste, dass dem Jugendlichen seine wahre Natur nicht bekannt war und er sie entdecken könnte, und

Hallo Johanna,

das kann ich nicht wirklich glauben, dass der Jugendliche vorher nichts gemerkt hat, wenn er nicht unter Drogen oder Alkohol stand.

LG Jasminchen

Jestem prawda, nie mam tajemnicy.

Extra Gottingam non est vita, et, si est, non est ita. Cogito ergo sum

Hrad přepevný jest Pan Bůh náš ….

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Prime_Directive

 

Triona
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Eine gute Frage, die an diesem Fall zwar ansetzt, aber weit über diesen hinausragt - um das Thema mal ein wenig zu verallgemeinern.
Schließlich kann jede von uns irgendwann einmal - ohne erhebliches Selbstverschulden - in eine Bedrohungslage geraten.

Was ist verhältnismäßige + damit erlaubte Notwehr?
Und was ist unverhältnismäßige, überzogene oder gar nur vermeintliche Notwehr + somit illegal oder zumindest fahrlässig?

Würde z.B. die Furcht oder Abneigung vor einer homosexuellen Verführung bei einem heterosexuellen Mann - evtl noch verschärft durch dessen jugendliches Alter (+ ggf pubertäre Entwicklungsprobleme noch zugestanden) die vermeintliche Notwehrsituation in die Nähe einer panischen Affekthandlung rücken.

Das liegt auf der Linie, mit der seinerzeit §175 StGB öfters begründet worden ist + würde T* in diesem Fall auch gleich auf diese Schiene setzen.

Nebengesichtspunkt: billigende Inkaufnahme von vlt überzogenen oder auch nicht immer unmittelbar abzusehenden Folgen (z.B. ein durch eine Notwehrmaßnahme verletzter Angreifer ist starker Bluter) einer Notwehr für den Angreifer. Z.B. Tod oder Schwerstbehinderung infolge zu heftigem Schlag mit Schlagring, Gegenstand oder auch gezieltem Karateschlag, dessen mögliche Wirkungen jemand kennt bzw. kennen muß, der ihn anwendet.

Das ist eine Frage, die mich schon seit Jahrzehnten aufs Heftigste bewegt + zu deren Beantwortung ich mir schon des Öfteren ausführlichste mögliche Szenarien durch den Kopf gehen lassen habe.
Wie ich auch mangels einer schlüssigen Beantwortung dieser Frage in wachsendem Maße Augenmerk auf das Erlernen von Deeskalationsstrategien lege, und deren praktische Anwendung in ständigen Szenarien einzuüben, so daß ich sie im wirklichen Notfall auch spontan möglichst sicher einsetzen könnte.
Was mich allerdings nicht davon abhält, gewisse Orte zu gewissen Zeiten nur mit angemessener + verhältnismäßiger Bewaffnung aufzusuchen, falls sich dies nicht vermeiden läßt.

Liebe Grüße
Triona

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

sinn féin - ça ira !

Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.

Johanna
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dabei seit: 15.05.2007

@Roxanne

Zitat:
Aber selbst wenn man das erstmal als gegeben annimmt, also daß eine Verführung zur homosexuellen "Unzucht" schlimmer ist, als zum heterosexuellen Sex (wobei mir da die Nackenhaare hochgehen), selbst dann ist es keine angemessene Gegenreaktion, im Sinne einer Abwehrmaßnahme, die Person zu erstechen.

Ich habe auch nicht gesagt, dass dies eine angemessene Gegenreaktion sei. Wäre es die Reaktion nur darauf, wäre es trotzdem Totschlag, im günstigsten Falle Totschlag als Affekthandlung. Hier kommt aber noch hinzu, dass der Jugendliche am Verlassen der Wohnung behindert wurde. Diese Situation können wir aber eigentlich nicht bewerten, da wir nicht wissen, ob der Jugendliche in eine aus seiner Sicht lebensbedrohliche Situation geraten ist oder ob er die Situation auch anders hätte lösen können. Nicht zu vergessen, der Jugendliche war erst 16.

Was den Vergleich von homo- und heterosexuellen Handlungen (Sex war wohl nicht nicht im Spiel) betrifft: Der Jugendliche war der Meinung, eine Frau vor sich zu haben und ist insofern gegen seinen Willen zu der homosexuellen Handlung geführt worden. Und bei aller gesellschaftlichen Toleranz, so weit sind wir noch nicht, dass nicht auf Seiten des Jugendlichen Aspekte von Scham und Schande mit ins Spiel kommen. (Was natürlich alleine noch kein Grund ist, mit dem Messer zuzustechen.)

@Jasminchen
Der Jugendliche stand unter Alkoholeinfluss. Das ist im Zeitungsartikel erwähnt worden.

Johanna
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dabei seit: 15.05.2007

@Triona

Zitat:
Würde z.B. die Furcht oder Abneigung vor einer homosexuellen Verführung ...die vermeintliche Notwehrsituation in die Nähe einer panischen Affekthandlung rücken.

Die Notwehrsituation (sofern denn eine solche bestanden hat) bestand nicht in der Abneigung gegen die homosexuelle Verführung, sondern darin,dass er am Verlassen der Wohnung gehindert wurde.

jasminchen
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Johanna schrieb:
Und bei aller gesellschaftlichen Toleranz, so weit sind wir noch nicht, dass nicht auf Seiten des Jugendlichen Aspekte von Scham und Schande mit ins Spiel kommen. (Was natürlich alleine noch kein Grund ist, mit dem Messer zuzustechen.)

Und da können wir die geistigen Brandstifter in der Parallelgesellschaft des Täters suchen, wo Hasspredigten gegen homosexuelle zum guten Ton gehören.

Jestem prawda, nie mam tajemnicy.

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