Gedanken zum Totensonntag

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Magarethe
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Gedanken zum Totensonntag

Gestern waren wir endlich wieder einmal auf dem Friedhof um das Grab unserer lieben Freundin Marlies zu besuchen.

Ihr schlichtes Urnengrab war nicht mehr wirklich ansehnlich. Also haben wir ihr Grab gerichtet, das Unkraut gejätet und ein weihnachtliches Gesteck niedergelegt. Irgendwie schon schade, viele kannten Marlies gut, vielen hat sie geholfen. Jetzt ist sie schon zwei Jahre tod und sie scheint vergessen. So manche wollten sich um ihr Grab kümmern, so manche wollten etwas tun. Nur Lippenbekenntnisse, schade.

Auf ihrem Grabstein seht auch ihr Mädchenname, mich erfreut es immer wieder, das ich mich damals gegen alle Bedenkenträger-innen und Verwaltungsproblemschaffer-innen durchgetzt habe. So bleibt wenigsten dieses eine Andenken an Marlies erhalten.

In stillem Gedenken

Magarethe

 

 

 

Weniger ist mehr!

Roxanne
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Dazu passt vielleicht, was ich kürzlich erlebte...

Ich wollte mal zu Hekates Grab. Der Name und der Ort ist mir bekannt, aber nicht die genaue Lage des Grabes. Anfragen beim städtischen Friedhofsamt wurden nicht beantwortet - ja, völlig ignoriert. Als ich dort in der Nähe etwas zu tun hatte, fuhr ich zum Hauptfriedhof der Stadt und suchte. Der Friedhofsgärtner versuchte mir zu helfen, aber auch nach langem Suchen in der Kartei kamen wir nicht weiter. Schließlich kamen wir zu der Schlußfolgerung, daß es ein anderer Friedhof in der Stadt sein müsse. Ich mußte dann aber weiter und konnte nicht noch den nächsten Friedhof absuchen, hinterließ aber meine Daten und mein Anliegen. Nach Wochen trotzdem keine Information. Ich weiß nicht, ob da der Datenschutz greift..? Aber wenn man von den Behörden nicht einmal eine Antwort bekommt, wie "leider können wir ihnen nicht behilflich sein, weil.." dann regt mich das auf. Ich wurde so erzogen, daß man auf einen Brief, bzw eine Frage antwortet und nicht einfach still bleibt. Das ist unhöflich!

Natürlichkeit ist langweilig 

Kalen
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dabei seit: 07.02.2007

Die Menschen, die wir lieben und liebten, leben in unseren Herzen, Gedanken und Taten.

Sie haben unser Leben berührt und damit zu unserem Leben und Sein beigetragen.

Der Ort ihrer Ruhestätte ist die Stätte ihres Körpers, ihr Geist und ihre Seele sind dort wo wir sind.

Schließe für einen Moment die Augen und höre in dich hinein, spürst die sie und den Klang ihrer Worte in dir?

Gedenke ihrer und eure Seelen werden sich finden für einen Moment der Ruhe und Besinnlichkeit.

Auch jetzt sprecht ihr noch zueinander, tief in euch selbst.

 

So kam es vor kurzem, als ich allein im Wald saß, zu solch einem Moment.

Danke Oma für das was du mir geschenkt hast, es war schön dich noch einmal bei mir zu wissen.

Ich hatte dich nicht erwartet und war doch fröhlich überrascht. Ich weiß jetzt wo ich dich finden kann.

 

 

 

Ich befinde mich auf einer Reise www.transseelische-reise.de . Two-Spirit ein alter Weg, der gerade wiederentdeckt wird.Welchen Weg wir auch wählen, es wird der eigene individuelle Weg sein, wenn er aus uns "selbst" kommt.

Fabienne
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@ Roxanne

Hier ist etwas zu Deinem Anliegen bzgl. Datenschutz

http://www.datenschutz-praxis.de/fachwissen/fachartikel/mit-dem-tod-ist-nicht-alles-zu-ende/

 

Naja, da ich vor drei Tagen meinen Vater zu Grabe "getragen" habe, kann ich relativ frisch sagen, dass ich allgemein keine reelle Anlaufstelle bräuchte. Ich hab für Leute, die ihn kannten, eine virtuelle Anlaufstelle im Internet geschaffen mit einem Bild des Stilllebens in der Trauerhalle, dass ich dort aufgebaut hatte.

n/v
Heike_007
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Roxanne schrieb:
Ich weiß nicht, ob da der Datenschutz greift..? Aber wenn man von den Behörden nicht einmal eine Antwort bekommt, wie "leider können wir ihnen nicht behilflich sein, weil.." dann regt mich das auf. Ich wurde so erzogen, daß man auf einen Brief, bzw eine Frage antwortet und nicht einfach still bleibt. Das ist unhöflich!

Wohl wahr. Wir scheinen aber mit unserer Sicht der Dinge zu einer langsam aussterbenden Spezies zu gehören Sad

In der hiesigen Stadtverwaltung gilt bereits seit ca. 3 Jahren eine Weisung unserer Frau OB: "Bagatellbriefe" :mgreen: werden zwecks Einsparung von Briefporto nicht mehr versandt. Soll heißen: Absagen aller Art, sogar Vorgangseinstellungen bei "Knöllchen" erfolgen seitdem nicht mehr Sick

Vielleicht gibt es solche Regelungen mittlerweile auch in anderen Kommunen?

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).

Triona
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dabei seit: 05.10.2007

bürgernahe verwaltung eben. :mgreen: Crazy

liebe grüße
triona

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

sinn féin - ça ira !

Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.

Triona
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ach ja, zum eigentlichen thema:

ich war gestern am grab der mutter meiner liebsten, die vor 8 wochen mit fast 89 jahren nach langem quälendem siechtum (altersbedingter abbau nach schlaganfall vor ein paar jahren) endlich heimkehren durfte.
habe dort ein gesteck auf die grabstelle gelegt und darüber nachdenken müssen, daß die alte dame in ihren allerletzten jahren nichts mehr mit michaela anfangen konnte.'
dann sind mir noch einmal einige tränen gekommen, wie ich da so gestanden bin.

einige tage, bevor sie vor 2 jahren endgültig in ein pflegeheim ziehen mußte, weil die heimpflege nicht mehr zu bewerkstelligen war, habe ich einen günstigen moment am küchentisch genutzt.
ich hatte ihr gesagt, daß sie die veränderungen an mir wohl schon bemerkt haben müßte.
habe auf meine brust gezeigt, die ja nicht mehr zu übersehen war.
und daß ich jetzt für alle michaela heißen würde.
(gesagt hatte sie nie etwas dazu, wenigstens nicht zu mir.)
und daß das jetzt für immer sei + weitergehen würde (namensänderung war glaube ich gerade beantragt, usw)
sie sagte nur:
"alles blödsinn.
das ist nicht normal."
nach einer kurzen bemerkung, daß das eben bei mir so sei, und daß es auch noch viekle andere gebe, hab ich das thema nicht mehr angesprochen.
wäre wohl eh sinnlos gewesen.
später hat sie sich dann ein paarmal bei ihrer tochter beschwert, wenn ich mal zufällig in einem rock oder kleid bei ihr zu besuch im pflegeheim gewesen bin.
dann bin ich halt einfach nur seltener hin, wenn ich gerade nicht nach ihrem empfinden angemessen gekleidet war.

nachdem das ende unmittelbar abzusehen war, sind mir an ihrem bett schon ein paar tränen gekommen.
da sie kaum mehr in der lage war, zusammenhängende worte zu sagen, bin ich dann ins schwesternzimmer gegangen, zum mich auszuheulen.
es war einfach niederdrückend, wie ein mensch sich noch quälen mußte am ende eines langen + arbeitreichen lebens.
die diensthabende schwester meinte nur, daß so etwas für die angehörigen schon heftig belastend sein kann, dies mit ansehen zu müssen + nix dabei zu tun können.

dann hat sich noch herausgestellt, daß es die selbe schwester war, die mich tags zuvor noch (wahrscheinl unbedacht) am telefon mit "herr L." angesprochen hatte.
ich habe ihr gesagt, daß ich schon jetzt einen horror davor hätte, evtl mal selbst in die abhängigkeit von menschen zu geraten, die einen so mißachten.
sie war ziemlich betroffen + hat dann nur einen kurzen vortrag gehalten, daß die zukunft solcher probleme wohl nur noch in der bildung von altenwohngemeinschaften liegen könnte.

weil ich nichts mehr zu sagen wußte, habe ich am nächsten tag dann meine mundharmonika mitgebracht, und am bett ein paar fröhliche lieder gespielt.
leider war sie bereits so weit weg, daß ich keine reaktion mehr erkennen konnte, ob es ihr gefallen hatte oder nicht.
ich konnte nicht einmal mehr feststellen, ob sie es überhaupt gehört hatte.
(ihr hörgerät hatten sie nach der letzten reparatur schon gar nicht mehr eingesetzt.)
als ich es am tage nach dem tod einer gemeinsamen freundin (frühere nachbarin) erzählt habe, hat diese gesagt: "ja. sie hat es gehört. ganz sicher."

am letzten tag vor ihrem tod hat sie dan vermutlich nicht mal mehr wahrgenommen, daß ich überhaupt da war.
ihre einzigen worte in ihren letzten tagen, wenn man an das bett kam (das mittlerweile ausgestattet war mit einer preßluftmatratze gegen dekubitus) und sie zum gruß berührte, waren:
"nichts trinken. nichts essen."
ich war die letzte aus ihrer näheren umgebung, die sie noch gesehen hatte + ein paar letzte worte mit ihr reden konnte, bzw dieses versucht hat.
danach war nur der pfarrer da, den sie 1 std vorher hat rufen lassen.

das traurige ist manchmal nicht, daß jemand sterben muß.
das war ja schon lange vorher absehbar.
bisweilen ist es eher traurig, daß jemand nicht gehen darf, wenn die zeit schon lange überreif dafür zu sein scheint.

dies waren meine gedanken zum totensonntag.
auch dies hier habe ich unter tränen geschrieben. Sad
und leider mit allzu vielen zigaretten dazu.
zum glück ist gerade niemand hereingekommen, um nach irgend einem mist zu fragen.

liebe grüße
triona

 

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Triona
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dabei seit: 05.10.2007

in diesem zusammenhang möchte ich auch noch mal an diese geschichte von jula erinnern, an die ich dabei immer wieder denken muß.

ich denke, ich muß sie auch mal den schwestern im pflegeheim vorbeibringen.

 

Happy End


Si quis tota die currens pervenit ad vesperam, satis est."

(Wenn einer, der den ganzen Tag gelaufen, am Abend ankommt, so ist's genug.)
Francesco Petrarca, "De vera sapientia, dialogo I,B"

Helena schlurfte wie jeden Tag zum Einkaufszentrum. Was für ein Glück, dass sie die Entfernung immer noch gut zu Fuß bewältigen konnte. Bis auf die Sonn- und Feiertage, wenn die Ladenpassage geschlossen war, ging Helena fast jeden Tag dort hin. Nur Krankheit, die sie ans Bett fesselte, konnte sie daran hindern. Doch meist ging es ihr gut, so wie heute und sie zockelte nach dem Frühstück im Heim und ein wenig Fernsehkonsum los. Obwohl das Einkaufszentrum nur 500m entfernt war, brauchte sie für den Weg fast eine halbe Stunde. 500 Meter! Früher hätte sie über diese Zahl gelacht, aber das Alter forderte seinen Tribut. Immerhin konnte sie noch gehen und war nicht auf einen Rollstuhl angewiesen. Außerdem hatte sie nichts weiter zu tun. Sie hatte Zeit. Es dauerte halt so lange wie es dauerte.

Dem täglichen Ritual folgend setzte sich Helena zuerst in das Cafe der Bäckereifiliale. Über einen duftenden Cappucino hinweg betrachtete sie das erwachende Treiben in der Passage. Sie strich sich den Rock glatt und schlug die Beine übereinander. Für heute hatte sie das mausgraue Kostüm mit dem wadenlangen Rock gewählt und ein paar Sneakers. Dazu die rosa Bluse und die schöne goldene Kette mit den schweren Ohrringen. Sie liebte diese Ohrringe, denn sie waren so schwer, dass man bei jeder Kopfbewegung ihr Pendeln spürte. So wurde sie ständig daran erinnert, dass sie Ohrringe trug. Wenigstens etwas, wenn sie schon lange Röcke und "praktische" Schuhe anhatte.
Helena seufzte. Ihre Zeiten für Minirock und Highheels waren vorbei. Genau genommen hatte es diese Zeiten nie gegeben. Erst jetzt, am "Abend des Lebens" wie dieser Lebensabschnitt euphemistisch genannt wurde, hatte sie zu sich selbst gefunden.

Lange hatte es gedauert, bis Helena anfangen konnte zu leben. Sie hatte gewartet. Sie hatte Rücksicht genommen auf die Familie, die Bekannten, die Kollegen, die Kunden, die Karriere. Und nach dem Ende des Berufslebens hatte sie Rücksicht genommen auf Brigitte. Doch seit Brigitte an Krebs gestorben war, gab es niemanden mehr, auf den sie Rücksicht nehmen musste.
Bereits vor ein paar Jahren war sie zusammen mit Brigitte in das Appartment im "Betreuten Wohnen" der "Seniorenresidenz" gezogen. Helena war eigentlich gesund, doch ihr Rückenleiden ließ es nicht zu, sich selbst zu versorgen und als Brigitte dann krank geworden war, hatten sie ihr Häuschen, das sowieso zu groß für sie geworden war, aufgegeben und sich in den großen Seniorenwohnkomplex eingekauft. Und da lebte sie nun. Dort lebte Helena. Helena, die vorher nur als Traum gelebt hatte.
Brigitte hatte sich nie mit Helenas Existenz abfinden können. So hatte Helena gewartet und war aus Liebe zu Brigitte während der Krankheit noch ein wenig länger im verborgenen geblieben.
Bei der Beerdigung hatte Helena geweint, denn sie war jetzt allein. Würde den Rest ihres Weges ohne den Menschen gehen müssen, der sie immer begleitet hatte. Aber sie hatte auch gewusst, dass sie diesen Weg als Helena gehen würde.

Die nächsten Tage hatte sie im Heim einige Irritationen zu überstehen gehabt. Vom Austausch des Namensschildes an der Tür ihres Appartments bis zu Gesprächen mit der Geschäftsführerin und der Pflegedienstleitung. Jetzt war sie endlich Helena!
Gut, es hatte anfangs einiges an Getuschel in der Cafeteria des Wohnkomplexes gegeben, wo sie ihr Frühstück und ihr Abendessen einnahm. Doch das hatte sich schnell gelegt. In der ereignisarmen Welt eines Altenheimes war das, was sie getan hatte, eine kleine Sensation. Doch auch Sensationen wurden uninteressant, wenn sie Alltag wurden.
Das Personal hatte professionell reagiert. Jedenfalls die meisten. Diejenigen, die aus Gedankenlosigkeit weiter "Herr" zu ihr gesagt hatten, waren nach Beschwerden schnell höflich geworden.

Unter den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen hatte Helena neue Bekanntschaften geschlossen. In der Zeit mit Brigitte waren sie nicht auf solche Kontakte angewiesen gewesen, hatten sie auch nicht gesucht. Doch nun war Helena eine von den vielen Witwen, die es hier gab und als sie von der einen oder anderen Dame angesprochen wurde, die ihre Neugier stillen wollte, hatte sie freundlich reagiert. So war sie nun zwar allein, aber nicht einsam. Mit ein paar anderen Frauen traf sie sich regelmäßig oder auch zufällig zum Schwätzen, Spazierengehen oder auch zum gemeinsamen Fernsehen. Sie war erstaunt gewesen, wie selbstverständlich sie als Helena akzeptiert worden war. Anfangs hatte sie natürlich viel von sich erzählen müssen. "Warum tut jemand so etwas?" war einfach eine zu brennende Frage, um sie unbeachtet zu lassen. Sich nicht zu erklären hätte immer zwischen ihr und den anderen gestanden. Und so hatte Helena sich erklärt, so gut sie es halt konnte. Sie wusste ja selber nicht "warum". Hatte sich ihre Sehnsucht, Helena sein zu wollen, nie erklären können. Doch sie konnte erklären, was sie wollte und es war nicht schwer zu erklären, warum es "jetzt oder nie" sein musste. Ihre Selbstoffenbarung war die Eintrittskarte gewesen und nun war sie eine von den "alten Damen".

Ihre neuen Bekannten hatten, nachdem sie die Phase des Erstaunens überwunden hatten, Helena schnell als eine der ihren akzeptiert. Und sie hatten ihr geholfen. Mit ihnen konnte sie über ihre Trauer über Brigitte reden, darüber wie sie ihr fehlte. Und sie waren eine riesige Hilfe dabei die beste Helena zu werden, die sie sein konnte. Sie halfen ihr dabei, ihre Garderobe umzustellen. Eine regelrechte Farb- und Stilberatung hatte sie bekommen. Richtige Modenschauen hatte es gegeben. Sie hatte den Frauen letztendlich weniger eine Sensation gegeben als viel mehr eine interessante Aufgabe. Und schließlich und vor allem eine neue Freundin. "Die Zeit arbeitet für dich und gegen uns" hatte Marga gesagt. "Während du wegen deines sinkenden Testosteronspiegels sowieso immer weiblicher wirst, verlieren wir wegen unseres sinkenden Östrogenspiegels an Weiblichkeit. Je älter wir werden, desto ähnlicher werden wir uns."
"Trotzdem ist es schade um den Mann!" Das war vielleicht der einzige Wermutstropfen gewesen. Etwas, das ihr im Scherz manchmal noch von der einen oder anderen vorgeworfen wurde. Helena hatte einen der wenigen Männer in der Wohnanlage auf dem Gewissen! Es gab einen gewaltigen Witwenüberschuss bzw. aus weiblicher Sicht einen unangenehmen Mangel an Männern. Auf fünf Frauen kam höchstens ein einziger Mann und der wohnte im Zweifelsfall mit seiner Frau zusammen. Alleinstehende Männer gab es so gut wie keine. "Und dann wird endlich mal ein attraktives Exemplar frei und du bringst ihn um!" hatte Dora die Witwensicht etwas überzogen und mit herzlichem Lachen dargestellt. "Aber dafür haben wir dich kennengelernt und du bist ne Nette!"

Helena dachte gerne an diese Szene zurück, denn sie hatte ihr gezeigt, dass ihr Traum nach so vielen Jahrzehnten in Erfüllung gegangen war. Sie war eine Frau. Und sie genoss es, mit den "Mädels" in der Cafeteria zu sitzen und bei Sahnetorte die letzten Neuigkeiten aus dem Heim durchzusprechen. Ihr Herz wurde warm, wenn sie mitbekam, dass andere von ihr ganz selbstverstandlich als Frau sprachen. "Lenchen hat mir erzählt, der neue Zivildienstleistende will ab Sommer in Spanien studieren." Lenchen – sie hatte einen Kosenamen. Sie war nie die "schöne Helena" ihrer Fantasie gewesen, doch nun war sie immerhin Lenchen, die man fragte, wenn man ein Zitat für eine Glückwunsch- oder Kondolenzkarte brauchte. Immerhin. Besser "Lenchen" als einer von den grauen Männern in ihren immer gleichen Cordhosen und Wolljacken.

Sie war Helena und würde es bleiben. Für immer. Gestern hatte sie eine "Verfügung für den Todesfall" bei der Geschäftsführung des Heimes hinterlegt. Es ging ihr um ihren Grabstein. Sie wollte neben Brigitte liegen. Doch sie wollte nicht, dass auf dem Grabstein der falsche Name stand. Deshalb hatte sie vorgesorgt und eine notarielle Erklärung (sicher ist sicher!) erstellt, die garantierte, dass neben Brigitte irgendwann Helena ruhen würde und nicht irgendein Mann, den es schon lange nicht mehr gab. Die kleine Störung der Pietät, dass Brigitte wohl nicht damit gerechnet hatte, quasi posthum zur Lesbe zu werden, würde sie schon hinnehmen müssen. Dafür hatte sie ihr ganzes Leben einen Mann gehabt. Und schließlich konnten in dem Grabmal auch Schwestern liegen. Was ja auch irgendwie stimmte.

Helena bestellte sich noch einen Cappucino. Schade, dass Marga heute nicht mitkommen konnte. Marga teilte Helenas Liebe für das Einkaufszentrum und das "Leute gucken". Es war schön, mit ihr zusammen auf einer Bank zu sitzen, das geschäftige Hin und Her der Passanten zu beobachten und über besonders auffällige Exemplare zu reden. Das machte ihnen Spaß und war viel besser als Fernsehen! "Eine Kleinigkeit muss ich für Marga mitbringen. Die Arme liegt mit Hexenschuss in ihrem Zimmer und kann sich nicht rühren." dachte Helena. "Gleich nach dem ich den Kaffee ausgetrunken habe."

Eine halbe Stunde später beachtete niemand die große alte Frau, die auf ihren Stock gestützt langsam durch das Einkaufzentrum ging und die Auslagen der Geschäfte studierte, um schließlich einen kleinen Topf mit blühenden Osterglocken und einem Stoffhasen darin zu kaufen. "Damit Marga ein wenig Frühling im Zimmer hat, wenn sie bei dem schönen Wetter schon nicht raus kann!" dachte Helena.

© Jula 2007
ich hoffe, daß jula nichts dagegen hat, wenn ich ihre geschichte hier im volltext zitiere.
sie hat mich schon vor jahren beim erstzen lesen sehr berührt.
liebe grüße
triona

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Triona
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dabei seit: 05.10.2007

und weil ich gerade dabei bin:

hier mal eine übersetzung meines wahlspruches unter meinen beiträgen für die fremdsprachlich vlt weniger bewanderten:

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!
___________________________________________________

sinn féin - ça ira !

 

Oh ihr Lieben, horchet auf das einsame Wimmern der Banshee!

(das ist die Todesfee in der iro-keltischen Mythologie)

wir selbst (irisch) - das wird gehen (oder freier: ... - wir werden es schaffen, französisch)

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

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Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.

Fabienne
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dabei seit: 19.02.2005

Naja bei meinem Vater kam der Tod zum Glück plötzlich, kurz und wenn, dann nur mit wenig Schmerz. Er wohnte in einer eigenen Wohnung in einer AWO-Einrichtung. Ich glaub, das nennt man betreutes Wohnen. Den roten Knopf am Kopfende seines Bettes konnte er nicht mehr drücken, also war das Ende kurz. Bis dahin war er sehr agil und fidel. Ich hab am Wochenende zu einem Freund gesagt, dass Vaddern mit seinen 77 Lenzen den einen oder anderen 40jährigen auf einer Party noch an die Wand getanzt hätte Smile

n/v
Heike_007
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@Triona:

Meinem Vater, meinem Großvater (und weiteren Vorfahren, wie ich aus Gesprächen erfuhr) war ein ähnliches Schicksal beschieden. Sie wurden alle 85...90 Jahre alt und litten in ihren letzten Lebensjahren an Altersdemenz. Hinzu kam in ihren letzten Lebensmonaten ebenso das von Dir beschriebene Siechtum. Während mein Großvater in den 70er Jahren noch komplett zu Hause gepflegt wurde, ging das bei meinem Vater nicht mehr. Nach meiner Scheidung 1999 stand ich mit ihm ganz allein da, so dass ich ihn Ende 2001 ins Heim geben musste. Allein hätte ich das nicht geschafft. Im Oktober 2003 ist er dann nach langem Leiden mit 87 Jahren verstorben.

Ich darf gar nicht daran denken, ob mir selbst vielleicht einmal ein ähnliches Schicksal bevorstehten wird.

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).