La France Par Internet

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Ayna
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dabei seit: 20.12.2011

La France Par Internet

Ein kleiner Reiseführer für moderne und aufgeschlossene Transsexuelle,

oder solche, die es werden wollen

 

Ayna

 

Prolog:

Samstags morgens nach einem guten Frühstück, Ei, Pumpernickel mit Zimbo Salami, ein letzter deutscher Kaffee fahren wir gemütlich los. Erstes Ziel: Le Havre. Das klingt schon ziemlich französisch und macht richtig Lust für Frankophile dieses Land endlich mal aus einer modernen und zeitgemäßen Perspektive für sich entdecken zu können.

 

 

Première étape

Wir kommen an. (Nous arrivons).

Ein Rasthof für LKW und Reisebusse mit Accesspoint.  Zwischen den Schornsteinen der dort ansässigen chemischen Industrie kann man in der untergehenden Sonne einen herrlichen Blick auf die Seinemündung erhaschen, wenn nicht gerade ein Sattelschlepper davorsteht. Aber bei dem dort regen Verkehr sollte sich dieser unvergeßliche Ausblick einen Augenblick lang erschließen. Augenblicke, die man nie vergißt. Die Seine, Paris, Le Mer, die Reiselust steigt. Zwischendurch spielen wir stundenlang das französische National-Spiel Solitair auf dem Tablet-Computer. Hie und da zerkratzen wir dabei mit den Fingernägeln die Oberfläche. Gebrauchsspuren halt. Kann man für e-bay weg retouchieren. Aber schweifen wir nicht ab! Wir sind auf der Reise!

Am Abend dann das erste Diner auf französischem Boden! Quelle chance! Reste der Pumpernickelbrote vom Morgen, eine Flasche Sekt , auf dem Hinweg noch schnell bei Aldi erstanden, (dient auch der langsamen Kostumstellung auf die französische Küche) runden den ersten Reisetag ab. Aus dem Autoradio schallen französische Chansons, die man manchmal sogar hören kann, denn die ohne Unterlaß ankommenden und abfahrenden Sattelschlepper geben einem so richtig das Gefühl   (la sentiment ) endlich auf der Reise zu sein.

Wir planen in den nächsten Tagen einen kulinarischen, typisch französischen  Leckerbissen (délicatesse ) ein, eigentlich ein Schluck Meerwasser aus umweltfreundlicher Verpackung, Austern (Huîtres ) genannt. Um den Magen nicht gleich zu überfordern kaufen wir uns am Parkplatzkiosk (Kiosque de stationnement ) eine kleine Tüte französische Erdnüsse. So gestärkt lauschen wir in der Nacht dem Dröhnen der LKW- Motoren und freuen uns auf die nächsten Tage. Sollte frau nachts unerwarteterweise doch einmal hinaus müssen ( zwei Flaschen Sekt suchen irgendwann wieder das Weite ), keine Angst. Durch die in ausreichender Zahl aufgestellten Quecksilberdampflampen ist der Platz taghell in gelb gut ausgeleuchtet. (passende Kleidung und hochhackige Schuhe mitnehmen! In Frankreich Pflicht für Frau) Frau wird  immer vor eventuellen Übergriffen durch französische LKW-Fahrer (camionneur ) dadurch geschützt, da mindestens ein, meistens mehrere Augenpaare jeden unserer Schritte interessiert verfolgen.

 

Der 1. Tag in Frankreich (la France).

 Die Sonne geht auf ! Le soleil se lève ! Erst so gegen 10 Uhr, wenn wir schon wach sind. Nicht wegen der Zeitverschiebung, sondern weil davor die großen Lagerhallen ortsansässiger Speditionen stehen. Nach einem  typischen französischen Reisefrühstück (Petit-déjeuner de voyage ), ein hart gekochtes Ei, Pumpernickel mit Zimbosalami, einem Coffee to go (Take-away café ) aus dem Kiosk ist der Tag voll von Dingen, die es zu entdecken gibt. Anmerkung : sollte frau ihr Fahrzeug verlassen, genießen Sie unbedingt die französische Luft ! (de l'air française )

Wir besuchen zunächst den im Netz gestreamten Gottesdienst in der Kathedrale von Le Havre auf dem iPad.  Danach ein virtueller Rundgang durch die Kirche Saint Joseph.  Die das Stadtbild beherrschende Kirche Saint  Joseph wurde nach Perrets Plänen zwischen 1951 und 1956 aus Beton errichtet, und im Folgejahr eingeweiht. Die Kirche gilt als Meisterwerk des Architekten.

Unbedingt anschauen sollte man sich die zahlreichen 360° Rundumsichten in dem neu aufgebauten historischen Zentrum. Fast wie eine fremde Welt. Auch lohnt sich ein Besuch der „Pont de Normandie“, einer großen Schrägseilbrücke über die Seine            ( ohlala, die Seine! ), wenn man sie  vom Parkplatz aus nicht sowieso sieht. Wenn man noch Zeit hat, ist auch das Werk des Automobilherstellers Renault (französische Autos), einen Ausflug wert. Wahlweise oder bei  Zeitmangel sollte frau aber mindestens im Web danach suchen. Was wäre ein Frankreichurlaub ohne diese Voiture  françaises ?

Wenn  noch Guthaben vorhanden ist , streamt frau am abend einen guten französischen Spielfilm auf das iPad mit Charles Aznavour. Dazu eine lösliche französische Zwiebelsuppe von Knorr und Pumpernickel mit Zimbosalami, wenn frau noch etwas hat, machen den ersten Urlaubstag perfekt und man hat Lust auf Mittelmeer. Dorthin wollen wir am nächsten Tag fahren. Kostenloses W-Lan bei McDonalds in Marseille. Schnell die Adresse gesucht, das Navi gefüttert und dann Gute Nacht (bonne nuit ). Damit wir am nächsten Tag ausgeruht die Fahrt durch Frankreich genießen können, die obligatorischen drei Flaschen Sekt nicht vergessen ! (champagne obligatoire ).  Die Nationalstraßen in Frankreich sind alle in hervorragendem Zustand! Wer daher ein gutes Navi hat, braucht noch nicht einmal die Jalousien des Wohnmobils hochzukurbeln. Vor der Abreise nicht vergessen : ein paar schöne Fotos aus Le Havre downloaden ! Marseille, wir kommen (nous obtenons) !

 

Deuxième étape

Von Le Havre nach Marseille

Um halb fünf werden wir von einem freundlichen  camionneur durch sein lautes Hupen geweckt, und daran erinnert, daß wir voller Reiselust heute nach Marseille fahren wollen. Etwas benommen nehmen wir  das petit-déjeuner de voyage ein. Heute mal ohne Pumpernickel (mittlerweile ungenießbar, schade!).  Wenn wir ein wirklich gutes Navi haben, schaffen wir die immense Strecke  (einmal quer durch La France) in etwas mehr als drei Stunden. Wir fahren natürlich mit dem neuesten Kartenmaterial, welches sämtliche Abkürzungen Frankreichs einprogrammiert hat mit heruntergelassenen Jalousien sicher über die Autobahn. Wir sind in einem fremden Land , und wollen nicht als Frau « verkleidet »  gesehen werden! (Oder doch?)  Was sollen die Leute (personnes) sagen?  Für die Tour in die Sonne (soleil) ziehen wir das weißgepunktete, gelbe Kleid an und setzen uns einen schicken Strohhut auf. Dazu dicke Armreifen in Regenbogenfarben.  Mitsingen der französischen Chansons im Autoradio in schönster Stimmlage obligatorisch. Die durch das Milchglas des Dachfensters scheinende Sonne läßt unser Herz höher klopfen und erzeugt schon mediterrane Stimmung. Immer nur auf das Navi starrend ist es doch schon etwas anstrengend und wir gönnen uns zur Abwechslung auf dem Pariser Autobahnring (Périphérique) einmal die Jalousie etwas hoch zu kurbeln, um einen Blick auf den Eiffelturm ( wir sind wirklich da!) genießen zu können. Bei Fontainebleau gibt es eine Tankstelle mit Bedienung, Google sei Dank,( wir müssen nicht aussteigen !) der wir das Geld durch die nur wenig geöffneteTür mit einem kurzen : « Merci beaucoup ! »  ( Vielen Dank !) anreichen. Die Nahrung wird französisch  (Kostumstellung): wir backen uns auf dem Parkplatz ein Aufbackbaguette  (langes Brötchen) von Lidl auf. Bei Magenproblemen sollte man aber lieber wieder auf den Pumpernickel zurückgreifen, da frau dann wenigstens weiß, wovon frau Durchfall bekommt. Wir stellen fest : Fontainebleau klingt noch französischer als Le Havre, ist aber leichter auszusprechen. Mit ein bißchen Phantasie sind wir die junge französische und elegante Frau (Neid !), die wir immer sein wollten. Schnell noch unerkannt mit Hilfe der POIs (Points Of Interest) das Altglas entsorgt und auf zur letzten Etappe.

Plötzlich sind wir da. Es ist schon Mittag (midi). Das Navi hat gelogen. Muß etwas mit der Relativitätstheorie zu tun haben. Hab ich keine Ahnung von, Hauptsache funktioniert! EgaL .  N'importe. Wir sind da ! Man kann zwischen dem MacBurgergeruch das Mittelmeer riechen ! W-Lan gratuit ! Dann goolglen wir zunächst eimal Marseille und Transsexualität (transsexualité). Dabei erfahren wir etwas über den berühmten Fußballspieler Andree Surcouf, der, nachdem man ihn Nachts in Frauenkleidern in Marseillaiser Bars gesehen hatte (sein Vollbart hat ihn verraten) immerhin noch einen Job bei den zum Verein gehörenden Cheerleadern bekommen hat. Schau mal an, die Franzosen sind in Sachen Liebe (l'amour ) doch  toleranter, als frau sich erhofft hat!

Marseille war schon in der Antike ein bedeutender Handelsplatz und blickt so auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte zurück!

Das Musée des Beaux-Arts mit seinen Malereien aus dem 18. und 19. Jahrhundert und das Musée d’Histoire Naturelle mit seinen zoologischen und geologischen Ausstellungen befindet sich in den Seitenflügeln des Palais Longchamp (siehe Bauwerke). Das Musée d’Archéologie Méditerrannéenne und Musée d’arts Africains, Océaniens et Amérindiens befinden sich in der Vieille Charité, dem ehemaligen Krankenhaus der Armen. Die bildende Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist mit einer beachtenswerten Sammlung im Musée Cantini vertreten, gelegen im bürgerlichen 6. Arrondissement, wo auch die Präfektur ihren Sitz hat. Auch finden dort kontinuierlich Wechselausstellungen zur zeitgenössischen Kunst statt. Im 1852 bis 1860 am unteren Teil der Canebière, nahe dem Alten Hafen von Pascal Coste erbauten Palais de la Bourse (Börse) befindet sich heute das Musée de la Marine et de l’Economie de Marseille, eine kommunale Institution zur Förderung der Wirtschaft. Dort finden auch Ausstellungen zu Handel, Wirtschaft und Verkehr statt.

Zum Glück für uns können wir alles virtuell mit dem iPad besuchen.  Genug Kultur, es reicht ! Etwas störend empfinden wir doch die bei  jedem Klick (cliquez) die eingeblendeten Werbungen mit Menueangeboten von McD.

Das verlängert den Stadtrundgang doch erheblich und erzeugt bei uns, es ist mittlerweile abend (soir), ein gewisses Hungergefühl. Wir bestellen uns Online einen typisch französischen BigMac, der bereits nach drei Minuten geliefert wird (McD. ist ca. dreißig Meter entfernt ). So lernen wir den sehr netten Parkplatzwächter kennen, der auf dem Platz die Tüten ausliefert, und sich so etwas dazu verdient. Außerdem spricht er passabel deutsch, so daß wir ein wenig ins Plaudern geraten. So erfahren wir : Er war früher Erzbischof von Straßburg, der gütige Mann, bis er von Bischofskollegen im Internet auf einschlägigen Seiten dabei gesehen wurde, wie er sich mit sogenannten « Shemale » den Nachmittag (après-midi ) vertrieb. Als Parkplatzwärter ist er viel näher am Menschen, als als Erzbischof ! Jezz verstehen wir, warum er so nett zu uns ist. Zum Glück bleibt es beim Plaudern. Kann es ein schöneres Willkommen (accueil) geben ?

Bei dem mit Heißhunger verschlungenen, erstem, richtigen französischen Essen schauen wir uns auf GoogleEarth noch einmal an, wo wir eigentlich heute genau hergefahren sind. Schade, wir hätten ein paar Fotos downloaden sollen. Bis auf die, die ganze Nacht hindurch durch den McDrive fahrenden Voiture, ist  es wunderbar still !

                                                              Ein neuer Tag beginnt ! Une nouvelle journée commence !

Heute gehen wir an den Strand, entspannen und erholen. Dazu bieten sich diverse Webcams an, aber nach langer Suche, unterbrochen durch Werbung für französische Cheeseburger, beschließen wir doch lieber Solitaire zu spielen. Der Strand ist brechend voll. Nebenbei entgehen wir so auch einem Sonnenbrand. Frau weiß, wie schädlich dieser sein kann und was für häßliche Blasen auf dem Nasenrücken entstehen können. Wir stellen fest, daß sich der Wassertank leert. Der Durchfall und das ewige Händewaschen (Zwangsneurose ?) hat den Verbrauch wohl etwas sehr strapaziert. Wir brauchen frisches Wasser !

Nächste Etappe : Lourdes !

Schafft das WoMo das noch ? Irgendwas klappert hinten und vorne ist immer so ein Schrieken zu vernehmen. Haben wir die ADAC – App auf dem Pad ? Gott sei Dank ! Wir wüßten sonst nicht mehr, was wir tuen sollten ! Statt Wasser trinken wir Sekt ! Morgen Lourdes, so Gott will !

 

 

Troisième et dernière étape

Von Marseille über Lourdes zur Ile d‘Oleron

Zum Frühstück gibt es original südfranzösisches McBreakfast, welches der freundliche Parkplatzwärter liefert.  Er möchte uns beim Essen Gesellschaft leisten, wovon wir eingedenk der Filme, in denen er mitgewirkt hat, lieber Abstand nehmen. Langsam wagen wir uns etwas zu öffnen. Wir wollen mit offenen Jalousien nach Lourdes fahren, richtig Frau sein! Da sich die Heizung nicht mehr abstellen läßt, kann man dadurch wenigstens auch die Fenster öffnen. Die Klimaanlage geht seit Le Havre nicht mehr. Wir staunen über die tolle fremdartige Landschaft, die uns jetzt ihre Reize präsentieren kann. Die Nationalstraßen (vierspurig) sind teilweise mitten durch die Dörfer gebaut worden, wodurch wir  direkt die Franzosen und Französinnen  bei ihrem Alltagsleben beobachten können. Hie und da halten wir an um ein paar Fotos downzuloaden für unser Urlaubsalbum. Und uns im Freien in der Sonne etwas abzukühlen. Nimes, Montpellier, Narbonne, Carcassonne, Toulouse lassen wir rechts beziehungsweise links liegen. Ohne Zweifel auch schöne Städte, vom französischen Klang her auf jeden Fall, aber einigermaßen besorgt hören wir, wie das Schrieken im Motorraum zum quietschenden Schraaken wird. Hoffentlich geht nichts kaputt. Der Treibstoff wird bis Lourdes reichen, das Wasser ( l’eau) nicht mehr. Egal, dort gibt es ja genug, wir haben uns im Internet informiert! Das war das Letzte, was das Pad hergab. Der Akku ist leer und das Ladeteil kaputt.

 Das Klappern hinten wird zum Dröhnen. Einigermaßen verwundert nehmen wir zur Kenntnis, daß das Wohnmobil nicht mehr schneller fährt als siebzig Kilometer in der Stunde , egal wie fest wir auf das Gaspedal treten. (Oder ist der Tacho kaputt?) Diese Sorgen lassen unser Reisefieber sinken. Aber wir wollen unbedingt noch auf der Ile d‘Oleron (eine Insel  im Atlantik) Austern trinken! Es wird schon dunkel, der Himmel ist wolkenverhangen, Nebelschwaden liegen über der bergigen Landschaft als wir endlich das erlösende Ortschild lesen: Lourdes. Gott sei Dank! Wir habens geschafft!

Diese Stadt macht auf uns einen ziemlich religiösen Eindruck. Überall Plakate und Statuen der Mutter Gottes. Wenigsten geht das Navi noch, aber außer Altglascontainern haben wir keine POIs runtergeladen. Jezz ist es zu spät. Fast schon zu spät zum Wasser tanken. Langsam rollen wir in eine parkähnliche mit l’eau (Wasser). Um uns für die Gastfreundschaft zu bedanken kaufen wir eines für sage und schreibe zehn Euro! Mein Gott; ist das Wasser teuer hier! Der Einkauf ist wider Erwarten überhaupt kein Problem trotz Wir als Frau! Wer hätte das gedacht! Die Französin hat aber auch nur auf den Zehn-Euro-Schein geguckt, und uns gar nicht weiter beachtet. Und außer zweimal französisch Grunzen nichts gesagt. Egal das macht Mut auf mehr, ist doch gar nicht so schwer! Der Kiosk schließt, und weit und breit ist niemand mehr zu sehen. Nachdem wir uns zur Genüge selbst über unseren Mut bewundert haben, rollen wir langsam weiter. Der Motor macht unerträglichen Lärm, hoffentlich macht er nicht schlapp! Zwar Wohn, aber kein Mobil, ein iPad - kein ADAC. Nicht auszudenken!

Dann kommen wir vor einer kleinen Grotte zum Stehen. Von einer Parklampe mit sanftem Neonlicht beleuchtet. Dort ist so etwas wie ein kleiner Brunnen, und natürlich eine Marienstatue! Im ersten Augenblick denken wir, wir haben eine Erscheinung. Mit dem Schlauch füllen wir unseren Wasservorrat auf, welches die ganze Nacht dauert. Nach dem Abschminken gönnen wir uns den „champagne obligatoire »  (obligatorischer Sekt). Wir fallen in einen tiefen Schlaf und träumen, wir sind eine junge, hübsche Französin. Sehr geschmackvoll im Stil gekleidet, perfekt von einer Visagistin gestylt. Wir lassen uns bewundern und alle Männer denken, die Frau bekommen wir nie ! Im Hintergrund singt Charles Aznavour eines seiner berühmten Chansons. Uns fällt der Titel nicht ein, wir können nicht googlen. So behält das Chanson etwas Geheimnisvolles, weil wir kein Wort verstehen.

Nur ein Traum. Die Musik kommt aus dem Radiowecker. Ogott, der Wecker ! Urlaub ohne Wecker geht gar nicht ! Ich muß auf Campingplätzen nur ein Bettzeug raushängen und schlaf unter dem anderen weiter. Aber jetzt muß ich weiter.  -  Schöner Traum !

Als wir den Schlauch abmachen schauen uns einige frühe Besucher interessiert zu. Leider nicht wegen unseres schönen Kleides! Dann, ungeheuerlich! Der Motor startet nicht! Geht gar nichts mehr! Ob das an dem Wasser liegt?

Ein netter junger, frisch aussehender Mann, der uns nebenbei eine Gratisausgabe des Neuen Testamentes freudig lachend überreicht, (es passt leider von der Höhe nicht in die Bordbibliothek) bietet seine Hilfe an. Er hat unsere Verzweiflung gesehen, unsere Hoffnungslosigkeit! Frisches Wasser, und wir kommen nicht weiter! Adieu Oleron, mein lieber Oleron.

Er ruft also mit seinem Handy, auf dessen Oberfläche eine nicht enden wollende Diashow mit allen möglichen Fotografien von Kruzifixen abläuft, den ADAC in Form eines französischen Automenschen. Zauberei. Nicht mal zehn Minuten später war der da. Das Auto muß in die Werkstatt zur Fehlerbehebung (Depannage), er gibt uns einen Leihwagen. Wir können also doch noch nach Oleron, (freufreufreu!)  und unser WoMo auf dem Rückweg repariert wieder abholen. Mein liebes altes Wohnmobil, machs gut, bis bald! Der Mann hilft dir!

Wir packen die nötigsten Sachen in die Handtasche, jetzt sind wir mutig, und fahren freudig nach Oleron. Zugegebenermaßen etwas derrangiert und matschig. Der Wecker-Effekt. Wer kennt ihn nicht? Wir haben Durst auf Austern. Die Sonne scheint, die Fenster sind runtergekurbelt, wir lassen die Berge hinter uns, durch die Wälder der „Landes“, umkreisen Bordeaux. Mein Gott, wie hässlich eine Stadt aus dieser Perspektive sein kann! Das Navi leitet uns zum Leuchtturm am Nordwestende der Insel. Die Sonne geht gerade unter als wir auf dem Parkplatz ankommen. Schade, die Austernbude hat schon zu! Aber der Leuchtturm ist eine Augenweide!

Wenn alle Menschen weg sind, stöckeln wir mit unseren Schuhen über den Kiesweg Richtung Atlantik, über die kleine Mauer runter zum Meer… nee, das geht da nicht weiter, da ist nur Geröll. Wir wollten eigentlich einem Freund (der hat auch einen Vogel!) ein Fläschchen gefüllt mit Atlantikwasser für seine Sammlung von Meerwassern mitbringen. Machen wir immer so. Das erste Mal als Frau! scheitert an den Stöckelschuhen! Gut: Als Frau ist frau gehandicapt! Dafür hatten wir eigentlich das Fläschchen gekauft. Es ist noch ungeöffnet. Auf dem Rückweg beginnt es zu nieseln.

Ein Schock, zurück auf dem Parkplatz. Das Auto ist weg! Gestohlen! Wir haben den Schlüssel stecken lassen! Jetzt stehen wir in Stöckelschuhen am Westrand Europas, in unserem hübschen, weißgepunkteten gelben Kleid, haben den schicken Strohhut auf dem Kopf, tragen eine große runde Sonnenbrille. Wir haben ein Fläschchen mit Wasser aus Lourdes in der Hand. Im Hintergrund der Leuchtturm. Das Meer. Vor uns das Leben.

Niemand da, der ein Foto von uns macht.

 

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