Das römische Artefakt

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ElleCommandante
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Das römische Artefakt

1. Kapitel


Ich fand meine Idee, mich einfach mal als Frau zu stylen und in Hamburg mein erstes Going-out zu wagen, super gut. Ich hatte sogar meine Hippie-Mähne ladylike umstylen lassen. Auch mein neuer Name Donna passte gut zu mir. Na ja, 1966, wenn nicht in diesem Jahr, wann sonst und wir hatten wir ja alle die wilde Haarpracht.

Die Party in Hotel Alsterdorf war auch gut. Jean, der Banker, ein toller Mann, den ich da kennen lernte und der mich restlos verzauberte, ließ mich romantische Frauenträume erleben.
...

Ich weiß nicht, warum ich jetzt in meinem VW Käfer sitze und Richtung Côte d'Azur fahre. Ich schaute auf den hübschen Ring, den Jean mir in der Nacht aufsteckte. Ein wenig merkwürdig war das ja schon, was er mir da sagte. Sonntag um 11:00 Uhr sollte ich auf der obersten Treppe vor der Kathedrale von Marseille sitzen und ein gewisser Roger würde mich dann zu Jean's Yacht bringen. Eine Mittelmeer-Reise hatte er mir versprochen.

Egal, ich fühlte mich gut. In meinem Boheme-Rock und gelbem Top sah ich Klasse aus und der neue Song von den Walker Brothers aus meinem Radio ließ mich erst gar nicht auf ernste Gedanken kommen - The Sun Ain't Gonna Shine Anymore ...

Die Wahrheit des Liedtitels schien mich schneller einzuholen, als mir lieb war: Eine dunkle Limousine tauchte hinter mir auf, am Steuer ein kaukasisch dreinblickender Fleischberg, der gestern ein hitziges Wortgefecht mit Jean hatte, kaum hatte er mir den Ring angesteckt. Mir fallen seine Worte ein, die Jean mir beim Anstecken des Rings in's Ohr flüsterte: "Achte gut auf den römischen Artefakt!"

Eigentlich hatte ich diesen Worten keine Bedeutung zugemessen, bis auf den kleinen Gedanken dabei, warum er "den Artefakt" und nicht "das Artefakt" sagte. Zwischen Blicken in den Rückspiegel und den Fleischklops an meiner Heckstoßstange und den Versuchen, die großbusige Blondine im NSU vor mir genauer zu mustern, sah ich mir den Ring genauer an. Irgendetwas an diesem Ring ließ mich auf einmal an der Echtheit des Steines zweifeln. Also versuchte ich, mit dem Stein die Seitenscheibe anzuritzen, was dazu führte, daß der Stein zerbröselte und ein kleiner Gegenstand auf die Fußmatte fiel.

Im Radio schwafelte mittlerweile irgendein zu Recht unterbezahlter wie unbegabter Moderator von seiner Frequenz und guter Laune, während ich bemerkte, daß die mir folgende Hackfresse zum Überholen ansetzte. Ich riß geistesgegenwärtig das Steuer nach Neun Uhr und schleuderte die dort befindliche Autobahn-Abfahrt mit unbekanntem Ziel hinunter, während mein schwitzender Verfolger mit herausquellenden Augen meinen Käfer mit mir davon fahren sah, während er geradeaus dem Autobahnverlauf folgend samt blondem Atombusen im NSU aus meinem Rückspiegel verschwand...

Ich schlenderte also die Ausfahrt hoch. Irgenwie kam ich oben zum stehen. Auf dem Schild stand Richtung Hannover. Puh, und das über die Landstrasse. Also, rechts ab und weiter Richtung Süden. Im Stillen dachte ich mir, dass kann ja recht heiter werden. Und der Kerl im Radio versuchte imer noch gute Laune zu versprühen. Meine Laune befand sich auf dem Tiefpunkt. Also führ ich erst einmal rechts ran. Meine Hände zitterten ganz schön. Die Zigarette speckte nun auch nicht besondert. Ach was solls, werd ruhig Mädel sagte ich mir und such danach erst einmal das kleine Teil, was aus dem Ring rausgefallen war. Endlich hatte ich es gefunden. Und nun? Da war ein kleines Loch in der Mitte. Also stechte ich meine Kette hindurch und hängte mir es um den Hals. Nun aber los. Und ab nach Marseille. Sonst verpasse ich mein Date.

Was ist das? Mein Käfer springt nicht mehr an. Außer einem kleinem Klack ist nichts mehr. Vermutlich die Batterie oder der Anlasser? Soll ich nun Hilfe rufen? Die nächste telefonzelle ist bestimmt erst im nächsten Ort. was stand auf dem Schild? 20 KM sollen es sein. Mit meinen Pumps kann ich zwar gut Autifahren - aber laufen?. Schnell hab ich mir meine Sandalen aus meinem Rucksack geholt. Das wichtigste reingepackt und folge nun der Strasse Richtung Süden. Den Käfer hab ich am Strassenrand stehen gelassen. Viellicht findet ja der Fleischbrock den Wagen und sucht sich dann halb Tod.

Letztens hab ich noch einen Film über Anhalter gesehen. Vielleicht sollte ich das mal ausbrobieren. Die ersten Wagen fahren alle vorbei. Pech gehabt meine Liebe denke ich mir. Nach längerer Zeit sehe ich eine Horde Motorradfahrer auf mich zukommen. Ich streck den Finger raus und denke die halten ja eh nicht. Auf einmal bleibt der ganze Pulk bei mir stehen. Wilde Kerle und einige wilde Mädels. Wohin ich will - Nach Frankreich. Super sagt der Typ, der sich als Road-Captain vorstellte, wir fahren zu einem Treffen nach Nizza. Wenn ich will kann ich auf seiner Harley mitfahren. Mein Gepäck nimmt ein Kumpel mit. Natürlich will ich. Bei so vielen Beschützern brauche ich mir bestimmt keine Sorgen zu machen.....

Eine Hoffnung, die zugegebenermaßen trügerisch war. Mein Road-Captain legte nämlich die Eigenart an den Tag, bei jeder Notrufsäule laut "Not" zu brüllen und bei jeder Tankstelle "Tanke". Während das "Not" regelmäßig ohne Konsequenzen blieb, bedeutete das "Tanke" den rückengekennzeichneten Prospects doch das Anhalten, um Bier zu kaufen, das unter Gejohle auch sofort konsumiert wurde. Nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit hatte ich auf diese Weise acht Tankstellen unterschiedlichster Marken gesehen und ebensoviele Biermarken preiswerterer Herkunft kennen gelernt. Langsam brummte mein Schädel und die Blase drückte dem Road-Captain vermutlich längst in's Kreuz.

Daher erschrak ich auch kurz, als mein Captain zeigte, daß er auch ein drittes Wort in enormer Lautstärke beherrschte: "Banditos!". Kurz dachte ich, es folgte eine warme Zwischenmahlzeit, doch sein lederbehandschuhter Finger zeigte auf eine Gruppe Dorfjugendlicher, die auf Mofas sitzend eine kurzbehoste Art angehender Dorfnutte zu beeindrucken schienen. Schon hielt unsere Gruppe wieder an, einer der Prospecte stieg von seiner Maschine, schritt auf die Jugendlichen zu und brüllte: "Alter, ey!". Mir erschien die Ansage eines grauhaarigen Bauchträgers in einer knappen Lederkutte gegenüber einem Heranwachsenden zwar etwas unangemessen, aber ich merkte gleichzeitig, daß man nach acht Halben Bier, die durch eine Harley in jede Faser meines Körpers geschüttelt worden waren, ein gepflegt aggressives Verhalten goutieren kann.

"Ich geh' 'mal abschütteln" lallte ich meinem Captain in's Ohr, der mich in meinem mittlerweile verknitterten Rockes etwas verstört ansah. Danach nahm ich mein Gepäck und ging in Richtung der Dorfkneipe, die an diesem Tage eine leckere Schlachtschüssel feilbot. Der Gedanke an eine leckere und fettige Schlachtschüssel verstärkte meinen Wunsch, sofort die heimische Porzellanabteilung aufzusuchen. Derart angetrieben betrat ich das Etablissement...

Ich war zufrieden, aber auch fix und alle. Die Müdigkeit kam hinzu. Ich saß am Fenstertisch des Lokales und konnte gar nicht glauben, was ich da verdrückt hatte und was gegen jede Diätregel verstieß. Aber auch der dritte Kaffee machte mich nicht wacher. Ich schaute aus dem Fenster um zu sehen, ob die Harley-Gruppe nun endlich weiter gefahren ist. Hoffentlich suchen sie mich nicht. Mit denen würde ich ja nie rechtzeitig an der Côte d'Azur ankommen. Aber der Platz war nicht mehr einsehbar weil der doofe Laster sich vor den Laden stellte. Allerdings wurden auf einmal meine Augen immer größer, denn am Fahrerhaus des Lasters klebte ein Aufkleber vom - Fußballclub AS-Monaco !!!

Bitte strahle jetzt nicht den Trucker an, der könnte das falsch verstehen, sagte ich zu mir selber. Doch der eben in den Laden eingetretene Typ hatte mich schon längst entdeckt und lächelte zurück. Es sah allerdings urkomisch aus, dass er dabei, nicht nach vorn schauend, stolperte und beim Stürzen auch noch den Kleiderständer mit zu Boden nahm. Ich lief hin um zu helfen ...

Das Fahrerhausbett war warm. Brian, der Trucker, hatte seine Ruhezeit hinter sich gebracht und versprach mir, bis zur Côte d'Azur nur das Lenkrad anzufassen. So schlief ich beruhigt ein ...

2. Kapitel

Ich wurde mit dem Gedanken wach, daß ich unbedingt einige Telefonate durchführen musste. Erstens sollte ich Jean anrufen, wenn ich in Frankreich bin. Zweitens sollte ich mich bei meiner Sekretärin melden. Ich krabbelte aus der Koje und fragte Brian meinen Trucker wo wir sind. Kurz vor Lyon antwortete er mir. In wenigen Minuten steuert er einen Rastplatz an, Da kann ich mich dann frisch machen. Toll dachte ich, da gibt es dann auch sicher ein Telefon.

In der Zwischenzeit betrachtete ich den Ring etwas genauer. Ein goldener Ring. Vermutlich Handarbeit. Und antik dazu. Nachdem ich die Reste des falschen Steines entfernt hatte, kam eine flache runde Scheibe von ca. 1,5 cm zum Vorschein. In der Mitte war eine Sonne zusehen. Um die Sonne herum waren Zeichen eingraviert. Ich fragte mich, wo ich so eine ähnliche Arbeit schon mal gesehen habe.

Mir fiel es schlagartig wieder ein. Während meines Kunststudiums in Berlin. Mein damaliger Doktorvater trug einen ähnlichen Ring. Ich erinnerte mich an die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Donald, mit deinen Qualifikationen und Kenntnissen wirst Du von den besten Kunsthäusern umworben werden, pflegte er immer zu mir zu sagen. Aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Zugegeben ich war damals schon ziemlich feminin gewesen. Meine Kommilitonen pflegten mich als Exzentriker abzustempeln. Aber das war mit immer egal gewesen. Als ich ihn einmal auf seinen Ring ansprach, sagte er mir, dass er diesen für seine Verdienste bekommen hat. Als besondere Auszeichnung sozusagen. Diese Art von Ringen, Donald werden heute nicht mehr gefertigt. Leider wirst Du nie in die Gelegenheit kommen einen solchen Ring zu tragen. Warum, fragte ich. Meine Frage blieb unbeantwortet. An unserer Uni munkelte man, dass mein Prof. wohl eine Freimaurer sei. Ob es wohl hiermit zusammen hing? Zuhause hatte ich zwar auch einige antike Schmuckstücke. Diese trug ich jedoch nur zu besonderen Angelegenheiten. Ansonsten blieben sie unter Verschluss.

Endlich erreichten wir den Rastplatz. Von dem nächsten Telefon rief ich sofort Jean an. Er war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Als ich ihm von der Verfolgung schilderte sagte er mir, dass mich mein Fahrer mich bis zur letzten Ausfahrt vor Orange bringen soll. Dort werde ich dann von zwei Freunden abgeholt. Woran werde ich diese erkennen. Keine Bange Donna, sie werden dich erkennen. Außerdem ist dort noch ein alter Bekannter von Dir dabei.

Dann rief ich mein Büro an. Ich sagte meiner Sekretärin Birgit, daß sie alle meine Termine für die nächsten zwei Wochen absagen solle. Ich befinde mich auf einer wichtigen Kunstreise in Frankreich.

Danach besprach ich mich mit Brian. Kein Problem. Diese Ausfahrt kennt er. Außerdem ist es nicht mehr weit. Als wir an der Ausfahrt ankamen, stand dort schon ein schwarzer Citroen. Ich stieg aus und ging auf den wagen zu. Zwei Personen stiegen aus. Ein jüngere und ein älter Mann. Donna, sprach mich der ältere an. Ich war wie versteinert. Vor mir stand mein ehemaliger Kunstprofessor....

Im Hintergrund entfernte sich der LKW und mit ihm Brian. Einen Moment stand ich überlegend am Straßenrand und betrachtete meine beiden Gegenüber, als ein weiterer schwarzer Citroen sich mit hohem Tempo näherte. Ich sah, wie an dem heranrasenden Fahrzeug die Seitenscheiben heruntergelassen wurden und warf mich geistesgegenwärtig in den Straßengraben, als ich Schüsse aus Maschinenpistolen und das Fahrzeug vorbeirasen hörte.

Mit einem vorsichtigen Blick aus dem Straßengraben sah ich beide Männer blutend auf dem Boden liegen. Die Straße überquerend ging ich in Richtung meines ehemaligen Professors, der noch atmete, als ich mich über ihn beugte. Er sah mich mit feuchten Augen an, rang nach Luft und stammelte: "Hüte Dich. Hüte Dich vor ...", dann sank sein Kopf zur Seite und die Atmung setzte aus. Als ich mich der zweiten Person zuwandte, war mir sofort klar, daß hier jede Hilfe zu spät kommen würde. Ich durchsuchte beide Personen und fand zwei Schußwaffen, während sich in der Ferne ein dunkles Fahrzeug näherte. Mit den Knarren in der Handtasche warf ich mich ins Unterholz, kroch einen Abhang hinunter und verschwand in der heraufziehenden Dunkelheit.

Nachdem ich in wolkendunkler Nacht mehrere Stunden gelaufen war, kam ich an eine Stelle, die mir sofort bekannt vorkam. Im Kreis laufend kam ich wieder zur Autobahnausfahrt, von der aus ich losgelaufen war. Der Citroen war verschwunden, ebenso die beiden Leichen und im sich durch die Wolken bahnenden Mondschein war zu erkennen, daß alle Spuren, auch das Blut auf dem Asphalt, sorgfältig entfernt worden waren. Während eine innere Panik in mir hochstieg, war ein herantuckerndes Motorrad zu hören. Mit beiden Armen winkend, stellte ich mich auf die Straße und das Motorrad hielt an. Mit einem Griff in meine Handtasche zog ich einen der beiden Schießprügel, den ich dem Motorradfahrer direkt unter die Nase hielt. Dann gab ich ihm mit einer Bewegung der Wumme zu verstehen, er möge sich subtrahieren und mir seine Maschine anheim stellen. Der Fahrer verstand sofort, legte in seiner Verwirrung sogar seinen Helm auf die Sitzbank und rannte in die Richtung los, aus der er gekommen war.

Während der Motorradfahrt Richtung Mittelmeer versuchte ich mich zu konzentrieren, aber ich hatte einen lieben Menschen verloren und die Trauer verdrängte erstmal alles andere. Ich fuhr noch vor Marsaille von der Autobahn ab und suchte einen Platz zum schlafen weil ich schon wieder müde war. Bei einer Telefonzelle in Sausset hielt ich an. Das Meerresrauschen konnte man schon hören Ich informierte Jean und sagte ihm, daß ich hier auf ihn warten würde. Alles andere schien mir zu riskant. Mit dem Motorrad rollte ich zum Meer runter und legte mich auf die Küstenheide zwischen den Klippen. Ich war fix und alle. Wenn Wellen besonders dolle gegen die Klippen klatschten, bekam ich einige Tropfen davon ins Gesicht. Der Nachtwind war aber warm. Es roch nach Oleander und Jasmin. Mit meinen verpennten Augen sah ich noch vor dem Einschlafen, daß im Osten die Sonne schon den Horizont erhellte. …

Ich hatte den Simca gar nicht gehört, so tief pennte ich. Jean stieg aus dem Wagen und krabbelte auf einen höheren Fels. Er hatte mich aber sofort entdeckt und kletterte zu mir rüber. Ein Küsschen auf meine Wange sollte mich wecken. Ich beschloss aber, daß ein Küsschen nicht ausreichte um mich zu wecken. Aber darauf fiel Jean nicht rein. Mit einer Strohblume kitzelte er an meiner Nase. Das hatte wohl insgesamt auch etwas von schlechtem Gewissen bei ihm und er wusste das auch. Mich bewusst in so eine Situation zu bringen und ich brannte darauf, eine umfangreiche Erklärung von ihm zu bekommen. Ich öffnete meine Augen um gleich darauf zu loszuwettern, kam aber erst gar nicht so weit. Ein zweites Küsschen bekam ich, außerdem ein Strauß Rosen. „Guten Morgen Donna, lass uns frühstücken gehen, ich erkläre dir auch alles“. Wir gingen über die Küstenstraße zu einer Bistro-Veranda und tranken Kaffee und aßen Meterbrot mit Salami. Ich wollte trotzdem stinkig auf Jean sein, klappte aber nicht wirklich. „Du Donna, wenn du nun sauer über mich bist, so kann ich das verstehen“ hörte ich als ersten Entschuldigungsversuch. Ich stand auf, stellte mich vor ihm. Jean stand auch auf, senkte seinen Kopf etwas, er errötete. „Du Schuft“ zischte ich ihm rüber und fiel in seine Arme. Ich war froh, nun nicht mehr alleine zu sein.

Wir suchten als nächstes eine Boutique und eine Drogerie auf, damit mein en femmes Äußeres wieder gut aussieht und riecht. „Donna, wir fahren erstmal in mein Sommerhaus, da kannst du dann duschen“. Wir stiegen in den Simca ein und fuhren mit herunter gekurbelten Fenstern die duftende Küste entlang bis Jean auf einen Schotterweg fuhr, der sich serpentinenartig in die Höhe schlängelte. Wir fuhren durch ein altes Eisentor zu einem Haus, welches typisch für die Landschaft war. Die steinerne Hausmauer war Terrakotta-farbig, das Dach rot und die Fenster waren mit blauen Holzlamellen verschlossen.

Während ich duschte und mich nachpuderte, baute Jean auf der Terrasse ein Mittagsbrunch auf. Wir saßen bei Fischkroketten, Brot und Wein in der Sonne und genossen die Meeressicht. Ich vergaß fast alles andere. Jean fing aber dann mit seiner Erklärung von selbst an: "Für diese Fischkroketten verwende ich nur richtig frischen Dorsch, den ich in kleine Würfelchen schneide und dann mit frischer Limette und Sherry mariniere. Dann zerkleinere ich ein Bündel Petersilie, schwitze es mit frischer Landbutter an und lasse es abkühlen, bevor ich es mit dem Fisch vermenge. Dann schneide ich ein paar kleine Charlotten in kleinste Würfelchen, vermische sie mit einigen Löffeln Créme Fraîche, gestoßenem Chili, einem feuchten Brötchen, Meersalz, etwas von der Limettenschale und einem Löffel Fischfonds. Zu guter Letzt wird alles gut vermischt, paniert und in reinem Butterschmalz in der Eisenpfanne herausgebacken. Guten Appetit!"

Jean holte kurz Luft, biß in eine Fischfrikadelle (wie ich sie nach seinem Rezept wegen des feuchten Brötchens gerade getauft hatte), kaute kurz, hielt inne, sah mich an und fragte mit vollem Mund: "Noch'n Weinchen?" "Danke, ja" hörte ich mich antworten und hielt ihm das Glas hin, das er füllte. "Der Trick an den Fischkroketten aber ist," so fuhr Jean voller Enthusiasmus fort, "daß man dazu einen Wein aus dem Tetrapak servieren kann, denn das vertanzt sich ohnehin alles auf der Zunge." Er holte Luft und ich fiel ihm in's Wort: "Nun mach' 'mal Pause. Falls Du mir nichts anderes erklären willst!"

3. Kapitel

Als der Professor wieder zu sich kam, spürte er einen brennenden und pochenden Schmerz in jedem Teil seines Körpers, den er denn fühlte. Er roch eine intensive Muffigkeit, die ihn an den Waschlappen unter seiner Küchenspüle erinnerte und hatte einen Geschmack im Mund, der jeder Beschreibung spottete und Vergleiche mit nicht verrotteten Tieren verbietet. Langsam öffnete er die Augen und sah dunkle Wände, die durch Feuchtigkeit bedingt Moosflechten über Jahre eine prächtige Heimat boten. Während er den Kopf langsam nach rechts drehte, nahm er zwei Gestalten war, die ausahen, als wären sie von einer sibirischen Kolchose aus mit der Mohrrübe in dieses Kellerverlies gelockt worden. Eine der beiden Gestalten trat an die Liegestatt des Professors, beugte sich über ihn und fragte: "Du wach?"

Der Professor versuchte, die schemenhafte Gestalt des sibirischen Bullen zu erkennen, als dieser ihn nochmal fragte: "Du wach?" "Ich wach" stammelte der Professor und merkte bei diesem Sprachversuch, daß Körperteile innerlich noch mehr schmerzen können, wenn man sie beansprucht. "Wo Ring?" fragte der finster dreinblickende Geselle. "Welcher Ring?" stammelte der Professor, um kurz darauf zu merken, daß ihm seine rechte Wange bislang eigentlich noch nicht geschmerzt hatte. "Welche Ring," schnaufte das dem Raum an Geruch in nichts nachstehende Wodkafaß, "ich gib' Dich welche Ring!". "Mein Herr, ich weiß nicht, wovon sie reden." entgegnete der Professor, um kurz darauf auch einen brennenden Schmerz an seiner linken Wange zu verspüren. "Reden oder tot!" rief der andere Ekelapparat, trat nach vorne und drückte dem Professor seine verschwitzte, mächtige Pranke in's Gesicht.

Kein Buchmacher der Welt hätte nur einen Cent auf diese Geschichte angenommen, dachte der Professor fast lächelnd.....da überlebe ich einen Angriff mit Maschinengewehrsalven und falle, als ich mich schon mit Aloisius auf einer Wolke frohlocken sehe, einer Horde Menschen in die Hände, die unser freundlich gemeintes " 'luja, sog I" mit "Du wach? Reden oder tot ! " umständlich beantworten.
Die Welt muss verrückt geworden sein. Stell Dich lieber bewusstlos, dachte der Professor. Die Pranke des Ekelapparates hatte doch im wahrsten Sinne Eindruck hinterlassen.

Wieder einmal in der Gefangenschaft dachte Prof.Dr. Frederick Hummels. Wo soll das bloss wieder hinführen. Die beiden Ekelpakete hatten sich gerade abgewendet. So blieb ihm Zeit seine Peiniger zu betrachten. Interessant dachte er. Anzüge und Uhren nach dem östlichen Stil. Vermutlich KGB. Mit Sicherheit KGB, denn er verstand einige Wortfetzen in Russisch. Wie um alles in der Welt ist der KGB zu den Informatinen der Ringe gekommen? Die Ringe - auch 1940 kam er deswegen in Gefangenschaft. Und alles nur, weil er der erste Vertraute von Jean Pascal de Valloire ist. 1920 habe ich Jean kennengelernt. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und studierte an der Uni in Edinburgh Kunstgeschichte. Jean war damals schon eine erstaunliche Persönlichkeit. Er sah aus wie 30. Erst später merkte ich, dass Jean nicht alterte. War er auch ein Gefallener oder liegt das Geheimnis doch viel tiefer. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Freundschaft. Bald darauf trat ich den Freimaurern "Diener Christi" bei. Jean war ihr Großmeister. Als ich meine erste Professur an der Uni in Edinburgh antrat bat mich Jean auch die Leitung der Komturei in Edinburg zu übernehmen. Gern nahm ich diese neue Herausforderung an. Aufgrund der Unruhen in Deutschland mußte ich im Jahr 1942 nach Berlin fliegen. Die Komturei in Tempelhof sollte verschlossen werden. Zwar gelang mir dies, ich wurde aber vor meinem Abflug von den Nazis gefangengenommen. Die Qualen und Schmerzen, die man mir zufügte waren unmenschlich. jedoch war ich nicht in der lage etwas zu sagen. Für diese Fälle besaß ich eine mentale Blockade. Ich würde eher sterben als etwas über die Brüderschaft zu verraten. Auch die Nazis waren hinter den Ringen her. Ich habe mich schon damals gefragt, ob die Gefallenen hier nicht dran beteiligt sind. Mit viel Glück entkam ich damals meiner Gefangenschaft. Die äußerlichen Wunden sind zwar verheilt, aber die psychischen Schmerzen verheilen nie.

Ich muss mit den beiden Ekelpaketen reden. Was wissen sie? Und wie kommt der KGB in das Wissen der Ringe? Haben sie vieleicht von den Nazis damals das Buch der Apokalypse erbeutet? Oder stecken hier doch die Gefallenen hinter. Ein toller Name für aus dem Himmel gefallene Engel. Diese müssen als schattenlose Wesenseinheiten ihr Leben auf der Erde fristen. Ab und an können sie mal in Kotakt mit einem Menschen treten. Aber auch nur um Ihnen einen Auftrag zu geben oder leicht zu steuern. Das gelingt aber nur für kurze Zeit, da der "Wirt" erheblich schneller altert. Eigentlich bleibt ihnen als letzter Ausweg nur die verlorene Dimension. So wie die Schönheit vergangen ist - wird sie nun in Luzifers Reich zu einer Karikatur derselben.

"He, Du - wo Dein Boss", rief ich den Ekelpakten zu. "Du geben Ring" "Ich sprechen Boss, sonst nix sagen!". Die folgenden Schläge waren eerheblich stärker als die ersten. Ich wapnete mich innerlich gegen die Qualen.

So räusperte sich der Professor kurz und blickte dem dickeren der beiden kaukasischen Ziegenfickern tief in's Auge, wobei er mit fester Stimme sprach: "Habt ihr eigentlich keinen Wodka?", woraufhin er sofort ein "Doch, haben" vernahm. "Dann paß auf, mein Dawarisch permafrostbebodeter Herkunft: Du säufst mich unter den Tisch und bekommst sofort alle Informationen oder ich sauf' Dich unter den Tisch, und Dein Kumpel holt den Boß. Ganz einfach." Der Professor war sich seiner Gewinnersituation seines klug duchdachten Vorschlages bewußt: Entweder er bleibt alleine mit einer Schnapsleiche oder verbringt einige Stunden im Dellirium. Beide Situationen erschienen ihm erstrebenswerter als der Status Quo.

"Welche Tisch?" war die Antwort. "Egal, soll sich halt Dein Kumpel hinknien, solange" entgegnete der Professor, eine Idee, die ihm noch ein Stückchen ulkiger erschien. "Is gut, mach' Tisch, Iwan" sagte der schmalzgelockte Schwitzkopf und holte einen Karton voller Flaschen. "Trinke Flasche oder Becher?" war die letzte Frage zu den Spielregeln, die -schon aus Gründen der Hygiene- mit "Flasche" entschieden wurde.

Kaum zwei Flaschen später war die dritte Flasche entkorkt und der Schmerz des Professors wurde weniger, die Sprache des mittrinkenden Exilkolchosen schwerer und das kniende Tischchen begann langsam zu meckern, daß das kostbare "Wässerchen" in fremden Kehlen verschwand. Dem Professor, dem ohnehin so langsam alles egal wurde, knallte die Flasche auf Ex, rülpste ausgiebig und lallte: "Nochmal!" Der Russe holte den Rückstand rasch auf und entkorkte zugleich unter seltsamen Flüchen bäuerlicher Prägung die nächste Runde. "Ex oder Depp" lallte der Professor, setzte an und zog durch, wobei ihm sein Gegenüber in Nichts nachstand. Nur das Gemecker des wohl unteralkoholisierten Tischchens steigerte sich über Gebühr, als sein Kumpane bei Runde Sieben beim Rülpsen ihm etwa die Menge eines doppelten Schnapsstamperls auf das Hinterteil spuckte. "Du sauf', nich' spuck'" war die letzte Aufforderung des Tischchen bei Runde Zwölf, kurz bevor der volltrunkene Sparringspartner sich und dem ebenso besoffenen Professor aus der Kiste je eine Flasche Pflanzenöl hervorzauberte, die beide ohne nähere Kenntnisnahme ohne abzusetzen leerten.

4. Kapitel

Man schrieb den 30. Juni 1966. Während beinahe die ganze Welt vor ihren Radio- und Fernsehempfängern auf den Anstoß zum legendären Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in England, dessen unrühmlichen Ausgang und den einzigen Titelgewinn des "Mutterlandes" des Fußballs in seiner Geschichte wartete, lag eine farbige Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den Wehen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie und ihr Mann, der sie allerdings bald verlassen sollte, lebten, hatten sie sich entschieden, ein drGeschehnissen im fernen Frankreich zu tun haben sollte, hatten sich -schon aus Gründen der Zeitverschiebung- in Tokio im Budokan ungezählte Beatles-Fans eingefunden, um einem Live-Konzert beizuwohnen. Da es dummerweise Japaner waren, die des Englischen wenig mächtig waren, entging ihnen mehrheitlich bei diesem Konzert ein bemerkenswertes Vorkommnis: Paul McCartney sang in dem von ihm ebenfalls 1966 komponierten und getexteten "Paperback Writer" in der Zeile "... novel by a man named Lear ..." statt "Lear" mit ungewöhnlicher Betonung den Namen "Donna", um danach feixend das Lied zu Ende zu bringen und im fernen Frankreich den Dingen ihren von ihm sehr wohl bewußt verfolgten Lauf zu lassen.

Zu dieser Zeit saß ich -mittlerweile schweigend- mit Jean nach wie vor bei Fischfrikadellen, Brot und Wein in der Sonne. Im Haus klingelte das Telephon, lange und schrill. "Wo ist der verdammte Hausdiener, wenn man ihn braucht?" rief Jean Richtung Gesindewohnung, er hörte ein Grunzen und die Worte "Komme ja schon." Der traurige Schatten eines Hausdieners, der seine besseren Zeiten wohl gesehen hatte, schleppte sich in's Haus, das Klingeln hörte auf und der Hausdiener rief: "Es ist dieses Schlitzauge, mein Herr." "Und, was will der Japs?" antwortete Jean. Der Hausdiener telephonierte einen Moment und rief dann zurück: "Paul hat sich scheinbar absichtlich verquatscht!"

Ich biss ein wenig verwirrt in eine Frikadelle. Zwischendurch schaute ich in meinen Taschenspiegel. Meine Frisur saß noch recht gut. Ich dachte über Jean nach. Der Jean aus Hamburg war ja ein ganz anderer, als dieser Typ, der jetzt aufgeregt war. Sein Benehmen war unmöglich und wo war bitte der galante Herr, der mir im Hotel Alsterdorf tief in die Augen schaute und etwas von Yacht, Capri und Athen in die Ohren säuselte? Ich schaute an mir herunter. Ich hatte eine gute Wahl in der Boutique getroffen. Mein gelbes Blümchenkleid leuchtete ganz toll. Aber ich war ein wenig unsicher. Das Mittelmeer so blau, Jean's Schiff so weiß und hätte ich da nicht ein weißes Kleid kaufen müssen? Und überhaupt, es wäre eigentlich an der Zeit, wo ein Gentleman vor mir knien sollte und mir einen Brillantring ...  DER RING !!!!!!!  Ich schaute Ring und versuchte nachzudenken. Ich fühlte an meiner Halskette auch das zweite Teil des Ringes ab. Es war noch da. Entsetzt fiel mir ein, daß ich in meiner großen Tasche auch noch Pistolen hatte. Während ich in die Tasche schielte und meine Bestätigung bekam, sah ich im Augenwinkel einen aufgelösten Jean hektisch hin und her rennen. Ich aß die Frikadelle ganz auf. Jean kam zu mir: "Wir müssen los". Ich schnappte mir meine Sachen und rannte hinter ihm Richtung Auto hinterher. Jean drehte sich nach mir um: "Wir müssen fliegen". Ich war ganz erstaunt, blieb stehen und fragte: "Ach, der Yachthafen von Monte Carlo hat einen Flugplatz?"

"Genau, wir nehmen den nächsten Flieger nach Paris. Von dort aus geht es Richtung Tokio."" Aber warum Jean?" fragte ich. "Die Ereignisse überstürzen sich," grummelte Jean vor sich hin. Er riss mir die Tür von seinem Jaguar auf und stieg selber ein. Ein Autorennen durch die Schluchten von Monaco war das letzte worauf ich Lust hatte. Aber Jean lenkte souverän den Wagen. Erstaunlich das sich die Gendarmerie gar nicht an den Wagen störte. "Sehen die uns nicht", fragte ich Jean. "Nein - ich habe den Wagen unsichbar gemacht." "Wie?" "Später, meine Liebe". Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir den Flugplatz. Die Motoren der Maschine liefen schon. Wir hasteten zum Flugzeug und einige Minuten später starteten wir schon. "In weniger als zwei Stunden sind wir in Paris", sagte Jean. Er holte eine Flasche Rotwein aus der Bordbar und gab mir eine Glas zum trinken. Ich denke Du bist schon ganz schön neugierig auf meine Geschichte.

"Mein Name ist Jean Pascal de Valloire. Ich bin zwar banker, aber nur in meiner eigenen Sache. In Wahrheit bin ich der letzte Großmeister der Freimaurer der Diener Christi. Geboren wurde ich 1820 in Paris." "Du siehts aber auch wie 30", anwortet ich. "Als ich Großmeister wurde legte ich vor dem Buch der Apokalypse ein Gelübde ab. Daraufhin wurde mir ein langes Leben gewährt." "Unsterblichkeit," fragte ich. "So, in etwa. Und noch etwas mehr," entgegnete Jean. "Unsere Brüderschaft besteht schon seit sehr langer Zeit. Entstanden ist diese nach der Auflösung der Templer. Einige unserer Brüder sind damals nach Schottland geflohen. Bis hierhin reichte der Arm des Vatikans nicht. Mit den uns verbliebenen Kenntnissen und Ausrüstungen konnten wir hier eine neue Brüderschaft gründen. Die Freiumauerer der Diener Christi. " "Was meinst Du mit Kenntnissen und Ausrüstungen?" entgegnete Donna. ""Verschieden Kenntnisse der Alchemie, der Zukunft und der Magie. Die Ausrüstungen lagen nicht in den verschiedenen Komtureien und wurden nach und nach hierher gebracht. Als wichtigste Kpmturei diente Tempelhof. Hier war und ist eines unserer größten Archive untergebracht. Darüberhinaus wird von hier aus die finanzielle Basis unserer Brüderschaft sichergestellt. Dein ehemaliger Professor leitet unsere Komturei in Tempelhof."

Jean legte hier eine kurze Pause ein und schaute aus dem Fenster, bevor er fortfuhr: "Die alten Tempelritter fanden seinerseits mehrere Bücher. Diese wurden teilweise an den Vatikan veräußert und begründeten die Vormachtstellung. Von dem Buch der Prophezeiungen uns Vorhersagen wurde eine Kopie angefertigt. Diese befindet sich bis heute in unserem Besitz. Das Buch der Apokalypse war fest verschlossen. Es wurde von uns wie ein ganz besonderer Schatz gehütet. Den wenn dieses Buch geöffnet wird, so besagen die Schriften, wird der Untergang der Welt - also das jüngste Gericht - erfolgen. Die Mächte des Guten werden gegen die Mächte des Bösen kämpfen und die Dimensionen werden sich gegenseitig aufheben." "Und wo ist das Buch der Apokalypse jetzt - und die Ringe, was haben die damit zu tun," wollte Donna wissen. "Das Buch wurde uns in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gestohlen. Die Ringe - alles zu seiner Zeit Donna." "Aber sie hängen mit dem Buch zusammen" Jean schmunzelte nur. " Ja sagte er, das gibt es so eine alte Prophezeiung. Sie spricht von einem Ritter und einem zweigeschlechtlichen Menschen. Beide zusammen würden das Buch der Apokalypse endgültig vernichten.""Und" "Alles aufgeben". Jean wurde sehr ruhig. Ich war sprachlos. War ich damit gemeint - zweigeschlechtlich. Ich trank meinen Rotwein aus. Und schenkte mir gleich wieder ein- Jean lächelte mir verschmilzt zu. Er sah verdammt gut aus für sein Alter. Bald darauf erreichten wir den Flugplatz in Paris. Ohne weitere Umstände fanden wir unseren Linienflug nach Tokio. Paul, wenn ich dich in die Finger kriege, dachte Jean.

Wir waren einige Stunden geflogen und hatten bislang lauen Kaffee, eine Art kaugummiartigen Brötchens und eine bunt bedruckte Serviette dazu erhalten, als sich der Kapitän via Lautsprecher meldete: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht nochmal ihr Kapitän. Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, befinden uns zwischen Omsk und Irkutsk und unser linkes Triebwerk brennt." Dann herrschte einen Moment Ruhe, während wir mit einem Blick aus dem linken Fenster uns überzeugen konnten, daß der Kapitän keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. "Da wir das Triebwerk irgendwie nicht löschen können," fuhr die scheppernde Lautsprecherstimme des Kapitäns fort, "werden wir uns ein geeignetes Stück Steppe suchen, um notzulanden." Die Stewardessen im vorderen Flugzeugteil wurden zusehends hektischer. "Bitte beten Sie, daß ich den Vogel nicht in einen Geröllhaufen ramme und folgen Sie nun den Anweisungen des Flugpersonals!"

Die Stewardessen zeigten uns, daß wir uns irgendwie hinter den Sitzen zusammengefaltet hinkauern sollten, verteilten wahlweise Rosenkränze, Kreuze und für die Kinder Gummienten und wirkten dabei aber gelöst. Ich hörte, wie die blonde Stewardess dem schwulen Flugbegleiter zuraunte: "Mit Kapitän Funes bin ich bereits dreimal notgelandet. Er ist ein Meister der Landung ohne Fahrwerk." Der Flugbegleiter schien ihre Worte überhört zu haben, als er zurückfragte: "Hat er Dir auch an den Hintern gegrapscht?" "Nein, ich bin seine Fernostroutenmatratze" war die Antwort.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörten wir das obligate "Ready to crash down" aus dem Lautsprecher, das Flugzeug machte eine scharfe Rechtskurve, um danach mit einem scheppernden Quietschen zu dem sich ein dröhnendes Pochen und ein ächzendes Wummern gesellte, irgendwo in der (vermutungsweise) kasachischen Steppe Bodenkontakt zu suchen. Die Maschine mag wohl einige hundert Meter über den Boden geschlittert sein, um mit einem Boing (was für ein Treppenwitz, es handelte sich schließlich um eine Boing 727) plötzlich zu stoppen. Der Pilot meldete sich erneut über Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, wir haben unseren Zielflughafen um wenige tausende Kilometer verfehlt. Wir haben nunmehr unsere Parkposition erreicht und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Bitte fliegen Sie bald wieder mit Air France."

Der Kapitän trat in die Flugkabine, öffnete die vordere Türe, klemmte sich einige Schachteln unter den Arm und verlies die Maschine. Die Besatzung und die Fluggäste folgten ihm, um vor dem Flugzeug stehend den Kapitän dabei zu beobachten, wie er eine Signalpistole abschoß. "Sie geben mir immer ein paar Schachteln Leuchtraketen extra mit an Bord" sprach der Kapitän in Richtung der Fluggäste, während ihm seine Fernostroutenmatratze immer neue Raketen reichte, die der Kapitän in den Himmel jagte. "Dieses Feuerwerk wird Ihnen präsentiert von Air France" näselte derweil der Flugbegleiter und nestelte dabei am Verschluß einer von ihm mit nach Draußen genommenen Champagnerflasche.

Etwa drei Stunden später war der Kapitän bei der vorletzten Kiste Leuchtraketen angelangt und am Horizont sahen wir eine Fahrzeugkolonne, die sich unserem Standort näherte; bald drauf hörten wir auch das Brummen der Motoren, das uns wie ein Dröhnen erschien, als die Kolonne sowjetischer Militärlastkraftwagen, die von einem ordensbehangenen Kerl in einem Geländewagen angeführt wurde, vor uns zum Stehen kam. Der Christbaum stieg aus, lief in Richtung unseres Kapitäns und rief: "Dawarisch Funes!", worauf unser Kapitän antwortete: "Sie schickt ein um's andere Mal der Himmel!"

Der Kommandeur bedeutete uns, wir mögen uns auf die Lastkraftwagen bewegen und kurz darauf verließ der Konvoi das havarierte Flugzeug. Man brachte uns nach einigen Stunden Fahrt nach Irkutsk, der Konvoi stoppte vor dem "Motel Mamitschka", wo wir gebeten wurden, auszusteigen. Kapitän Funes verabschiedete sich mit Handschlag vom Kommandeur und sagte: "Bis Bald!". Dann drehte er sich zu uns und verkündete: "Diese Nacht im Motel Mamitschka wird Ihnen präsentiert von Air France!" Der Flugbegleiter flötete "Bitteschön", als er uns den Zimmerschlüssel Nummer 33 aushändigte und fügte ein "Da geht's lang" hinzu. Kurz darauf fanden wir uns in einem streng nach Kamelhaardecke, die in der glorreichen roten Armee einem Landser als Fußlappen diente, riechenden dusteren Raum wieder, dessen Inneneinrichtung nach Gulag auf LSD aussah.
Na ja, das Bett ging ja so. Ich hatte allerdings Bedenken wegen weiterer Mitbewohner und bat Jean, doch ein wenig dichter an mich ran zu kriechen. Boah, in den Armen eines Ritters zu liegen, der hunderte Jahre Erfahrung mit den Frauen der Geschichte hatte, ich fühlte mich gut, bekam noch ein Küsschen auf die Wange  und schlief schnell ein.

Die Zimmertür wurde polternd eingetreten. Wir saßen beide vor Schreck senkrecht im Bett. Der kaukasische Fleischklops grinste uns an während er mit einer Maschinenpistole rumfummelte. "Kanone auf Boing gut, nich'?", der Klops freute sich wie ein Schneekönig, "Triebwerk puff, gut schießen". Nun wusste ich, wem wir unsere Notlandung zu verdanken hatten. Die Klops-Gesichtszüge wurden ernster: "Anziehen, laufen vor mir auf Flur". Ich bin noch nie so schnell in mein Kleid gekommen und schnappte mir meine Tasche. Wir liefen vor dem Klops den Hotelflur entlang. Ich stoppte kurz vor einem Spiegel, fummelte meine Frisur zurecht und lief weiter. Der Klops konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Laster schüttelte uns durch, die Nacht in den Höhen zivilisationsfremder Gebiete zerrte an meiner Kraft. Nach einer halben Stunde standen wir, die Maschinenpistole im Rücken, auf einem Hochplateau und sahen mehrere Propellermaschinen neben einem Rollfeld. "Los, zu das Flugzeug gehen", kommandierte unser kauskasisches Übergewicht und zeigte auf eine Maschine. Ich ging neben Jean und schob unauffällig meine Umhängetasche vor meinen Bauch. Ich hatte einen Plan! Ich schielte noch nach Jean, der sofort wusste, was ich vor hatte. Auf einmal wurde ich ja sowas von cool und selbstsicher. Der Griff zu dem kalten Stahl in meiner Tasche, das drehen meines Körpers und das Herausziehen einer Pistole war eins. Unter einem Schuss ins Bein des dicken Stinketieres brach der zusammen und ich drückte ihm noch eine Kugel ins andere Bein - nur vorsichtshalber. Jean entwendete den nun am Boden liegendem Schweißhaufen die Maschinenpistole bevor der noch auf dumme Gedanken kam.

Ich konnte nicht anders. Es war ja wie im Kinofilm und ich musste einfach meine Coolness noch einmal ausspielen. Obwohl schlimmeres hätte passieren können, kniete ich auf dem Oberkörper des Muffelkaukasen, schnupperte ihn an und hauchte ihm "Du waschen, Stinke dann weg" ins Gesicht. Normalerweise ist das eine Situation, wo ich nochmal stehend den Rauch aus der Pistole blasen müsste, meine Sonnenbrille aufsetze und nach einem Pfiff mein Pferd aus der Deckung kommen müsste. Ich fühlte mich richtig gut. Jean lachte über meine Sicherheit. Aber ich konnte da noch einen Draufsetzen: "Hey Ritter, wer fliegt nun welche Maschine?"

Die Propeller dröhnten in luftiger Höhe und Jean konnte tatsächlich ein Flugzeug fliegen. Unter uns wurden die Landschaft immer kleiner. Ich war jetzt eine Heldin, redete ich mir zumindest ein. Jean blickte zu mir herüber. Ich saß auf dem Co-Pilotensitz, klappte meine Sonnenblende herunter und Jean meinte schmunzelnd: "Kein Schminkspiegel". "Wohin fliegen wir nun eigentlich?" wand ich  mich an meinen Kapitän, der nach kurzer Überlegung "Buchara" antwortete. Meinem fragenden Blick folgend ergänzte er: "Eine schöne, alte Stadt, die die Sowjets noch nicht völlig dem Ruin preisgegeben haben." "Und was sollen wir dort?" "Bei Omar-al 'mal wieder eine leckere Kebapplatte verputzen. So wie Omar-al 'nen Hammel zubereitet, gibt es so schnell keinen Vergleich." Jean schnalzte mit der Zunge und mir wurde flau.

Nach einigen Flugstunden erschien am Horizont eine Stadt mit Gebäuden, die goldene Kuppeln trugen, die im Sonnenlicht einen großen Glanzfleck in die unwirtliche Landschaft zu zaubern schienen, ja es schien, als schienen sie. Jean brachte den Flieger auf den Erdboden, er rollte aus und vor uns erschien das Ortsschild "Бухоро". "Wir sind da" bemerkte Jean, worauf mir nur ein "Ach!?" einfiel. Wir stiegen aus der Maschine und liefen in die Stadt.

Nach etwa achthundert Metern schlenderten wir nach rechts in eine Seitenstraße, passierten einen Friseursalon, eine Schafscherstube und ein Geschäft für Kamelzubehör. "Das Haus nach dem sechsten Friseursalon" wies mir Jean den Weg und zweihundert Meter weiter betraten wir eine Kaschemme, in der das Licht schummrig war und die Scheiben statt Gardinen einen Nikotinüberzug bekommen hatten. "Jean!" rief ein älterer Mann, der in eine schmuddelige Kochuniform eingewachsen schien und auf uns zukam. "Omar-al!" rief Jean und beide Männer fielen sich in die Arme. Nachdem sie sich ausgiebig geherzt hatten, sagte Jean zu Omar-al gewandt: "Omar-al, Donna" und in meine Richtung: "Donna, Omar-al."

Wir setzten uns an einen Tisch und Omar-al fragte, ob wir außer Tee etwas zu trinken wünschten. "In Buchara trinken wir zu allem Tee, sogar zum Tee. Deswegen reicht es für gewöhnlich, irgend ein Getränk zu bestellen, man bekommt sowieso 'nen Tee dazu. Und falls das Getränk einmal nicht da sein sollte..." Omar-al legte den Kopf in den Nacken, rollte die Augen und stoßseufzte: "Sowjetzeiten", um fortzufahren "... dann gibt's halt nur 'nen Tee. Wenn man folglich also nur einen einzelnen Tee will, dann bestellt man sich am Besten eine ausländische Spirituose." Jean bestellte ein Bier und ich ein Glas Wein. "Also zweimal Tee" notierte Omar-al. "Und zweimal leckere Kebapplatte, bitte" fügte Jean hinzu. "Mit Tee?" fragte Omar-al. Schnell bemühte ich mich, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen: "Gibt's auch was ohne Hammel?"

Omar-al sah Jean entsetzt an und fragte: "Vegetarierin?" "Um Gottes äh Allahs Willen, nein! Auf gar keinen Fall!" entgegnete Jean. "Also ganz ohne Hammel," fragte mich Omar-al mit großen Augen "so ganz ohne?" "Nun, was gibt's denn sonst noch so?" "Außer Hammel habe ich nur Grünes und Gelbes, wahlweise gekocht oder gestampft." Meine Aussichten schienen heute nicht nur durch die Fensterscheiben des Etablissements nicht die Besten zu sein, also bestellte ich tapfer "Eine Kebapplatte ohne Extra-Tee, bitte. Und 'nen Fernet-Branca." Omar-al notierte eifrig: "Zwei Kebapplatten und 'nen weiteren Tee."

Kurz darauf brachte uns Omar-al die drei Teegläser und wenige Minuten danach schleppte er zwei große Silberplatten an, auf denen jeweils ungefähr ein kleingeschnittener halber Hammel lag, der gebraten und gewürzt worden war und auf dessen Haufenspitze eine schwarze Olive lag. "Hau rein und Mahlzeit!" rief mir Jean zu und begann zu kauen. Ich nahm zaghaft ein kleines Stückchen Fleisch zwischen zwei Finger und biß ein Eckchen davon ab. Jean sollte recht behalten: Es war der verdammt nochmal leckerst gewürzte Berg Hammel, den man auf Gottes äh Allahs Erdboden vorgesetzt bekommen kann. "Noch'n Bier" bestellte Jean, um kurz darauf ebenfalls seinen zweiten Tee zu bekommen .
 
5. Kapitel

Der Professor wurde am anderen Morgen etwas zerknausert wach. Wodka, was für ein Scheißgesöff. Es geht doch nichts über ein paar odenliche Maltwhiskys. Am besten einen schönen Laphroig.Schön torfig. Und dazu noch ein paar Pints Guinnes. Aber so etwas feines kennen die im Osten ja nicht. Die beiden Fleischklöse lagen schnarchend auf dem Boden. Wie dumm nur, dass der Professor noch immer auf seinen Stuhl angekettet war. Er bewegte seinen Stuhl in Richtung eines Agenten und trat ihm mit voller Wucht in die Fresse. Der Tritt zeigte Wirkung. Langsam öffnete der typ seine Augen und Fragte ganz benommen: "Was los hier, will schlafen" "Nix schlafen", rief der Professor. Während dessn wurde der zweite Fleischkloß wach. Bevor er sich versah, wurde er auf seinen Stuhl nach hinten weggezogen. "Ivan, aufstehen", schrie der zweite Typ. Und ivan sprang, wie von einer Hornisse gestochen auf. "Hol Auto, fahren heute noch nach Mütterchen Moskau. Und ruf den Chef an. Sag wir haben Professor. Bringen ihm nach KGB-Zentrale.

Der Professor hatte das Wort "KGB-Zentrale" noch nicht richtig gehört, als vier Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden und mit gestreiften Krawatten sowie verspiegelten Sonnenbrillen in den Raum sprangen. Sie trugen Waffen im Anschlag, der Professor hört zwei Plopp-Geräusche und die beiden Russen lagen mit aufgerissenen Augen rücklings auf dem Boden und hatten beide in der Mitte der Stirn ein kleines Löchlein. Der Professor betrachtete die Männer in ihren Anzügen und sinierte, daß die Idee mit von der einen Seite aus durchsichtigen Spiegeln als Brillenglas ihm nur zu gerne selbst eingefallen wäre. Er blickte kurz zu den Russen und scherzte: "Kuckt 'mal, die haben ein drittes Auge!"

"CIA, Agent Schultz" stellte sich der Größte der Vierlinge vor, "Sie sind unser Mann!" "Jo", sagte der Professor und der Kleinste der Vierlinge trat vor: "CIA, Agent Schlutz, Sie sind unser gefangener Mann." "Achso" entgegnete der Professor, zuckte mit den Schultern und setzte sich. "Darf ich 'mal ihre Brille aufsetzen, Herr Agent Schlutz?" "Gib' sie ihm", bedeutete Schultz, "er soll in seinen letzten Stunden wenigstens ein Bißchen Freude haben."

"Wo bringen wir ihn hin, Schultz?" fragte Schlutz und Schultz antwortete ihm: "Wie wär's mit dem Iran? Der Schah wollte für seinen Folterkeller beim letzten Mal nur drei Kamele und 'ne Jungfrau. Klar, Syrien ist billiger, aber da gibt's wieder nur 'ne Gemeinschaftsdusche. Nein, ich hab's: In Nicaragua schulden sie uns noch Was, nachdem die Deppen in der Schweinebucht vergeigt haben." "Bringen wir ihn erst 'mal in's Quartier nach Grafenwöhr. Während wir ihn dort elektroschocken, können wir ja nochmal überlegen." mischte sich einer der beiden Namenlosen in's Geschehen ein. Schultz und Schlutz sahen sich an, nickten sich zu und griffen von je einer Seite den Professor und schleiften ihn aus dem Gebäude.

Kurz darauf klingelte im fernen Buchara das Telefon. Omar-al verschwand im Nebenraum und bisweilen hörte man ein "Ja, is' gut", dann hängte er auch schon ein und kam an unseren Tisch. Er zeigte auf die verbliebene Olive auf meinem Teller und sagte mahnend: "Aufessen. Gibt sonst schlechtes Wetter." Dann brachte er uns den bestellten Kaffe und zwei Tee, setzte sich zu uns und sagte: "John war am Telephon. Er hat erzählt, er sucht sich jetzt in London eine Schlitzschlampe. In Tokio hätten die beim Vögeln immer so herrlich gequietscht." Omar-al nahm einen Schluck Tee und fuhr fort: "Übrigens, der gelehrte Zausel wird gerade nach Grafenwöhr verlegt, hat Brian Epstein durch John ausrichten lassen."

"Für John weiß ich genau die Richtige," setzte Jean an, "eine absolut untalentierte Japanerin, die sich für eine Künstlerin hält und eine Stimme hat, daß man sie beim japanischen Zivilschutz als Sirene verwenden könnte. Außerdem mag sie komische Brillen und macht im November in London eine -naja- Ausstellung, nein: Sie präsentiert kruden Schrott und kreischt dazu. Beim Sex gibt's Keine, die mehr quietscht." Jean hüstelte kurz und legte nach: "Sie heißt Yonko Onko oder so. ... Ich hab' von ihr gehört". Dann sah er Omar-al an und fragte: "Was ist die langweiligste Stadt bei Grafenwöhr, um dort unauffällig Quartier zu beziehen?" Omar-al überlegte einen Moment und antwortete: "Hof. Moment, Bayreuth ist genauso Scheiße und sogar noch dichter dran." "Bayreuth. Eine der miesesten Städte der Welt, ausgerechnet." entgegnete Jean, sah mich an und rief: "Auf zur transsibirischen Eisenbahn! Wir müssen nur in Nawoi, Urbach, Moskau, Minsk, Warschau, Ostberlin (Hauptstadt der DDR), Berlin und Lichtenfels umsteigen."

Ich staunte Jean fragend an. "Häää, transsibirische Eisenbahn? Kommt gar nicht in Frage. Wir haben doch das geklaute Flugzeug. Das geht in jedem Fall schneller. Und wer auch immer der gelehrte Zausel ist, müssen wir nicht mehr nach Tokio? Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung". Ich dachte auch an das prophezeite Finale mit der Zerstörung des noch fehlenden Buches und überlegte, ob nach dieser glorreichen Tat Jean wohl, in Asche verwandelt, zu Boden fällt weil seine Zeit eigentlich ja schon abgelaufen war. Ein schrecklicher Gedanke. Andererseits dachte ich über Jean's Worte nach. Alchemie, Magie und Zukunft. Ich schielte in meinen Ausschnitt und überlegte mir gerade, welche Vorzüge man aus der Magie doch nutzen könnte. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Jean bemerkte das, grinste auch kurz, wurde dann aber wieder ernst. Ich starrte Jean fassungslos an als er sagte: "Hm, wer auch immer der gelehrte Zausel ist, wir müssen weiter. Wir fliegen zurück nach Deutschland. Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung".

Jipiee, ich hatte mich durchgesetzt. Keine Eisenbahn, sondern Flieger. So lobe ich mir das. Und keine Zeitverschwendungen mehr durch unnütze Schießereien oder andere nervige Gegenspieler. Ja, Gegenspieler, richtig gelesen! Es ist wie beim Schach. Gegner eliminieren, keine Rückschritte machen, den Gegenkönig aushebeln. Während der Autofahrt zum Rollfeld scherzte ich noch mit Jean. "Hey Ritter, wie gefällt dir meine neue Sonnenbrille? Vorhin noch im Laden gekauft. Voll cool die Verspiegelung. Ich sage dir, daß ist der neuste Schrei". Jean lachte und nahm mich in den Arm. "Aha", fotzelte er, "Madame werden eine Kämpferin, ja?" und säuselte mir noch ins Ohr "eine verdammt hübsche Kämpferin". Ich schwebte auf Wolke Sieben. "Echt?" meine Augen leuchteten. Ich war völlig außer Fassung. "Jean, wo sind wir hier?" Doch er öffnete mir die Tür des Wagens. Ich stieg aus und war entsetzt. "Das sieht ja aus wie ein Bahnhof, da sind Gleise". Jean stand vor mir, die transsibirische Eisenbahn kam gerade dampfend in den Bahnhof gerollt.

"Donna, 2380km mit dir in einem eigenen Abteil, 2380km dir nur in deine Augen schauen, 2380km neben dir auf der Matratze ..." Ich hielt meinen Finger auf seine Lippen. "Stop Ritter, ich, äh, ----  ich gebe nach". Wir mussten beide lachen. Na ja, die Sitze vom Flugzeug waren ja auch gar nicht bequem, die Sonnenblende hatte keinen Schminkspiegel und überhaupt, fliegen ??? ... geht gar nicht!"

Im Zug gab es die erste Überraschung, denn wir sollten nicht über Nawoi und Urbach, sondern über Taschkent fahren, wobei uns Niemand sagen konnte, ob wir in Orenburg eventuell auch den Zug zu wechseln hätten. So ist das bei den Sowjets, dachte ich bei mir, sie sind dieses Jahr auf dem Mond gelandet, haben aber nicht 'mal einen Bahnfahrplan. Dann sah ich mir unser Abteil und seine Mitbenutzer genauer an: Jean, der am Gang Platz genommen hatte, saß eine dicke Bäuerin gegenüber, die unablässig in eine große Salatzwiebel biß und dann ausgiebig kaute. Mir gegenüber saß vermutlich ihr Ehemann, der in einem abgeschabten Anzug daherkam und der eine braune Ziege auf dem Schoß sitzen hatte. Zu seinen Füßen stand ein Korb mit Hühnern.

"Toll, Jean," dachte ich bei mir, "das wird ja 'ne richtig romantische Reise." Jeans Gegenüber faßte in einen braunen Leinensack und bot uns Salatzwiebeln an, die wir aus Gründen der Gastfreundschaft dankend annahmen. "Eßt, Kinder, eßt," ermunterte uns die Bauersfrau, gab ihrem Mann auch eine Zwiebel  und wenige Minuten später saßen wir in kauender Eintracht in unserem Viererabteil, nur die Ziege kaute gerade nicht. Als wir die Zwiebeln etwa zur Hälfte gegessen hatten, griff der Mann an seiner Ziege vorbei nach einer irdenen Flasche und fragte: "Wodka?" "Danke, ja" antwortete Jean und der Mann sagte zu seiner Frau: "Hol' Tee dazu."

"Kommen sie aus Buchara?" fragte ich mein Gegenüber und dieser antwortete: "Ja. Sie kennen die Stadt?" "Ich habe dort den leckersten Hammel meines Lebens gegessen" antwortete ich ihm und er weinte vor Freude (oder doch wegen der Zwiebel?). "Wissen Sie, meine Frau und ich, wir fahren nach Ostberlin (Hauptstadt der DDR). Mein Sohn, der Offizier bei der ruhmreichen roten Armee ist, hat uns zu seiner Heirat eingeladen und diese Platzkarten für den Zug geschickt. Deswegen auch die Ziege und die Hühner." Jean blickte auf die Platzkarten, sah mich an und stammelte: "Den Plätzen nach fahren wir bis Ostberlin (Hauptstadt der DDR) gemeinsam. Wir haben also genügend Zeit, uns für die Zwiebeln und das Wässerchen zu revanchieren." "Danke, Jean," zischte ich ihm zu, "daß Du die Schlafwagenreservierung vergessen hast." "Hab' ich nicht. Aber sie haben keinen Schlafwagen, der Fahrkartenverkäufer hat seufzend "Sowjetzeiten" gestöhnt. Aber zwischen Moskau und Minsk soll es einen bestechlichen Schaffner geben, der sein Personalabteil vermietet, nur Geduld."

Die erste Nacht in unserem Abteil verlief recht geruhsam. Nachdem ich mich mit der Ziege angefreundet hatte, diente sie mir als Zudecke, während der Rest unserer Reisegruppe den Spätfolgen des Wodkas vermittels kollektiven Schnarchens hörbaren Tribut zollte. Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege ein Stückchen zur Seite schob und fragte ihn: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?"

Das Ei war tierisch lecker. Ich bat Jean und den Bauern noch, die Plätze zu tauschen. So hatte ich Jean gegenüber und konnte wenigstens, meine Schuhe ausgezogen, ein wenig füßeln. Wir mussten beide lachen, als ich mit meinen Füßen unter Jean’s Hosenbeine ging und diese an seinen Beinen wärmte. Schade, dass da nicht mehr drin war. So vertrieben wir uns die Zeit mit kleinen Neckigkeiten und Spielereien. Jean schaute mich plötzlich interessiert an als ich ihn zwar anschaute aber gar nicht wirklich wahrnahm. Irgendwie blickte ich an ihm vorbei. Ich war tief in Gedanken versunken. Da war noch so ein Gedanke, den ich übersehen hatte und ich ließ mich blenden von dem Leben der Donna. Aber nun ratterte es in meiner Birne. Der Faden des Gedanken, was puzzelte sich denn gerade in meinem Kopf zusammen? Ich zuckte kurz zusammen. Ich war wie elektrisiert. Die Ziege ködelte vor Angst als ich abrupt aufsprang und los schrie.
„IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH !!!!!!!!!!“

Die Bauernfrau und ihr Mann starrten mich an. Dann lachte der Bauer: „Gemüsezwiebel belasten Darm ein wenig, was?“ Ich setzte mich wieder hin. Jean sah mich fragend an. Jaaaaaaaaaa, dachte ich mir, jaaaaaaaaa, das isses! Ich hab’s kapiert. Ein Puzzlestück passt mehr. Mein Ritter machte sich eigene Gedanken. „Donna, ist alles in Ordnung?“ Doch ich antwortete ihm nicht. Ich räkelte mich in meinem Sitz. Meine Beine schlug ich gekonnt über einander und ich wurde schon wieder so was von cool und selbstsicher. Ich fuhr mit meinen Händen durch die Haare und schüttelte sie, so dass ich eine wilde Mähne hatte.

Jean schaute immer interessierter. Er sah eine tolle Schnalle, die ihn provozierte in dem sie ihre Zunge zeigte und damit spielte. Er sah, dass seine Donna die Augen zusammen kniff und ihn scharf anschaute. Jean musste schlucken. Donna spielte mit ihm. Jean wurde aber richtig nervös, als Donna etwas machte, womit er nicht gerechnet hatte !!!

Ich presste die kleine runde Scheibe, die an meiner Halskette hing, zwischen meine Lippen. Dann öffnete ich die Kette, löste sie von der Scheibe und ließ sie in meinen Ausschnitt fließen. Ich nahm die Scheibe in die Hand. „Jean, was habe ich hier in meiner Hand? Hm?“ Ich beobachtete Jean’s Augen. „Ahem“ räusperte sich Jean, „Das ist eine kleine Scheibe mit einem Loch drin“. „Nein Jean, das ist keine Scheibe, sondern ein Achteck!“ Mein Gegenüber wollte mehr wissen: „Ja und?“ fragte er mich. „Hey Ritter, das Material ist Gestein und Grün!“ Jean ahnte, was ich ahnte, „Sprich weiter, Donna“. Meine Antwort kam prompt: „Montezuma lässt grüßen! Jean, das was ich hier in der Hand habe, ist ein aztekischer Kalender. Während meiner Studienzeit in Fort Alamo konnte ich diese Art von Artefakt studieren“. Jean war sichtlich überrascht, dass ich sein Geheimnis lüftete. „Donna, mach weiter“ forderte er mich auf. „Ein Zeitenspiegel, er muss da hin wo er war“. Ich nahm die Scheibe und fummelte ihn in den Ring rein. Ein hörbares Klicken bestätigte meine Vermutung, die nun zur Gewissheit wurde. „Jean, ein Zeitenring, den du mir gegeben hast – und ich kann nicht anders…“ Jean wollte gerade aufspringen um mich zurückzuhalten. Doch es war schon zu spät. Ich berührte mit einem Fuß sein Bein und drehte an der Scheibe ein wenig in Richtung Uhrzeigersinn. Ein Blitz hat sich vor uns auf …



Ich stand auf einer großen Sanddüne und vermutete mich in der Sahara. Mein Kleid flatterte vom warmen Wind. Der Sonnenuntergang war wunderschön, der Himmel und die Luft rot gefärbt. „Donna, ich bin hier“ hörte ich Jean hallartig rufen. Ich drehte mich um – und war begeistert. „Jean, es ist unglaublich! Das da, … „ ich zeigte hinter ihm, „ das da, das ist …“ und Donna sah auf der Südseite des hohen marokkanischen Atlas-Gebirges hunderttausende von gebogenen Spiegeln, die strukturiert ausgerichtet waren, „… das ist die Zukunft!“ sprach Jean für mich weiter. „Ja Donna, nun weißt du um die Magie deines Ringes. Damit können wir in die Zukunft, sowie auch in die Vergangenheit reisen. Wir können die Geschichte erleben, wie einen Film gucken. Aber anfassen oder etwas verändern können wir nicht“. „Jean, wir sollten zurück in den Zug. Ich vermute, dass unsere Körper da einfach starr rum sitzen und das könnte auffallen“. Jean nickte mir zu. Bevor ich den Zeitkalender auf meinem Ring wieder auf die alte Stelle zurückdrehte, versprach ich noch meinem Ritter „Aber mein Ritter, eine große Reise werde ich mit dem Ring später noch machen – eine Zeitreise zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg!!!“



Niemand im Abteil hatte etwas bemerkt als unser Bewusstsein zurück in der Gegenwart war. Jean strahlte mich an. Ich war auch glücklich, doch jetzt brauchte ich nur noch eines – einen Ort, wo ich mit meinem Ritter alleine seien konnte!

Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich nahm die Kette und die daran hängende und zwischen meinen Lippen befindliche Scheibe aus meinem Mund und rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege, die mir bis dahin als Zudecke diente, ein Stückchen zur Seite schob und fragte: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?" "Hatten wir das nicht eben schon?" fragte ich vorsichtshalber nach.

Ja ok, der Schaffner sagte zu uns, dass wir in Orenburg den Zug wechseln müssen. Der Anschlusszug steht aber auf dem gleichen Bahnsteig, es wäre also ganz einfach. in 10 Minuten würden wir übrigens Orenburg erreichen. Es ist wie vom Schiff runter auf das Festland wenn du aus dem Zug torkelst. Für eine kurze Zeit wieder festen Boden unter sich, mir war schon ganz schlecht. Jean stütze mich und wir überquerten den Bahnsteig zum Anschlusszug. Also, nicht das die Leser jetzt denken sollten, hier wird nur ein einfallsloser Roman getippt. Er stand tatsächlich auf einmal vor uns. Ich erschrak und Jean schaute sich panisch um. Der kaukasische Fleischklops stützte sich an Krücken und schaute uns nur an. Es gab aber auch keine Militärs oder KGB-Agenten, die sich jetzt auf uns stürzten. "Wir" waren also nur zu dritt. Ich sprach die Krücke als erstes an. "Hey Agent, wer entschuldigt sich nun für welche Tat?" Der Fleischklops tat aber ganz nachdenklich. "Oh Lady, meine Beine sind schon wieder Ok und wir sind ja irgendwie quitt". Ich war sprachlos, der Dicke konnte ja richtig gut reden und er fügte noch an: "Ich habe übrigens den Auftraggeber gewechselt. Gutes Gehalt, bessere Informationen, coole Dienstausstattung". Zu meinem Erstaunen setzte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Jean lachte als der Dicke weitersprach: "Die Brille ist voll cool, der neuste Schrei". Dann humpelte er mit seinen Krücken von dannen. Ohne sich umzudrehen sagte er noch: "Mein neuer Auftraggeber hat ES übrigens nach Bayern bringen lassen. ES war übrigens die ganzen Jahre seit dem Verschwinden im Lincoln Memorial unter dem Hintern des ollen Präsidenten einzementiert."

Der Schaffner forderte uns auf, den Zug aufzusuchen, ein Pfeifen kündigte die Ausfahrt aus dem Bahnhof an. Die meisten Abteile waren leer. Der Zugbegleiter meinte, wir können uns ganz breit machen und das Abteil für uns nutzen. So schnell hatte ich noch nie eine Tür zugezogen und die Vorhänge verschlossen. "Hey Ritter, ich entschuldige mich schon mal für den Knutschfleck an deinem Hals". "Donna, ich habe doch gar keinen Knutsch ....", weiter kam er nicht.

Ich hatte mich gerade in Jean verbissen und er sich in mich, da öffnete sich die Abteiltür und der Bauer, die Bäuerin, die Hühner und die Ziege standen in unserer Sicht. Wir bedeuteten unseren Wunsch, alleine sein zu wollen und der Bauer verabschiedete sich -jedenfalls für den Moment- mit der Drohung: "Machen wir später Frauentausch? Wenn meine Frau nicht gefällt, gebe ich gerne auch die Ziege." Dann schlossen sie die Türe und wir hatten wieder unsere Ruhe.

"Wo waren wir liegen geblieben?" fragte Jean und ich biß ihm erneut in den Hals, während Jean mit seinen Fingern in der Nähe meiner Ohren herumstocherte. Mal sehen, ob er auch andere Körperöffnungen suchen wird, dachte ich bei mir und faßte ihm in den Schritt. Ein massives metallisches Gerät tat sich in meiner Hand auf und ich sah Jean fragend an: "Ein Keuschheitsgürtel?" "Eine Prothese," antwortete Jean, "Du vergißt mein biologisches Alter." Während Jean verwirrte Blicke abbekam, kicherte er kurz und führte fort: "Verdammt, bist Du leicht verwirrbar. Mediziner nennen das, was Du in der Hand hast, einen erigierten Penis. Mein letzter Sexualverkehr war zu Zeiten der Weimarer Republik. Bin einfach nicht mehr dazu gekommen, dabei folglich noch weniger. Naja, alle zehn Jahre nehme ich das selbst in die Hand." Ich nahm Jeans Hände, entfernte seine Finger aus meinen Ohren und begann, ihm die Hose zu öffnen.

Kaum drei Tage später hatten wir Bayreuth erreicht.

Ich wusste nun um die Region des Showdowns und eine Freundin, sich sich noch melden wollte, könnte hier sicher einiges dazu beitragen. Außerdem wird das Buch der Apokalypse, bevor es zerstört wird, noch genau erforscht. Kann ja sein, dass da noch eine Zauberformel drin ist, so dass Jean, also ein Jungbrunnen wäre ja übertrieben, aber ... und vielleicht noch ein paar Zaubertipps für en femme Add-Ons so oder irgendwie, üppige Ausstattung eben.

Jedenfalls hatten wir (Gott sein Dank endlich) Bayreuth erreicht, wenngleich die Menschen normalerweise Gott zu danken pflegen, wenn sie Bayreuth verlassen dürfen.

Wir traten aus dem Bahnhof und ich verspürte nach der ganzen Plörre im Zug den dringenden Wunsch, endlich einen richtigen Café zu trinken. Ein Blick nach links und dort war ein kleines Café mit Konditorei, wohin ich Jean zu ziehen versuchte. Jean wehrte kurz ab und sagte: "Beim Döring ist die Auswahl immer recht bescheiden, gehen wir um's Eck zum Oetter." Wir liefen einige Meter, und sahen ein Café, vor dem noch einige Plätze in der Nachmittagssonne zum Verweilen einluden, wenngleich die umliegenden Häuser gerade keinen besonders heimeligen Eindruck machten. Als die Bedienung kam, bestellte Jean "Zwei Kaffee, bitte," worauf die Bedienung umgehend auf ein Schildchen auf dem Tisch verwies: "Draußen gibt's nur Kännchen!" "Dann eben zwei Kännchen," und die Bedienung schlich von dannen.

"Woher kennst Du eigentlich Bayreuth so gut?" fragte ich Jean und stützte mein Kinn auf seinem Handrücken auf. "Wegen der Festspiele," entgegnete Jean "die dort oben, an der Post vorbei noch 'nen Kilometer weiter in den nächsten Tagen wieder beginnen. Dieses Jahr geben sie wieder den Tannhäuser, den ich zuletzt 1930 unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini in einer Inszinierung von Siegfried Wagner gesehen und gehört habe. Besonders blöd ist die Stelle, wo der Sänger auf die Bühne kommt und 'ne Viertel Stunde gröhlt: "Mein Heil liegt in Elisabeth!". Soll der halt seinen Mist nicht überall rumliegen lassen."

Schon kamen unsere beiden Kännchen, die Bedienung stellte sie ab und sagte: "Wenn's an Ku'gn mög'n, müß' geh' nei!" "Was sagt sie?" fragte ich Jean und Jean übersetzte: "Fall Du Kuchen magst, müßtest Du ihn Dir drinne aussuchen." "Nein Danke," sagte ich der Bedienung, aber ob der demnächst hier stattfindenden Versammlung von Wichtigtuern auf dem sobezeichneten grünen Hügel fügte Jean grinsend hinzu: "Sie hätte gerne noch 'nen Tee zum Kaffee, wissen Sie: Das hat sie sich in Buchara so angewöhnt." "Wos mit Bücha?" antwortete unser blondierter und dauergewellter Sonnenschein mit Schürzchen, "des is' nix für mi." Dann dackelte sie ab und brachte ein Kännchen Tee, in dem ein Teebeutel traurig seine Runde schwamm und dünne Fadheit erzeugte. Jean stand auf, verschwand in der Konditorei und kehrte mit einem Gebäck zurück, das als eine Hülle mit Puderzucker bestäubt erschien, die innen vollständig mit geschlagener Sahne gefüllt war. Auf meine großen Augen entgegnete Jean: "Ein Windbeutel" und veranstaltete sofort ein wüstes Tellergemetzel, aus dem er als (ob der Sahne) angeschlagener Sieger hervorging.

6. Kapitel

Während in Bayreuth noch ein Windbeutel gemetzelt wurde, hing einige Kilometer entfernt der Professor seit nunmehr ebenso einigen Tagen am Dauerstrom. Schultz und Schlutz konnten sich bislang nicht einigen, wohin mit ihm, so daß sie ihm wechselseitig alle Stromarten und Stromstärken, die ihnen so einfielen, durch den Körper jagten. Der Professor selbst sah optisch mittlerweile aus, wie eine Mischung aus Grill-, Räucher- und Dörrfleisch und aus seinen Ohren stiegen kleine, weiße Wölkchen auf. Schultz sagte zu Schlutz: "Kuck' 'mal, weiße Wölkchen. Da wurde wohl ein neuer Papst gewählt." Schlutz entgegnete: "Warum habe ich bei dem Geruch hier immer das Bedürfnis nach 'ner Bratwurst?"

Jean bestellte noch einen Kaffee und wollte seiner Donna noch etwas erzählen, stockte aber. Seine Donna schien ihn gar nicht zu hören. Jean schaute auf ihre Sonnenbrille, konnte aber die Augen nicht erkennen. War sie wieder in Gedanken und würde gleich schreiend aufspringen, so wie im Zug vor ein paar Tagen? Sein Blick glitt auf ihre Hände herunter. Jean sah, dass der Mittelfinger ihrer rechten Hand auf der Scheibe des Ringes lag. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass Donna die Scheibe ganz leicht hin und her drehte. Donna war auf Zeitreise. Der Kaffee kam und die Serviererin bemerkte nichts. So trank Jean seinen Kaffee und wartete bis Donna fertig war. Ein Zucken ihres Körpers und ein Blick auf Jean verriet ihre Rückkehr in die Gegenwart. Dann sprang Donna auf. "Jean, wir müssen ein Taxi finden, er lebt noch!"

Die Agenten Schultz und Schlutz wollten gerade nach einer Kaffee-Pause dem Professor eine finale Durchstömung verpassen, da wurde die Tür des Folterraumes geöffnet. Donna zielte mit beiden Pistolen auf die Beine der Folterknechte und drückte je zwei mal ab, worauf diese auch wie gewünscht zusammen brachen. "Gute Treffer" konnte Jean lobend erwähnen. Neben dem noch angeschnalltem Professor sah Jean ein Telefon und während Donna den völlig erschöpften Professor los machte, wählte Jean die Notrufnummer.

Der Stationsarzt der Intensivstation versprach, den Professor gut zu pflegen. "Die Brandwunden werden wohl zu Narben, aber Hauptsache, die Gehirnfunktionen ist nicht geschädigt". Vor dem Krankenhaus wartete inzwischen die vom Arzt gerufene Polizei. Aber niemand bemerkte, dass ein Paar das Krankenhaus durch den Hintereingang verließ.

"Nach dem Geruch habe ich Bock auf Bratwürste und ein Beck'n," verkündete Jean und ich verbesserte ihn "Beck's." "Nein, Beck'n. Nach dem Traditionsrezept von Konrad Lang. Auf nach Büchenbach bei Pegnitz!" "Und wie kommen wir dort hin?" "Laß' uns Porsche fahren. Die schönste Art, was was von der Landschaft zu sehen. Da drüben steht so ein Ding." Wir liefen auf einen Traktor zu, Jean grinste und zeigte auf den Schriftzug auf der Motorhaube, wo in goldener Schrift "Porsche" stand.

Jean startete den Diesel und gemächlich tuckerten wir über Land, durch Wiesen, Felder und Wälder, vorbei an Weilern und durch Dörfchen, bis wir schließlich Büchenbach erreichten. Vor der kleinen Brauerei standen -für ein Dorf um diese Uhrzeit jedenfalls- ungewöhnlich viele Motorräder, die mir sittsam bekannt vorkamen. "Jean, ich glaube, die Fahrer dieser Maschinen kenne ich. Mich wundert nur, daß sie hier sind und nicht an 'ner Tanke."

Wir betraten das Lokal und selbstverständlich war es gut gefüllt mit meinen Rockern, die hackestramm mit gläsernem Blick in meine Richtung sahen und "Ey, Sers!" riefen. "Was macht ihr denn hier?" fragte ich unbedarft und der Rockervorsteher lallte: "Wenig Tanken in der Gegend hier. Aber unglaublich viele Brauereien. Also brüllen wir jetzt statt "Tanke" "Brauhaus" und gehen dann gepflegt schütten. Wo warst Du eigentlich neulich auf einmal?" Ich erzählte einige belanglose Schwänke aus den vergangenen Tagen, die Rocker knallten in der Zeit vier halbe Liter Bier und als ich fertig war, erntete ich ein allgemeines "Stark, ey!" Ein älterer Mann auf dem Dorfe blickte mich mit alkoholgefüllten Augen an und seufzte: "Nach Buchara wollt' ich auch 'mal. In Stalingrad mußte ich meine Reise aber abbrechen. Wurde zu kalt und außerdem ist uns das Benzin ausgegangen."

Der Rockerchef blickte nun auf Jean und fragte: "Wo kommst Du eigentlich her, wenn Du schon so heißt wie meine Hose? Ami? Aus Grafenwöhr?" "Nein, nein," wehrte Jean ab, "meine Eltern waren frankophil." "Viele Franken?" war die Antwort, "Nein, sie standen halt auf Frankreich." "Frankreich, schönes Land," knarrzte der ältere Mann hinter dem Bierglas, "da war ich auch 'mal. In Paris ist uns der Champagner ausgegangen. Und weil ich dann einen Schäferhund getreten habe, durfte ich mir raussuchen, ob ich nach Buchara oder Kairo möchte. Und Afrika hatte ich keine Lust, trotz dem Rommel. Dem ist nämlich nie der Schnaps ausgegangen, dem alten Wüstenhund."

Totenstille herrschte im Saal und alle starrten auf eine Donna, die erst in Gedanken war, kurz zusammen zuckte um anschließend brüllend aufzuspringen. Jean wollte die Situation noch retten und sagte in die Runde "Das hat die öfters, liegt an den Hormonen". Ein schallendes Gelächter zeigte eine sturz betrunkene Truppe, die sich wieder ihrem Biere hingaben. Jean schaute mich an "Donna, was ist los mit dir?"

Ich wusste nun Bescheid. Wie blöd konnte ich sein, die einfachsten Dinge nicht zu bemerken. "Jean, ihr habt mich angelogen. Ihr gehört alle zusammen. Die Ritter des Wasauchimmers mögen mir erzählen was sie wollen. Tatsache ist, dass ihr nicht das Original des Buches der Apokalypse habt, sondern nur ein - Plagiat." Jean staunte nicht schlecht über meine Analyse. "Ach, ich habe also schon das Buch und Frau Doktor Superklug hat eine eigene Vision darüber und glaubt, mich durchschaut zu haben, ja?" Jean versuchte noch die lächerliche Schiene, kam aber nicht wirklich überzeugend rüber. Ich rückte ganz dicht an ihn ran und starrte selbstsicher in seine Augen. "Ja, mein Herr Ritter, ich habe eine eigene Version und schon bald werde ich dir zeigen, was du schon erfolglos versucht hast". Jean schluckte und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. "Donna, wir sollten einen Spaziergang machen und ich bin ganz Ohr, was du mir erklären willst".

"Besorg' erst 'mal 'ne richtige Karre," bedeutete ich Jean, "dann fahren wir Richtung Kulmbach, genauer nach Guttenberg. Der Name des ehemals erblichen Reichrats und Diplomaten Maximilian aus diesem Dörfchen könnte Dir doch etwas sagen, oder?" Jean schluckte und kleine Schweißperlen begannen, seine Stirn hinunter zu rinnen. "Oder Wolfgang, der ehemalige Ordensritter?" Die Schweißperlen wurden größer. "Wie hieß nochmal der Domherr, der aus diesem Dörfchen kam?" Jean rann der Schweiß in Bächen von der Stirn und er atmete schwer, rang nach Luft und presste hervor: "Sie sind oder waren die Hüter des Buches, die aus Guttenberg." "Nein," war meine Antwort, "die Hüter des Plagiats."

"Wie kommst Du darauf?" fragte Jean. "Laß uns fahren und Du wirst sehen." Jean sah sich eine Weile im Dorf um und zeigte auf ein Fahrzeug: "Der neue Opel Rekord, fahren wir." Nach wenigen Sekunden hatte er das Fahrzeug geöffnet, kurzgeschlossen und wir fuhren Richtung Kulmbach. Ich drehte am Radioknopf und wir hörten aus dem Lautsprecher: "Marmor, Stein und Eisen bricht." "Bei diesem Lied könnt ich auch brechen," entfuhr es mir und ich drehte am Senderrad, bis aus dem Radio "Paperback Writer" von den Beatles ertönte. "Ausgerechnet!" fluchte Jean. "Paul ist mein Freund," flötete ich und begann, mitzusingen.

Nach kurzer Fahrt über die Landstraße kamen wir zur Autobahn. Mit dem Porsche war es nicht möglich gewesen, diese zu benutzen. Jedoch schon nach wenigen Kilometern, wäre mir eine weitere Fahrt mit dem Traktor lieber gewesen. Die Betonplatten des Straßenbelages versetzten den Rekord in eine Art Schaukelbewegung. "plop plop plop" begleitete ich das Geräusch der Reifen. Jean erklärte mir daß bei der Planung der A3 eben schon darauf geachtet wurde, daß irgendwann auch schweres Gerät Richtung Osten verbracht wird. Mit dieser Belastbarkeit konnten sonst nur Pflastersteine konkurrieren. Erfreulicher Weise hatte nach etwa einer Stunde die unangenehme Massage meiner Rückenwirbel und meiner Nerven ein Ende. "Hier müssen wir runter", erklärte Jean, "Kulmbach 24KM" stand auf dem ersten Wegweiser nach er Ausfahrt, und darunter "Himmelkron 3KM". "Ach ja", wies mich Jean hin, "da machen wir noch einen kurzen Halt, in Himmelkron". Ich rutschte mich auf dem, extrem nach Kunststoff riechenden, Sitz wieder etwas höher. "Was willst du den dort?" fragte ich erstaunt. "Wirst schon sehen" wimmelte er meine Frage ab.

Vor einem alten Klostergebäude, mit angebauter gotischer Kirche stellte Jean den Motor ab. "Komm mit," bat mich Jean, "ich brauche deine Hilfe". Willst du beten, oder gar beichten?", fragte ich etwas verschmitzt. "Erzähle bloß nichts von dem Schlafabteil", meine Mundwinkel wanderten nach oben, "das versteht ein Pfaffe sowieso nicht, was ich mit dir in den beiden Nächten gemacht habe" . Er führte mich in eine kleine Kapelle, deren spitzbogige Türe sich im Klosterhof befand. Gruselige Sandsteinfiguren säumten den Eingang. Die Decke des sehr eng bemessenen Inneren war durch ein Kreuzgewölbe gestützt. Hinter dem Altartisch eine weitere gotische Türe, auf die Jean sofort zusteuerte. Ich erstarrte, als ich erkannte was sich dahinter verbarg. Vier aus Holz prachtvoll geschnitzte Särge, die Zwei mal Zwei angeordnet waren. Auf den Deckeln hatte der Schnitzer wohl die Männer, die darin liegen sollten, in Harnisch oder Rüstung verewigt. "Friedrich Christian, das ist der richtige," flüsterte Jean etwas aufgeregt, "hilf mir"! Zusammen schoben wir den schweren Eichendeckel zur Seite. Sofort erfüllte sich die Gruft mit einem Geruch, der an die Küche einer schlecht geführten Gaststätte erinnerte. Ich vermied es Anfangs, ins innere des Schreines zu blicken. Erst als Jean etwas herauszuholen schien, überwog meinen Neugierde die Abscheu . "Das ist eine Richtige," brüstete er sich stolz, " die streut gut" . Er hielt eine prunkvoll , mit gravierten Silberblechen verzierte, Pistole in der Hand, deren riesig Lauföffnung mich irgendwie an ein einzelnes Horn einer Schalmei erinnerte. In der anderen Hand hielt er ein kleines Hörnchen mit Silberspitze, und ein Ledersäckchen. Mit richtiger Knarre hatte ich zwar etwas anderes gemeint, aber besser als nichts, dachte ich. Wir schoben den Deckel wieder etwas zurecht, und verließen diesen schaurigen Ort.

Wieder zurück im Wagen angekommen wickelte er dieses antike Schmuckstück in die Jacke, die auf dem Rücksitz lag. Bis Guttenberg war es nicht mehr weit, deshalb wollte ich die kurze Zeit der Fahrt nutzen, um zu erfahren, woher er von der Beigabe wußte. "Die Linie derer von Brandenburg-Bayreuth ist offiziell mit dem Tod des letzten Markgrafen Friedrich Christian 1769 ausgestorben", erklärte mir Jean. "er war mein Urgroßvater!" Danach blieb er, etwas in Gedanken versunken, still, bis rechts das Ortsschild vorbei huschte: "Guttenberg".

Jean stoppte den Opel vor einer Telefonzelle. Er entschuldigte sich für ein paar Minuten und ich sah in der Telefonzelle einen wild artikulierenden Jean, der mehrfach telefonierte. Nach den Gesprächen setzte er sich wieder in den Wagen und startete den Motor. "Donna, ich habe alle zusammen gerufen, wir treffen uns gleich". Aha, dachte ich, es geht los. Wurde auch Zeit. Ich war mehr als neugierig auf das Buch - auf das Plagiat. Wir hielten in der Dunkelheit und betraten ein altes Gebäude.

"Jean?", "Ja, Donna?", "Jean, wir befinden uns in einer - Kirche". Jean runzelte die Stirn, "Ja richtig, ich finde den Ort der Zusammenkunft passend" und er fügte noch an "Die Anderen sind auch da". Ich sah im hinteren Kirchenbereich unter der Kuppel ein Haufen alter Männer, alle fast gleich gekleidet. Jean schaute mich entsetzt an, "Donna, warum hast du deine Schuhe ausgezogen?" Ich blickte an mir herunter, sah meine Füße. Ich schaute stumm zurück, entdeckte meine Schuhe an der Eingangstür. Warum hatte ich meine Schuhe ausgezogen? Ich wusste darauf keine Antwort, ging zurück und zog die Schuhe wieder an. Wir gingen nach vorn zum Altar. "Jean, ist das nun der Augenblick wo du das Buch hervor holst?" Ein Raunen der alten Männer ging durch ihre Reihen.

Jean ging zu einer Kiste und nahm ein großes Buch heraus. Es war nicht das Buch, welches ich erwartet hatte!!! Er legte es auf den Altar und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt. "Ich gebe es zu, wir haben es nicht geschafft, das Rätsel dieses Buches zu lösen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir wissen nur, dass es zerstört werden muss".

Ich las die Schrift auf dem Buch, erkannte die Zeichnungen und Symbole. "Ah, alt-phönizische Schrift", analysierte ich und blickte zu Jean herüber. "Mein Ritter, dieses Buch mag voller Magie und Geist sein und es erzählt bestimmt auch von dem Unheil über die Menschen, aber keinesfalls ist dieses Buch eine Gefahr für den Menschen selbst". Jean und die Männer schauten sich fragend an. Einer der Männer trat hervor, hob warnend einen Zeigefinger, "Dieses Buch ist verflucht, es ist das Buch der Apokalypse" sagte er. Ein zustimmendes Nicken der anderen Männer unterstütze seine These.

Die Kirchentür wurde plötzlich weit aufgestoßen und wir drehten uns alle um. Ein Krankenpfleger schob den Professor in einem Rollstuhl durch die Tür. Der Professor schien mir gut gelaunt und ich war froh, meinen ehemaligen Mentor so gesund zu sehen. "Hallo Anwesende", rief er uns herüber, "Ich komme also noch nicht zu spät". Jean wollte von dem Professor eine Bestätigung haben, "Professor, du meinst, du kannst gerade noch Donna von einer Unglückstat zurückhalten?" Der Professor entgegnete "Nein, ich will dabei sein wenn Donna das Buch öffnet!"

Das Raunen der Männer wurde lauter. Ich persönlich fühlte mich aber gut. Offensichtlich hatte ich als Einzige die Möglichkeit, das Buch zu öffnen. Schließlich erkannte ich, wem Buch das einmal gehörte. Ich war mir jedenfalls ganz sicher. Ich wollte gerade die Männer beruhigen, "Meine Herren Ritter und Gäste, ich möchte sie bitten, ..." weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Die beiden Polizisten von dem Krankenhaus-Einsatz stürzten in die Kirche. Sie hielten ihre Pistolen auf uns gerichtet und riefen "Alle die Hände hoch". Wir rissen unsere Hände in die Höhe bis auf den Professor, der auf die Polizisten einredete. "Meine Herren, ich bin nicht entführt worden und das hier sind alle meine Freunde". Ein "Achso, na dann .." eines Polizeibeamten ließ uns vermuten, die Hände könnten wieder herunter genommen werden. Die Stimmung beruhigte sich wieder.

Aber einer der Ritter trat hervor und warnte die Polizisten, "Diese Frau will das Buch der Apokalypse öffnen!" Die Polizisten schauten sich gegenseitig fragend an, "Ach, das Buch wurde vielleicht aus einem Museum gestohlen?" Einige Sekunden war alles still bis einer der Polizisten losbrüllte: "Alle die Hände wieder hoch". Wir waren etwas genervt und der Mann mit dem losen Mundwerk erntete strafende Blicke. Doch der Professor beruhigte ein weiteres mal die Ordnungshüter, "Meine Herren, das Buch wurde auch nicht geklaut und es ist alles in bester Ordnung". So konnten wir nun endlich die Hände wieder herunternehmen und ich fragte in die Runde, "Kann ich jetzt endlich anfangen?" "Meine Herren Anwesende, ich möchte mich nun dem Buch widmen und ihnen einiges dazu ..." weiter kam ich nicht.

Polternd knallten beide Kirchentüre an die Wand und der kaukasische Meat Loaf stürzte in die Kirche, "Ich mache den Trauzeugen!" Ein allgemeines, raunendes "Oh Nein!" machte die Runde. Ich strahlte unseren New Special Agent aber an und rief ihm rüber, "Soweit sind wir noch nicht".

Der kaukasische Klops sah das Buch und war ganz erschrocken, "Das Buch, das Buch" rief er. Einer der Polizisten meldete sich zu Wort und blickte Meat Loaf an. "Was ist denn nun mit dem Buch, wurde es geklaut?" Ein einhelliges "Nein!" aus der gesamten Runde zeigte, dass nun Schluss mit Hände-Hoch-Lustig war und alle Anwesenden sich nun auf das Buch konzentrieren wollten. Ein polizeiliches "Ja Ok" gab mir die Freiheit, meine Rede um das Buch zu beginnen.

Ich blickte in die Runde, "Können wir?" und alle verstummten um meinen Worten zu lauschen. "Meine Herren Anwesende, dieses Buch ist eindeutig ein - Original, keine Kopie und außerdem bisher sehr gut versteckt worden. Dieses Buch ist ...", weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Ein Pfarrer stand uns gegenüber, "Habe ich einen Hochzeitstermin verpasst?" Alle waren irgendwie voll abgenervt. Nur der Professor meinte amüsiert "Der Trauzeuge ist auch schon da". Ein schallendes Gelächter machte die Runde. Ich musste zur Ordnung rufen, klärte den Pfarrer kurz auf und führte meine Rede weiter.

"Dieses Buch, meine Herren, ist keinesfalls böse und schon gar nicht ein Buch der Apokalypse. Dieses Buch ist uralt und die Worte wurden geschrieben aus der Hand vom Apostel Johannes persönlich !!!"

Totenstille herrschte in der Kirche und der Pfarrer kippte nach hinten weg. Während er so am Boden lag, erklang vor der Türe das Geräusch eines landenden Hubschraubers. Kurz darauf öffnete such die Tür und Paul Mc Cartney betrat den Raum, kam nach vorne, küßte mich auf die Wange und sah auf das Buch. "Endlich," sagte er "darf ich 'mal, bitte?" Er öffnete den Buchdeckel, blätterte einige Seiten durch und intonierte dann mit dem Finger unter verschiedenen Schriftzeichen: "Ob la di. Ob la da." Er wiederholte ein paar Mal "Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da." Dann begann er, zu summen und schließlich sang er "Ob la di, ob la da, live goes on bra," zeigte auf meine Brüste und grinste, "la-la, how the live goes on. Ob la di. Ob la da, live goes on bra, la-la."

"Klingt interessant," sagte ich, "noch mehr Musik drin?" Paul blätterte eine Weile, dann las er "Hubbbbba, hubbbbba, hubbbbbba, hubbbbba, hubbbbba
Neun, Hubbba." Er sah mich fragend an und meinte: "Klingt mehr nach Scheiße für John, fällt mir keine Musik zu ein." Er blätterte noch ein wenig lustlos durch das Buch, sah mich an und sagte: "Sieh zu, daß es nicht in falsche Hände gerät. Ich muß dann 'mal weg." Er küßte mich auf die Wange und verließ singend den Raum: "Ob la di. Ob la da, live goes on bra..." Draußen hörten dann wir den Hubschrauber starten und schließlich abheben.

Kurz darauf kam der Pfarrer wieder zu sich, sah sich um und fragte: "Habe ich etwas verpaßt?" Der Professor antwortete profan: "Ein Gastspiel von Paul Mc Cartney. Hat aber nur ein einziges Lied aus dem Buch vorgesungen. Ohne Begleitung." Der Pfarrer stöhnte "Nackt auch noch?" und sank wieder in sich zusammen.

Jean sah mich an und fragte: "Ein apostolisches Gesangsbuch?" Der Professor mischte sich ein: "So ähnlich. Johannes hat in seiner Freizeit alle möglichen Silbenkombinationen abgearbeitet, so daß letztlich auch jedes Lied, wenn man mit dem Buch zu kombinieren versteht, herauskommt. Schau' hier," der Professor nahm das Buch, öffnete wahllos eine Seite und las vor: "In a ga da da vi da. Eine interessante Textzeile. Oder schau' diese Silbenfolge: Wa de ha de du de da. Klingt nach deutschem Kinderlied." "Faszinierend," sagte Jean, "dann können wir ja alle Komponisten auf Plagiat verklagen?" Der Professor sah Jean an, blickte zu mir und meinte, ich solle es ihm sagen. "Das Urheberrecht ist längst abgelaufen, Jean. Nichts zu machen."

Jean blätterte in dem Buch, er schien zunehmend verwirrt. "Wenn ich es recht verstehe, ist jeder Liedtext auf der Welt ein Plagiat, wenn man den Johannes richtig lesen kann?" "So ist es, Jean," antwortete der Professor, "jedes Lied auf diesem Planeten ist von Johannes längst vorweggenommen." Der Pfarrer erwachte wieder und räusperte sich. "Egal, was sie jetzt sagen wollen, Hochwürden," setzte Jean an, "geben sie sich keine Mühe, es steht sowieso bei Johannes." "Na und, jetzt wird geheiratet," sagte der Pfarrer, sah mich an und fragte: "Sie sind die Braut?" "Wie oft denn noch," antwortete ich, "hier wird nicht geheiratet, jedenfalls jetzt nicht und ich nicht." "Was wollen sie dann alle hier?" fragte der Pfarrer "hier ist ja mehr los, als bei meinen Sonntagspredigten."

n/v
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Das römische Artefakt

1. Kapitel


Ich fand meine Idee, mich einfach mal als Frau zu stylen und in Hamburg mein erstes Going-out zu wagen, super gut. Ich hatte sogar meine Hippie-Mähne ladylike umstylen lassen. Auch mein neuer Name Donna passte gut zu mir. Na ja, 1966, wenn nicht in diesem Jahr, wann sonst und wir hatten wir ja alle die wilde Haarpracht.

Die Party in Hotel Alsterdorf war auch gut. Jean, der Banker, ein toller Mann, den ich da kennen lernte und der mich restlos verzauberte, ließ mich romantische Frauenträume erleben.
...

Ich weiß nicht, warum ich jetzt in meinem VW Käfer sitze und Richtung Côte d'Azur fahre. Ich schaute auf den hübschen Ring, den Jean mir in der Nacht aufsteckte. Ein wenig merkwürdig war das ja schon, was er mir da sagte. Sonntag um 11:00 Uhr sollte ich auf der obersten Treppe vor der Kathedrale von Marseille sitzen und ein gewisser Roger würde mich dann zu Jean's Yacht bringen. Eine Mittelmeer-Reise hatte er mir versprochen.

Egal, ich fühlte mich gut. In meinem Boheme-Rock und gelbem Top sah ich Klasse aus und der neue Song von den Walker Brothers aus meinem Radio ließ mich erst gar nicht auf ernste Gedanken kommen - The Sun Ain't Gonna Shine Anymore ...

Die Wahrheit des Liedtitels schien mich schneller einzuholen, als mir lieb war: Eine dunkle Limousine tauchte hinter mir auf, am Steuer ein kaukasisch dreinblickender Fleischberg, der gestern ein hitziges Wortgefecht mit Jean hatte, kaum hatte er mir den Ring angesteckt. Mir fallen seine Worte ein, die Jean mir beim Anstecken des Rings in's Ohr flüsterte: "Achte gut auf den römischen Artefakt!"

Eigentlich hatte ich diesen Worten keine Bedeutung zugemessen, bis auf den kleinen Gedanken dabei, warum er "den Artefakt" und nicht "das Artefakt" sagte. Zwischen Blicken in den Rückspiegel und den Fleischklops an meiner Heckstoßstange und den Versuchen, die großbusige Blondine im NSU vor mir genauer zu mustern, sah ich mir den Ring genauer an. Irgendetwas an diesem Ring ließ mich auf einmal an der Echtheit des Steines zweifeln. Also versuchte ich, mit dem Stein die Seitenscheibe anzuritzen, was dazu führte, daß der Stein zerbröselte und ein kleiner Gegenstand auf die Fußmatte fiel.

Im Radio schwafelte mittlerweile irgendein zu Recht unterbezahlter wie unbegabter Moderator von seiner Frequenz und guter Laune, während ich bemerkte, daß die mir folgende Hackfresse zum Überholen ansetzte. Ich riß geistesgegenwärtig das Steuer nach Neun Uhr und schleuderte die dort befindliche Autobahn-Abfahrt mit unbekanntem Ziel hinunter, während mein schwitzender Verfolger mit herausquellenden Augen meinen Käfer mit mir davon fahren sah, während er geradeaus dem Autobahnverlauf folgend samt blondem Atombusen im NSU aus meinem Rückspiegel verschwand...

Ich schlenderte also die Ausfahrt hoch. Irgenwie kam ich oben zum stehen. Auf dem Schild stand Richtung Hannover. Puh, und das über die Landstrasse. Also, rechts ab und weiter Richtung Süden. Im Stillen dachte ich mir, dass kann ja recht heiter werden. Und der Kerl im Radio versuchte imer noch gute Laune zu versprühen. Meine Laune befand sich auf dem Tiefpunkt. Also führ ich erst einmal rechts ran. Meine Hände zitterten ganz schön. Die Zigarette speckte nun auch nicht besondert. Ach was solls, werd ruhig Mädel sagte ich mir und such danach erst einmal das kleine Teil, was aus dem Ring rausgefallen war. Endlich hatte ich es gefunden. Und nun? Da war ein kleines Loch in der Mitte. Also stechte ich meine Kette hindurch und hängte mir es um den Hals. Nun aber los. Und ab nach Marseille. Sonst verpasse ich mein Date.

Was ist das? Mein Käfer springt nicht mehr an. Außer einem kleinem Klack ist nichts mehr. Vermutlich die Batterie oder der Anlasser? Soll ich nun Hilfe rufen? Die nächste telefonzelle ist bestimmt erst im nächsten Ort. was stand auf dem Schild? 20 KM sollen es sein. Mit meinen Pumps kann ich zwar gut Autifahren - aber laufen?. Schnell hab ich mir meine Sandalen aus meinem Rucksack geholt. Das wichtigste reingepackt und folge nun der Strasse Richtung Süden. Den Käfer hab ich am Strassenrand stehen gelassen. Viellicht findet ja der Fleischbrock den Wagen und sucht sich dann halb Tod.

Letztens hab ich noch einen Film über Anhalter gesehen. Vielleicht sollte ich das mal ausbrobieren. Die ersten Wagen fahren alle vorbei. Pech gehabt meine Liebe denke ich mir. Nach längerer Zeit sehe ich eine Horde Motorradfahrer auf mich zukommen. Ich streck den Finger raus und denke die halten ja eh nicht. Auf einmal bleibt der ganze Pulk bei mir stehen. Wilde Kerle und einige wilde Mädels. Wohin ich will - Nach Frankreich. Super sagt der Typ, der sich als Road-Captain vorstellte, wir fahren zu einem Treffen nach Nizza. Wenn ich will kann ich auf seiner Harley mitfahren. Mein Gepäck nimmt ein Kumpel mit. Natürlich will ich. Bei so vielen Beschützern brauche ich mir bestimmt keine Sorgen zu machen.....

Eine Hoffnung, die zugegebenermaßen trügerisch war. Mein Road-Captain legte nämlich die Eigenart an den Tag, bei jeder Notrufsäule laut "Not" zu brüllen und bei jeder Tankstelle "Tanke". Während das "Not" regelmäßig ohne Konsequenzen blieb, bedeutete das "Tanke" den rückengekennzeichneten Prospects doch das Anhalten, um Bier zu kaufen, das unter Gejohle auch sofort konsumiert wurde. Nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit hatte ich auf diese Weise acht Tankstellen unterschiedlichster Marken gesehen und ebensoviele Biermarken preiswerterer Herkunft kennen gelernt. Langsam brummte mein Schädel und die Blase drückte dem Road-Captain vermutlich längst in's Kreuz.

Daher erschrak ich auch kurz, als mein Captain zeigte, daß er auch ein drittes Wort in enormer Lautstärke beherrschte: "Banditos!". Kurz dachte ich, es folgte eine warme Zwischenmahlzeit, doch sein lederbehandschuhter Finger zeigte auf eine Gruppe Dorfjugendlicher, die auf Mofas sitzend eine kurzbehoste Art angehender Dorfnutte zu beeindrucken schienen. Schon hielt unsere Gruppe wieder an, einer der Prospecte stieg von seiner Maschine, schritt auf die Jugendlichen zu und brüllte: "Alter, ey!". Mir erschien die Ansage eines grauhaarigen Bauchträgers in einer knappen Lederkutte gegenüber einem Heranwachsenden zwar etwas unangemessen, aber ich merkte gleichzeitig, daß man nach acht Halben Bier, die durch eine Harley in jede Faser meines Körpers geschüttelt worden waren, ein gepflegt aggressives Verhalten goutieren kann.

"Ich geh' 'mal abschütteln" lallte ich meinem Captain in's Ohr, der mich in meinem mittlerweile verknitterten Rockes etwas verstört ansah. Danach nahm ich mein Gepäck und ging in Richtung der Dorfkneipe, die an diesem Tage eine leckere Schlachtschüssel feilbot. Der Gedanke an eine leckere und fettige Schlachtschüssel verstärkte meinen Wunsch, sofort die heimische Porzellanabteilung aufzusuchen. Derart angetrieben betrat ich das Etablissement...

Ich war zufrieden, aber auch fix und alle. Die Müdigkeit kam hinzu. Ich saß am Fenstertisch des Lokales und konnte gar nicht glauben, was ich da verdrückt hatte und was gegen jede Diätregel verstieß. Aber auch der dritte Kaffee machte mich nicht wacher. Ich schaute aus dem Fenster um zu sehen, ob die Harley-Gruppe nun endlich weiter gefahren ist. Hoffentlich suchen sie mich nicht. Mit denen würde ich ja nie rechtzeitig an der Côte d'Azur ankommen. Aber der Platz war nicht mehr einsehbar weil der doofe Laster sich vor den Laden stellte. Allerdings wurden auf einmal meine Augen immer größer, denn am Fahrerhaus des Lasters klebte ein Aufkleber vom - Fußballclub AS-Monaco !!!

Bitte strahle jetzt nicht den Trucker an, der könnte das falsch verstehen, sagte ich zu mir selber. Doch der eben in den Laden eingetretene Typ hatte mich schon längst entdeckt und lächelte zurück. Es sah allerdings urkomisch aus, dass er dabei, nicht nach vorn schauend, stolperte und beim Stürzen auch noch den Kleiderständer mit zu Boden nahm. Ich lief hin um zu helfen ...

Das Fahrerhausbett war warm. Brian, der Trucker, hatte seine Ruhezeit hinter sich gebracht und versprach mir, bis zur Côte d'Azur nur das Lenkrad anzufassen. So schlief ich beruhigt ein ...

2. Kapitel

Ich wurde mit dem Gedanken wach, daß ich unbedingt einige Telefonate durchführen musste. Erstens sollte ich Jean anrufen, wenn ich in Frankreich bin. Zweitens sollte ich mich bei meiner Sekretärin melden. Ich krabbelte aus der Koje und fragte Brian meinen Trucker wo wir sind. Kurz vor Lyon antwortete er mir. In wenigen Minuten steuert er einen Rastplatz an, Da kann ich mich dann frisch machen. Toll dachte ich, da gibt es dann auch sicher ein Telefon.

In der Zwischenzeit betrachtete ich den Ring etwas genauer. Ein goldener Ring. Vermutlich Handarbeit. Und antik dazu. Nachdem ich die Reste des falschen Steines entfernt hatte, kam eine flache runde Scheibe von ca. 1,5 cm zum Vorschein. In der Mitte war eine Sonne zusehen. Um die Sonne herum waren Zeichen eingraviert. Ich fragte mich, wo ich so eine ähnliche Arbeit schon mal gesehen habe.

Mir fiel es schlagartig wieder ein. Während meines Kunststudiums in Berlin. Mein damaliger Doktorvater trug einen ähnlichen Ring. Ich erinnerte mich an die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Donald, mit deinen Qualifikationen und Kenntnissen wirst Du von den besten Kunsthäusern umworben werden, pflegte er immer zu mir zu sagen. Aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Zugegeben ich war damals schon ziemlich feminin gewesen. Meine Kommilitonen pflegten mich als Exzentriker abzustempeln. Aber das war mit immer egal gewesen. Als ich ihn einmal auf seinen Ring ansprach, sagte er mir, dass er diesen für seine Verdienste bekommen hat. Als besondere Auszeichnung sozusagen. Diese Art von Ringen, Donald werden heute nicht mehr gefertigt. Leider wirst Du nie in die Gelegenheit kommen einen solchen Ring zu tragen. Warum, fragte ich. Meine Frage blieb unbeantwortet. An unserer Uni munkelte man, dass mein Prof. wohl eine Freimaurer sei. Ob es wohl hiermit zusammen hing? Zuhause hatte ich zwar auch einige antike Schmuckstücke. Diese trug ich jedoch nur zu besonderen Angelegenheiten. Ansonsten blieben sie unter Verschluss.

Endlich erreichten wir den Rastplatz. Von dem nächsten Telefon rief ich sofort Jean an. Er war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Als ich ihm von der Verfolgung schilderte sagte er mir, dass mich mein Fahrer mich bis zur letzten Ausfahrt vor Orange bringen soll. Dort werde ich dann von zwei Freunden abgeholt. Woran werde ich diese erkennen. Keine Bange Donna, sie werden dich erkennen. Außerdem ist dort noch ein alter Bekannter von Dir dabei.

Dann rief ich mein Büro an. Ich sagte meiner Sekretärin Birgit, daß sie alle meine Termine für die nächsten zwei Wochen absagen solle. Ich befinde mich auf einer wichtigen Kunstreise in Frankreich.

Danach besprach ich mich mit Brian. Kein Problem. Diese Ausfahrt kennt er. Außerdem ist es nicht mehr weit. Als wir an der Ausfahrt ankamen, stand dort schon ein schwarzer Citroen. Ich stieg aus und ging auf den wagen zu. Zwei Personen stiegen aus. Ein jüngere und ein älter Mann. Donna, sprach mich der ältere an. Ich war wie versteinert. Vor mir stand mein ehemaliger Kunstprofessor....

Im Hintergrund entfernte sich der LKW und mit ihm Brian. Einen Moment stand ich überlegend am Straßenrand und betrachtete meine beiden Gegenüber, als ein weiterer schwarzer Citroen sich mit hohem Tempo näherte. Ich sah, wie an dem heranrasenden Fahrzeug die Seitenscheiben heruntergelassen wurden und warf mich geistesgegenwärtig in den Straßengraben, als ich Schüsse aus Maschinenpistolen und das Fahrzeug vorbeirasen hörte.

Mit einem vorsichtigen Blick aus dem Straßengraben sah ich beide Männer blutend auf dem Boden liegen. Die Straße überquerend ging ich in Richtung meines ehemaligen Professors, der noch atmete, als ich mich über ihn beugte. Er sah mich mit feuchten Augen an, rang nach Luft und stammelte: "Hüte Dich. Hüte Dich vor ...", dann sank sein Kopf zur Seite und die Atmung setzte aus. Als ich mich der zweiten Person zuwandte, war mir sofort klar, daß hier jede Hilfe zu spät kommen würde. Ich durchsuchte beide Personen und fand zwei Schußwaffen, während sich in der Ferne ein dunkles Fahrzeug näherte. Mit den Knarren in der Handtasche warf ich mich ins Unterholz, kroch einen Abhang hinunter und verschwand in der heraufziehenden Dunkelheit.

Nachdem ich in wolkendunkler Nacht mehrere Stunden gelaufen war, kam ich an eine Stelle, die mir sofort bekannt vorkam. Im Kreis laufend kam ich wieder zur Autobahnausfahrt, von der aus ich losgelaufen war. Der Citroen war verschwunden, ebenso die beiden Leichen und im sich durch die Wolken bahnenden Mondschein war zu erkennen, daß alle Spuren, auch das Blut auf dem Asphalt, sorgfältig entfernt worden waren. Während eine innere Panik in mir hochstieg, war ein herantuckerndes Motorrad zu hören. Mit beiden Armen winkend, stellte ich mich auf die Straße und das Motorrad hielt an. Mit einem Griff in meine Handtasche zog ich einen der beiden Schießprügel, den ich dem Motorradfahrer direkt unter die Nase hielt. Dann gab ich ihm mit einer Bewegung der Wumme zu verstehen, er möge sich subtrahieren und mir seine Maschine anheim stellen. Der Fahrer verstand sofort, legte in seiner Verwirrung sogar seinen Helm auf die Sitzbank und rannte in die Richtung los, aus der er gekommen war.

Während der Motorradfahrt Richtung Mittelmeer versuchte ich mich zu konzentrieren, aber ich hatte einen lieben Menschen verloren und die Trauer verdrängte erstmal alles andere. Ich fuhr noch vor Marsaille von der Autobahn ab und suchte einen Platz zum schlafen weil ich schon wieder müde war. Bei einer Telefonzelle in Sausset hielt ich an. Das Meerresrauschen konnte man schon hören Ich informierte Jean und sagte ihm, daß ich hier auf ihn warten würde. Alles andere schien mir zu riskant. Mit dem Motorrad rollte ich zum Meer runter und legte mich auf die Küstenheide zwischen den Klippen. Ich war fix und alle. Wenn Wellen besonders dolle gegen die Klippen klatschten, bekam ich einige Tropfen davon ins Gesicht. Der Nachtwind war aber warm. Es roch nach Oleander und Jasmin. Mit meinen verpennten Augen sah ich noch vor dem Einschlafen, daß im Osten die Sonne schon den Horizont erhellte. …

Ich hatte den Simca gar nicht gehört, so tief pennte ich. Jean stieg aus dem Wagen und krabbelte auf einen höheren Fels. Er hatte mich aber sofort entdeckt und kletterte zu mir rüber. Ein Küsschen auf meine Wange sollte mich wecken. Ich beschloss aber, daß ein Küsschen nicht ausreichte um mich zu wecken. Aber darauf fiel Jean nicht rein. Mit einer Strohblume kitzelte er an meiner Nase. Das hatte wohl insgesamt auch etwas von schlechtem Gewissen bei ihm und er wusste das auch. Mich bewusst in so eine Situation zu bringen und ich brannte darauf, eine umfangreiche Erklärung von ihm zu bekommen. Ich öffnete meine Augen um gleich darauf zu loszuwettern, kam aber erst gar nicht so weit. Ein zweites Küsschen bekam ich, außerdem ein Strauß Rosen. „Guten Morgen Donna, lass uns frühstücken gehen, ich erkläre dir auch alles“. Wir gingen über die Küstenstraße zu einer Bistro-Veranda und tranken Kaffee und aßen Meterbrot mit Salami. Ich wollte trotzdem stinkig auf Jean sein, klappte aber nicht wirklich. „Du Donna, wenn du nun sauer über mich bist, so kann ich das verstehen“ hörte ich als ersten Entschuldigungsversuch. Ich stand auf, stellte mich vor ihm. Jean stand auch auf, senkte seinen Kopf etwas, er errötete. „Du Schuft“ zischte ich ihm rüber und fiel in seine Arme. Ich war froh, nun nicht mehr alleine zu sein.

Wir suchten als nächstes eine Boutique und eine Drogerie auf, damit mein en femmes Äußeres wieder gut aussieht und riecht. „Donna, wir fahren erstmal in mein Sommerhaus, da kannst du dann duschen“. Wir stiegen in den Simca ein und fuhren mit herunter gekurbelten Fenstern die duftende Küste entlang bis Jean auf einen Schotterweg fuhr, der sich serpentinenartig in die Höhe schlängelte. Wir fuhren durch ein altes Eisentor zu einem Haus, welches typisch für die Landschaft war. Die steinerne Hausmauer war Terrakotta-farbig, das Dach rot und die Fenster waren mit blauen Holzlamellen verschlossen.

Während ich duschte und mich nachpuderte, baute Jean auf der Terrasse ein Mittagsbrunch auf. Wir saßen bei Fischkroketten, Brot und Wein in der Sonne und genossen die Meeressicht. Ich vergaß fast alles andere. Jean fing aber dann mit seiner Erklärung von selbst an: "Für diese Fischkroketten verwende ich nur richtig frischen Dorsch, den ich in kleine Würfelchen schneide und dann mit frischer Limette und Sherry mariniere. Dann zerkleinere ich ein Bündel Petersilie, schwitze es mit frischer Landbutter an und lasse es abkühlen, bevor ich es mit dem Fisch vermenge. Dann schneide ich ein paar kleine Charlotten in kleinste Würfelchen, vermische sie mit einigen Löffeln Créme Fraîche, gestoßenem Chili, einem feuchten Brötchen, Meersalz, etwas von der Limettenschale und einem Löffel Fischfonds. Zu guter Letzt wird alles gut vermischt, paniert und in reinem Butterschmalz in der Eisenpfanne herausgebacken. Guten Appetit!"

Jean holte kurz Luft, biß in eine Fischfrikadelle (wie ich sie nach seinem Rezept wegen des feuchten Brötchens gerade getauft hatte), kaute kurz, hielt inne, sah mich an und fragte mit vollem Mund: "Noch'n Weinchen?" "Danke, ja" hörte ich mich antworten und hielt ihm das Glas hin, das er füllte. "Der Trick an den Fischkroketten aber ist," so fuhr Jean voller Enthusiasmus fort, "daß man dazu einen Wein aus dem Tetrapak servieren kann, denn das vertanzt sich ohnehin alles auf der Zunge." Er holte Luft und ich fiel ihm in's Wort: "Nun mach' 'mal Pause. Falls Du mir nichts anderes erklären willst!"

3. Kapitel

Als der Professor wieder zu sich kam, spürte er einen brennenden und pochenden Schmerz in jedem Teil seines Körpers, den er denn fühlte. Er roch eine intensive Muffigkeit, die ihn an den Waschlappen unter seiner Küchenspüle erinnerte und hatte einen Geschmack im Mund, der jeder Beschreibung spottete und Vergleiche mit nicht verrotteten Tieren verbietet. Langsam öffnete er die Augen und sah dunkle Wände, die durch Feuchtigkeit bedingt Moosflechten über Jahre eine prächtige Heimat boten. Während er den Kopf langsam nach rechts drehte, nahm er zwei Gestalten war, die ausahen, als wären sie von einer sibirischen Kolchose aus mit der Mohrrübe in dieses Kellerverlies gelockt worden. Eine der beiden Gestalten trat an die Liegestatt des Professors, beugte sich über ihn und fragte: "Du wach?"

Der Professor versuchte, die schemenhafte Gestalt des sibirischen Bullen zu erkennen, als dieser ihn nochmal fragte: "Du wach?" "Ich wach" stammelte der Professor und merkte bei diesem Sprachversuch, daß Körperteile innerlich noch mehr schmerzen können, wenn man sie beansprucht. "Wo Ring?" fragte der finster dreinblickende Geselle. "Welcher Ring?" stammelte der Professor, um kurz darauf zu merken, daß ihm seine rechte Wange bislang eigentlich noch nicht geschmerzt hatte. "Welche Ring," schnaufte das dem Raum an Geruch in nichts nachstehende Wodkafaß, "ich gib' Dich welche Ring!". "Mein Herr, ich weiß nicht, wovon sie reden." entgegnete der Professor, um kurz darauf auch einen brennenden Schmerz an seiner linken Wange zu verspüren. "Reden oder tot!" rief der andere Ekelapparat, trat nach vorne und drückte dem Professor seine verschwitzte, mächtige Pranke in's Gesicht.

Kein Buchmacher der Welt hätte nur einen Cent auf diese Geschichte angenommen, dachte der Professor fast lächelnd.....da überlebe ich einen Angriff mit Maschinengewehrsalven und falle, als ich mich schon mit Aloisius auf einer Wolke frohlocken sehe, einer Horde Menschen in die Hände, die unser freundlich gemeintes " 'luja, sog I" mit "Du wach? Reden oder tot ! " umständlich beantworten.
Die Welt muss verrückt geworden sein. Stell Dich lieber bewusstlos, dachte der Professor. Die Pranke des Ekelapparates hatte doch im wahrsten Sinne Eindruck hinterlassen.

Wieder einmal in der Gefangenschaft dachte Prof.Dr. Frederick Hummels. Wo soll das bloss wieder hinführen. Die beiden Ekelpakete hatten sich gerade abgewendet. So blieb ihm Zeit seine Peiniger zu betrachten. Interessant dachte er. Anzüge und Uhren nach dem östlichen Stil. Vermutlich KGB. Mit Sicherheit KGB, denn er verstand einige Wortfetzen in Russisch. Wie um alles in der Welt ist der KGB zu den Informatinen der Ringe gekommen? Die Ringe - auch 1940 kam er deswegen in Gefangenschaft. Und alles nur, weil er der erste Vertraute von Jean Pascal de Valloire ist. 1920 habe ich Jean kennengelernt. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und studierte an der Uni in Edinburgh Kunstgeschichte. Jean war damals schon eine erstaunliche Persönlichkeit. Er sah aus wie 30. Erst später merkte ich, dass Jean nicht alterte. War er auch ein Gefallener oder liegt das Geheimnis doch viel tiefer. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Freundschaft. Bald darauf trat ich den Freimaurern "Diener Christi" bei. Jean war ihr Großmeister. Als ich meine erste Professur an der Uni in Edinburgh antrat bat mich Jean auch die Leitung der Komturei in Edinburg zu übernehmen. Gern nahm ich diese neue Herausforderung an. Aufgrund der Unruhen in Deutschland mußte ich im Jahr 1942 nach Berlin fliegen. Die Komturei in Tempelhof sollte verschlossen werden. Zwar gelang mir dies, ich wurde aber vor meinem Abflug von den Nazis gefangengenommen. Die Qualen und Schmerzen, die man mir zufügte waren unmenschlich. jedoch war ich nicht in der lage etwas zu sagen. Für diese Fälle besaß ich eine mentale Blockade. Ich würde eher sterben als etwas über die Brüderschaft zu verraten. Auch die Nazis waren hinter den Ringen her. Ich habe mich schon damals gefragt, ob die Gefallenen hier nicht dran beteiligt sind. Mit viel Glück entkam ich damals meiner Gefangenschaft. Die äußerlichen Wunden sind zwar verheilt, aber die psychischen Schmerzen verheilen nie.

Ich muss mit den beiden Ekelpaketen reden. Was wissen sie? Und wie kommt der KGB in das Wissen der Ringe? Haben sie vieleicht von den Nazis damals das Buch der Apokalypse erbeutet? Oder stecken hier doch die Gefallenen hinter. Ein toller Name für aus dem Himmel gefallene Engel. Diese müssen als schattenlose Wesenseinheiten ihr Leben auf der Erde fristen. Ab und an können sie mal in Kotakt mit einem Menschen treten. Aber auch nur um Ihnen einen Auftrag zu geben oder leicht zu steuern. Das gelingt aber nur für kurze Zeit, da der "Wirt" erheblich schneller altert. Eigentlich bleibt ihnen als letzter Ausweg nur die verlorene Dimension. So wie die Schönheit vergangen ist - wird sie nun in Luzifers Reich zu einer Karikatur derselben.

"He, Du - wo Dein Boss", rief ich den Ekelpakten zu. "Du geben Ring" "Ich sprechen Boss, sonst nix sagen!". Die folgenden Schläge waren eerheblich stärker als die ersten. Ich wapnete mich innerlich gegen die Qualen.

So räusperte sich der Professor kurz und blickte dem dickeren der beiden kaukasischen Ziegenfickern tief in's Auge, wobei er mit fester Stimme sprach: "Habt ihr eigentlich keinen Wodka?", woraufhin er sofort ein "Doch, haben" vernahm. "Dann paß auf, mein Dawarisch permafrostbebodeter Herkunft: Du säufst mich unter den Tisch und bekommst sofort alle Informationen oder ich sauf' Dich unter den Tisch, und Dein Kumpel holt den Boß. Ganz einfach." Der Professor war sich seiner Gewinnersituation seines klug duchdachten Vorschlages bewußt: Entweder er bleibt alleine mit einer Schnapsleiche oder verbringt einige Stunden im Dellirium. Beide Situationen erschienen ihm erstrebenswerter als der Status Quo.

"Welche Tisch?" war die Antwort. "Egal, soll sich halt Dein Kumpel hinknien, solange" entgegnete der Professor, eine Idee, die ihm noch ein Stückchen ulkiger erschien. "Is gut, mach' Tisch, Iwan" sagte der schmalzgelockte Schwitzkopf und holte einen Karton voller Flaschen. "Trinke Flasche oder Becher?" war die letzte Frage zu den Spielregeln, die -schon aus Gründen der Hygiene- mit "Flasche" entschieden wurde.

Kaum zwei Flaschen später war die dritte Flasche entkorkt und der Schmerz des Professors wurde weniger, die Sprache des mittrinkenden Exilkolchosen schwerer und das kniende Tischchen begann langsam zu meckern, daß das kostbare "Wässerchen" in fremden Kehlen verschwand. Dem Professor, dem ohnehin so langsam alles egal wurde, knallte die Flasche auf Ex, rülpste ausgiebig und lallte: "Nochmal!" Der Russe holte den Rückstand rasch auf und entkorkte zugleich unter seltsamen Flüchen bäuerlicher Prägung die nächste Runde. "Ex oder Depp" lallte der Professor, setzte an und zog durch, wobei ihm sein Gegenüber in Nichts nachstand. Nur das Gemecker des wohl unteralkoholisierten Tischchens steigerte sich über Gebühr, als sein Kumpane bei Runde Sieben beim Rülpsen ihm etwa die Menge eines doppelten Schnapsstamperls auf das Hinterteil spuckte. "Du sauf', nich' spuck'" war die letzte Aufforderung des Tischchen bei Runde Zwölf, kurz bevor der volltrunkene Sparringspartner sich und dem ebenso besoffenen Professor aus der Kiste je eine Flasche Pflanzenöl hervorzauberte, die beide ohne nähere Kenntnisnahme ohne abzusetzen leerten.

4. Kapitel

Man schrieb den 30. Juni 1966. Während beinahe die ganze Welt vor ihren Radio- und Fernsehempfängern auf den Anstoß zum legendären Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in England, dessen unrühmlichen Ausgang und den einzigen Titelgewinn des "Mutterlandes" des Fußballs in seiner Geschichte wartete, lag eine farbige Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den Wehen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie und ihr Mann, der sie allerdings bald verlassen sollte, lebten, hatten sie sich entschieden, ein drGeschehnissen im fernen Frankreich zu tun haben sollte, hatten sich -schon aus Gründen der Zeitverschiebung- in Tokio im Budokan ungezählte Beatles-Fans eingefunden, um einem Live-Konzert beizuwohnen. Da es dummerweise Japaner waren, die des Englischen wenig mächtig waren, entging ihnen mehrheitlich bei diesem Konzert ein bemerkenswertes Vorkommnis: Paul McCartney sang in dem von ihm ebenfalls 1966 komponierten und getexteten "Paperback Writer" in der Zeile "... novel by a man named Lear ..." statt "Lear" mit ungewöhnlicher Betonung den Namen "Donna", um danach feixend das Lied zu Ende zu bringen und im fernen Frankreich den Dingen ihren von ihm sehr wohl bewußt verfolgten Lauf zu lassen.

Zu dieser Zeit saß ich -mittlerweile schweigend- mit Jean nach wie vor bei Fischfrikadellen, Brot und Wein in der Sonne. Im Haus klingelte das Telephon, lange und schrill. "Wo ist der verdammte Hausdiener, wenn man ihn braucht?" rief Jean Richtung Gesindewohnung, er hörte ein Grunzen und die Worte "Komme ja schon." Der traurige Schatten eines Hausdieners, der seine besseren Zeiten wohl gesehen hatte, schleppte sich in's Haus, das Klingeln hörte auf und der Hausdiener rief: "Es ist dieses Schlitzauge, mein Herr." "Und, was will der Japs?" antwortete Jean. Der Hausdiener telephonierte einen Moment und rief dann zurück: "Paul hat sich scheinbar absichtlich verquatscht!"

Ich biss ein wenig verwirrt in eine Frikadelle. Zwischendurch schaute ich in meinen Taschenspiegel. Meine Frisur saß noch recht gut. Ich dachte über Jean nach. Der Jean aus Hamburg war ja ein ganz anderer, als dieser Typ, der jetzt aufgeregt war. Sein Benehmen war unmöglich und wo war bitte der galante Herr, der mir im Hotel Alsterdorf tief in die Augen schaute und etwas von Yacht, Capri und Athen in die Ohren säuselte? Ich schaute an mir herunter. Ich hatte eine gute Wahl in der Boutique getroffen. Mein gelbes Blümchenkleid leuchtete ganz toll. Aber ich war ein wenig unsicher. Das Mittelmeer so blau, Jean's Schiff so weiß und hätte ich da nicht ein weißes Kleid kaufen müssen? Und überhaupt, es wäre eigentlich an der Zeit, wo ein Gentleman vor mir knien sollte und mir einen Brillantring ...  DER RING !!!!!!!  Ich schaute Ring und versuchte nachzudenken. Ich fühlte an meiner Halskette auch das zweite Teil des Ringes ab. Es war noch da. Entsetzt fiel mir ein, daß ich in meiner großen Tasche auch noch Pistolen hatte. Während ich in die Tasche schielte und meine Bestätigung bekam, sah ich im Augenwinkel einen aufgelösten Jean hektisch hin und her rennen. Ich aß die Frikadelle ganz auf. Jean kam zu mir: "Wir müssen los". Ich schnappte mir meine Sachen und rannte hinter ihm Richtung Auto hinterher. Jean drehte sich nach mir um: "Wir müssen fliegen". Ich war ganz erstaunt, blieb stehen und fragte: "Ach, der Yachthafen von Monte Carlo hat einen Flugplatz?"

"Genau, wir nehmen den nächsten Flieger nach Paris. Von dort aus geht es Richtung Tokio."" Aber warum Jean?" fragte ich. "Die Ereignisse überstürzen sich," grummelte Jean vor sich hin. Er riss mir die Tür von seinem Jaguar auf und stieg selber ein. Ein Autorennen durch die Schluchten von Monaco war das letzte worauf ich Lust hatte. Aber Jean lenkte souverän den Wagen. Erstaunlich das sich die Gendarmerie gar nicht an den Wagen störte. "Sehen die uns nicht", fragte ich Jean. "Nein - ich habe den Wagen unsichbar gemacht." "Wie?" "Später, meine Liebe". Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir den Flugplatz. Die Motoren der Maschine liefen schon. Wir hasteten zum Flugzeug und einige Minuten später starteten wir schon. "In weniger als zwei Stunden sind wir in Paris", sagte Jean. Er holte eine Flasche Rotwein aus der Bordbar und gab mir eine Glas zum trinken. Ich denke Du bist schon ganz schön neugierig auf meine Geschichte.

"Mein Name ist Jean Pascal de Valloire. Ich bin zwar banker, aber nur in meiner eigenen Sache. In Wahrheit bin ich der letzte Großmeister der Freimaurer der Diener Christi. Geboren wurde ich 1820 in Paris." "Du siehts aber auch wie 30", anwortet ich. "Als ich Großmeister wurde legte ich vor dem Buch der Apokalypse ein Gelübde ab. Daraufhin wurde mir ein langes Leben gewährt." "Unsterblichkeit," fragte ich. "So, in etwa. Und noch etwas mehr," entgegnete Jean. "Unsere Brüderschaft besteht schon seit sehr langer Zeit. Entstanden ist diese nach der Auflösung der Templer. Einige unserer Brüder sind damals nach Schottland geflohen. Bis hierhin reichte der Arm des Vatikans nicht. Mit den uns verbliebenen Kenntnissen und Ausrüstungen konnten wir hier eine neue Brüderschaft gründen. Die Freiumauerer der Diener Christi. " "Was meinst Du mit Kenntnissen und Ausrüstungen?" entgegnete Donna. ""Verschieden Kenntnisse der Alchemie, der Zukunft und der Magie. Die Ausrüstungen lagen nicht in den verschiedenen Komtureien und wurden nach und nach hierher gebracht. Als wichtigste Kpmturei diente Tempelhof. Hier war und ist eines unserer größten Archive untergebracht. Darüberhinaus wird von hier aus die finanzielle Basis unserer Brüderschaft sichergestellt. Dein ehemaliger Professor leitet unsere Komturei in Tempelhof."

Jean legte hier eine kurze Pause ein und schaute aus dem Fenster, bevor er fortfuhr: "Die alten Tempelritter fanden seinerseits mehrere Bücher. Diese wurden teilweise an den Vatikan veräußert und begründeten die Vormachtstellung. Von dem Buch der Prophezeiungen uns Vorhersagen wurde eine Kopie angefertigt. Diese befindet sich bis heute in unserem Besitz. Das Buch der Apokalypse war fest verschlossen. Es wurde von uns wie ein ganz besonderer Schatz gehütet. Den wenn dieses Buch geöffnet wird, so besagen die Schriften, wird der Untergang der Welt - also das jüngste Gericht - erfolgen. Die Mächte des Guten werden gegen die Mächte des Bösen kämpfen und die Dimensionen werden sich gegenseitig aufheben." "Und wo ist das Buch der Apokalypse jetzt - und die Ringe, was haben die damit zu tun," wollte Donna wissen. "Das Buch wurde uns in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gestohlen. Die Ringe - alles zu seiner Zeit Donna." "Aber sie hängen mit dem Buch zusammen" Jean schmunzelte nur. " Ja sagte er, das gibt es so eine alte Prophezeiung. Sie spricht von einem Ritter und einem zweigeschlechtlichen Menschen. Beide zusammen würden das Buch der Apokalypse endgültig vernichten.""Und" "Alles aufgeben". Jean wurde sehr ruhig. Ich war sprachlos. War ich damit gemeint - zweigeschlechtlich. Ich trank meinen Rotwein aus. Und schenkte mir gleich wieder ein- Jean lächelte mir verschmilzt zu. Er sah verdammt gut aus für sein Alter. Bald darauf erreichten wir den Flugplatz in Paris. Ohne weitere Umstände fanden wir unseren Linienflug nach Tokio. Paul, wenn ich dich in die Finger kriege, dachte Jean.

Wir waren einige Stunden geflogen und hatten bislang lauen Kaffee, eine Art kaugummiartigen Brötchens und eine bunt bedruckte Serviette dazu erhalten, als sich der Kapitän via Lautsprecher meldete: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht nochmal ihr Kapitän. Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, befinden uns zwischen Omsk und Irkutsk und unser linkes Triebwerk brennt." Dann herrschte einen Moment Ruhe, während wir mit einem Blick aus dem linken Fenster uns überzeugen konnten, daß der Kapitän keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. "Da wir das Triebwerk irgendwie nicht löschen können," fuhr die scheppernde Lautsprecherstimme des Kapitäns fort, "werden wir uns ein geeignetes Stück Steppe suchen, um notzulanden." Die Stewardessen im vorderen Flugzeugteil wurden zusehends hektischer. "Bitte beten Sie, daß ich den Vogel nicht in einen Geröllhaufen ramme und folgen Sie nun den Anweisungen des Flugpersonals!"

Die Stewardessen zeigten uns, daß wir uns irgendwie hinter den Sitzen zusammengefaltet hinkauern sollten, verteilten wahlweise Rosenkränze, Kreuze und für die Kinder Gummienten und wirkten dabei aber gelöst. Ich hörte, wie die blonde Stewardess dem schwulen Flugbegleiter zuraunte: "Mit Kapitän Funes bin ich bereits dreimal notgelandet. Er ist ein Meister der Landung ohne Fahrwerk." Der Flugbegleiter schien ihre Worte überhört zu haben, als er zurückfragte: "Hat er Dir auch an den Hintern gegrapscht?" "Nein, ich bin seine Fernostroutenmatratze" war die Antwort.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörten wir das obligate "Ready to crash down" aus dem Lautsprecher, das Flugzeug machte eine scharfe Rechtskurve, um danach mit einem scheppernden Quietschen zu dem sich ein dröhnendes Pochen und ein ächzendes Wummern gesellte, irgendwo in der (vermutungsweise) kasachischen Steppe Bodenkontakt zu suchen. Die Maschine mag wohl einige hundert Meter über den Boden geschlittert sein, um mit einem Boing (was für ein Treppenwitz, es handelte sich schließlich um eine Boing 727) plötzlich zu stoppen. Der Pilot meldete sich erneut über Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, wir haben unseren Zielflughafen um wenige tausende Kilometer verfehlt. Wir haben nunmehr unsere Parkposition erreicht und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Bitte fliegen Sie bald wieder mit Air France."

Der Kapitän trat in die Flugkabine, öffnete die vordere Türe, klemmte sich einige Schachteln unter den Arm und verlies die Maschine. Die Besatzung und die Fluggäste folgten ihm, um vor dem Flugzeug stehend den Kapitän dabei zu beobachten, wie er eine Signalpistole abschoß. "Sie geben mir immer ein paar Schachteln Leuchtraketen extra mit an Bord" sprach der Kapitän in Richtung der Fluggäste, während ihm seine Fernostroutenmatratze immer neue Raketen reichte, die der Kapitän in den Himmel jagte. "Dieses Feuerwerk wird Ihnen präsentiert von Air France" näselte derweil der Flugbegleiter und nestelte dabei am Verschluß einer von ihm mit nach Draußen genommenen Champagnerflasche.

Etwa drei Stunden später war der Kapitän bei der vorletzten Kiste Leuchtraketen angelangt und am Horizont sahen wir eine Fahrzeugkolonne, die sich unserem Standort näherte; bald drauf hörten wir auch das Brummen der Motoren, das uns wie ein Dröhnen erschien, als die Kolonne sowjetischer Militärlastkraftwagen, die von einem ordensbehangenen Kerl in einem Geländewagen angeführt wurde, vor uns zum Stehen kam. Der Christbaum stieg aus, lief in Richtung unseres Kapitäns und rief: "Dawarisch Funes!", worauf unser Kapitän antwortete: "Sie schickt ein um's andere Mal der Himmel!"

Der Kommandeur bedeutete uns, wir mögen uns auf die Lastkraftwagen bewegen und kurz darauf verließ der Konvoi das havarierte Flugzeug. Man brachte uns nach einigen Stunden Fahrt nach Irkutsk, der Konvoi stoppte vor dem "Motel Mamitschka", wo wir gebeten wurden, auszusteigen. Kapitän Funes verabschiedete sich mit Handschlag vom Kommandeur und sagte: "Bis Bald!". Dann drehte er sich zu uns und verkündete: "Diese Nacht im Motel Mamitschka wird Ihnen präsentiert von Air France!" Der Flugbegleiter flötete "Bitteschön", als er uns den Zimmerschlüssel Nummer 33 aushändigte und fügte ein "Da geht's lang" hinzu. Kurz darauf fanden wir uns in einem streng nach Kamelhaardecke, die in der glorreichen roten Armee einem Landser als Fußlappen diente, riechenden dusteren Raum wieder, dessen Inneneinrichtung nach Gulag auf LSD aussah.
Na ja, das Bett ging ja so. Ich hatte allerdings Bedenken wegen weiterer Mitbewohner und bat Jean, doch ein wenig dichter an mich ran zu kriechen. Boah, in den Armen eines Ritters zu liegen, der hunderte Jahre Erfahrung mit den Frauen der Geschichte hatte, ich fühlte mich gut, bekam noch ein Küsschen auf die Wange  und schlief schnell ein.

Die Zimmertür wurde polternd eingetreten. Wir saßen beide vor Schreck senkrecht im Bett. Der kaukasische Fleischklops grinste uns an während er mit einer Maschinenpistole rumfummelte. "Kanone auf Boing gut, nich'?", der Klops freute sich wie ein Schneekönig, "Triebwerk puff, gut schießen". Nun wusste ich, wem wir unsere Notlandung zu verdanken hatten. Die Klops-Gesichtszüge wurden ernster: "Anziehen, laufen vor mir auf Flur". Ich bin noch nie so schnell in mein Kleid gekommen und schnappte mir meine Tasche. Wir liefen vor dem Klops den Hotelflur entlang. Ich stoppte kurz vor einem Spiegel, fummelte meine Frisur zurecht und lief weiter. Der Klops konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Laster schüttelte uns durch, die Nacht in den Höhen zivilisationsfremder Gebiete zerrte an meiner Kraft. Nach einer halben Stunde standen wir, die Maschinenpistole im Rücken, auf einem Hochplateau und sahen mehrere Propellermaschinen neben einem Rollfeld. "Los, zu das Flugzeug gehen", kommandierte unser kauskasisches Übergewicht und zeigte auf eine Maschine. Ich ging neben Jean und schob unauffällig meine Umhängetasche vor meinen Bauch. Ich hatte einen Plan! Ich schielte noch nach Jean, der sofort wusste, was ich vor hatte. Auf einmal wurde ich ja sowas von cool und selbstsicher. Der Griff zu dem kalten Stahl in meiner Tasche, das drehen meines Körpers und das Herausziehen einer Pistole war eins. Unter einem Schuss ins Bein des dicken Stinketieres brach der zusammen und ich drückte ihm noch eine Kugel ins andere Bein - nur vorsichtshalber. Jean entwendete den nun am Boden liegendem Schweißhaufen die Maschinenpistole bevor der noch auf dumme Gedanken kam.

Ich konnte nicht anders. Es war ja wie im Kinofilm und ich musste einfach meine Coolness noch einmal ausspielen. Obwohl schlimmeres hätte passieren können, kniete ich auf dem Oberkörper des Muffelkaukasen, schnupperte ihn an und hauchte ihm "Du waschen, Stinke dann weg" ins Gesicht. Normalerweise ist das eine Situation, wo ich nochmal stehend den Rauch aus der Pistole blasen müsste, meine Sonnenbrille aufsetze und nach einem Pfiff mein Pferd aus der Deckung kommen müsste. Ich fühlte mich richtig gut. Jean lachte über meine Sicherheit. Aber ich konnte da noch einen Draufsetzen: "Hey Ritter, wer fliegt nun welche Maschine?"

Die Propeller dröhnten in luftiger Höhe und Jean konnte tatsächlich ein Flugzeug fliegen. Unter uns wurden die Landschaft immer kleiner. Ich war jetzt eine Heldin, redete ich mir zumindest ein. Jean blickte zu mir herüber. Ich saß auf dem Co-Pilotensitz, klappte meine Sonnenblende herunter und Jean meinte schmunzelnd: "Kein Schminkspiegel". "Wohin fliegen wir nun eigentlich?" wand ich  mich an meinen Kapitän, der nach kurzer Überlegung "Buchara" antwortete. Meinem fragenden Blick folgend ergänzte er: "Eine schöne, alte Stadt, die die Sowjets noch nicht völlig dem Ruin preisgegeben haben." "Und was sollen wir dort?" "Bei Omar-al 'mal wieder eine leckere Kebapplatte verputzen. So wie Omar-al 'nen Hammel zubereitet, gibt es so schnell keinen Vergleich." Jean schnalzte mit der Zunge und mir wurde flau.

Nach einigen Flugstunden erschien am Horizont eine Stadt mit Gebäuden, die goldene Kuppeln trugen, die im Sonnenlicht einen großen Glanzfleck in die unwirtliche Landschaft zu zaubern schienen, ja es schien, als schienen sie. Jean brachte den Flieger auf den Erdboden, er rollte aus und vor uns erschien das Ortsschild "Бухоро". "Wir sind da" bemerkte Jean, worauf mir nur ein "Ach!?" einfiel. Wir stiegen aus der Maschine und liefen in die Stadt.

Nach etwa achthundert Metern schlenderten wir nach rechts in eine Seitenstraße, passierten einen Friseursalon, eine Schafscherstube und ein Geschäft für Kamelzubehör. "Das Haus nach dem sechsten Friseursalon" wies mir Jean den Weg und zweihundert Meter weiter betraten wir eine Kaschemme, in der das Licht schummrig war und die Scheiben statt Gardinen einen Nikotinüberzug bekommen hatten. "Jean!" rief ein älterer Mann, der in eine schmuddelige Kochuniform eingewachsen schien und auf uns zukam. "Omar-al!" rief Jean und beide Männer fielen sich in die Arme. Nachdem sie sich ausgiebig geherzt hatten, sagte Jean zu Omar-al gewandt: "Omar-al, Donna" und in meine Richtung: "Donna, Omar-al."

Wir setzten uns an einen Tisch und Omar-al fragte, ob wir außer Tee etwas zu trinken wünschten. "In Buchara trinken wir zu allem Tee, sogar zum Tee. Deswegen reicht es für gewöhnlich, irgend ein Getränk zu bestellen, man bekommt sowieso 'nen Tee dazu. Und falls das Getränk einmal nicht da sein sollte..." Omar-al legte den Kopf in den Nacken, rollte die Augen und stoßseufzte: "Sowjetzeiten", um fortzufahren "... dann gibt's halt nur 'nen Tee. Wenn man folglich also nur einen einzelnen Tee will, dann bestellt man sich am Besten eine ausländische Spirituose." Jean bestellte ein Bier und ich ein Glas Wein. "Also zweimal Tee" notierte Omar-al. "Und zweimal leckere Kebapplatte, bitte" fügte Jean hinzu. "Mit Tee?" fragte Omar-al. Schnell bemühte ich mich, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen: "Gibt's auch was ohne Hammel?"

Omar-al sah Jean entsetzt an und fragte: "Vegetarierin?" "Um Gottes äh Allahs Willen, nein! Auf gar keinen Fall!" entgegnete Jean. "Also ganz ohne Hammel," fragte mich Omar-al mit großen Augen "so ganz ohne?" "Nun, was gibt's denn sonst noch so?" "Außer Hammel habe ich nur Grünes und Gelbes, wahlweise gekocht oder gestampft." Meine Aussichten schienen heute nicht nur durch die Fensterscheiben des Etablissements nicht die Besten zu sein, also bestellte ich tapfer "Eine Kebapplatte ohne Extra-Tee, bitte. Und 'nen Fernet-Branca." Omar-al notierte eifrig: "Zwei Kebapplatten und 'nen weiteren Tee."

Kurz darauf brachte uns Omar-al die drei Teegläser und wenige Minuten danach schleppte er zwei große Silberplatten an, auf denen jeweils ungefähr ein kleingeschnittener halber Hammel lag, der gebraten und gewürzt worden war und auf dessen Haufenspitze eine schwarze Olive lag. "Hau rein und Mahlzeit!" rief mir Jean zu und begann zu kauen. Ich nahm zaghaft ein kleines Stückchen Fleisch zwischen zwei Finger und biß ein Eckchen davon ab. Jean sollte recht behalten: Es war der verdammt nochmal leckerst gewürzte Berg Hammel, den man auf Gottes äh Allahs Erdboden vorgesetzt bekommen kann. "Noch'n Bier" bestellte Jean, um kurz darauf ebenfalls seinen zweiten Tee zu bekommen .
 
5. Kapitel

Der Professor wurde am anderen Morgen etwas zerknausert wach. Wodka, was für ein Scheißgesöff. Es geht doch nichts über ein paar odenliche Maltwhiskys. Am besten einen schönen Laphroig.Schön torfig. Und dazu noch ein paar Pints Guinnes. Aber so etwas feines kennen die im Osten ja nicht. Die beiden Fleischklöse lagen schnarchend auf dem Boden. Wie dumm nur, dass der Professor noch immer auf seinen Stuhl angekettet war. Er bewegte seinen Stuhl in Richtung eines Agenten und trat ihm mit voller Wucht in die Fresse. Der Tritt zeigte Wirkung. Langsam öffnete der typ seine Augen und Fragte ganz benommen: "Was los hier, will schlafen" "Nix schlafen", rief der Professor. Während dessn wurde der zweite Fleischkloß wach. Bevor er sich versah, wurde er auf seinen Stuhl nach hinten weggezogen. "Ivan, aufstehen", schrie der zweite Typ. Und ivan sprang, wie von einer Hornisse gestochen auf. "Hol Auto, fahren heute noch nach Mütterchen Moskau. Und ruf den Chef an. Sag wir haben Professor. Bringen ihm nach KGB-Zentrale.

Der Professor hatte das Wort "KGB-Zentrale" noch nicht richtig gehört, als vier Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden und mit gestreiften Krawatten sowie verspiegelten Sonnenbrillen in den Raum sprangen. Sie trugen Waffen im Anschlag, der Professor hört zwei Plopp-Geräusche und die beiden Russen lagen mit aufgerissenen Augen rücklings auf dem Boden und hatten beide in der Mitte der Stirn ein kleines Löchlein. Der Professor betrachtete die Männer in ihren Anzügen und sinierte, daß die Idee mit von der einen Seite aus durchsichtigen Spiegeln als Brillenglas ihm nur zu gerne selbst eingefallen wäre. Er blickte kurz zu den Russen und scherzte: "Kuckt 'mal, die haben ein drittes Auge!"

"CIA, Agent Schultz" stellte sich der Größte der Vierlinge vor, "Sie sind unser Mann!" "Jo", sagte der Professor und der Kleinste der Vierlinge trat vor: "CIA, Agent Schlutz, Sie sind unser gefangener Mann." "Achso" entgegnete der Professor, zuckte mit den Schultern und setzte sich. "Darf ich 'mal ihre Brille aufsetzen, Herr Agent Schlutz?" "Gib' sie ihm", bedeutete Schultz, "er soll in seinen letzten Stunden wenigstens ein Bißchen Freude haben."

"Wo bringen wir ihn hin, Schultz?" fragte Schlutz und Schultz antwortete ihm: "Wie wär's mit dem Iran? Der Schah wollte für seinen Folterkeller beim letzten Mal nur drei Kamele und 'ne Jungfrau. Klar, Syrien ist billiger, aber da gibt's wieder nur 'ne Gemeinschaftsdusche. Nein, ich hab's: In Nicaragua schulden sie uns noch Was, nachdem die Deppen in der Schweinebucht vergeigt haben." "Bringen wir ihn erst 'mal in's Quartier nach Grafenwöhr. Während wir ihn dort elektroschocken, können wir ja nochmal überlegen." mischte sich einer der beiden Namenlosen in's Geschehen ein. Schultz und Schlutz sahen sich an, nickten sich zu und griffen von je einer Seite den Professor und schleiften ihn aus dem Gebäude.

Kurz darauf klingelte im fernen Buchara das Telefon. Omar-al verschwand im Nebenraum und bisweilen hörte man ein "Ja, is' gut", dann hängte er auch schon ein und kam an unseren Tisch. Er zeigte auf die verbliebene Olive auf meinem Teller und sagte mahnend: "Aufessen. Gibt sonst schlechtes Wetter." Dann brachte er uns den bestellten Kaffe und zwei Tee, setzte sich zu uns und sagte: "John war am Telephon. Er hat erzählt, er sucht sich jetzt in London eine Schlitzschlampe. In Tokio hätten die beim Vögeln immer so herrlich gequietscht." Omar-al nahm einen Schluck Tee und fuhr fort: "Übrigens, der gelehrte Zausel wird gerade nach Grafenwöhr verlegt, hat Brian Epstein durch John ausrichten lassen."

"Für John weiß ich genau die Richtige," setzte Jean an, "eine absolut untalentierte Japanerin, die sich für eine Künstlerin hält und eine Stimme hat, daß man sie beim japanischen Zivilschutz als Sirene verwenden könnte. Außerdem mag sie komische Brillen und macht im November in London eine -naja- Ausstellung, nein: Sie präsentiert kruden Schrott und kreischt dazu. Beim Sex gibt's Keine, die mehr quietscht." Jean hüstelte kurz und legte nach: "Sie heißt Yonko Onko oder so. ... Ich hab' von ihr gehört". Dann sah er Omar-al an und fragte: "Was ist die langweiligste Stadt bei Grafenwöhr, um dort unauffällig Quartier zu beziehen?" Omar-al überlegte einen Moment und antwortete: "Hof. Moment, Bayreuth ist genauso Scheiße und sogar noch dichter dran." "Bayreuth. Eine der miesesten Städte der Welt, ausgerechnet." entgegnete Jean, sah mich an und rief: "Auf zur transsibirischen Eisenbahn! Wir müssen nur in Nawoi, Urbach, Moskau, Minsk, Warschau, Ostberlin (Hauptstadt der DDR), Berlin und Lichtenfels umsteigen."

Ich staunte Jean fragend an. "Häää, transsibirische Eisenbahn? Kommt gar nicht in Frage. Wir haben doch das geklaute Flugzeug. Das geht in jedem Fall schneller. Und wer auch immer der gelehrte Zausel ist, müssen wir nicht mehr nach Tokio? Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung". Ich dachte auch an das prophezeite Finale mit der Zerstörung des noch fehlenden Buches und überlegte, ob nach dieser glorreichen Tat Jean wohl, in Asche verwandelt, zu Boden fällt weil seine Zeit eigentlich ja schon abgelaufen war. Ein schrecklicher Gedanke. Andererseits dachte ich über Jean's Worte nach. Alchemie, Magie und Zukunft. Ich schielte in meinen Ausschnitt und überlegte mir gerade, welche Vorzüge man aus der Magie doch nutzen könnte. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Jean bemerkte das, grinste auch kurz, wurde dann aber wieder ernst. Ich starrte Jean fassungslos an als er sagte: "Hm, wer auch immer der gelehrte Zausel ist, wir müssen weiter. Wir fliegen zurück nach Deutschland. Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung".

Jipiee, ich hatte mich durchgesetzt. Keine Eisenbahn, sondern Flieger. So lobe ich mir das. Und keine Zeitverschwendungen mehr durch unnütze Schießereien oder andere nervige Gegenspieler. Ja, Gegenspieler, richtig gelesen! Es ist wie beim Schach. Gegner eliminieren, keine Rückschritte machen, den Gegenkönig aushebeln. Während der Autofahrt zum Rollfeld scherzte ich noch mit Jean. "Hey Ritter, wie gefällt dir meine neue Sonnenbrille? Vorhin noch im Laden gekauft. Voll cool die Verspiegelung. Ich sage dir, daß ist der neuste Schrei". Jean lachte und nahm mich in den Arm. "Aha", fotzelte er, "Madame werden eine Kämpferin, ja?" und säuselte mir noch ins Ohr "eine verdammt hübsche Kämpferin". Ich schwebte auf Wolke Sieben. "Echt?" meine Augen leuchteten. Ich war völlig außer Fassung. "Jean, wo sind wir hier?" Doch er öffnete mir die Tür des Wagens. Ich stieg aus und war entsetzt. "Das sieht ja aus wie ein Bahnhof, da sind Gleise". Jean stand vor mir, die transsibirische Eisenbahn kam gerade dampfend in den Bahnhof gerollt.

"Donna, 2380km mit dir in einem eigenen Abteil, 2380km dir nur in deine Augen schauen, 2380km neben dir auf der Matratze ..." Ich hielt meinen Finger auf seine Lippen. "Stop Ritter, ich, äh, ----  ich gebe nach". Wir mussten beide lachen. Na ja, die Sitze vom Flugzeug waren ja auch gar nicht bequem, die Sonnenblende hatte keinen Schminkspiegel und überhaupt, fliegen ??? ... geht gar nicht!"

Im Zug gab es die erste Überraschung, denn wir sollten nicht über Nawoi und Urbach, sondern über Taschkent fahren, wobei uns Niemand sagen konnte, ob wir in Orenburg eventuell auch den Zug zu wechseln hätten. So ist das bei den Sowjets, dachte ich bei mir, sie sind dieses Jahr auf dem Mond gelandet, haben aber nicht 'mal einen Bahnfahrplan. Dann sah ich mir unser Abteil und seine Mitbenutzer genauer an: Jean, der am Gang Platz genommen hatte, saß eine dicke Bäuerin gegenüber, die unablässig in eine große Salatzwiebel biß und dann ausgiebig kaute. Mir gegenüber saß vermutlich ihr Ehemann, der in einem abgeschabten Anzug daherkam und der eine braune Ziege auf dem Schoß sitzen hatte. Zu seinen Füßen stand ein Korb mit Hühnern.

"Toll, Jean," dachte ich bei mir, "das wird ja 'ne richtig romantische Reise." Jeans Gegenüber faßte in einen braunen Leinensack und bot uns Salatzwiebeln an, die wir aus Gründen der Gastfreundschaft dankend annahmen. "Eßt, Kinder, eßt," ermunterte uns die Bauersfrau, gab ihrem Mann auch eine Zwiebel  und wenige Minuten später saßen wir in kauender Eintracht in unserem Viererabteil, nur die Ziege kaute gerade nicht. Als wir die Zwiebeln etwa zur Hälfte gegessen hatten, griff der Mann an seiner Ziege vorbei nach einer irdenen Flasche und fragte: "Wodka?" "Danke, ja" antwortete Jean und der Mann sagte zu seiner Frau: "Hol' Tee dazu."

"Kommen sie aus Buchara?" fragte ich mein Gegenüber und dieser antwortete: "Ja. Sie kennen die Stadt?" "Ich habe dort den leckersten Hammel meines Lebens gegessen" antwortete ich ihm und er weinte vor Freude (oder doch wegen der Zwiebel?). "Wissen Sie, meine Frau und ich, wir fahren nach Ostberlin (Hauptstadt der DDR). Mein Sohn, der Offizier bei der ruhmreichen roten Armee ist, hat uns zu seiner Heirat eingeladen und diese Platzkarten für den Zug geschickt. Deswegen auch die Ziege und die Hühner." Jean blickte auf die Platzkarten, sah mich an und stammelte: "Den Plätzen nach fahren wir bis Ostberlin (Hauptstadt der DDR) gemeinsam. Wir haben also genügend Zeit, uns für die Zwiebeln und das Wässerchen zu revanchieren." "Danke, Jean," zischte ich ihm zu, "daß Du die Schlafwagenreservierung vergessen hast." "Hab' ich nicht. Aber sie haben keinen Schlafwagen, der Fahrkartenverkäufer hat seufzend "Sowjetzeiten" gestöhnt. Aber zwischen Moskau und Minsk soll es einen bestechlichen Schaffner geben, der sein Personalabteil vermietet, nur Geduld."

Die erste Nacht in unserem Abteil verlief recht geruhsam. Nachdem ich mich mit der Ziege angefreundet hatte, diente sie mir als Zudecke, während der Rest unserer Reisegruppe den Spätfolgen des Wodkas vermittels kollektiven Schnarchens hörbaren Tribut zollte. Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege ein Stückchen zur Seite schob und fragte ihn: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?"

Das Ei war tierisch lecker. Ich bat Jean und den Bauern noch, die Plätze zu tauschen. So hatte ich Jean gegenüber und konnte wenigstens, meine Schuhe ausgezogen, ein wenig füßeln. Wir mussten beide lachen, als ich mit meinen Füßen unter Jean’s Hosenbeine ging und diese an seinen Beinen wärmte. Schade, dass da nicht mehr drin war. So vertrieben wir uns die Zeit mit kleinen Neckigkeiten und Spielereien. Jean schaute mich plötzlich interessiert an als ich ihn zwar anschaute aber gar nicht wirklich wahrnahm. Irgendwie blickte ich an ihm vorbei. Ich war tief in Gedanken versunken. Da war noch so ein Gedanke, den ich übersehen hatte und ich ließ mich blenden von dem Leben der Donna. Aber nun ratterte es in meiner Birne. Der Faden des Gedanken, was puzzelte sich denn gerade in meinem Kopf zusammen? Ich zuckte kurz zusammen. Ich war wie elektrisiert. Die Ziege ködelte vor Angst als ich abrupt aufsprang und los schrie.
„IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH !!!!!!!!!!“

Die Bauernfrau und ihr Mann starrten mich an. Dann lachte der Bauer: „Gemüsezwiebel belasten Darm ein wenig, was?“ Ich setzte mich wieder hin. Jean sah mich fragend an. Jaaaaaaaaaa, dachte ich mir, jaaaaaaaaa, das isses! Ich hab’s kapiert. Ein Puzzlestück passt mehr. Mein Ritter machte sich eigene Gedanken. „Donna, ist alles in Ordnung?“ Doch ich antwortete ihm nicht. Ich räkelte mich in meinem Sitz. Meine Beine schlug ich gekonnt über einander und ich wurde schon wieder so was von cool und selbstsicher. Ich fuhr mit meinen Händen durch die Haare und schüttelte sie, so dass ich eine wilde Mähne hatte.

Jean schaute immer interessierter. Er sah eine tolle Schnalle, die ihn provozierte in dem sie ihre Zunge zeigte und damit spielte. Er sah, dass seine Donna die Augen zusammen kniff und ihn scharf anschaute. Jean musste schlucken. Donna spielte mit ihm. Jean wurde aber richtig nervös, als Donna etwas machte, womit er nicht gerechnet hatte !!!

Ich presste die kleine runde Scheibe, die an meiner Halskette hing, zwischen meine Lippen. Dann öffnete ich die Kette, löste sie von der Scheibe und ließ sie in meinen Ausschnitt fließen. Ich nahm die Scheibe in die Hand. „Jean, was habe ich hier in meiner Hand? Hm?“ Ich beobachtete Jean’s Augen. „Ahem“ räusperte sich Jean, „Das ist eine kleine Scheibe mit einem Loch drin“. „Nein Jean, das ist keine Scheibe, sondern ein Achteck!“ Mein Gegenüber wollte mehr wissen: „Ja und?“ fragte er mich. „Hey Ritter, das Material ist Gestein und Grün!“ Jean ahnte, was ich ahnte, „Sprich weiter, Donna“. Meine Antwort kam prompt: „Montezuma lässt grüßen! Jean, das was ich hier in der Hand habe, ist ein aztekischer Kalender. Während meiner Studienzeit in Fort Alamo konnte ich diese Art von Artefakt studieren“. Jean war sichtlich überrascht, dass ich sein Geheimnis lüftete. „Donna, mach weiter“ forderte er mich auf. „Ein Zeitenspiegel, er muss da hin wo er war“. Ich nahm die Scheibe und fummelte ihn in den Ring rein. Ein hörbares Klicken bestätigte meine Vermutung, die nun zur Gewissheit wurde. „Jean, ein Zeitenring, den du mir gegeben hast – und ich kann nicht anders…“ Jean wollte gerade aufspringen um mich zurückzuhalten. Doch es war schon zu spät. Ich berührte mit einem Fuß sein Bein und drehte an der Scheibe ein wenig in Richtung Uhrzeigersinn. Ein Blitz hat sich vor uns auf …



Ich stand auf einer großen Sanddüne und vermutete mich in der Sahara. Mein Kleid flatterte vom warmen Wind. Der Sonnenuntergang war wunderschön, der Himmel und die Luft rot gefärbt. „Donna, ich bin hier“ hörte ich Jean hallartig rufen. Ich drehte mich um – und war begeistert. „Jean, es ist unglaublich! Das da, … „ ich zeigte hinter ihm, „ das da, das ist …“ und Donna sah auf der Südseite des hohen marokkanischen Atlas-Gebirges hunderttausende von gebogenen Spiegeln, die strukturiert ausgerichtet waren, „… das ist die Zukunft!“ sprach Jean für mich weiter. „Ja Donna, nun weißt du um die Magie deines Ringes. Damit können wir in die Zukunft, sowie auch in die Vergangenheit reisen. Wir können die Geschichte erleben, wie einen Film gucken. Aber anfassen oder etwas verändern können wir nicht“. „Jean, wir sollten zurück in den Zug. Ich vermute, dass unsere Körper da einfach starr rum sitzen und das könnte auffallen“. Jean nickte mir zu. Bevor ich den Zeitkalender auf meinem Ring wieder auf die alte Stelle zurückdrehte, versprach ich noch meinem Ritter „Aber mein Ritter, eine große Reise werde ich mit dem Ring später noch machen – eine Zeitreise zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg!!!“



Niemand im Abteil hatte etwas bemerkt als unser Bewusstsein zurück in der Gegenwart war. Jean strahlte mich an. Ich war auch glücklich, doch jetzt brauchte ich nur noch eines – einen Ort, wo ich mit meinem Ritter alleine seien konnte!

Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich nahm die Kette und die daran hängende und zwischen meinen Lippen befindliche Scheibe aus meinem Mund und rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege, die mir bis dahin als Zudecke diente, ein Stückchen zur Seite schob und fragte: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?" "Hatten wir das nicht eben schon?" fragte ich vorsichtshalber nach.

Ja ok, der Schaffner sagte zu uns, dass wir in Orenburg den Zug wechseln müssen. Der Anschlusszug steht aber auf dem gleichen Bahnsteig, es wäre also ganz einfach. in 10 Minuten würden wir übrigens Orenburg erreichen. Es ist wie vom Schiff runter auf das Festland wenn du aus dem Zug torkelst. Für eine kurze Zeit wieder festen Boden unter sich, mir war schon ganz schlecht. Jean stütze mich und wir überquerten den Bahnsteig zum Anschlusszug. Also, nicht das die Leser jetzt denken sollten, hier wird nur ein einfallsloser Roman getippt. Er stand tatsächlich auf einmal vor uns. Ich erschrak und Jean schaute sich panisch um. Der kaukasische Fleischklops stützte sich an Krücken und schaute uns nur an. Es gab aber auch keine Militärs oder KGB-Agenten, die sich jetzt auf uns stürzten. "Wir" waren also nur zu dritt. Ich sprach die Krücke als erstes an. "Hey Agent, wer entschuldigt sich nun für welche Tat?" Der Fleischklops tat aber ganz nachdenklich. "Oh Lady, meine Beine sind schon wieder Ok und wir sind ja irgendwie quitt". Ich war sprachlos, der Dicke konnte ja richtig gut reden und er fügte noch an: "Ich habe übrigens den Auftraggeber gewechselt. Gutes Gehalt, bessere Informationen, coole Dienstausstattung". Zu meinem Erstaunen setzte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Jean lachte als der Dicke weitersprach: "Die Brille ist voll cool, der neuste Schrei". Dann humpelte er mit seinen Krücken von dannen. Ohne sich umzudrehen sagte er noch: "Mein neuer Auftraggeber hat ES übrigens nach Bayern bringen lassen. ES war übrigens die ganzen Jahre seit dem Verschwinden im Lincoln Memorial unter dem Hintern des ollen Präsidenten einzementiert."

Der Schaffner forderte uns auf, den Zug aufzusuchen, ein Pfeifen kündigte die Ausfahrt aus dem Bahnhof an. Die meisten Abteile waren leer. Der Zugbegleiter meinte, wir können uns ganz breit machen und das Abteil für uns nutzen. So schnell hatte ich noch nie eine Tür zugezogen und die Vorhänge verschlossen. "Hey Ritter, ich entschuldige mich schon mal für den Knutschfleck an deinem Hals". "Donna, ich habe doch gar keinen Knutsch ....", weiter kam er nicht.

Ich hatte mich gerade in Jean verbissen und er sich in mich, da öffnete sich die Abteiltür und der Bauer, die Bäuerin, die Hühner und die Ziege standen in unserer Sicht. Wir bedeuteten unseren Wunsch, alleine sein zu wollen und der Bauer verabschiedete sich -jedenfalls für den Moment- mit der Drohung: "Machen wir später Frauentausch? Wenn meine Frau nicht gefällt, gebe ich gerne auch die Ziege." Dann schlossen sie die Türe und wir hatten wieder unsere Ruhe.

"Wo waren wir liegen geblieben?" fragte Jean und ich biß ihm erneut in den Hals, während Jean mit seinen Fingern in der Nähe meiner Ohren herumstocherte. Mal sehen, ob er auch andere Körperöffnungen suchen wird, dachte ich bei mir und faßte ihm in den Schritt. Ein massives metallisches Gerät tat sich in meiner Hand auf und ich sah Jean fragend an: "Ein Keuschheitsgürtel?" "Eine Prothese," antwortete Jean, "Du vergißt mein biologisches Alter." Während Jean verwirrte Blicke abbekam, kicherte er kurz und führte fort: "Verdammt, bist Du leicht verwirrbar. Mediziner nennen das, was Du in der Hand hast, einen erigierten Penis. Mein letzter Sexualverkehr war zu Zeiten der Weimarer Republik. Bin einfach nicht mehr dazu gekommen, dabei folglich noch weniger. Naja, alle zehn Jahre nehme ich das selbst in die Hand." Ich nahm Jeans Hände, entfernte seine Finger aus meinen Ohren und begann, ihm die Hose zu öffnen.

Kaum drei Tage später hatten wir Bayreuth erreicht.

Ich wusste nun um die Region des Showdowns und eine Freundin, sich sich noch melden wollte, könnte hier sicher einiges dazu beitragen. Außerdem wird das Buch der Apokalypse, bevor es zerstört wird, noch genau erforscht. Kann ja sein, dass da noch eine Zauberformel drin ist, so dass Jean, also ein Jungbrunnen wäre ja übertrieben, aber ... und vielleicht noch ein paar Zaubertipps für en femme Add-Ons so oder irgendwie, üppige Ausstattung eben.

Jedenfalls hatten wir (Gott sein Dank endlich) Bayreuth erreicht, wenngleich die Menschen normalerweise Gott zu danken pflegen, wenn sie Bayreuth verlassen dürfen.

Wir traten aus dem Bahnhof und ich verspürte nach der ganzen Plörre im Zug den dringenden Wunsch, endlich einen richtigen Café zu trinken. Ein Blick nach links und dort war ein kleines Café mit Konditorei, wohin ich Jean zu ziehen versuchte. Jean wehrte kurz ab und sagte: "Beim Döring ist die Auswahl immer recht bescheiden, gehen wir um's Eck zum Oetter." Wir liefen einige Meter, und sahen ein Café, vor dem noch einige Plätze in der Nachmittagssonne zum Verweilen einluden, wenngleich die umliegenden Häuser gerade keinen besonders heimeligen Eindruck machten. Als die Bedienung kam, bestellte Jean "Zwei Kaffee, bitte," worauf die Bedienung umgehend auf ein Schildchen auf dem Tisch verwies: "Draußen gibt's nur Kännchen!" "Dann eben zwei Kännchen," und die Bedienung schlich von dannen.

"Woher kennst Du eigentlich Bayreuth so gut?" fragte ich Jean und stützte mein Kinn auf seinem Handrücken auf. "Wegen der Festspiele," entgegnete Jean "die dort oben, an der Post vorbei noch 'nen Kilometer weiter in den nächsten Tagen wieder beginnen. Dieses Jahr geben sie wieder den Tannhäuser, den ich zuletzt 1930 unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini in einer Inszinierung von Siegfried Wagner gesehen und gehört habe. Besonders blöd ist die Stelle, wo der Sänger auf die Bühne kommt und 'ne Viertel Stunde gröhlt: "Mein Heil liegt in Elisabeth!". Soll der halt seinen Mist nicht überall rumliegen lassen."

Schon kamen unsere beiden Kännchen, die Bedienung stellte sie ab und sagte: "Wenn's an Ku'gn mög'n, müß' geh' nei!" "Was sagt sie?" fragte ich Jean und Jean übersetzte: "Fall Du Kuchen magst, müßtest Du ihn Dir drinne aussuchen." "Nein Danke," sagte ich der Bedienung, aber ob der demnächst hier stattfindenden Versammlung von Wichtigtuern auf dem sobezeichneten grünen Hügel fügte Jean grinsend hinzu: "Sie hätte gerne noch 'nen Tee zum Kaffee, wissen Sie: Das hat sie sich in Buchara so angewöhnt." "Wos mit Bücha?" antwortete unser blondierter und dauergewellter Sonnenschein mit Schürzchen, "des is' nix für mi." Dann dackelte sie ab und brachte ein Kännchen Tee, in dem ein Teebeutel traurig seine Runde schwamm und dünne Fadheit erzeugte. Jean stand auf, verschwand in der Konditorei und kehrte mit einem Gebäck zurück, das als eine Hülle mit Puderzucker bestäubt erschien, die innen vollständig mit geschlagener Sahne gefüllt war. Auf meine großen Augen entgegnete Jean: "Ein Windbeutel" und veranstaltete sofort ein wüstes Tellergemetzel, aus dem er als (ob der Sahne) angeschlagener Sieger hervorging.

6. Kapitel

Während in Bayreuth noch ein Windbeutel gemetzelt wurde, hing einige Kilometer entfernt der Professor seit nunmehr ebenso einigen Tagen am Dauerstrom. Schultz und Schlutz konnten sich bislang nicht einigen, wohin mit ihm, so daß sie ihm wechselseitig alle Stromarten und Stromstärken, die ihnen so einfielen, durch den Körper jagten. Der Professor selbst sah optisch mittlerweile aus, wie eine Mischung aus Grill-, Räucher- und Dörrfleisch und aus seinen Ohren stiegen kleine, weiße Wölkchen auf. Schultz sagte zu Schlutz: "Kuck' 'mal, weiße Wölkchen. Da wurde wohl ein neuer Papst gewählt." Schlutz entgegnete: "Warum habe ich bei dem Geruch hier immer das Bedürfnis nach 'ner Bratwurst?"

Jean bestellte noch einen Kaffee und wollte seiner Donna noch etwas erzählen, stockte aber. Seine Donna schien ihn gar nicht zu hören. Jean schaute auf ihre Sonnenbrille, konnte aber die Augen nicht erkennen. War sie wieder in Gedanken und würde gleich schreiend aufspringen, so wie im Zug vor ein paar Tagen? Sein Blick glitt auf ihre Hände herunter. Jean sah, dass der Mittelfinger ihrer rechten Hand auf der Scheibe des Ringes lag. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass Donna die Scheibe ganz leicht hin und her drehte. Donna war auf Zeitreise. Der Kaffee kam und die Serviererin bemerkte nichts. So trank Jean seinen Kaffee und wartete bis Donna fertig war. Ein Zucken ihres Körpers und ein Blick auf Jean verriet ihre Rückkehr in die Gegenwart. Dann sprang Donna auf. "Jean, wir müssen ein Taxi finden, er lebt noch!"

Die Agenten Schultz und Schlutz wollten gerade nach einer Kaffee-Pause dem Professor eine finale Durchstömung verpassen, da wurde die Tür des Folterraumes geöffnet. Donna zielte mit beiden Pistolen auf die Beine der Folterknechte und drückte je zwei mal ab, worauf diese auch wie gewünscht zusammen brachen. "Gute Treffer" konnte Jean lobend erwähnen. Neben dem noch angeschnalltem Professor sah Jean ein Telefon und während Donna den völlig erschöpften Professor los machte, wählte Jean die Notrufnummer.

Der Stationsarzt der Intensivstation versprach, den Professor gut zu pflegen. "Die Brandwunden werden wohl zu Narben, aber Hauptsache, die Gehirnfunktionen ist nicht geschädigt". Vor dem Krankenhaus wartete inzwischen die vom Arzt gerufene Polizei. Aber niemand bemerkte, dass ein Paar das Krankenhaus durch den Hintereingang verließ.

"Nach dem Geruch habe ich Bock auf Bratwürste und ein Beck'n," verkündete Jean und ich verbesserte ihn "Beck's." "Nein, Beck'n. Nach dem Traditionsrezept von Konrad Lang. Auf nach Büchenbach bei Pegnitz!" "Und wie kommen wir dort hin?" "Laß' uns Porsche fahren. Die schönste Art, was was von der Landschaft zu sehen. Da drüben steht so ein Ding." Wir liefen auf einen Traktor zu, Jean grinste und zeigte auf den Schriftzug auf der Motorhaube, wo in goldener Schrift "Porsche" stand.

Jean startete den Diesel und gemächlich tuckerten wir über Land, durch Wiesen, Felder und Wälder, vorbei an Weilern und durch Dörfchen, bis wir schließlich Büchenbach erreichten. Vor der kleinen Brauerei standen -für ein Dorf um diese Uhrzeit jedenfalls- ungewöhnlich viele Motorräder, die mir sittsam bekannt vorkamen. "Jean, ich glaube, die Fahrer dieser Maschinen kenne ich. Mich wundert nur, daß sie hier sind und nicht an 'ner Tanke."

Wir betraten das Lokal und selbstverständlich war es gut gefüllt mit meinen Rockern, die hackestramm mit gläsernem Blick in meine Richtung sahen und "Ey, Sers!" riefen. "Was macht ihr denn hier?" fragte ich unbedarft und der Rockervorsteher lallte: "Wenig Tanken in der Gegend hier. Aber unglaublich viele Brauereien. Also brüllen wir jetzt statt "Tanke" "Brauhaus" und gehen dann gepflegt schütten. Wo warst Du eigentlich neulich auf einmal?" Ich erzählte einige belanglose Schwänke aus den vergangenen Tagen, die Rocker knallten in der Zeit vier halbe Liter Bier und als ich fertig war, erntete ich ein allgemeines "Stark, ey!" Ein älterer Mann auf dem Dorfe blickte mich mit alkoholgefüllten Augen an und seufzte: "Nach Buchara wollt' ich auch 'mal. In Stalingrad mußte ich meine Reise aber abbrechen. Wurde zu kalt und außerdem ist uns das Benzin ausgegangen."

Der Rockerchef blickte nun auf Jean und fragte: "Wo kommst Du eigentlich her, wenn Du schon so heißt wie meine Hose? Ami? Aus Grafenwöhr?" "Nein, nein," wehrte Jean ab, "meine Eltern waren frankophil." "Viele Franken?" war die Antwort, "Nein, sie standen halt auf Frankreich." "Frankreich, schönes Land," knarrzte der ältere Mann hinter dem Bierglas, "da war ich auch 'mal. In Paris ist uns der Champagner ausgegangen. Und weil ich dann einen Schäferhund getreten habe, durfte ich mir raussuchen, ob ich nach Buchara oder Kairo möchte. Und Afrika hatte ich keine Lust, trotz dem Rommel. Dem ist nämlich nie der Schnaps ausgegangen, dem alten Wüstenhund."

Totenstille herrschte im Saal und alle starrten auf eine Donna, die erst in Gedanken war, kurz zusammen zuckte um anschließend brüllend aufzuspringen. Jean wollte die Situation noch retten und sagte in die Runde "Das hat die öfters, liegt an den Hormonen". Ein schallendes Gelächter zeigte eine sturz betrunkene Truppe, die sich wieder ihrem Biere hingaben. Jean schaute mich an "Donna, was ist los mit dir?"

Ich wusste nun Bescheid. Wie blöd konnte ich sein, die einfachsten Dinge nicht zu bemerken. "Jean, ihr habt mich angelogen. Ihr gehört alle zusammen. Die Ritter des Wasauchimmers mögen mir erzählen was sie wollen. Tatsache ist, dass ihr nicht das Original des Buches der Apokalypse habt, sondern nur ein - Plagiat." Jean staunte nicht schlecht über meine Analyse. "Ach, ich habe also schon das Buch und Frau Doktor Superklug hat eine eigene Vision darüber und glaubt, mich durchschaut zu haben, ja?" Jean versuchte noch die lächerliche Schiene, kam aber nicht wirklich überzeugend rüber. Ich rückte ganz dicht an ihn ran und starrte selbstsicher in seine Augen. "Ja, mein Herr Ritter, ich habe eine eigene Version und schon bald werde ich dir zeigen, was du schon erfolglos versucht hast". Jean schluckte und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. "Donna, wir sollten einen Spaziergang machen und ich bin ganz Ohr, was du mir erklären willst".

"Besorg' erst 'mal 'ne richtige Karre," bedeutete ich Jean, "dann fahren wir Richtung Kulmbach, genauer nach Guttenberg. Der Name des ehemals erblichen Reichrats und Diplomaten Maximilian aus diesem Dörfchen könnte Dir doch etwas sagen, oder?" Jean schluckte und kleine Schweißperlen begannen, seine Stirn hinunter zu rinnen. "Oder Wolfgang, der ehemalige Ordensritter?" Die Schweißperlen wurden größer. "Wie hieß nochmal der Domherr, der aus diesem Dörfchen kam?" Jean rann der Schweiß in Bächen von der Stirn und er atmete schwer, rang nach Luft und presste hervor: "Sie sind oder waren die Hüter des Buches, die aus Guttenberg." "Nein," war meine Antwort, "die Hüter des Plagiats."

"Wie kommst Du darauf?" fragte Jean. "Laß uns fahren und Du wirst sehen." Jean sah sich eine Weile im Dorf um und zeigte auf ein Fahrzeug: "Der neue Opel Rekord, fahren wir." Nach wenigen Sekunden hatte er das Fahrzeug geöffnet, kurzgeschlossen und wir fuhren Richtung Kulmbach. Ich drehte am Radioknopf und wir hörten aus dem Lautsprecher: "Marmor, Stein und Eisen bricht." "Bei diesem Lied könnt ich auch brechen," entfuhr es mir und ich drehte am Senderrad, bis aus dem Radio "Paperback Writer" von den Beatles ertönte. "Ausgerechnet!" fluchte Jean. "Paul ist mein Freund," flötete ich und begann, mitzusingen.

Nach kurzer Fahrt über die Landstraße kamen wir zur Autobahn. Mit dem Porsche war es nicht möglich gewesen, diese zu benutzen. Jedoch schon nach wenigen Kilometern, wäre mir eine weitere Fahrt mit dem Traktor lieber gewesen. Die Betonplatten des Straßenbelages versetzten den Rekord in eine Art Schaukelbewegung. "plop plop plop" begleitete ich das Geräusch der Reifen. Jean erklärte mir daß bei der Planung der A3 eben schon darauf geachtet wurde, daß irgendwann auch schweres Gerät Richtung Osten verbracht wird. Mit dieser Belastbarkeit konnten sonst nur Pflastersteine konkurrieren. Erfreulicher Weise hatte nach etwa einer Stunde die unangenehme Massage meiner Rückenwirbel und meiner Nerven ein Ende. "Hier müssen wir runter", erklärte Jean, "Kulmbach 24KM" stand auf dem ersten Wegweiser nach er Ausfahrt, und darunter "Himmelkron 3KM". "Ach ja", wies mich Jean hin, "da machen wir noch einen kurzen Halt, in Himmelkron". Ich rutschte mich auf dem, extrem nach Kunststoff riechenden, Sitz wieder etwas höher. "Was willst du den dort?" fragte ich erstaunt. "Wirst schon sehen" wimmelte er meine Frage ab.

Vor einem alten Klostergebäude, mit angebauter gotischer Kirche stellte Jean den Motor ab. "Komm mit," bat mich Jean, "ich brauche deine Hilfe". Willst du beten, oder gar beichten?", fragte ich etwas verschmitzt. "Erzähle bloß nichts von dem Schlafabteil", meine Mundwinkel wanderten nach oben, "das versteht ein Pfaffe sowieso nicht, was ich mit dir in den beiden Nächten gemacht habe" . Er führte mich in eine kleine Kapelle, deren spitzbogige Türe sich im Klosterhof befand. Gruselige Sandsteinfiguren säumten den Eingang. Die Decke des sehr eng bemessenen Inneren war durch ein Kreuzgewölbe gestützt. Hinter dem Altartisch eine weitere gotische Türe, auf die Jean sofort zusteuerte. Ich erstarrte, als ich erkannte was sich dahinter verbarg. Vier aus Holz prachtvoll geschnitzte Särge, die Zwei mal Zwei angeordnet waren. Auf den Deckeln hatte der Schnitzer wohl die Männer, die darin liegen sollten, in Harnisch oder Rüstung verewigt. "Friedrich Christian, das ist der richtige," flüsterte Jean etwas aufgeregt, "hilf mir"! Zusammen schoben wir den schweren Eichendeckel zur Seite. Sofort erfüllte sich die Gruft mit einem Geruch, der an die Küche einer schlecht geführten Gaststätte erinnerte. Ich vermied es Anfangs, ins innere des Schreines zu blicken. Erst als Jean etwas herauszuholen schien, überwog meinen Neugierde die Abscheu . "Das ist eine Richtige," brüstete er sich stolz, " die streut gut" . Er hielt eine prunkvoll , mit gravierten Silberblechen verzierte, Pistole in der Hand, deren riesig Lauföffnung mich irgendwie an ein einzelnes Horn einer Schalmei erinnerte. In der anderen Hand hielt er ein kleines Hörnchen mit Silberspitze, und ein Ledersäckchen. Mit richtiger Knarre hatte ich zwar etwas anderes gemeint, aber besser als nichts, dachte ich. Wir schoben den Deckel wieder etwas zurecht, und verließen diesen schaurigen Ort.

Wieder zurück im Wagen angekommen wickelte er dieses antike Schmuckstück in die Jacke, die auf dem Rücksitz lag. Bis Guttenberg war es nicht mehr weit, deshalb wollte ich die kurze Zeit der Fahrt nutzen, um zu erfahren, woher er von der Beigabe wußte. "Die Linie derer von Brandenburg-Bayreuth ist offiziell mit dem Tod des letzten Markgrafen Friedrich Christian 1769 ausgestorben", erklärte mir Jean. "er war mein Urgroßvater!" Danach blieb er, etwas in Gedanken versunken, still, bis rechts das Ortsschild vorbei huschte: "Guttenberg".

Jean stoppte den Opel vor einer Telefonzelle. Er entschuldigte sich für ein paar Minuten und ich sah in der Telefonzelle einen wild artikulierenden Jean, der mehrfach telefonierte. Nach den Gesprächen setzte er sich wieder in den Wagen und startete den Motor. "Donna, ich habe alle zusammen gerufen, wir treffen uns gleich". Aha, dachte ich, es geht los. Wurde auch Zeit. Ich war mehr als neugierig auf das Buch - auf das Plagiat. Wir hielten in der Dunkelheit und betraten ein altes Gebäude.

"Jean?", "Ja, Donna?", "Jean, wir befinden uns in einer - Kirche". Jean runzelte die Stirn, "Ja richtig, ich finde den Ort der Zusammenkunft passend" und er fügte noch an "Die Anderen sind auch da". Ich sah im hinteren Kirchenbereich unter der Kuppel ein Haufen alter Männer, alle fast gleich gekleidet. Jean schaute mich entsetzt an, "Donna, warum hast du deine Schuhe ausgezogen?" Ich blickte an mir herunter, sah meine Füße. Ich schaute stumm zurück, entdeckte meine Schuhe an der Eingangstür. Warum hatte ich meine Schuhe ausgezogen? Ich wusste darauf keine Antwort, ging zurück und zog die Schuhe wieder an. Wir gingen nach vorn zum Altar. "Jean, ist das nun der Augenblick wo du das Buch hervor holst?" Ein Raunen der alten Männer ging durch ihre Reihen.

Jean ging zu einer Kiste und nahm ein großes Buch heraus. Es war nicht das Buch, welches ich erwartet hatte!!! Er legte es auf den Altar und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt. "Ich gebe es zu, wir haben es nicht geschafft, das Rätsel dieses Buches zu lösen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir wissen nur, dass es zerstört werden muss".

Ich las die Schrift auf dem Buch, erkannte die Zeichnungen und Symbole. "Ah, alt-phönizische Schrift", analysierte ich und blickte zu Jean herüber. "Mein Ritter, dieses Buch mag voller Magie und Geist sein und es erzählt bestimmt auch von dem Unheil über die Menschen, aber keinesfalls ist dieses Buch eine Gefahr für den Menschen selbst". Jean und die Männer schauten sich fragend an. Einer der Männer trat hervor, hob warnend einen Zeigefinger, "Dieses Buch ist verflucht, es ist das Buch der Apokalypse" sagte er. Ein zustimmendes Nicken der anderen Männer unterstütze seine These.

Die Kirchentür wurde plötzlich weit aufgestoßen und wir drehten uns alle um. Ein Krankenpfleger schob den Professor in einem Rollstuhl durch die Tür. Der Professor schien mir gut gelaunt und ich war froh, meinen ehemaligen Mentor so gesund zu sehen. "Hallo Anwesende", rief er uns herüber, "Ich komme also noch nicht zu spät". Jean wollte von dem Professor eine Bestätigung haben, "Professor, du meinst, du kannst gerade noch Donna von einer Unglückstat zurückhalten?" Der Professor entgegnete "Nein, ich will dabei sein wenn Donna das Buch öffnet!"

Das Raunen der Männer wurde lauter. Ich persönlich fühlte mich aber gut. Offensichtlich hatte ich als Einzige die Möglichkeit, das Buch zu öffnen. Schließlich erkannte ich, wem Buch das einmal gehörte. Ich war mir jedenfalls ganz sicher. Ich wollte gerade die Männer beruhigen, "Meine Herren Ritter und Gäste, ich möchte sie bitten, ..." weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Die beiden Polizisten von dem Krankenhaus-Einsatz stürzten in die Kirche. Sie hielten ihre Pistolen auf uns gerichtet und riefen "Alle die Hände hoch". Wir rissen unsere Hände in die Höhe bis auf den Professor, der auf die Polizisten einredete. "Meine Herren, ich bin nicht entführt worden und das hier sind alle meine Freunde". Ein "Achso, na dann .." eines Polizeibeamten ließ uns vermuten, die Hände könnten wieder herunter genommen werden. Die Stimmung beruhigte sich wieder.

Aber einer der Ritter trat hervor und warnte die Polizisten, "Diese Frau will das Buch der Apokalypse öffnen!" Die Polizisten schauten sich gegenseitig fragend an, "Ach, das Buch wurde vielleicht aus einem Museum gestohlen?" Einige Sekunden war alles still bis einer der Polizisten losbrüllte: "Alle die Hände wieder hoch". Wir waren etwas genervt und der Mann mit dem losen Mundwerk erntete strafende Blicke. Doch der Professor beruhigte ein weiteres mal die Ordnungshüter, "Meine Herren, das Buch wurde auch nicht geklaut und es ist alles in bester Ordnung". So konnten wir nun endlich die Hände wieder herunternehmen und ich fragte in die Runde, "Kann ich jetzt endlich anfangen?" "Meine Herren Anwesende, ich möchte mich nun dem Buch widmen und ihnen einiges dazu ..." weiter kam ich nicht.

Polternd knallten beide Kirchentüre an die Wand und der kaukasische Meat Loaf stürzte in die Kirche, "Ich mache den Trauzeugen!" Ein allgemeines, raunendes "Oh Nein!" machte die Runde. Ich strahlte unseren New Special Agent aber an und rief ihm rüber, "Soweit sind wir noch nicht".

Der kaukasische Klops sah das Buch und war ganz erschrocken, "Das Buch, das Buch" rief er. Einer der Polizisten meldete sich zu Wort und blickte Meat Loaf an. "Was ist denn nun mit dem Buch, wurde es geklaut?" Ein einhelliges "Nein!" aus der gesamten Runde zeigte, dass nun Schluss mit Hände-Hoch-Lustig war und alle Anwesenden sich nun auf das Buch konzentrieren wollten. Ein polizeiliches "Ja Ok" gab mir die Freiheit, meine Rede um das Buch zu beginnen.

Ich blickte in die Runde, "Können wir?" und alle verstummten um meinen Worten zu lauschen. "Meine Herren Anwesende, dieses Buch ist eindeutig ein - Original, keine Kopie und außerdem bisher sehr gut versteckt worden. Dieses Buch ist ...", weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Ein Pfarrer stand uns gegenüber, "Habe ich einen Hochzeitstermin verpasst?" Alle waren irgendwie voll abgenervt. Nur der Professor meinte amüsiert "Der Trauzeuge ist auch schon da". Ein schallendes Gelächter machte die Runde. Ich musste zur Ordnung rufen, klärte den Pfarrer kurz auf und führte meine Rede weiter.

"Dieses Buch, meine Herren, ist keinesfalls böse und schon gar nicht ein Buch der Apokalypse. Dieses Buch ist uralt und die Worte wurden geschrieben aus der Hand vom Apostel Johannes persönlich !!!"

Totenstille herrschte in der Kirche und der Pfarrer kippte nach hinten weg. Während er so am Boden lag, erklang vor der Türe das Geräusch eines landenden Hubschraubers. Kurz darauf öffnete such die Tür und Paul Mc Cartney betrat den Raum, kam nach vorne, küßte mich auf die Wange und sah auf das Buch. "Endlich," sagte er "darf ich 'mal, bitte?" Er öffnete den Buchdeckel, blätterte einige Seiten durch und intonierte dann mit dem Finger unter verschiedenen Schriftzeichen: "Ob la di. Ob la da." Er wiederholte ein paar Mal "Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da." Dann begann er, zu summen und schließlich sang er "Ob la di, ob la da, live goes on bra," zeigte auf meine Brüste und grinste, "la-la, how the live goes on. Ob la di. Ob la da, live goes on bra, la-la."

"Klingt interessant," sagte ich, "noch mehr Musik drin?" Paul blätterte eine Weile, dann las er "Hubbbbba, hubbbbba, hubbbbbba, hubbbbba, hubbbbba
Neun, Hubbba." Er sah mich fragend an und meinte: "Klingt mehr nach Scheiße für John, fällt mir keine Musik zu ein." Er blätterte noch ein wenig lustlos durch das Buch, sah mich an und sagte: "Sieh zu, daß es nicht in falsche Hände gerät. Ich muß dann 'mal weg." Er küßte mich auf die Wange und verließ singend den Raum: "Ob la di. Ob la da, live goes on bra..." Draußen hörten dann wir den Hubschrauber starten und schließlich abheben.

Kurz darauf kam der Pfarrer wieder zu sich, sah sich um und fragte: "Habe ich etwas verpaßt?" Der Professor antwortete profan: "Ein Gastspiel von Paul Mc Cartney. Hat aber nur ein einziges Lied aus dem Buch vorgesungen. Ohne Begleitung." Der Pfarrer stöhnte "Nackt auch noch?" und sank wieder in sich zusammen.

Jean sah mich an und fragte: "Ein apostolisches Gesangsbuch?" Der Professor mischte sich ein: "So ähnlich. Johannes hat in seiner Freizeit alle möglichen Silbenkombinationen abgearbeitet, so daß letztlich auch jedes Lied, wenn man mit dem Buch zu kombinieren versteht, herauskommt. Schau' hier," der Professor nahm das Buch, öffnete wahllos eine Seite und las vor: "In a ga da da vi da. Eine interessante Textzeile. Oder schau' diese Silbenfolge: Wa de ha de du de da. Klingt nach deutschem Kinderlied." "Faszinierend," sagte Jean, "dann können wir ja alle Komponisten auf Plagiat verklagen?" Der Professor sah Jean an, blickte zu mir und meinte, ich solle es ihm sagen. "Das Urheberrecht ist längst abgelaufen, Jean. Nichts zu machen."

Jean blätterte in dem Buch, er schien zunehmend verwirrt. "Wenn ich es recht verstehe, ist jeder Liedtext auf der Welt ein Plagiat, wenn man den Johannes richtig lesen kann?" "So ist es, Jean," antwortete der Professor, "jedes Lied auf diesem Planeten ist von Johannes längst vorweggenommen." Der Pfarrer erwachte wieder und räusperte sich. "Egal, was sie jetzt sagen wollen, Hochwürden," setzte Jean an, "geben sie sich keine Mühe, es steht sowieso bei Johannes." "Na und, jetzt wird geheiratet," sagte der Pfarrer, sah mich an und fragte: "Sie sind die Braut?" "Wie oft denn noch," antwortete ich, "hier wird nicht geheiratet, jedenfalls jetzt nicht und ich nicht." "Was wollen sie dann alle hier?" fragte der Pfarrer "hier ist ja mehr los, als bei meinen Sonntagspredigten."

Ich fragte beim Pfarrer nach "Wann ist denn deine nächste Messe?" Der schaute mich an und meinte "In einer Stunde geht es los". "Prima, die Predigt halte ich" triumphierte ich. Jean blickte mich derweil leicht angezickt an. "Paul hat dich zwei mal geküsst" zischte es zwischen seinen Lippen heraus. "Ach, der Herr Ritter ist eifersüchtig?" zischte ich ebenso gekonnt zurück. Aber irgendwie war es auch dabei so niedlich.

Der Pfarrer starrte mich derweil an "Sie wollen die Messe halten?" Ein "Na Logo, das konnte ich früher schon gut" von mir ließ ihn zwar zweifeln, aber seine Neugierde wollte wohl auch wissen, ob ich das drauf hatte. Ich bekam seinen Seegen. Die restlichen Ritter waren unsicher, was sie nun tun sollten. Ich bat sie, in den Sitzreihen Platz zu nehmen.

Und eine geile Idee hatte ich auch noch. Jean hätte mich beinahe erwürgt, aber ich fragte ganz unbedarft in die Runde "Hat ein Herr bitte einen Kugelschreiber für mich?" Bevor Jean auf mich stürzen konnte, bekam ich vom Pfarrer einen Kuli und kritzelte etwas ganz vorne in das Buch. Jean's Entsetzen stand in seinem Gesicht geschrieben. "Du hast wirklich im Original des 4ten Evangeliums herumgekritzelt?" Er stürzte sich auf mich, schaute dabei auf die von mir beschriebene Seite und hauchte mich - immer noch lesend -fassungslos an "An Paul und John, in Liebe, Eure Donna? Das ist doch kein Poesiealbum!" röchelte er noch bevor er kollabierend (oder so ähnlich) zusammen brach. Ich versuchte noch, Jean zu beruhigen und bat ihn, wieder auf seinen Platz zu gehen. Männer können ja manchmal so schrecklich kompliziert sein.

Die Kirche füllte sich derweil mit Kirchgängern. Sie sahen nicht so aus, als würden sie heute mal Tiefgreifendes von der Kanzel erfahren. Die waren wohl schon öfters da. Der Pfarrer hauchte mir dann auch zustimmend zu "Meine Stammgäste". Doch ich war mir sicher "Das bekomme ich hin". Ich gab Gas!

...

"Liebe Kirchengemeinde! Ich weiß, dass ihr alle die Inhalte aller Briefe, jener Apostel, die ausgezogen waren, die Worte Jesus Christi zu verbreiten, nicht mehr hören könnt - weil ihr sie alle schon auswendig aufsagen könnt".
Irgendwie nickten alle Kirchgänger zustimmend und der Pfaffe sah leicht frustriert aus.

"Erstens wird diese jetzige Messe verwendet werden, jene Ritter, die dort vor ihnen sitzen, ihren Verpflichtungen dankend zu entbinden. Sie hatten sich dazu verpflichtet, wichtige Unterlagen des Apostels Johannes bis zum heutigen Tage zu beschützen!" Es kam so etwas wie Bewunderung aus den Reihen der Kirchengemeinde zu den Rittern rüber. Ich bat Jean noch, mir seinen Ring zu geben. Ich bekam ihn wortlos.

Weiter führte ich an "Zweitens wird die heutige Messe dazu verwendet, zu erklären was nicht zu erklären ist!" und gleich hinterher fragend an die Kirchengäste "Was ist nicht zu erklären?"
Ich ging im Buch auf die letzte Seite, sie war noch nicht beschrieben. Ich machte dort sieben Satzzeichen.

Es kam eine zaghafte Stimme eines Gastes aus hinteren Sitzreihen "Kriege sind nicht zu erklären?!"

Das war mein Thema! "Ja richtig, Kriege sind nicht zu erklären! Ich möchte euch heute von den SIEBEN Weltkriegen berichten". Der erste Weltkrieg wurde keinesfalls durch die Ermordung eines österreichischen Thronfolgers ausgelöst". Die Ritter schauten sich gegenseitig an.

Ich fuhr fort "Ab Christi Zeiten wurde schon Europa und Klein Asien als ganze Welt angesehen.
Der erste Weltkrieg beinhaltete dabei nicht nur den Aufbau und Zerfall des römischen Reiches. Es war auch ein Krieg der Religionen und selbst die nachfolgend späteren Kreuzzüge passen in die Zeit noch mit hinein. Die Kreuzritter, sie zogen nach Klein Asien und nahmen den Menschen das Gold".
Der zweite Weltkrieg war zu Zeiten der Kolonisation. Sie segelten aus und nahmen den Menschen fern ihrer Heimat das neu gefundene Land".
Der dritte und vierte Weltkrieg, dass sind die Weltkriege, die sie kennen und die Europa so veränderten. Kriege angetrieben durch Selbstsucht und Wahnsinn".
Den fünften Weltkrieg erleben wir Zurzeit. Mächtige Konzerne ziehen in die Welt hinaus und nehmen den Menschen die Bodenschätze".

Die Kirchengäste staunten nicht schlecht. Weiter ging es "Der sechste Weltkrieg liegt in der Zukunft. Nostradamus selbst beschrieb ihn in seinen Aufzeichnungen. Er beschieb die Wüstenkriege. Aber selbst danach, Nostradamus schrieb von Zehntausend Jahren Frieden nach den Wüstenkriegen, es wird immer noch einen Krieg geben, den alle Menschen betrifft. Einen Weltkrieg, wo Menschen Menschen helfen. Es ist der Krieg gegen Hunger und Durst".

Während meiner Worte nahm ich meinen Ring vom Finger und legt beide Ringe auf das offene Buch. Ich schloß das Buch und die Ringe verschwanden in diesem. Das Buch war komplett geschlossen, die Ringe verschwunden. Die Ritter veränderten sich. Sie verjüngten sich, schauten sich gegenseitig ungläubig an. Jean hatte Tränen in den Augen und strahlte mich an. "Donna", rief er, "Was hast du gemacht? Ich fühle mich so lebendig, so jung". Ich lächelte alle an, zeigte über den Altar auf das Kreuz Jesu und sagte "Der war's". Dann schnappte ich mir das Buch und ging zu Jean. Ich beugte mich so hervor, dass Jean in meinen Ausschnitt schauen konnte. "Uff, Donna, das ist ja ein Ding". "Jean", ich küsste ihn auf die Wange, "Jean, zwei Dinger" zwinkerte ich ihm zu, setzte meine coole Sonnenbrille auf und beim Hinausgehen aus der Kirche drehte ich mich nochmal nach Jean um. "Alles eine Sache der Verhandlungen". Jean lachte mir hinterher, stutzte auf einmal und rief mir zu "Donna, was hast du denn noch verhandelt?" An der offenen Kirchentür drehte ich mich nochmal zu Jean, schob meine Sonnenbrille etwas herunter und schaute Jean voll cool über die Brille an. Ich lächelte ihn an, setzte meine Brille wieder richtig auf und ging flötend von dannen.

 

ElleCommandante
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Das römische Artefakt

1. Kapitel


Ich fand meine Idee, mich einfach mal als Frau zu stylen und in Hamburg mein erstes Going-out zu wagen, super gut. Ich hatte sogar meine Hippie-Mähne ladylike umstylen lassen. Auch mein neuer Name Donna passte gut zu mir. Na ja, 1966, wenn nicht in diesem Jahr, wann sonst und wir hatten wir ja alle die wilde Haarpracht.

Die Party in Hotel Alsterdorf war auch gut. Jean, der Banker, ein toller Mann, den ich da kennen lernte und der mich restlos verzauberte, ließ mich romantische Frauenträume erleben.
...

Ich weiß nicht, warum ich jetzt in meinem VW Käfer sitze und Richtung Côte d'Azur fahre. Ich schaute auf den hübschen Ring, den Jean mir in der Nacht aufsteckte. Ein wenig merkwürdig war das ja schon, was er mir da sagte. Sonntag um 11:00 Uhr sollte ich auf der obersten Treppe vor der Kathedrale von Marseille sitzen und ein gewisser Roger würde mich dann zu Jean's Yacht bringen. Eine Mittelmeer-Reise hatte er mir versprochen.

Egal, ich fühlte mich gut. In meinem Boheme-Rock und gelbem Top sah ich Klasse aus und der neue Song von den Walker Brothers aus meinem Radio ließ mich erst gar nicht auf ernste Gedanken kommen - The Sun Ain't Gonna Shine Anymore ...

Die Wahrheit des Liedtitels schien mich schneller einzuholen, als mir lieb war: Eine dunkle Limousine tauchte hinter mir auf, am Steuer ein kaukasisch dreinblickender Fleischberg, der gestern ein hitziges Wortgefecht mit Jean hatte, kaum hatte er mir den Ring angesteckt. Mir fallen seine Worte ein, die Jean mir beim Anstecken des Rings in's Ohr flüsterte: "Achte gut auf den römischen Artefakt!"

Eigentlich hatte ich diesen Worten keine Bedeutung zugemessen, bis auf den kleinen Gedanken dabei, warum er "den Artefakt" und nicht "das Artefakt" sagte. Zwischen Blicken in den Rückspiegel und den Fleischklops an meiner Heckstoßstange und den Versuchen, die großbusige Blondine im NSU vor mir genauer zu mustern, sah ich mir den Ring genauer an. Irgendetwas an diesem Ring ließ mich auf einmal an der Echtheit des Steines zweifeln. Also versuchte ich, mit dem Stein die Seitenscheibe anzuritzen, was dazu führte, daß der Stein zerbröselte und ein kleiner Gegenstand auf die Fußmatte fiel.

Im Radio schwafelte mittlerweile irgendein zu Recht unterbezahlter wie unbegabter Moderator von seiner Frequenz und guter Laune, während ich bemerkte, daß die mir folgende Hackfresse zum Überholen ansetzte. Ich riß geistesgegenwärtig das Steuer nach Neun Uhr und schleuderte die dort befindliche Autobahn-Abfahrt mit unbekanntem Ziel hinunter, während mein schwitzender Verfolger mit herausquellenden Augen meinen Käfer mit mir davon fahren sah, während er geradeaus dem Autobahnverlauf folgend samt blondem Atombusen im NSU aus meinem Rückspiegel verschwand...

Ich schlenderte also die Ausfahrt hoch. Irgenwie kam ich oben zum stehen. Auf dem Schild stand Richtung Hannover. Puh, und das über die Landstrasse. Also, rechts ab und weiter Richtung Süden. Im Stillen dachte ich mir, dass kann ja recht heiter werden. Und der Kerl im Radio versuchte imer noch gute Laune zu versprühen. Meine Laune befand sich auf dem Tiefpunkt. Also führ ich erst einmal rechts ran. Meine Hände zitterten ganz schön. Die Zigarette speckte nun auch nicht besondert. Ach was solls, werd ruhig Mädel sagte ich mir und such danach erst einmal das kleine Teil, was aus dem Ring rausgefallen war. Endlich hatte ich es gefunden. Und nun? Da war ein kleines Loch in der Mitte. Also stechte ich meine Kette hindurch und hängte mir es um den Hals. Nun aber los. Und ab nach Marseille. Sonst verpasse ich mein Date.

Was ist das? Mein Käfer springt nicht mehr an. Außer einem kleinem Klack ist nichts mehr. Vermutlich die Batterie oder der Anlasser? Soll ich nun Hilfe rufen? Die nächste telefonzelle ist bestimmt erst im nächsten Ort. was stand auf dem Schild? 20 KM sollen es sein. Mit meinen Pumps kann ich zwar gut Autifahren - aber laufen?. Schnell hab ich mir meine Sandalen aus meinem Rucksack geholt. Das wichtigste reingepackt und folge nun der Strasse Richtung Süden. Den Käfer hab ich am Strassenrand stehen gelassen. Viellicht findet ja der Fleischbrock den Wagen und sucht sich dann halb Tod.

Letztens hab ich noch einen Film über Anhalter gesehen. Vielleicht sollte ich das mal ausbrobieren. Die ersten Wagen fahren alle vorbei. Pech gehabt meine Liebe denke ich mir. Nach längerer Zeit sehe ich eine Horde Motorradfahrer auf mich zukommen. Ich streck den Finger raus und denke die halten ja eh nicht. Auf einmal bleibt der ganze Pulk bei mir stehen. Wilde Kerle und einige wilde Mädels. Wohin ich will - Nach Frankreich. Super sagt der Typ, der sich als Road-Captain vorstellte, wir fahren zu einem Treffen nach Nizza. Wenn ich will kann ich auf seiner Harley mitfahren. Mein Gepäck nimmt ein Kumpel mit. Natürlich will ich. Bei so vielen Beschützern brauche ich mir bestimmt keine Sorgen zu machen.....

Eine Hoffnung, die zugegebenermaßen trügerisch war. Mein Road-Captain legte nämlich die Eigenart an den Tag, bei jeder Notrufsäule laut "Not" zu brüllen und bei jeder Tankstelle "Tanke". Während das "Not" regelmäßig ohne Konsequenzen blieb, bedeutete das "Tanke" den rückengekennzeichneten Prospects doch das Anhalten, um Bier zu kaufen, das unter Gejohle auch sofort konsumiert wurde. Nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit hatte ich auf diese Weise acht Tankstellen unterschiedlichster Marken gesehen und ebensoviele Biermarken preiswerterer Herkunft kennen gelernt. Langsam brummte mein Schädel und die Blase drückte dem Road-Captain vermutlich längst in's Kreuz.

Daher erschrak ich auch kurz, als mein Captain zeigte, daß er auch ein drittes Wort in enormer Lautstärke beherrschte: "Banditos!". Kurz dachte ich, es folgte eine warme Zwischenmahlzeit, doch sein lederbehandschuhter Finger zeigte auf eine Gruppe Dorfjugendlicher, die auf Mofas sitzend eine kurzbehoste Art angehender Dorfnutte zu beeindrucken schienen. Schon hielt unsere Gruppe wieder an, einer der Prospecte stieg von seiner Maschine, schritt auf die Jugendlichen zu und brüllte: "Alter, ey!". Mir erschien die Ansage eines grauhaarigen Bauchträgers in einer knappen Lederkutte gegenüber einem Heranwachsenden zwar etwas unangemessen, aber ich merkte gleichzeitig, daß man nach acht Halben Bier, die durch eine Harley in jede Faser meines Körpers geschüttelt worden waren, ein gepflegt aggressives Verhalten goutieren kann.

"Ich geh' 'mal abschütteln" lallte ich meinem Captain in's Ohr, der mich in meinem mittlerweile verknitterten Rockes etwas verstört ansah. Danach nahm ich mein Gepäck und ging in Richtung der Dorfkneipe, die an diesem Tage eine leckere Schlachtschüssel feilbot. Der Gedanke an eine leckere und fettige Schlachtschüssel verstärkte meinen Wunsch, sofort die heimische Porzellanabteilung aufzusuchen. Derart angetrieben betrat ich das Etablissement...

Ich war zufrieden, aber auch fix und alle. Die Müdigkeit kam hinzu. Ich saß am Fenstertisch des Lokales und konnte gar nicht glauben, was ich da verdrückt hatte und was gegen jede Diätregel verstieß. Aber auch der dritte Kaffee machte mich nicht wacher. Ich schaute aus dem Fenster um zu sehen, ob die Harley-Gruppe nun endlich weiter gefahren ist. Hoffentlich suchen sie mich nicht. Mit denen würde ich ja nie rechtzeitig an der Côte d'Azur ankommen. Aber der Platz war nicht mehr einsehbar weil der doofe Laster sich vor den Laden stellte. Allerdings wurden auf einmal meine Augen immer größer, denn am Fahrerhaus des Lasters klebte ein Aufkleber vom - Fußballclub AS-Monaco !!!

Bitte strahle jetzt nicht den Trucker an, der könnte das falsch verstehen, sagte ich zu mir selber. Doch der eben in den Laden eingetretene Typ hatte mich schon längst entdeckt und lächelte zurück. Es sah allerdings urkomisch aus, dass er dabei, nicht nach vorn schauend, stolperte und beim Stürzen auch noch den Kleiderständer mit zu Boden nahm. Ich lief hin um zu helfen ...

Das Fahrerhausbett war warm. Brian, der Trucker, hatte seine Ruhezeit hinter sich gebracht und versprach mir, bis zur Côte d'Azur nur das Lenkrad anzufassen. So schlief ich beruhigt ein ...

2. Kapitel

Ich wurde mit dem Gedanken wach, daß ich unbedingt einige Telefonate durchführen musste. Erstens sollte ich Jean anrufen, wenn ich in Frankreich bin. Zweitens sollte ich mich bei meiner Sekretärin melden. Ich krabbelte aus der Koje und fragte Brian meinen Trucker wo wir sind. Kurz vor Lyon antwortete er mir. In wenigen Minuten steuert er einen Rastplatz an, Da kann ich mich dann frisch machen. Toll dachte ich, da gibt es dann auch sicher ein Telefon.

In der Zwischenzeit betrachtete ich den Ring etwas genauer. Ein goldener Ring. Vermutlich Handarbeit. Und antik dazu. Nachdem ich die Reste des falschen Steines entfernt hatte, kam eine flache runde Scheibe von ca. 1,5 cm zum Vorschein. In der Mitte war eine Sonne zusehen. Um die Sonne herum waren Zeichen eingraviert. Ich fragte mich, wo ich so eine ähnliche Arbeit schon mal gesehen habe.

Mir fiel es schlagartig wieder ein. Während meines Kunststudiums in Berlin. Mein damaliger Doktorvater trug einen ähnlichen Ring. Ich erinnerte mich an die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Donald, mit deinen Qualifikationen und Kenntnissen wirst Du von den besten Kunsthäusern umworben werden, pflegte er immer zu mir zu sagen. Aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Zugegeben ich war damals schon ziemlich feminin gewesen. Meine Kommilitonen pflegten mich als Exzentriker abzustempeln. Aber das war mit immer egal gewesen. Als ich ihn einmal auf seinen Ring ansprach, sagte er mir, dass er diesen für seine Verdienste bekommen hat. Als besondere Auszeichnung sozusagen. Diese Art von Ringen, Donald werden heute nicht mehr gefertigt. Leider wirst Du nie in die Gelegenheit kommen einen solchen Ring zu tragen. Warum, fragte ich. Meine Frage blieb unbeantwortet. An unserer Uni munkelte man, dass mein Prof. wohl eine Freimaurer sei. Ob es wohl hiermit zusammen hing? Zuhause hatte ich zwar auch einige antike Schmuckstücke. Diese trug ich jedoch nur zu besonderen Angelegenheiten. Ansonsten blieben sie unter Verschluss.

Endlich erreichten wir den Rastplatz. Von dem nächsten Telefon rief ich sofort Jean an. Er war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Als ich ihm von der Verfolgung schilderte sagte er mir, dass mich mein Fahrer mich bis zur letzten Ausfahrt vor Orange bringen soll. Dort werde ich dann von zwei Freunden abgeholt. Woran werde ich diese erkennen. Keine Bange Donna, sie werden dich erkennen. Außerdem ist dort noch ein alter Bekannter von Dir dabei.

Dann rief ich mein Büro an. Ich sagte meiner Sekretärin Birgit, daß sie alle meine Termine für die nächsten zwei Wochen absagen solle. Ich befinde mich auf einer wichtigen Kunstreise in Frankreich.

Danach besprach ich mich mit Brian. Kein Problem. Diese Ausfahrt kennt er. Außerdem ist es nicht mehr weit. Als wir an der Ausfahrt ankamen, stand dort schon ein schwarzer Citroen. Ich stieg aus und ging auf den wagen zu. Zwei Personen stiegen aus. Ein jüngere und ein älter Mann. Donna, sprach mich der ältere an. Ich war wie versteinert. Vor mir stand mein ehemaliger Kunstprofessor....

Im Hintergrund entfernte sich der LKW und mit ihm Brian. Einen Moment stand ich überlegend am Straßenrand und betrachtete meine beiden Gegenüber, als ein weiterer schwarzer Citroen sich mit hohem Tempo näherte. Ich sah, wie an dem heranrasenden Fahrzeug die Seitenscheiben heruntergelassen wurden und warf mich geistesgegenwärtig in den Straßengraben, als ich Schüsse aus Maschinenpistolen und das Fahrzeug vorbeirasen hörte.

Mit einem vorsichtigen Blick aus dem Straßengraben sah ich beide Männer blutend auf dem Boden liegen. Die Straße überquerend ging ich in Richtung meines ehemaligen Professors, der noch atmete, als ich mich über ihn beugte. Er sah mich mit feuchten Augen an, rang nach Luft und stammelte: "Hüte Dich. Hüte Dich vor ...", dann sank sein Kopf zur Seite und die Atmung setzte aus. Als ich mich der zweiten Person zuwandte, war mir sofort klar, daß hier jede Hilfe zu spät kommen würde. Ich durchsuchte beide Personen und fand zwei Schußwaffen, während sich in der Ferne ein dunkles Fahrzeug näherte. Mit den Knarren in der Handtasche warf ich mich ins Unterholz, kroch einen Abhang hinunter und verschwand in der heraufziehenden Dunkelheit.

Nachdem ich in wolkendunkler Nacht mehrere Stunden gelaufen war, kam ich an eine Stelle, die mir sofort bekannt vorkam. Im Kreis laufend kam ich wieder zur Autobahnausfahrt, von der aus ich losgelaufen war. Der Citroen war verschwunden, ebenso die beiden Leichen und im sich durch die Wolken bahnenden Mondschein war zu erkennen, daß alle Spuren, auch das Blut auf dem Asphalt, sorgfältig entfernt worden waren. Während eine innere Panik in mir hochstieg, war ein herantuckerndes Motorrad zu hören. Mit beiden Armen winkend, stellte ich mich auf die Straße und das Motorrad hielt an. Mit einem Griff in meine Handtasche zog ich einen der beiden Schießprügel, den ich dem Motorradfahrer direkt unter die Nase hielt. Dann gab ich ihm mit einer Bewegung der Wumme zu verstehen, er möge sich subtrahieren und mir seine Maschine anheim stellen. Der Fahrer verstand sofort, legte in seiner Verwirrung sogar seinen Helm auf die Sitzbank und rannte in die Richtung los, aus der er gekommen war.

Während der Motorradfahrt Richtung Mittelmeer versuchte ich mich zu konzentrieren, aber ich hatte einen lieben Menschen verloren und die Trauer verdrängte erstmal alles andere. Ich fuhr noch vor Marsaille von der Autobahn ab und suchte einen Platz zum schlafen weil ich schon wieder müde war. Bei einer Telefonzelle in Sausset hielt ich an. Das Meerresrauschen konnte man schon hören Ich informierte Jean und sagte ihm, daß ich hier auf ihn warten würde. Alles andere schien mir zu riskant. Mit dem Motorrad rollte ich zum Meer runter und legte mich auf die Küstenheide zwischen den Klippen. Ich war fix und alle. Wenn Wellen besonders dolle gegen die Klippen klatschten, bekam ich einige Tropfen davon ins Gesicht. Der Nachtwind war aber warm. Es roch nach Oleander und Jasmin. Mit meinen verpennten Augen sah ich noch vor dem Einschlafen, daß im Osten die Sonne schon den Horizont erhellte. …

Ich hatte den Simca gar nicht gehört, so tief pennte ich. Jean stieg aus dem Wagen und krabbelte auf einen höheren Fels. Er hatte mich aber sofort entdeckt und kletterte zu mir rüber. Ein Küsschen auf meine Wange sollte mich wecken. Ich beschloss aber, daß ein Küsschen nicht ausreichte um mich zu wecken. Aber darauf fiel Jean nicht rein. Mit einer Strohblume kitzelte er an meiner Nase. Das hatte wohl insgesamt auch etwas von schlechtem Gewissen bei ihm und er wusste das auch. Mich bewusst in so eine Situation zu bringen und ich brannte darauf, eine umfangreiche Erklärung von ihm zu bekommen. Ich öffnete meine Augen um gleich darauf zu loszuwettern, kam aber erst gar nicht so weit. Ein zweites Küsschen bekam ich, außerdem ein Strauß Rosen. „Guten Morgen Donna, lass uns frühstücken gehen, ich erkläre dir auch alles“. Wir gingen über die Küstenstraße zu einer Bistro-Veranda und tranken Kaffee und aßen Meterbrot mit Salami. Ich wollte trotzdem stinkig auf Jean sein, klappte aber nicht wirklich. „Du Donna, wenn du nun sauer über mich bist, so kann ich das verstehen“ hörte ich als ersten Entschuldigungsversuch. Ich stand auf, stellte mich vor ihm. Jean stand auch auf, senkte seinen Kopf etwas, er errötete. „Du Schuft“ zischte ich ihm rüber und fiel in seine Arme. Ich war froh, nun nicht mehr alleine zu sein.

Wir suchten als nächstes eine Boutique und eine Drogerie auf, damit mein en femmes Äußeres wieder gut aussieht und riecht. „Donna, wir fahren erstmal in mein Sommerhaus, da kannst du dann duschen“. Wir stiegen in den Simca ein und fuhren mit herunter gekurbelten Fenstern die duftende Küste entlang bis Jean auf einen Schotterweg fuhr, der sich serpentinenartig in die Höhe schlängelte. Wir fuhren durch ein altes Eisentor zu einem Haus, welches typisch für die Landschaft war. Die steinerne Hausmauer war Terrakotta-farbig, das Dach rot und die Fenster waren mit blauen Holzlamellen verschlossen.

Während ich duschte und mich nachpuderte, baute Jean auf der Terrasse ein Mittagsbrunch auf. Wir saßen bei Fischkroketten, Brot und Wein in der Sonne und genossen die Meeressicht. Ich vergaß fast alles andere. Jean fing aber dann mit seiner Erklärung von selbst an: "Für diese Fischkroketten verwende ich nur richtig frischen Dorsch, den ich in kleine Würfelchen schneide und dann mit frischer Limette und Sherry mariniere. Dann zerkleinere ich ein Bündel Petersilie, schwitze es mit frischer Landbutter an und lasse es abkühlen, bevor ich es mit dem Fisch vermenge. Dann schneide ich ein paar kleine Charlotten in kleinste Würfelchen, vermische sie mit einigen Löffeln Créme Fraîche, gestoßenem Chili, einem feuchten Brötchen, Meersalz, etwas von der Limettenschale und einem Löffel Fischfonds. Zu guter Letzt wird alles gut vermischt, paniert und in reinem Butterschmalz in der Eisenpfanne herausgebacken. Guten Appetit!"

Jean holte kurz Luft, biß in eine Fischfrikadelle (wie ich sie nach seinem Rezept wegen des feuchten Brötchens gerade getauft hatte), kaute kurz, hielt inne, sah mich an und fragte mit vollem Mund: "Noch'n Weinchen?" "Danke, ja" hörte ich mich antworten und hielt ihm das Glas hin, das er füllte. "Der Trick an den Fischkroketten aber ist," so fuhr Jean voller Enthusiasmus fort, "daß man dazu einen Wein aus dem Tetrapak servieren kann, denn das vertanzt sich ohnehin alles auf der Zunge." Er holte Luft und ich fiel ihm in's Wort: "Nun mach' 'mal Pause. Falls Du mir nichts anderes erklären willst!"

3. Kapitel

Als der Professor wieder zu sich kam, spürte er einen brennenden und pochenden Schmerz in jedem Teil seines Körpers, den er denn fühlte. Er roch eine intensive Muffigkeit, die ihn an den Waschlappen unter seiner Küchenspüle erinnerte und hatte einen Geschmack im Mund, der jeder Beschreibung spottete und Vergleiche mit nicht verrotteten Tieren verbietet. Langsam öffnete er die Augen und sah dunkle Wände, die durch Feuchtigkeit bedingt Moosflechten über Jahre eine prächtige Heimat boten. Während er den Kopf langsam nach rechts drehte, nahm er zwei Gestalten war, die ausahen, als wären sie von einer sibirischen Kolchose aus mit der Mohrrübe in dieses Kellerverlies gelockt worden. Eine der beiden Gestalten trat an die Liegestatt des Professors, beugte sich über ihn und fragte: "Du wach?"

Der Professor versuchte, die schemenhafte Gestalt des sibirischen Bullen zu erkennen, als dieser ihn nochmal fragte: "Du wach?" "Ich wach" stammelte der Professor und merkte bei diesem Sprachversuch, daß Körperteile innerlich noch mehr schmerzen können, wenn man sie beansprucht. "Wo Ring?" fragte der finster dreinblickende Geselle. "Welcher Ring?" stammelte der Professor, um kurz darauf zu merken, daß ihm seine rechte Wange bislang eigentlich noch nicht geschmerzt hatte. "Welche Ring," schnaufte das dem Raum an Geruch in nichts nachstehende Wodkafaß, "ich gib' Dich welche Ring!". "Mein Herr, ich weiß nicht, wovon sie reden." entgegnete der Professor, um kurz darauf auch einen brennenden Schmerz an seiner linken Wange zu verspüren. "Reden oder tot!" rief der andere Ekelapparat, trat nach vorne und drückte dem Professor seine verschwitzte, mächtige Pranke in's Gesicht.

Kein Buchmacher der Welt hätte nur einen Cent auf diese Geschichte angenommen, dachte der Professor fast lächelnd.....da überlebe ich einen Angriff mit Maschinengewehrsalven und falle, als ich mich schon mit Aloisius auf einer Wolke frohlocken sehe, einer Horde Menschen in die Hände, die unser freundlich gemeintes " 'luja, sog I" mit "Du wach? Reden oder tot ! " umständlich beantworten.
Die Welt muss verrückt geworden sein. Stell Dich lieber bewusstlos, dachte der Professor. Die Pranke des Ekelapparates hatte doch im wahrsten Sinne Eindruck hinterlassen.

Wieder einmal in der Gefangenschaft dachte Prof.Dr. Frederick Hummels. Wo soll das bloss wieder hinführen. Die beiden Ekelpakete hatten sich gerade abgewendet. So blieb ihm Zeit seine Peiniger zu betrachten. Interessant dachte er. Anzüge und Uhren nach dem östlichen Stil. Vermutlich KGB. Mit Sicherheit KGB, denn er verstand einige Wortfetzen in Russisch. Wie um alles in der Welt ist der KGB zu den Informatinen der Ringe gekommen? Die Ringe - auch 1940 kam er deswegen in Gefangenschaft. Und alles nur, weil er der erste Vertraute von Jean Pascal de Valloire ist. 1920 habe ich Jean kennengelernt. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und studierte an der Uni in Edinburgh Kunstgeschichte. Jean war damals schon eine erstaunliche Persönlichkeit. Er sah aus wie 30. Erst später merkte ich, dass Jean nicht alterte. War er auch ein Gefallener oder liegt das Geheimnis doch viel tiefer. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Freundschaft. Bald darauf trat ich den Freimaurern "Diener Christi" bei. Jean war ihr Großmeister. Als ich meine erste Professur an der Uni in Edinburgh antrat bat mich Jean auch die Leitung der Komturei in Edinburg zu übernehmen. Gern nahm ich diese neue Herausforderung an. Aufgrund der Unruhen in Deutschland mußte ich im Jahr 1942 nach Berlin fliegen. Die Komturei in Tempelhof sollte verschlossen werden. Zwar gelang mir dies, ich wurde aber vor meinem Abflug von den Nazis gefangengenommen. Die Qualen und Schmerzen, die man mir zufügte waren unmenschlich. jedoch war ich nicht in der lage etwas zu sagen. Für diese Fälle besaß ich eine mentale Blockade. Ich würde eher sterben als etwas über die Brüderschaft zu verraten. Auch die Nazis waren hinter den Ringen her. Ich habe mich schon damals gefragt, ob die Gefallenen hier nicht dran beteiligt sind. Mit viel Glück entkam ich damals meiner Gefangenschaft. Die äußerlichen Wunden sind zwar verheilt, aber die psychischen Schmerzen verheilen nie.

Ich muss mit den beiden Ekelpaketen reden. Was wissen sie? Und wie kommt der KGB in das Wissen der Ringe? Haben sie vieleicht von den Nazis damals das Buch der Apokalypse erbeutet? Oder stecken hier doch die Gefallenen hinter. Ein toller Name für aus dem Himmel gefallene Engel. Diese müssen als schattenlose Wesenseinheiten ihr Leben auf der Erde fristen. Ab und an können sie mal in Kotakt mit einem Menschen treten. Aber auch nur um Ihnen einen Auftrag zu geben oder leicht zu steuern. Das gelingt aber nur für kurze Zeit, da der "Wirt" erheblich schneller altert. Eigentlich bleibt ihnen als letzter Ausweg nur die verlorene Dimension. So wie die Schönheit vergangen ist - wird sie nun in Luzifers Reich zu einer Karikatur derselben.

"He, Du - wo Dein Boss", rief ich den Ekelpakten zu. "Du geben Ring" "Ich sprechen Boss, sonst nix sagen!". Die folgenden Schläge waren eerheblich stärker als die ersten. Ich wapnete mich innerlich gegen die Qualen.

So räusperte sich der Professor kurz und blickte dem dickeren der beiden kaukasischen Ziegenfickern tief in's Auge, wobei er mit fester Stimme sprach: "Habt ihr eigentlich keinen Wodka?", woraufhin er sofort ein "Doch, haben" vernahm. "Dann paß auf, mein Dawarisch permafrostbebodeter Herkunft: Du säufst mich unter den Tisch und bekommst sofort alle Informationen oder ich sauf' Dich unter den Tisch, und Dein Kumpel holt den Boß. Ganz einfach." Der Professor war sich seiner Gewinnersituation seines klug duchdachten Vorschlages bewußt: Entweder er bleibt alleine mit einer Schnapsleiche oder verbringt einige Stunden im Dellirium. Beide Situationen erschienen ihm erstrebenswerter als der Status Quo.

"Welche Tisch?" war die Antwort. "Egal, soll sich halt Dein Kumpel hinknien, solange" entgegnete der Professor, eine Idee, die ihm noch ein Stückchen ulkiger erschien. "Is gut, mach' Tisch, Iwan" sagte der schmalzgelockte Schwitzkopf und holte einen Karton voller Flaschen. "Trinke Flasche oder Becher?" war die letzte Frage zu den Spielregeln, die -schon aus Gründen der Hygiene- mit "Flasche" entschieden wurde.

Kaum zwei Flaschen später war die dritte Flasche entkorkt und der Schmerz des Professors wurde weniger, die Sprache des mittrinkenden Exilkolchosen schwerer und das kniende Tischchen begann langsam zu meckern, daß das kostbare "Wässerchen" in fremden Kehlen verschwand. Dem Professor, dem ohnehin so langsam alles egal wurde, knallte die Flasche auf Ex, rülpste ausgiebig und lallte: "Nochmal!" Der Russe holte den Rückstand rasch auf und entkorkte zugleich unter seltsamen Flüchen bäuerlicher Prägung die nächste Runde. "Ex oder Depp" lallte der Professor, setzte an und zog durch, wobei ihm sein Gegenüber in Nichts nachstand. Nur das Gemecker des wohl unteralkoholisierten Tischchens steigerte sich über Gebühr, als sein Kumpane bei Runde Sieben beim Rülpsen ihm etwa die Menge eines doppelten Schnapsstamperls auf das Hinterteil spuckte. "Du sauf', nich' spuck'" war die letzte Aufforderung des Tischchen bei Runde Zwölf, kurz bevor der volltrunkene Sparringspartner sich und dem ebenso besoffenen Professor aus der Kiste je eine Flasche Pflanzenöl hervorzauberte, die beide ohne nähere Kenntnisnahme ohne abzusetzen leerten.

4. Kapitel

Man schrieb den 30. Juni 1966. Während beinahe die ganze Welt vor ihren Radio- und Fernsehempfängern auf den Anstoß zum legendären Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in England, dessen unrühmlichen Ausgang und den einzigen Titelgewinn des "Mutterlandes" des Fußballs in seiner Geschichte wartete, lag eine farbige Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den Wehen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie und ihr Mann, der sie allerdings bald verlassen sollte, lebten, hatten sie sich entschieden, ein drGeschehnissen im fernen Frankreich zu tun haben sollte, hatten sich -schon aus Gründen der Zeitverschiebung- in Tokio im Budokan ungezählte Beatles-Fans eingefunden, um einem Live-Konzert beizuwohnen. Da es dummerweise Japaner waren, die des Englischen wenig mächtig waren, entging ihnen mehrheitlich bei diesem Konzert ein bemerkenswertes Vorkommnis: Paul McCartney sang in dem von ihm ebenfalls 1966 komponierten und getexteten "Paperback Writer" in der Zeile "... novel by a man named Lear ..." statt "Lear" mit ungewöhnlicher Betonung den Namen "Donna", um danach feixend das Lied zu Ende zu bringen und im fernen Frankreich den Dingen ihren von ihm sehr wohl bewußt verfolgten Lauf zu lassen.

Zu dieser Zeit saß ich -mittlerweile schweigend- mit Jean nach wie vor bei Fischfrikadellen, Brot und Wein in der Sonne. Im Haus klingelte das Telephon, lange und schrill. "Wo ist der verdammte Hausdiener, wenn man ihn braucht?" rief Jean Richtung Gesindewohnung, er hörte ein Grunzen und die Worte "Komme ja schon." Der traurige Schatten eines Hausdieners, der seine besseren Zeiten wohl gesehen hatte, schleppte sich in's Haus, das Klingeln hörte auf und der Hausdiener rief: "Es ist dieses Schlitzauge, mein Herr." "Und, was will der Japs?" antwortete Jean. Der Hausdiener telephonierte einen Moment und rief dann zurück: "Paul hat sich scheinbar absichtlich verquatscht!"

Ich biss ein wenig verwirrt in eine Frikadelle. Zwischendurch schaute ich in meinen Taschenspiegel. Meine Frisur saß noch recht gut. Ich dachte über Jean nach. Der Jean aus Hamburg war ja ein ganz anderer, als dieser Typ, der jetzt aufgeregt war. Sein Benehmen war unmöglich und wo war bitte der galante Herr, der mir im Hotel Alsterdorf tief in die Augen schaute und etwas von Yacht, Capri und Athen in die Ohren säuselte? Ich schaute an mir herunter. Ich hatte eine gute Wahl in der Boutique getroffen. Mein gelbes Blümchenkleid leuchtete ganz toll. Aber ich war ein wenig unsicher. Das Mittelmeer so blau, Jean's Schiff so weiß und hätte ich da nicht ein weißes Kleid kaufen müssen? Und überhaupt, es wäre eigentlich an der Zeit, wo ein Gentleman vor mir knien sollte und mir einen Brillantring ...  DER RING !!!!!!!  Ich schaute Ring und versuchte nachzudenken. Ich fühlte an meiner Halskette auch das zweite Teil des Ringes ab. Es war noch da. Entsetzt fiel mir ein, daß ich in meiner großen Tasche auch noch Pistolen hatte. Während ich in die Tasche schielte und meine Bestätigung bekam, sah ich im Augenwinkel einen aufgelösten Jean hektisch hin und her rennen. Ich aß die Frikadelle ganz auf. Jean kam zu mir: "Wir müssen los". Ich schnappte mir meine Sachen und rannte hinter ihm Richtung Auto hinterher. Jean drehte sich nach mir um: "Wir müssen fliegen". Ich war ganz erstaunt, blieb stehen und fragte: "Ach, der Yachthafen von Monte Carlo hat einen Flugplatz?"

"Genau, wir nehmen den nächsten Flieger nach Paris. Von dort aus geht es Richtung Tokio."" Aber warum Jean?" fragte ich. "Die Ereignisse überstürzen sich," grummelte Jean vor sich hin. Er riss mir die Tür von seinem Jaguar auf und stieg selber ein. Ein Autorennen durch die Schluchten von Monaco war das letzte worauf ich Lust hatte. Aber Jean lenkte souverän den Wagen. Erstaunlich das sich die Gendarmerie gar nicht an den Wagen störte. "Sehen die uns nicht", fragte ich Jean. "Nein - ich habe den Wagen unsichbar gemacht." "Wie?" "Später, meine Liebe". Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir den Flugplatz. Die Motoren der Maschine liefen schon. Wir hasteten zum Flugzeug und einige Minuten später starteten wir schon. "In weniger als zwei Stunden sind wir in Paris", sagte Jean. Er holte eine Flasche Rotwein aus der Bordbar und gab mir eine Glas zum trinken. Ich denke Du bist schon ganz schön neugierig auf meine Geschichte.

"Mein Name ist Jean Pascal de Valloire. Ich bin zwar banker, aber nur in meiner eigenen Sache. In Wahrheit bin ich der letzte Großmeister der Freimaurer der Diener Christi. Geboren wurde ich 1820 in Paris." "Du siehts aber auch wie 30", anwortet ich. "Als ich Großmeister wurde legte ich vor dem Buch der Apokalypse ein Gelübde ab. Daraufhin wurde mir ein langes Leben gewährt." "Unsterblichkeit," fragte ich. "So, in etwa. Und noch etwas mehr," entgegnete Jean. "Unsere Brüderschaft besteht schon seit sehr langer Zeit. Entstanden ist diese nach der Auflösung der Templer. Einige unserer Brüder sind damals nach Schottland geflohen. Bis hierhin reichte der Arm des Vatikans nicht. Mit den uns verbliebenen Kenntnissen und Ausrüstungen konnten wir hier eine neue Brüderschaft gründen. Die Freiumauerer der Diener Christi. " "Was meinst Du mit Kenntnissen und Ausrüstungen?" entgegnete Donna. ""Verschieden Kenntnisse der Alchemie, der Zukunft und der Magie. Die Ausrüstungen lagen nicht in den verschiedenen Komtureien und wurden nach und nach hierher gebracht. Als wichtigste Kpmturei diente Tempelhof. Hier war und ist eines unserer größten Archive untergebracht. Darüberhinaus wird von hier aus die finanzielle Basis unserer Brüderschaft sichergestellt. Dein ehemaliger Professor leitet unsere Komturei in Tempelhof."

Jean legte hier eine kurze Pause ein und schaute aus dem Fenster, bevor er fortfuhr: "Die alten Tempelritter fanden seinerseits mehrere Bücher. Diese wurden teilweise an den Vatikan veräußert und begründeten die Vormachtstellung. Von dem Buch der Prophezeiungen uns Vorhersagen wurde eine Kopie angefertigt. Diese befindet sich bis heute in unserem Besitz. Das Buch der Apokalypse war fest verschlossen. Es wurde von uns wie ein ganz besonderer Schatz gehütet. Den wenn dieses Buch geöffnet wird, so besagen die Schriften, wird der Untergang der Welt - also das jüngste Gericht - erfolgen. Die Mächte des Guten werden gegen die Mächte des Bösen kämpfen und die Dimensionen werden sich gegenseitig aufheben." "Und wo ist das Buch der Apokalypse jetzt - und die Ringe, was haben die damit zu tun," wollte Donna wissen. "Das Buch wurde uns in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gestohlen. Die Ringe - alles zu seiner Zeit Donna." "Aber sie hängen mit dem Buch zusammen" Jean schmunzelte nur. " Ja sagte er, das gibt es so eine alte Prophezeiung. Sie spricht von einem Ritter und einem zweigeschlechtlichen Menschen. Beide zusammen würden das Buch der Apokalypse endgültig vernichten.""Und" "Alles aufgeben". Jean wurde sehr ruhig. Ich war sprachlos. War ich damit gemeint - zweigeschlechtlich. Ich trank meinen Rotwein aus. Und schenkte mir gleich wieder ein- Jean lächelte mir verschmilzt zu. Er sah verdammt gut aus für sein Alter. Bald darauf erreichten wir den Flugplatz in Paris. Ohne weitere Umstände fanden wir unseren Linienflug nach Tokio. Paul, wenn ich dich in die Finger kriege, dachte Jean.

Wir waren einige Stunden geflogen und hatten bislang lauen Kaffee, eine Art kaugummiartigen Brötchens und eine bunt bedruckte Serviette dazu erhalten, als sich der Kapitän via Lautsprecher meldete: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht nochmal ihr Kapitän. Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, befinden uns zwischen Omsk und Irkutsk und unser linkes Triebwerk brennt." Dann herrschte einen Moment Ruhe, während wir mit einem Blick aus dem linken Fenster uns überzeugen konnten, daß der Kapitän keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. "Da wir das Triebwerk irgendwie nicht löschen können," fuhr die scheppernde Lautsprecherstimme des Kapitäns fort, "werden wir uns ein geeignetes Stück Steppe suchen, um notzulanden." Die Stewardessen im vorderen Flugzeugteil wurden zusehends hektischer. "Bitte beten Sie, daß ich den Vogel nicht in einen Geröllhaufen ramme und folgen Sie nun den Anweisungen des Flugpersonals!"

Die Stewardessen zeigten uns, daß wir uns irgendwie hinter den Sitzen zusammengefaltet hinkauern sollten, verteilten wahlweise Rosenkränze, Kreuze und für die Kinder Gummienten und wirkten dabei aber gelöst. Ich hörte, wie die blonde Stewardess dem schwulen Flugbegleiter zuraunte: "Mit Kapitän Funes bin ich bereits dreimal notgelandet. Er ist ein Meister der Landung ohne Fahrwerk." Der Flugbegleiter schien ihre Worte überhört zu haben, als er zurückfragte: "Hat er Dir auch an den Hintern gegrapscht?" "Nein, ich bin seine Fernostroutenmatratze" war die Antwort.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörten wir das obligate "Ready to crash down" aus dem Lautsprecher, das Flugzeug machte eine scharfe Rechtskurve, um danach mit einem scheppernden Quietschen zu dem sich ein dröhnendes Pochen und ein ächzendes Wummern gesellte, irgendwo in der (vermutungsweise) kasachischen Steppe Bodenkontakt zu suchen. Die Maschine mag wohl einige hundert Meter über den Boden geschlittert sein, um mit einem Boing (was für ein Treppenwitz, es handelte sich schließlich um eine Boing 727) plötzlich zu stoppen. Der Pilot meldete sich erneut über Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, wir haben unseren Zielflughafen um wenige tausende Kilometer verfehlt. Wir haben nunmehr unsere Parkposition erreicht und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Bitte fliegen Sie bald wieder mit Air France."

Der Kapitän trat in die Flugkabine, öffnete die vordere Türe, klemmte sich einige Schachteln unter den Arm und verlies die Maschine. Die Besatzung und die Fluggäste folgten ihm, um vor dem Flugzeug stehend den Kapitän dabei zu beobachten, wie er eine Signalpistole abschoß. "Sie geben mir immer ein paar Schachteln Leuchtraketen extra mit an Bord" sprach der Kapitän in Richtung der Fluggäste, während ihm seine Fernostroutenmatratze immer neue Raketen reichte, die der Kapitän in den Himmel jagte. "Dieses Feuerwerk wird Ihnen präsentiert von Air France" näselte derweil der Flugbegleiter und nestelte dabei am Verschluß einer von ihm mit nach Draußen genommenen Champagnerflasche.

Etwa drei Stunden später war der Kapitän bei der vorletzten Kiste Leuchtraketen angelangt und am Horizont sahen wir eine Fahrzeugkolonne, die sich unserem Standort näherte; bald drauf hörten wir auch das Brummen der Motoren, das uns wie ein Dröhnen erschien, als die Kolonne sowjetischer Militärlastkraftwagen, die von einem ordensbehangenen Kerl in einem Geländewagen angeführt wurde, vor uns zum Stehen kam. Der Christbaum stieg aus, lief in Richtung unseres Kapitäns und rief: "Dawarisch Funes!", worauf unser Kapitän antwortete: "Sie schickt ein um's andere Mal der Himmel!"

Der Kommandeur bedeutete uns, wir mögen uns auf die Lastkraftwagen bewegen und kurz darauf verließ der Konvoi das havarierte Flugzeug. Man brachte uns nach einigen Stunden Fahrt nach Irkutsk, der Konvoi stoppte vor dem "Motel Mamitschka", wo wir gebeten wurden, auszusteigen. Kapitän Funes verabschiedete sich mit Handschlag vom Kommandeur und sagte: "Bis Bald!". Dann drehte er sich zu uns und verkündete: "Diese Nacht im Motel Mamitschka wird Ihnen präsentiert von Air France!" Der Flugbegleiter flötete "Bitteschön", als er uns den Zimmerschlüssel Nummer 33 aushändigte und fügte ein "Da geht's lang" hinzu. Kurz darauf fanden wir uns in einem streng nach Kamelhaardecke, die in der glorreichen roten Armee einem Landser als Fußlappen diente, riechenden dusteren Raum wieder, dessen Inneneinrichtung nach Gulag auf LSD aussah.
Na ja, das Bett ging ja so. Ich hatte allerdings Bedenken wegen weiterer Mitbewohner und bat Jean, doch ein wenig dichter an mich ran zu kriechen. Boah, in den Armen eines Ritters zu liegen, der hunderte Jahre Erfahrung mit den Frauen der Geschichte hatte, ich fühlte mich gut, bekam noch ein Küsschen auf die Wange  und schlief schnell ein.

Die Zimmertür wurde polternd eingetreten. Wir saßen beide vor Schreck senkrecht im Bett. Der kaukasische Fleischklops grinste uns an während er mit einer Maschinenpistole rumfummelte. "Kanone auf Boing gut, nich'?", der Klops freute sich wie ein Schneekönig, "Triebwerk puff, gut schießen". Nun wusste ich, wem wir unsere Notlandung zu verdanken hatten. Die Klops-Gesichtszüge wurden ernster: "Anziehen, laufen vor mir auf Flur". Ich bin noch nie so schnell in mein Kleid gekommen und schnappte mir meine Tasche. Wir liefen vor dem Klops den Hotelflur entlang. Ich stoppte kurz vor einem Spiegel, fummelte meine Frisur zurecht und lief weiter. Der Klops konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Laster schüttelte uns durch, die Nacht in den Höhen zivilisationsfremder Gebiete zerrte an meiner Kraft. Nach einer halben Stunde standen wir, die Maschinenpistole im Rücken, auf einem Hochplateau und sahen mehrere Propellermaschinen neben einem Rollfeld. "Los, zu das Flugzeug gehen", kommandierte unser kauskasisches Übergewicht und zeigte auf eine Maschine. Ich ging neben Jean und schob unauffällig meine Umhängetasche vor meinen Bauch. Ich hatte einen Plan! Ich schielte noch nach Jean, der sofort wusste, was ich vor hatte. Auf einmal wurde ich ja sowas von cool und selbstsicher. Der Griff zu dem kalten Stahl in meiner Tasche, das drehen meines Körpers und das Herausziehen einer Pistole war eins. Unter einem Schuss ins Bein des dicken Stinketieres brach der zusammen und ich drückte ihm noch eine Kugel ins andere Bein - nur vorsichtshalber. Jean entwendete den nun am Boden liegendem Schweißhaufen die Maschinenpistole bevor der noch auf dumme Gedanken kam.

Ich konnte nicht anders. Es war ja wie im Kinofilm und ich musste einfach meine Coolness noch einmal ausspielen. Obwohl schlimmeres hätte passieren können, kniete ich auf dem Oberkörper des Muffelkaukasen, schnupperte ihn an und hauchte ihm "Du waschen, Stinke dann weg" ins Gesicht. Normalerweise ist das eine Situation, wo ich nochmal stehend den Rauch aus der Pistole blasen müsste, meine Sonnenbrille aufsetze und nach einem Pfiff mein Pferd aus der Deckung kommen müsste. Ich fühlte mich richtig gut. Jean lachte über meine Sicherheit. Aber ich konnte da noch einen Draufsetzen: "Hey Ritter, wer fliegt nun welche Maschine?"

Die Propeller dröhnten in luftiger Höhe und Jean konnte tatsächlich ein Flugzeug fliegen. Unter uns wurden die Landschaft immer kleiner. Ich war jetzt eine Heldin, redete ich mir zumindest ein. Jean blickte zu mir herüber. Ich saß auf dem Co-Pilotensitz, klappte meine Sonnenblende herunter und Jean meinte schmunzelnd: "Kein Schminkspiegel". "Wohin fliegen wir nun eigentlich?" wand ich  mich an meinen Kapitän, der nach kurzer Überlegung "Buchara" antwortete. Meinem fragenden Blick folgend ergänzte er: "Eine schöne, alte Stadt, die die Sowjets noch nicht völlig dem Ruin preisgegeben haben." "Und was sollen wir dort?" "Bei Omar-al 'mal wieder eine leckere Kebapplatte verputzen. So wie Omar-al 'nen Hammel zubereitet, gibt es so schnell keinen Vergleich." Jean schnalzte mit der Zunge und mir wurde flau.

Nach einigen Flugstunden erschien am Horizont eine Stadt mit Gebäuden, die goldene Kuppeln trugen, die im Sonnenlicht einen großen Glanzfleck in die unwirtliche Landschaft zu zaubern schienen, ja es schien, als schienen sie. Jean brachte den Flieger auf den Erdboden, er rollte aus und vor uns erschien das Ortsschild "Бухоро". "Wir sind da" bemerkte Jean, worauf mir nur ein "Ach!?" einfiel. Wir stiegen aus der Maschine und liefen in die Stadt.

Nach etwa achthundert Metern schlenderten wir nach rechts in eine Seitenstraße, passierten einen Friseursalon, eine Schafscherstube und ein Geschäft für Kamelzubehör. "Das Haus nach dem sechsten Friseursalon" wies mir Jean den Weg und zweihundert Meter weiter betraten wir eine Kaschemme, in der das Licht schummrig war und die Scheiben statt Gardinen einen Nikotinüberzug bekommen hatten. "Jean!" rief ein älterer Mann, der in eine schmuddelige Kochuniform eingewachsen schien und auf uns zukam. "Omar-al!" rief Jean und beide Männer fielen sich in die Arme. Nachdem sie sich ausgiebig geherzt hatten, sagte Jean zu Omar-al gewandt: "Omar-al, Donna" und in meine Richtung: "Donna, Omar-al."

Wir setzten uns an einen Tisch und Omar-al fragte, ob wir außer Tee etwas zu trinken wünschten. "In Buchara trinken wir zu allem Tee, sogar zum Tee. Deswegen reicht es für gewöhnlich, irgend ein Getränk zu bestellen, man bekommt sowieso 'nen Tee dazu. Und falls das Getränk einmal nicht da sein sollte..." Omar-al legte den Kopf in den Nacken, rollte die Augen und stoßseufzte: "Sowjetzeiten", um fortzufahren "... dann gibt's halt nur 'nen Tee. Wenn man folglich also nur einen einzelnen Tee will, dann bestellt man sich am Besten eine ausländische Spirituose." Jean bestellte ein Bier und ich ein Glas Wein. "Also zweimal Tee" notierte Omar-al. "Und zweimal leckere Kebapplatte, bitte" fügte Jean hinzu. "Mit Tee?" fragte Omar-al. Schnell bemühte ich mich, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen: "Gibt's auch was ohne Hammel?"

Omar-al sah Jean entsetzt an und fragte: "Vegetarierin?" "Um Gottes äh Allahs Willen, nein! Auf gar keinen Fall!" entgegnete Jean. "Also ganz ohne Hammel," fragte mich Omar-al mit großen Augen "so ganz ohne?" "Nun, was gibt's denn sonst noch so?" "Außer Hammel habe ich nur Grünes und Gelbes, wahlweise gekocht oder gestampft." Meine Aussichten schienen heute nicht nur durch die Fensterscheiben des Etablissements nicht die Besten zu sein, also bestellte ich tapfer "Eine Kebapplatte ohne Extra-Tee, bitte. Und 'nen Fernet-Branca." Omar-al notierte eifrig: "Zwei Kebapplatten und 'nen weiteren Tee."

Kurz darauf brachte uns Omar-al die drei Teegläser und wenige Minuten danach schleppte er zwei große Silberplatten an, auf denen jeweils ungefähr ein kleingeschnittener halber Hammel lag, der gebraten und gewürzt worden war und auf dessen Haufenspitze eine schwarze Olive lag. "Hau rein und Mahlzeit!" rief mir Jean zu und begann zu kauen. Ich nahm zaghaft ein kleines Stückchen Fleisch zwischen zwei Finger und biß ein Eckchen davon ab. Jean sollte recht behalten: Es war der verdammt nochmal leckerst gewürzte Berg Hammel, den man auf Gottes äh Allahs Erdboden vorgesetzt bekommen kann. "Noch'n Bier" bestellte Jean, um kurz darauf ebenfalls seinen zweiten Tee zu bekommen .
 
5. Kapitel

Der Professor wurde am anderen Morgen etwas zerknausert wach. Wodka, was für ein Scheißgesöff. Es geht doch nichts über ein paar odenliche Maltwhiskys. Am besten einen schönen Laphroig.Schön torfig. Und dazu noch ein paar Pints Guinnes. Aber so etwas feines kennen die im Osten ja nicht. Die beiden Fleischklöse lagen schnarchend auf dem Boden. Wie dumm nur, dass der Professor noch immer auf seinen Stuhl angekettet war. Er bewegte seinen Stuhl in Richtung eines Agenten und trat ihm mit voller Wucht in die Fresse. Der Tritt zeigte Wirkung. Langsam öffnete der typ seine Augen und Fragte ganz benommen: "Was los hier, will schlafen" "Nix schlafen", rief der Professor. Während dessn wurde der zweite Fleischkloß wach. Bevor er sich versah, wurde er auf seinen Stuhl nach hinten weggezogen. "Ivan, aufstehen", schrie der zweite Typ. Und ivan sprang, wie von einer Hornisse gestochen auf. "Hol Auto, fahren heute noch nach Mütterchen Moskau. Und ruf den Chef an. Sag wir haben Professor. Bringen ihm nach KGB-Zentrale.

Der Professor hatte das Wort "KGB-Zentrale" noch nicht richtig gehört, als vier Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden und mit gestreiften Krawatten sowie verspiegelten Sonnenbrillen in den Raum sprangen. Sie trugen Waffen im Anschlag, der Professor hört zwei Plopp-Geräusche und die beiden Russen lagen mit aufgerissenen Augen rücklings auf dem Boden und hatten beide in der Mitte der Stirn ein kleines Löchlein. Der Professor betrachtete die Männer in ihren Anzügen und sinierte, daß die Idee mit von der einen Seite aus durchsichtigen Spiegeln als Brillenglas ihm nur zu gerne selbst eingefallen wäre. Er blickte kurz zu den Russen und scherzte: "Kuckt 'mal, die haben ein drittes Auge!"

"CIA, Agent Schultz" stellte sich der Größte der Vierlinge vor, "Sie sind unser Mann!" "Jo", sagte der Professor und der Kleinste der Vierlinge trat vor: "CIA, Agent Schlutz, Sie sind unser gefangener Mann." "Achso" entgegnete der Professor, zuckte mit den Schultern und setzte sich. "Darf ich 'mal ihre Brille aufsetzen, Herr Agent Schlutz?" "Gib' sie ihm", bedeutete Schultz, "er soll in seinen letzten Stunden wenigstens ein Bißchen Freude haben."

"Wo bringen wir ihn hin, Schultz?" fragte Schlutz und Schultz antwortete ihm: "Wie wär's mit dem Iran? Der Schah wollte für seinen Folterkeller beim letzten Mal nur drei Kamele und 'ne Jungfrau. Klar, Syrien ist billiger, aber da gibt's wieder nur 'ne Gemeinschaftsdusche. Nein, ich hab's: In Nicaragua schulden sie uns noch Was, nachdem die Deppen in der Schweinebucht vergeigt haben." "Bringen wir ihn erst 'mal in's Quartier nach Grafenwöhr. Während wir ihn dort elektroschocken, können wir ja nochmal überlegen." mischte sich einer der beiden Namenlosen in's Geschehen ein. Schultz und Schlutz sahen sich an, nickten sich zu und griffen von je einer Seite den Professor und schleiften ihn aus dem Gebäude.

Kurz darauf klingelte im fernen Buchara das Telefon. Omar-al verschwand im Nebenraum und bisweilen hörte man ein "Ja, is' gut", dann hängte er auch schon ein und kam an unseren Tisch. Er zeigte auf die verbliebene Olive auf meinem Teller und sagte mahnend: "Aufessen. Gibt sonst schlechtes Wetter." Dann brachte er uns den bestellten Kaffe und zwei Tee, setzte sich zu uns und sagte: "John war am Telephon. Er hat erzählt, er sucht sich jetzt in London eine Schlitzschlampe. In Tokio hätten die beim Vögeln immer so herrlich gequietscht." Omar-al nahm einen Schluck Tee und fuhr fort: "Übrigens, der gelehrte Zausel wird gerade nach Grafenwöhr verlegt, hat Brian Epstein durch John ausrichten lassen."

"Für John weiß ich genau die Richtige," setzte Jean an, "eine absolut untalentierte Japanerin, die sich für eine Künstlerin hält und eine Stimme hat, daß man sie beim japanischen Zivilschutz als Sirene verwenden könnte. Außerdem mag sie komische Brillen und macht im November in London eine -naja- Ausstellung, nein: Sie präsentiert kruden Schrott und kreischt dazu. Beim Sex gibt's Keine, die mehr quietscht." Jean hüstelte kurz und legte nach: "Sie heißt Yonko Onko oder so. ... Ich hab' von ihr gehört". Dann sah er Omar-al an und fragte: "Was ist die langweiligste Stadt bei Grafenwöhr, um dort unauffällig Quartier zu beziehen?" Omar-al überlegte einen Moment und antwortete: "Hof. Moment, Bayreuth ist genauso Scheiße und sogar noch dichter dran." "Bayreuth. Eine der miesesten Städte der Welt, ausgerechnet." entgegnete Jean, sah mich an und rief: "Auf zur transsibirischen Eisenbahn! Wir müssen nur in Nawoi, Urbach, Moskau, Minsk, Warschau, Ostberlin (Hauptstadt der DDR), Berlin und Lichtenfels umsteigen."

Ich staunte Jean fragend an. "Häää, transsibirische Eisenbahn? Kommt gar nicht in Frage. Wir haben doch das geklaute Flugzeug. Das geht in jedem Fall schneller. Und wer auch immer der gelehrte Zausel ist, müssen wir nicht mehr nach Tokio? Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung". Ich dachte auch an das prophezeite Finale mit der Zerstörung des noch fehlenden Buches und überlegte, ob nach dieser glorreichen Tat Jean wohl, in Asche verwandelt, zu Boden fällt weil seine Zeit eigentlich ja schon abgelaufen war. Ein schrecklicher Gedanke. Andererseits dachte ich über Jean's Worte nach. Alchemie, Magie und Zukunft. Ich schielte in meinen Ausschnitt und überlegte mir gerade, welche Vorzüge man aus der Magie doch nutzen könnte. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Jean bemerkte das, grinste auch kurz, wurde dann aber wieder ernst. Ich starrte Jean fassungslos an als er sagte: "Hm, wer auch immer der gelehrte Zausel ist, wir müssen weiter. Wir fliegen zurück nach Deutschland. Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung".

Jipiee, ich hatte mich durchgesetzt. Keine Eisenbahn, sondern Flieger. So lobe ich mir das. Und keine Zeitverschwendungen mehr durch unnütze Schießereien oder andere nervige Gegenspieler. Ja, Gegenspieler, richtig gelesen! Es ist wie beim Schach. Gegner eliminieren, keine Rückschritte machen, den Gegenkönig aushebeln. Während der Autofahrt zum Rollfeld scherzte ich noch mit Jean. "Hey Ritter, wie gefällt dir meine neue Sonnenbrille? Vorhin noch im Laden gekauft. Voll cool die Verspiegelung. Ich sage dir, daß ist der neuste Schrei". Jean lachte und nahm mich in den Arm. "Aha", fotzelte er, "Madame werden eine Kämpferin, ja?" und säuselte mir noch ins Ohr "eine verdammt hübsche Kämpferin". Ich schwebte auf Wolke Sieben. "Echt?" meine Augen leuchteten. Ich war völlig außer Fassung. "Jean, wo sind wir hier?" Doch er öffnete mir die Tür des Wagens. Ich stieg aus und war entsetzt. "Das sieht ja aus wie ein Bahnhof, da sind Gleise". Jean stand vor mir, die transsibirische Eisenbahn kam gerade dampfend in den Bahnhof gerollt.

"Donna, 2380km mit dir in einem eigenen Abteil, 2380km dir nur in deine Augen schauen, 2380km neben dir auf der Matratze ..." Ich hielt meinen Finger auf seine Lippen. "Stop Ritter, ich, äh, ----  ich gebe nach". Wir mussten beide lachen. Na ja, die Sitze vom Flugzeug waren ja auch gar nicht bequem, die Sonnenblende hatte keinen Schminkspiegel und überhaupt, fliegen ??? ... geht gar nicht!"

Im Zug gab es die erste Überraschung, denn wir sollten nicht über Nawoi und Urbach, sondern über Taschkent fahren, wobei uns Niemand sagen konnte, ob wir in Orenburg eventuell auch den Zug zu wechseln hätten. So ist das bei den Sowjets, dachte ich bei mir, sie sind dieses Jahr auf dem Mond gelandet, haben aber nicht 'mal einen Bahnfahrplan. Dann sah ich mir unser Abteil und seine Mitbenutzer genauer an: Jean, der am Gang Platz genommen hatte, saß eine dicke Bäuerin gegenüber, die unablässig in eine große Salatzwiebel biß und dann ausgiebig kaute. Mir gegenüber saß vermutlich ihr Ehemann, der in einem abgeschabten Anzug daherkam und der eine braune Ziege auf dem Schoß sitzen hatte. Zu seinen Füßen stand ein Korb mit Hühnern.

"Toll, Jean," dachte ich bei mir, "das wird ja 'ne richtig romantische Reise." Jeans Gegenüber faßte in einen braunen Leinensack und bot uns Salatzwiebeln an, die wir aus Gründen der Gastfreundschaft dankend annahmen. "Eßt, Kinder, eßt," ermunterte uns die Bauersfrau, gab ihrem Mann auch eine Zwiebel  und wenige Minuten später saßen wir in kauender Eintracht in unserem Viererabteil, nur die Ziege kaute gerade nicht. Als wir die Zwiebeln etwa zur Hälfte gegessen hatten, griff der Mann an seiner Ziege vorbei nach einer irdenen Flasche und fragte: "Wodka?" "Danke, ja" antwortete Jean und der Mann sagte zu seiner Frau: "Hol' Tee dazu."

"Kommen sie aus Buchara?" fragte ich mein Gegenüber und dieser antwortete: "Ja. Sie kennen die Stadt?" "Ich habe dort den leckersten Hammel meines Lebens gegessen" antwortete ich ihm und er weinte vor Freude (oder doch wegen der Zwiebel?). "Wissen Sie, meine Frau und ich, wir fahren nach Ostberlin (Hauptstadt der DDR). Mein Sohn, der Offizier bei der ruhmreichen roten Armee ist, hat uns zu seiner Heirat eingeladen und diese Platzkarten für den Zug geschickt. Deswegen auch die Ziege und die Hühner." Jean blickte auf die Platzkarten, sah mich an und stammelte: "Den Plätzen nach fahren wir bis Ostberlin (Hauptstadt der DDR) gemeinsam. Wir haben also genügend Zeit, uns für die Zwiebeln und das Wässerchen zu revanchieren." "Danke, Jean," zischte ich ihm zu, "daß Du die Schlafwagenreservierung vergessen hast." "Hab' ich nicht. Aber sie haben keinen Schlafwagen, der Fahrkartenverkäufer hat seufzend "Sowjetzeiten" gestöhnt. Aber zwischen Moskau und Minsk soll es einen bestechlichen Schaffner geben, der sein Personalabteil vermietet, nur Geduld."

Die erste Nacht in unserem Abteil verlief recht geruhsam. Nachdem ich mich mit der Ziege angefreundet hatte, diente sie mir als Zudecke, während der Rest unserer Reisegruppe den Spätfolgen des Wodkas vermittels kollektiven Schnarchens hörbaren Tribut zollte. Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege ein Stückchen zur Seite schob und fragte ihn: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?"

Das Ei war tierisch lecker. Ich bat Jean und den Bauern noch, die Plätze zu tauschen. So hatte ich Jean gegenüber und konnte wenigstens, meine Schuhe ausgezogen, ein wenig füßeln. Wir mussten beide lachen, als ich mit meinen Füßen unter Jean’s Hosenbeine ging und diese an seinen Beinen wärmte. Schade, dass da nicht mehr drin war. So vertrieben wir uns die Zeit mit kleinen Neckigkeiten und Spielereien. Jean schaute mich plötzlich interessiert an als ich ihn zwar anschaute aber gar nicht wirklich wahrnahm. Irgendwie blickte ich an ihm vorbei. Ich war tief in Gedanken versunken. Da war noch so ein Gedanke, den ich übersehen hatte und ich ließ mich blenden von dem Leben der Donna. Aber nun ratterte es in meiner Birne. Der Faden des Gedanken, was puzzelte sich denn gerade in meinem Kopf zusammen? Ich zuckte kurz zusammen. Ich war wie elektrisiert. Die Ziege ködelte vor Angst als ich abrupt aufsprang und los schrie.
„IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH !!!!!!!!!!“

Die Bauernfrau und ihr Mann starrten mich an. Dann lachte der Bauer: „Gemüsezwiebel belasten Darm ein wenig, was?“ Ich setzte mich wieder hin. Jean sah mich fragend an. Jaaaaaaaaaa, dachte ich mir, jaaaaaaaaa, das isses! Ich hab’s kapiert. Ein Puzzlestück passt mehr. Mein Ritter machte sich eigene Gedanken. „Donna, ist alles in Ordnung?“ Doch ich antwortete ihm nicht. Ich räkelte mich in meinem Sitz. Meine Beine schlug ich gekonnt über einander und ich wurde schon wieder so was von cool und selbstsicher. Ich fuhr mit meinen Händen durch die Haare und schüttelte sie, so dass ich eine wilde Mähne hatte.

Jean schaute immer interessierter. Er sah eine tolle Schnalle, die ihn provozierte in dem sie ihre Zunge zeigte und damit spielte. Er sah, dass seine Donna die Augen zusammen kniff und ihn scharf anschaute. Jean musste schlucken. Donna spielte mit ihm. Jean wurde aber richtig nervös, als Donna etwas machte, womit er nicht gerechnet hatte !!!

Ich presste die kleine runde Scheibe, die an meiner Halskette hing, zwischen meine Lippen. Dann öffnete ich die Kette, löste sie von der Scheibe und ließ sie in meinen Ausschnitt fließen. Ich nahm die Scheibe in die Hand. „Jean, was habe ich hier in meiner Hand? Hm?“ Ich beobachtete Jean’s Augen. „Ahem“ räusperte sich Jean, „Das ist eine kleine Scheibe mit einem Loch drin“. „Nein Jean, das ist keine Scheibe, sondern ein Achteck!“ Mein Gegenüber wollte mehr wissen: „Ja und?“ fragte er mich. „Hey Ritter, das Material ist Gestein und Grün!“ Jean ahnte, was ich ahnte, „Sprich weiter, Donna“. Meine Antwort kam prompt: „Montezuma lässt grüßen! Jean, das was ich hier in der Hand habe, ist ein aztekischer Kalender. Während meiner Studienzeit in Fort Alamo konnte ich diese Art von Artefakt studieren“. Jean war sichtlich überrascht, dass ich sein Geheimnis lüftete. „Donna, mach weiter“ forderte er mich auf. „Ein Zeitenspiegel, er muss da hin wo er war“. Ich nahm die Scheibe und fummelte ihn in den Ring rein. Ein hörbares Klicken bestätigte meine Vermutung, die nun zur Gewissheit wurde. „Jean, ein Zeitenring, den du mir gegeben hast – und ich kann nicht anders…“ Jean wollte gerade aufspringen um mich zurückzuhalten. Doch es war schon zu spät. Ich berührte mit einem Fuß sein Bein und drehte an der Scheibe ein wenig in Richtung Uhrzeigersinn. Ein Blitz hat sich vor uns auf .

Ich stand auf einer großen Sanddüne und vermutete mich in der Sahara. Mein Kleid flatterte vom warmen Wind. Der Sonnenuntergang war wunderschön, der Himmel und die Luft rot gefärbt. „Donna, ich bin hier“ hörte ich Jean hallartig rufen. Ich drehte mich um – und war begeistert. „Jean, es ist unglaublich! Das da, … „ ich zeigte hinter ihm, „ das da, das ist …“ und Donna sah auf der Südseite des hohen marokkanischen Atlas-Gebirges hunderttausende von gebogenen Spiegeln, die strukturiert ausgerichtet waren, „… das ist die Zukunft!“ sprach Jean für mich weiter. „Ja Donna, nun weißt du um die Magie deines Ringes. Damit können wir in die Zukunft, sowie auch in die Vergangenheit reisen. Wir können die Geschichte erleben, wie einen Film gucken. Aber anfassen oder etwas verändern können wir nicht“. „Jean, wir sollten zurück in den Zug. Ich vermute, dass unsere Körper da einfach starr rum sitzen und das könnte auffallen“. Jean nickte mir zu. Bevor ich den Zeitkalender auf meinem Ring wieder auf die alte Stelle zurückdrehte, versprach ich noch meinem Ritter „Aber mein Ritter, eine große Reise werde ich mit dem Ring später noch machen – eine Zeitreise zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg!!!“

Niemand im Abteil hatte etwas bemerkt als unser Bewusstsein zurück in der Gegenwart war. Jean strahlte mich an. Ich war auch glücklich, doch jetzt brauchte ich nur noch eines – einen Ort, wo ich mit meinem Ritter alleine seien konnte!

Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich nahm die Kette und die daran hängende und zwischen meinen Lippen befindliche Scheibe aus meinem Mund und rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege, die mir bis dahin als Zudecke diente, ein Stückchen zur Seite schob und fragte: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?" "Hatten wir das nicht eben schon?" fragte ich vorsichtshalber nach.

Ja ok, der Schaffner sagte zu uns, dass wir in Orenburg den Zug wechseln müssen. Der Anschlusszug steht aber auf dem gleichen Bahnsteig, es wäre also ganz einfach. in 10 Minuten würden wir übrigens Orenburg erreichen. Es ist wie vom Schiff runter auf das Festland wenn du aus dem Zug torkelst. Für eine kurze Zeit wieder festen Boden unter sich, mir war schon ganz schlecht. Jean stütze mich und wir überquerten den Bahnsteig zum Anschlusszug. Also, nicht das die Leser jetzt denken sollten, hier wird nur ein einfallsloser Roman getippt. Er stand tatsächlich auf einmal vor uns. Ich erschrak und Jean schaute sich panisch um. Der kaukasische Fleischklops stützte sich an Krücken und schaute uns nur an. Es gab aber auch keine Militärs oder KGB-Agenten, die sich jetzt auf uns stürzten. "Wir" waren also nur zu dritt. Ich sprach die Krücke als erstes an. "Hey Agent, wer entschuldigt sich nun für welche Tat?" Der Fleischklops tat aber ganz nachdenklich. "Oh Lady, meine Beine sind schon wieder Ok und wir sind ja irgendwie quitt". Ich war sprachlos, der Dicke konnte ja richtig gut reden und er fügte noch an: "Ich habe übrigens den Auftraggeber gewechselt. Gutes Gehalt, bessere Informationen, coole Dienstausstattung". Zu meinem Erstaunen setzte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Jean lachte als der Dicke weitersprach: "Die Brille ist voll cool, der neuste Schrei". Dann humpelte er mit seinen Krücken von dannen. Ohne sich umzudrehen sagte er noch: "Mein neuer Auftraggeber hat ES übrigens nach Bayern bringen lassen. ES war übrigens die ganzen Jahre seit dem Verschwinden im Lincoln Memorial unter dem Hintern des ollen Präsidenten einzementiert."

Der Schaffner forderte uns auf, den Zug aufzusuchen, ein Pfeifen kündigte die Ausfahrt aus dem Bahnhof an. Die meisten Abteile waren leer. Der Zugbegleiter meinte, wir können uns ganz breit machen und das Abteil für uns nutzen. So schnell hatte ich noch nie eine Tür zugezogen und die Vorhänge verschlossen. "Hey Ritter, ich entschuldige mich schon mal für den Knutschfleck an deinem Hals". "Donna, ich habe doch gar keinen Knutsch ....", weiter kam er nicht.

Ich hatte mich gerade in Jean verbissen und er sich in mich, da öffnete sich die Abteiltür und der Bauer, die Bäuerin, die Hühner und die Ziege standen in unserer Sicht. Wir bedeuteten unseren Wunsch, alleine sein zu wollen und der Bauer verabschiedete sich -jedenfalls für den Moment- mit der Drohung: "Machen wir später Frauentausch? Wenn meine Frau nicht gefällt, gebe ich gerne auch die Ziege." Dann schlossen sie die Türe und wir hatten wieder unsere Ruhe.

"Wo waren wir liegen geblieben?" fragte Jean und ich biß ihm erneut in den Hals, während Jean mit seinen Fingern in der Nähe meiner Ohren herumstocherte. Mal sehen, ob er auch andere Körperöffnungen suchen wird, dachte ich bei mir und faßte ihm in den Schritt. Ein massives metallisches Gerät tat sich in meiner Hand auf und ich sah Jean fragend an: "Ein Keuschheitsgürtel?" "Eine Prothese," antwortete Jean, "Du vergißt mein biologisches Alter." Während Jean verwirrte Blicke abbekam, kicherte er kurz und führte fort: "Verdammt, bist Du leicht verwirrbar. Mediziner nennen das, was Du in der Hand hast, einen erigierten Penis. Mein letzter Sexualverkehr war zu Zeiten der Weimarer Republik. Bin einfach nicht mehr dazu gekommen, dabei folglich noch weniger. Naja, alle zehn Jahre nehme ich das selbst in die Hand." Ich nahm Jeans Hände, entfernte seine Finger aus meinen Ohren und begann, ihm die Hose zu öffnen.

Kaum drei Tage später hatten wir Bayreuth erreicht.

Ich wusste nun um die Region des Showdowns und eine Freundin, sich sich noch melden wollte, könnte hier sicher einiges dazu beitragen. Außerdem wird das Buch der Apokalypse, bevor es zerstört wird, noch genau erforscht. Kann ja sein, dass da noch eine Zauberformel drin ist, so dass Jean, also ein Jungbrunnen wäre ja übertrieben, aber ... und vielleicht noch ein paar Zaubertipps für en femme Add-Ons so oder irgendwie, üppige Ausstattung eben.

Jedenfalls hatten wir (Gott sein Dank endlich) Bayreuth erreicht, wenngleich die Menschen normalerweise Gott zu danken pflegen, wenn sie Bayreuth verlassen dürfen.

Wir traten aus dem Bahnhof und ich verspürte nach der ganzen Plörre im Zug den dringenden Wunsch, endlich einen richtigen Café zu trinken. Ein Blick nach links und dort war ein kleines Café mit Konditorei, wohin ich Jean zu ziehen versuchte. Jean wehrte kurz ab und sagte: "Beim Döring ist die Auswahl immer recht bescheiden, gehen wir um's Eck zum Oetter." Wir liefen einige Meter, und sahen ein Café, vor dem noch einige Plätze in der Nachmittagssonne zum Verweilen einluden, wenngleich die umliegenden Häuser gerade keinen besonders heimeligen Eindruck machten. Als die Bedienung kam, bestellte Jean "Zwei Kaffee, bitte," worauf die Bedienung umgehend auf ein Schildchen auf dem Tisch verwies: "Draußen gibt's nur Kännchen!" "Dann eben zwei Kännchen," und die Bedienung schlich von dannen.

"Woher kennst Du eigentlich Bayreuth so gut?" fragte ich Jean und stützte mein Kinn auf seinem Handrücken auf. "Wegen der Festspiele," entgegnete Jean "die dort oben, an der Post vorbei noch 'nen Kilometer weiter in den nächsten Tagen wieder beginnen. Dieses Jahr geben sie wieder den Tannhäuser, den ich zuletzt 1930 unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini in einer Inszinierung von Siegfried Wagner gesehen und gehört habe. Besonders blöd ist die Stelle, wo der Sänger auf die Bühne kommt und 'ne Viertel Stunde gröhlt: "Mein Heil liegt in Elisabeth!". Soll der halt seinen Mist nicht überall rumliegen lassen."

Schon kamen unsere beiden Kännchen, die Bedienung stellte sie ab und sagte: "Wenn's an Ku'gn mög'n, müß' geh' nei!" "Was sagt sie?" fragte ich Jean und Jean übersetzte: "Fall Du Kuchen magst, müßtest Du ihn Dir drinne aussuchen." "Nein Danke," sagte ich der Bedienung, aber ob der demnächst hier stattfindenden Versammlung von Wichtigtuern auf dem sobezeichneten grünen Hügel fügte Jean grinsend hinzu: "Sie hätte gerne noch 'nen Tee zum Kaffee, wissen Sie: Das hat sie sich in Buchara so angewöhnt." "Wos mit Bücha?" antwortete unser blondierter und dauergewellter Sonnenschein mit Schürzchen, "des is' nix für mi." Dann dackelte sie ab und brachte ein Kännchen Tee, in dem ein Teebeutel traurig seine Runde schwamm und dünne Fadheit erzeugte. Jean stand auf, verschwand in der Konditorei und kehrte mit einem Gebäck zurück, das als eine Hülle mit Puderzucker bestäubt erschien, die innen vollständig mit geschlagener Sahne gefüllt war. Auf meine großen Augen entgegnete Jean: "Ein Windbeutel" und veranstaltete sofort ein wüstes Tellergemetzel, aus dem er als (ob der Sahne) angeschlagener Sieger hervorging.

6. Kapitel

Während in Bayreuth noch ein Windbeutel gemetzelt wurde, hing einige Kilometer entfernt der Professor seit nunmehr ebenso einigen Tagen am Dauerstrom. Schultz und Schlutz konnten sich bislang nicht einigen, wohin mit ihm, so daß sie ihm wechselseitig alle Stromarten und Stromstärken, die ihnen so einfielen, durch den Körper jagten. Der Professor selbst sah optisch mittlerweile aus, wie eine Mischung aus Grill-, Räucher- und Dörrfleisch und aus seinen Ohren stiegen kleine, weiße Wölkchen auf. Schultz sagte zu Schlutz: "Kuck' 'mal, weiße Wölkchen. Da wurde wohl ein neuer Papst gewählt." Schlutz entgegnete: "Warum habe ich bei dem Geruch hier immer das Bedürfnis nach 'ner Bratwurst?"

Jean bestellte noch einen Kaffee und wollte seiner Donna noch etwas erzählen, stockte aber. Seine Donna schien ihn gar nicht zu hören. Jean schaute auf ihre Sonnenbrille, konnte aber die Augen nicht erkennen. War sie wieder in Gedanken und würde gleich schreiend aufspringen, so wie im Zug vor ein paar Tagen? Sein Blick glitt auf ihre Hände herunter. Jean sah, dass der Mittelfinger ihrer rechten Hand auf der Scheibe des Ringes lag. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass Donna die Scheibe ganz leicht hin und her drehte. Donna war auf Zeitreise. Der Kaffee kam und die Serviererin bemerkte nichts. So trank Jean seinen Kaffee und wartete bis Donna fertig war. Ein Zucken ihres Körpers und ein Blick auf Jean verriet ihre Rückkehr in die Gegenwart. Dann sprang Donna auf. "Jean, wir müssen ein Taxi finden, er lebt noch!"

Die Agenten Schultz und Schlutz wollten gerade nach einer Kaffee-Pause dem Professor eine finale Durchstömung verpassen, da wurde die Tür des Folterraumes geöffnet. Donna zielte mit beiden Pistolen auf die Beine der Folterknechte und drückte je zwei mal ab, worauf diese auch wie gewünscht zusammen brachen. "Gute Treffer" konnte Jean lobend erwähnen. Neben dem noch angeschnalltem Professor sah Jean ein Telefon und während Donna den völlig erschöpften Professor los machte, wählte Jean die Notrufnummer.

Der Stationsarzt der Intensivstation versprach, den Professor gut zu pflegen. "Die Brandwunden werden wohl zu Narben, aber Hauptsache, die Gehirnfunktionen ist nicht geschädigt". Vor dem Krankenhaus wartete inzwischen die vom Arzt gerufene Polizei. Aber niemand bemerkte, dass ein Paar das Krankenhaus durch den Hintereingang verließ.

"Nach dem Geruch habe ich Bock auf Bratwürste und ein Beck'n," verkündete Jean und ich verbesserte ihn "Beck's." "Nein, Beck'n. Nach dem Traditionsrezept von Konrad Lang. Auf nach Büchenbach bei Pegnitz!" "Und wie kommen wir dort hin?" "Laß' uns Porsche fahren. Die schönste Art, was was von der Landschaft zu sehen. Da drüben steht so ein Ding." Wir liefen auf einen Traktor zu, Jean grinste und zeigte auf den Schriftzug auf der Motorhaube, wo in goldener Schrift "Porsche" stand.

Jean startete den Diesel und gemächlich tuckerten wir über Land, durch Wiesen, Felder und Wälder, vorbei an Weilern und durch Dörfchen, bis wir schließlich Büchenbach erreichten. Vor der kleinen Brauerei standen -für ein Dorf um diese Uhrzeit jedenfalls- ungewöhnlich viele Motorräder, die mir sittsam bekannt vorkamen. "Jean, ich glaube, die Fahrer dieser Maschinen kenne ich. Mich wundert nur, daß sie hier sind und nicht an 'ner Tanke."

Wir betraten das Lokal und selbstverständlich war es gut gefüllt mit meinen Rockern, die hackestramm mit gläsernem Blick in meine Richtung sahen und "Ey, Sers!" riefen. "Was macht ihr denn hier?" fragte ich unbedarft und der Rockervorsteher lallte: "Wenig Tanken in der Gegend hier. Aber unglaublich viele Brauereien. Also brüllen wir jetzt statt "Tanke" "Brauhaus" und gehen dann gepflegt schütten. Wo warst Du eigentlich neulich auf einmal?" Ich erzählte einige belanglose Schwänke aus den vergangenen Tagen, die Rocker knallten in der Zeit vier halbe Liter Bier und als ich fertig war, erntete ich ein allgemeines "Stark, ey!" Ein älterer Mann auf dem Dorfe blickte mich mit alkoholgefüllten Augen an und seufzte: "Nach Buchara wollt' ich auch 'mal. In Stalingrad mußte ich meine Reise aber abbrechen. Wurde zu kalt und außerdem ist uns das Benzin ausgegangen."

Der Rockerchef blickte nun auf Jean und fragte: "Wo kommst Du eigentlich her, wenn Du schon so heißt wie meine Hose? Ami? Aus Grafenwöhr?" "Nein, nein," wehrte Jean ab, "meine Eltern waren frankophil." "Viele Franken?" war die Antwort, "Nein, sie standen halt auf Frankreich." "Frankreich, schönes Land," knarrzte der ältere Mann hinter dem Bierglas, "da war ich auch 'mal. In Paris ist uns der Champagner ausgegangen. Und weil ich dann einen Schäferhund getreten habe, durfte ich mir raussuchen, ob ich nach Buchara oder Kairo möchte. Und Afrika hatte ich keine Lust, trotz dem Rommel. Dem ist nämlich nie der Schnaps ausgegangen, dem alten Wüstenhund."

Totenstille herrschte im Saal und alle starrten auf eine Donna, die erst in Gedanken war, kurz zusammen zuckte um anschließend brüllend aufzuspringen. Jean wollte die Situation noch retten und sagte in die Runde "Das hat die öfters, liegt an den Hormonen". Ein schallendes Gelächter zeigte eine sturz betrunkene Truppe, die sich wieder ihrem Biere hingaben. Jean schaute mich an "Donna, was ist los mit dir?"

Ich wusste nun Bescheid. Wie blöd konnte ich sein, die einfachsten Dinge nicht zu bemerken. "Jean, ihr habt mich angelogen. Ihr gehört alle zusammen. Die Ritter des Wasauchimmers mögen mir erzählen was sie wollen. Tatsache ist, dass ihr nicht das Original des Buches der Apokalypse habt, sondern nur ein - Plagiat." Jean staunte nicht schlecht über meine Analyse. "Ach, ich habe also schon das Buch und Frau Doktor Superklug hat eine eigene Vision darüber und glaubt, mich durchschaut zu haben, ja?" Jean versuchte noch die lächerliche Schiene, kam aber nicht wirklich überzeugend rüber. Ich rückte ganz dicht an ihn ran und starrte selbstsicher in seine Augen. "Ja, mein Herr Ritter, ich habe eine eigene Version und schon bald werde ich dir zeigen, was du schon erfolglos versucht hast". Jean schluckte und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. "Donna, wir sollten einen Spaziergang machen und ich bin ganz Ohr, was du mir erklären willst".

"Besorg' erst 'mal 'ne richtige Karre," bedeutete ich Jean, "dann fahren wir Richtung Kulmbach, genauer nach Guttenberg. Der Name des ehemals erblichen Reichrats und Diplomaten Maximilian aus diesem Dörfchen könnte Dir doch etwas sagen, oder?" Jean schluckte und kleine Schweißperlen begannen, seine Stirn hinunter zu rinnen. "Oder Wolfgang, der ehemalige Ordensritter?" Die Schweißperlen wurden größer. "Wie hieß nochmal der Domherr, der aus diesem Dörfchen kam?" Jean rann der Schweiß in Bächen von der Stirn und er atmete schwer, rang nach Luft und presste hervor: "Sie sind oder waren die Hüter des Buches, die aus Guttenberg." "Nein," war meine Antwort, "die Hüter des Plagiats."

"Wie kommst Du darauf?" fragte Jean. "Laß uns fahren und Du wirst sehen." Jean sah sich eine Weile im Dorf um und zeigte auf ein Fahrzeug: "Der neue Opel Rekord, fahren wir." Nach wenigen Sekunden hatte er das Fahrzeug geöffnet, kurzgeschlossen und wir fuhren Richtung Kulmbach. Ich drehte am Radioknopf und wir hörten aus dem Lautsprecher: "Marmor, Stein und Eisen bricht." "Bei diesem Lied könnt ich auch brechen," entfuhr es mir und ich drehte am Senderrad, bis aus dem Radio "Paperback Writer" von den Beatles ertönte. "Ausgerechnet!" fluchte Jean. "Paul ist mein Freund," flötete ich und begann, mitzusingen.

Nach kurzer Fahrt über die Landstraße kamen wir zur Autobahn. Mit dem Porsche war es nicht möglich gewesen, diese zu benutzen. Jedoch schon nach wenigen Kilometern, wäre mir eine weitere Fahrt mit dem Traktor lieber gewesen. Die Betonplatten des Straßenbelages versetzten den Rekord in eine Art Schaukelbewegung. "plop plop plop" begleitete ich das Geräusch der Reifen. Jean erklärte mir daß bei der Planung der A3 eben schon darauf geachtet wurde, daß irgendwann auch schweres Gerät Richtung Osten verbracht wird. Mit dieser Belastbarkeit konnten sonst nur Pflastersteine konkurrieren. Erfreulicher Weise hatte nach etwa einer Stunde die unangenehme Massage meiner Rückenwirbel und meiner Nerven ein Ende. "Hier müssen wir runter", erklärte Jean, "Kulmbach 24KM" stand auf dem ersten Wegweiser nach er Ausfahrt, und darunter "Himmelkron 3KM". "Ach ja", wies mich Jean hin, "da machen wir noch einen kurzen Halt, in Himmelkron". Ich rutschte mich auf dem, extrem nach Kunststoff riechenden, Sitz wieder etwas höher. "Was willst du den dort?" fragte ich erstaunt. "Wirst schon sehen" wimmelte er meine Frage ab.

Vor einem alten Klostergebäude, mit angebauter gotischer Kirche stellte Jean den Motor ab. "Komm mit," bat mich Jean, "ich brauche deine Hilfe". Willst du beten, oder gar beichten?", fragte ich etwas verschmitzt. "Erzähle bloß nichts von dem Schlafabteil", meine Mundwinkel wanderten nach oben, "das versteht ein Pfaffe sowieso nicht, was ich mit dir in den beiden Nächten gemacht habe" . Er führte mich in eine kleine Kapelle, deren spitzbogige Türe sich im Klosterhof befand. Gruselige Sandsteinfiguren säumten den Eingang. Die Decke des sehr eng bemessenen Inneren war durch ein Kreuzgewölbe gestützt. Hinter dem Altartisch eine weitere gotische Türe, auf die Jean sofort zusteuerte. Ich erstarrte, als ich erkannte was sich dahinter verbarg. Vier aus Holz prachtvoll geschnitzte Särge, die Zwei mal Zwei angeordnet waren. Auf den Deckeln hatte der Schnitzer wohl die Männer, die darin liegen sollten, in Harnisch oder Rüstung verewigt. "Friedrich Christian, das ist der richtige," flüsterte Jean etwas aufgeregt, "hilf mir"! Zusammen schoben wir den schweren Eichendeckel zur Seite. Sofort erfüllte sich die Gruft mit einem Geruch, der an die Küche einer schlecht geführten Gaststätte erinnerte. Ich vermied es Anfangs, ins innere des Schreines zu blicken. Erst als Jean etwas herauszuholen schien, überwog meinen Neugierde die Abscheu . "Das ist eine Richtige," brüstete er sich stolz, " die streut gut" . Er hielt eine prunkvoll , mit gravierten Silberblechen verzierte, Pistole in der Hand, deren riesig Lauföffnung mich irgendwie an ein einzelnes Horn einer Schalmei erinnerte. In der anderen Hand hielt er ein kleines Hörnchen mit Silberspitze, und ein Ledersäckchen. Mit richtiger Knarre hatte ich zwar etwas anderes gemeint, aber besser als nichts, dachte ich. Wir schoben den Deckel wieder etwas zurecht, und verließen diesen schaurigen Ort.

Wieder zurück im Wagen angekommen wickelte er dieses antike Schmuckstück in die Jacke, die auf dem Rücksitz lag. Bis Guttenberg war es nicht mehr weit, deshalb wollte ich die kurze Zeit der Fahrt nutzen, um zu erfahren, woher er von der Beigabe wußte. "Die Linie derer von Brandenburg-Bayreuth ist offiziell mit dem Tod des letzten Markgrafen Friedrich Christian 1769 ausgestorben", erklärte mir Jean. "er war mein Urgroßvater!" Danach blieb er, etwas in Gedanken versunken, still, bis rechts das Ortsschild vorbei huschte: "Guttenberg".

Jean stoppte den Opel vor einer Telefonzelle. Er entschuldigte sich für ein paar Minuten und ich sah in der Telefonzelle einen wild artikulierenden Jean, der mehrfach telefonierte. Nach den Gesprächen setzte er sich wieder in den Wagen und startete den Motor. "Donna, ich habe alle zusammen gerufen, wir treffen uns gleich". Aha, dachte ich, es geht los. Wurde auch Zeit. Ich war mehr als neugierig auf das Buch - auf das Plagiat. Wir hielten in der Dunkelheit und betraten ein altes Gebäude.

"Jean?", "Ja, Donna?", "Jean, wir befinden uns in einer - Kirche". Jean runzelte die Stirn, "Ja richtig, ich finde den Ort der Zusammenkunft passend" und er fügte noch an "Die Anderen sind auch da". Ich sah im hinteren Kirchenbereich unter der Kuppel ein Haufen alter Männer, alle fast gleich gekleidet. Jean schaute mich entsetzt an, "Donna, warum hast du deine Schuhe ausgezogen?" Ich blickte an mir herunter, sah meine Füße. Ich schaute stumm zurück, entdeckte meine Schuhe an der Eingangstür. Warum hatte ich meine Schuhe ausgezogen? Ich wusste darauf keine Antwort, ging zurück und zog die Schuhe wieder an. Wir gingen nach vorn zum Altar. "Jean, ist das nun der Augenblick wo du das Buch hervor holst?" Ein Raunen der alten Männer ging durch ihre Reihen.

Jean ging zu einer Kiste und nahm ein großes Buch heraus. Es war nicht das Buch, welches ich erwartet hatte!!! Er legte es auf den Altar und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt. "Ich gebe es zu, wir haben es nicht geschafft, das Rätsel dieses Buches zu lösen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir wissen nur, dass es zerstört werden muss".

Ich las die Schrift auf dem Buch, erkannte die Zeichnungen und Symbole. "Ah, alt-phönizische Schrift", analysierte ich und blickte zu Jean herüber. "Mein Ritter, dieses Buch mag voller Magie und Geist sein und es erzählt bestimmt auch von dem Unheil über die Menschen, aber keinesfalls ist dieses Buch eine Gefahr für den Menschen selbst". Jean und die Männer schauten sich fragend an. Einer der Männer trat hervor, hob warnend einen Zeigefinger, "Dieses Buch ist verflucht, es ist das Buch der Apokalypse" sagte er. Ein zustimmendes Nicken der anderen Männer unterstütze seine These.

Die Kirchentür wurde plötzlich weit aufgestoßen und wir drehten uns alle um. Ein Krankenpfleger schob den Professor in einem Rollstuhl durch die Tür. Der Professor schien mir gut gelaunt und ich war froh, meinen ehemaligen Mentor so gesund zu sehen. "Hallo Anwesende", rief er uns herüber, "Ich komme also noch nicht zu spät". Jean wollte von dem Professor eine Bestätigung haben, "Professor, du meinst, du kannst gerade noch Donna von einer Unglückstat zurückhalten?" Der Professor entgegnete "Nein, ich will dabei sein wenn Donna das Buch öffnet!"

Das Raunen der Männer wurde lauter. Ich persönlich fühlte mich aber gut. Offensichtlich hatte ich als Einzige die Möglichkeit, das Buch zu öffnen. Schließlich erkannte ich, wem Buch das einmal gehörte. Ich war mir jedenfalls ganz sicher. Ich wollte gerade die Männer beruhigen, "Meine Herren Ritter und Gäste, ich möchte sie bitten, ..." weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Die beiden Polizisten von dem Krankenhaus-Einsatz stürzten in die Kirche. Sie hielten ihre Pistolen auf uns gerichtet und riefen "Alle die Hände hoch". Wir rissen unsere Hände in die Höhe bis auf den Professor, der auf die Polizisten einredete. "Meine Herren, ich bin nicht entführt worden und das hier sind alle meine Freunde". Ein "Achso, na dann .." eines Polizeibeamten ließ uns vermuten, die Hände könnten wieder herunter genommen werden. Die Stimmung beruhigte sich wieder.

Aber einer der Ritter trat hervor und warnte die Polizisten, "Diese Frau will das Buch der Apokalypse öffnen!" Die Polizisten schauten sich gegenseitig fragend an, "Ach, das Buch wurde vielleicht aus einem Museum gestohlen?" Einige Sekunden war alles still bis einer der Polizisten losbrüllte: "Alle die Hände wieder hoch". Wir waren etwas genervt und der Mann mit dem losen Mundwerk erntete strafende Blicke. Doch der Professor beruhigte ein weiteres mal die Ordnungshüter, "Meine Herren, das Buch wurde auch nicht geklaut und es ist alles in bester Ordnung". So konnten wir nun endlich die Hände wieder herunternehmen und ich fragte in die Runde, "Kann ich jetzt endlich anfangen?" "Meine Herren Anwesende, ich möchte mich nun dem Buch widmen und ihnen einiges dazu ..." weiter kam ich nicht.

Polternd knallten beide Kirchentüre an die Wand und der kaukasische Meat Loaf stürzte in die Kirche, "Ich mache den Trauzeugen!" Ein allgemeines, raunendes "Oh Nein!" machte die Runde. Ich strahlte unseren New Special Agent aber an und rief ihm rüber, "Soweit sind wir noch nicht".

Der kaukasische Klops sah das Buch und war ganz erschrocken, "Das Buch, das Buch" rief er. Einer der Polizisten meldete sich zu Wort und blickte Meat Loaf an. "Was ist denn nun mit dem Buch, wurde es geklaut?" Ein einhelliges "Nein!" aus der gesamten Runde zeigte, dass nun Schluss mit Hände-Hoch-Lustig war und alle Anwesenden sich nun auf das Buch konzentrieren wollten. Ein polizeiliches "Ja Ok" gab mir die Freiheit, meine Rede um das Buch zu beginnen.

Ich blickte in die Runde, "Können wir?" und alle verstummten um meinen Worten zu lauschen. "Meine Herren Anwesende, dieses Buch ist eindeutig ein - Original, keine Kopie und außerdem bisher sehr gut versteckt worden. Dieses Buch ist ...", weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Ein Pfarrer stand uns gegenüber, "Habe ich einen Hochzeitstermin verpasst?" Alle waren irgendwie voll abgenervt. Nur der Professor meinte amüsiert "Der Trauzeuge ist auch schon da". Ein schallendes Gelächter machte die Runde. Ich musste zur Ordnung rufen, klärte den Pfarrer kurz auf und führte meine Rede weiter.

"Dieses Buch, meine Herren, ist keinesfalls böse und schon gar nicht ein Buch der Apokalypse. Dieses Buch ist uralt und die Worte wurden geschrieben aus der Hand vom Apostel Johannes persönlich !!!"

Totenstille herrschte in der Kirche und der Pfarrer kippte nach hinten weg. Während er so am Boden lag, erklang vor der Türe das Geräusch eines landenden Hubschraubers. Kurz darauf öffnete such die Tür und Paul Mc Cartney betrat den Raum, kam nach vorne, küßte mich auf die Wange und sah auf das Buch. "Endlich," sagte er "darf ich 'mal, bitte?" Er öffnete den Buchdeckel, blätterte einige Seiten durch und intonierte dann mit dem Finger unter verschiedenen Schriftzeichen: "Ob la di. Ob la da." Er wiederholte ein paar Mal "Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da." Dann begann er, zu summen und schließlich sang er "Ob la di, ob la da, live goes on bra," zeigte auf meine Brüste und grinste, "la-la, how the live goes on. Ob la di. Ob la da, live goes on bra, la-la."

"Klingt interessant," sagte ich, "noch mehr Musik drin?" Paul blätterte eine Weile, dann las er "Hubbbbba, hubbbbba, hubbbbbba, hubbbbba, hubbbbba
Neun, Hubbba." Er sah mich fragend an und meinte: "Klingt mehr nach Scheiße für John, fällt mir keine Musik zu ein." Er blätterte noch ein wenig lustlos durch das Buch, sah mich an und sagte: "Sieh zu, daß es nicht in falsche Hände gerät. Ich muß dann 'mal weg." Er küßte mich auf die Wange und verließ singend den Raum: "Ob la di. Ob la da, live goes on bra..." Draußen hörten dann wir den Hubschrauber starten und schließlich abheben.

Kurz darauf kam der Pfarrer wieder zu sich, sah sich um und fragte: "Habe ich etwas verpaßt?" Der Professor antwortete profan: "Ein Gastspiel von Paul Mc Cartney. Hat aber nur ein einziges Lied aus dem Buch vorgesungen. Ohne Begleitung." Der Pfarrer stöhnte "Nackt auch noch?" und sank wieder in sich zusammen.

Jean sah mich an und fragte: "Ein apostolisches Gesangsbuch?" Der Professor mischte sich ein: "So ähnlich. Johannes hat in seiner Freizeit alle möglichen Silbenkombinationen abgearbeitet, so daß letztlich auch jedes Lied, wenn man mit dem Buch zu kombinieren versteht, herauskommt. Schau' hier," der Professor nahm das Buch, öffnete wahllos eine Seite und las vor: "In a ga da da vi da. Eine interessante Textzeile. Oder schau' diese Silbenfolge: Wa de ha de du de da. Klingt nach deutschem Kinderlied." "Faszinierend," sagte Jean, "dann können wir ja alle Komponisten auf Plagiat verklagen?" Der Professor sah Jean an, blickte zu mir und meinte, ich solle es ihm sagen. "Das Urheberrecht ist längst abgelaufen, Jean. Nichts zu machen."

Jean blätterte in dem Buch, er schien zunehmend verwirrt. "Wenn ich es recht verstehe, ist jeder Liedtext auf der Welt ein Plagiat, wenn man den Johannes richtig lesen kann?" "So ist es, Jean," antwortete der Professor, "jedes Lied auf diesem Planeten ist von Johannes längst vorweggenommen." Der Pfarrer erwachte wieder und räusperte sich. "Egal, was sie jetzt sagen wollen, Hochwürden," setzte Jean an, "geben sie sich keine Mühe, es steht sowieso bei Johannes." "Na und, jetzt wird geheiratet," sagte der Pfarrer, sah mich an und fragte: "Sie sind die Braut?" "Wie oft denn noch," antwortete ich, "hier wird nicht geheiratet, jedenfalls jetzt nicht und ich nicht." "Was wollen sie dann alle hier?" fragte der Pfarrer "hier ist ja mehr los, als bei meinen Sonntagspredigten."

Ich fragte beim Pfarrer nach "Wann ist denn deine nächste Messe?" Der schaute mich an und meinte "In einer Stunde geht es los". "Prima, die Predigt halte ich" triumphierte ich. Jean blickte mich derweil leicht angezickt an. "Paul hat dich zwei mal geküsst" zischte es zwischen seinen Lippen heraus. "Ach, der Herr Ritter ist eifersüchtig?" zischte ich ebenso gekonnt zurück. Aber irgendwie war es auch dabei so niedlich.

Der Pfarrer starrte mich derweil an "Sie wollen die Messe halten?" Ein "Na Logo, das konnte ich früher schon gut" von mir ließ ihn zwar zweifeln, aber seine Neugierde wollte wohl auch wissen, ob ich das drauf hatte. Ich bekam seinen Seegen. Die restlichen Ritter waren unsicher, was sie nun tun sollten. Ich bat sie, in den Sitzreihen Platz zu nehmen.

Und eine geile Idee hatte ich auch noch. Jean hätte mich beinahe erwürgt, aber ich fragte ganz unbedarft in die Runde "Hat ein Herr bitte einen Kugelschreiber für mich?" Bevor Jean auf mich stürzen konnte, bekam ich vom Pfarrer einen Kuli und kritzelte etwas ganz vorne in das Buch. Jean's Entsetzen stand in seinem Gesicht geschrieben. "Du hast wirklich im Original des 4ten Evangeliums herumgekritzelt?" Er stürzte sich auf mich, schaute dabei auf die von mir beschriebene Seite und hauchte mich - immer noch lesend -fassungslos an "An Paul und John, in Liebe, Eure Donna? Das ist doch kein Poesiealbum!" röchelte er noch bevor er kollabierend (oder so ähnlich) zusammen brach. Ich versuchte noch, Jean zu beruhigen und bat ihn, wieder auf seinen Platz zu gehen. Männer können ja manchmal so schrecklich kompliziert sein.

Die Kirche füllte sich derweil mit Kirchgängern. Sie sahen nicht so aus, als würden sie heute mal Tiefgreifendes von der Kanzel erfahren. Die waren wohl schon öfters da. Der Pfarrer hauchte mir dann auch zustimmend zu "Meine Stammgäste". Doch ich war mir sicher "Das bekomme ich hin". Ich gab Gas!

"Liebe Kirchengemeinde! Ich weiß, dass ihr alle die Inhalte aller Briefe, jener Apostel, die ausgezogen waren, die Worte Jesus Christi zu verbreiten, nicht mehr hören könnt - weil ihr sie alle schon auswendig aufsagen könnt".
Irgendwie nickten alle Kirchgänger zustimmend und der Pfaffe sah leicht frustriert aus.

"Erstens wird diese jetzige Messe verwendet werden, jene Ritter, die dort vor ihnen sitzen, ihren Verpflichtungen dankend zu entbinden. Sie hatten sich dazu verpflichtet, wichtige Unterlagen des Apostels Johannes bis zum heutigen Tage zu beschützen!" Es kam so etwas wie Bewunderung aus den Reihen der Kirchengemeinde zu den Rittern rüber. Ich bat Jean noch, mir seinen Ring zu geben. Ich bekam ihn wortlos.

Weiter führte ich an "Zweitens wird die heutige Messe dazu verwendet, zu erklären was nicht zu erklären ist!" und gleich hinterher fragend an die Kirchengäste "Was ist nicht zu erklären?"
Ich ging im Buch auf die letzte Seite, sie war noch nicht beschrieben. Ich machte dort sieben Satzzeichen.

Es kam eine zaghafte Stimme eines Gastes aus hinteren Sitzreihen "Kriege sind nicht zu erklären?!"

Das war mein Thema! "Ja richtig, Kriege sind nicht zu erklären! Ich möchte euch heute von den SIEBEN Weltkriegen berichten". Der erste Weltkrieg wurde keinesfalls durch die Ermordung eines österreichischen Thronfolgers ausgelöst". Die Ritter schauten sich gegenseitig an.

Ich fuhr fort "Ab Christi Zeiten wurde schon Europa und Klein Asien als ganze Welt angesehen.
Der erste Weltkrieg beinhaltete dabei nicht nur den Aufbau und Zerfall des römischen Reiches. Es war auch ein Krieg der Religionen und selbst die nachfolgend späteren Kreuzzüge passen in die Zeit noch mit hinein. Die Kreuzritter, sie zogen nach Klein Asien und nahmen den Menschen das Gold".
Der zweite Weltkrieg war zu Zeiten der Kolonisation. Sie segelten aus und nahmen den Menschen fern ihrer Heimat das neu gefundene Land".
Der dritte und vierte Weltkrieg, dass sind die Weltkriege, die sie kennen und die Europa so veränderten. Kriege angetrieben durch Selbstsucht und Wahnsinn".
Den fünften Weltkrieg erleben wir Zurzeit. Mächtige Konzerne ziehen in die Welt hinaus und nehmen den Menschen die Bodenschätze".

Die Kirchengäste staunten nicht schlecht. Weiter ging es "Der sechste Weltkrieg liegt in der Zukunft. Nostradamus selbst beschrieb ihn in seinen Aufzeichnungen. Er beschieb die Wüstenkriege. Aber selbst danach, Nostradamus schrieb von Zehntausend Jahren Frieden nach den Wüstenkriegen, es wird immer noch einen Krieg geben, den alle Menschen betrifft. Einen Weltkrieg, wo Menschen Menschen helfen. Es ist der Krieg gegen Hunger und Durst".

Während meiner Worte nahm ich meinen Ring vom Finger und legt beide Ringe auf das offene Buch. Ich schloß das Buch und die Ringe verschwanden in diesem. Das Buch war komplett geschlossen, die Ringe verschwunden. Die Ritter veränderten sich. Sie verjüngten sich, schauten sich gegenseitig ungläubig an. Jean hatte Tränen in den Augen und strahlte mich an. "Donna", rief er, "Was hast du gemacht? Ich fühle mich so lebendig, so jung". Ich lächelte alle an, zeigte über den Altar auf das Kreuz Jesu und sagte "Der war's". Dann schnappte ich mir das Buch und ging zu Jean. Ich beugte mich so hervor, dass Jean in meinen Ausschnitt schauen konnte. "Uff, Donna, das ist ja ein Ding". "Jean", ich küsste ihn auf die Wange, "Jean, zwei Dinger" zwinkerte ich ihm zu, setzte meine coole Sonnenbrille auf und beim Hinausgehen aus der Kirche drehte ich mich nochmal nach Jean um. "Alles eine Sache der Verhandlungen". Jean lachte mir hinterher, stutzte auf einmal und rief mir zu "Donna, was hast du denn noch verhandelt?" An der offenen Kirchentür drehte ich mich nochmal zu Jean, schob meine Sonnenbrille etwas herunter und schaute Jean voll cool über die Brille an. Ich lächelte ihn an, setzte meine Brille wieder richtig auf und ging flötend von dannen.

7. Kapitel

Jahre waren in's Land gegangen und man schrieb das Jahr 1976. Ich saß vor einem Café in einer mittelgroßen Stadt im Süden Deutschlands und trank einen Campari-Soda ohne Eis, während im Fernseher im Inneren des Cafés Uli Hoeneß einen Elfmeterschuß in den Belgrader Nachthimmel jagte. Aus dem Tanzschuppen am Ende der Straße hörte man Liederfetzen von Let Your Love Flow der Bellamy Brothers herüberwehen, gegenüber in der italienischen Pizzeria zankte die Bedienung mit süditalienischem Akzent einen Gast an, sie serviere keinen Tee zum Chianti. Kurz darauf verließ ein Gast das Lokal, der mir bekannt vorkam. Er ging an mir vorbei in das Café, bestellte einen Chianti und einen Tee und setzte sich mit beiden Getränken an meinen Tisch. Er rief "Cin-Cin!" in Richtung des italienischen Lokals, prostete mir zu und ich sagte: "Jean? Lange nicht mehr gesehen..."

"Fast genau eine Dekade, Donna, zehn lange Jahre. Gut schaust' aus." "Danke, Du aber auch, obwohl Du ein wenig zugenommen hast?" Jean sah ein wenig schmollend an sich herab, straffte das Hemd über seinem erkennbar deutlichen Bauchansatz, streichelte darüber und antwortete: "Mein Knödelfriedhof. War nicht billig. Wie ist es Dir so ergangen?" Ich griff in meine Handtasche, zückte eine verspiegelte Sonnenbrille, setzte sie auf meine Nase und schnippte mit dem Finger. Sekunden später standen zwei schwarze Anzüge mit weißen Hemden, gestreiften Krawatten und verspiegelten Sonnenbrillen neben mir und keuchten: "Agent Schlutz und Agent Schultz melden sich zur Stelle!"

"Wieviele Bücher haben wir heute geschlossen?" fragte ich und Schlutz antwortete: "Leider nur die gräßliche Speisekarte beim Griechen am Sportplatz." "Auch gut," antwortete ich mit einer Handbewegung und sah Jean an, "weißt Du, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast Du auch geglaubt, die Ringe sind im Buch verschwunden?" Jean nickte und ich fuhr fort: "Alter Taschenspielertrick. Man macht mit den Dingern jedes Buch zu, ohne daß die Ringe futsch sind. In den letzten Jahren habe ich hunderte Bücher für immer verschlossen, vornehmlich religiöses Zeug aus vergangenen Zeiten."

 

 

n/v
Fanny
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Das römische Artefakt

1. Kapitel


Ich fand meine Idee, mich einfach mal als Frau zu stylen und in Hamburg mein erstes Going-out zu wagen, super gut. Ich hatte sogar meine Hippie-Mähne ladylike umstylen lassen. Auch mein neuer Name Donna passte gut zu mir. Na ja, 1966, wenn nicht in diesem Jahr, wann sonst und wir hatten wir ja alle die wilde Haarpracht.

Die Party in Hotel Alsterdorf war auch gut. Jean, der Banker, ein toller Mann, den ich da kennen lernte und der mich restlos verzauberte, ließ mich romantische Frauenträume erleben.
...

Ich weiß nicht, warum ich jetzt in meinem VW Käfer sitze und Richtung Côte d'Azur fahre. Ich schaute auf den hübschen Ring, den Jean mir in der Nacht aufsteckte. Ein wenig merkwürdig war das ja schon, was er mir da sagte. Sonntag um 11:00 Uhr sollte ich auf der obersten Treppe vor der Kathedrale von Marseille sitzen und ein gewisser Roger würde mich dann zu Jean's Yacht bringen. Eine Mittelmeer-Reise hatte er mir versprochen.

Egal, ich fühlte mich gut. In meinem Boheme-Rock und gelbem Top sah ich Klasse aus und der neue Song von den Walker Brothers aus meinem Radio ließ mich erst gar nicht auf ernste Gedanken kommen - The Sun Ain't Gonna Shine Anymore ...

Die Wahrheit des Liedtitels schien mich schneller einzuholen, als mir lieb war: Eine dunkle Limousine tauchte hinter mir auf, am Steuer ein kaukasisch dreinblickender Fleischberg, der gestern ein hitziges Wortgefecht mit Jean hatte, kaum hatte er mir den Ring angesteckt. Mir fallen seine Worte ein, die Jean mir beim Anstecken des Rings in's Ohr flüsterte: "Achte gut auf den römischen Artefakt!"

Eigentlich hatte ich diesen Worten keine Bedeutung zugemessen, bis auf den kleinen Gedanken dabei, warum er "den Artefakt" und nicht "das Artefakt" sagte. Zwischen Blicken in den Rückspiegel und den Fleischklops an meiner Heckstoßstange und den Versuchen, die großbusige Blondine im NSU vor mir genauer zu mustern, sah ich mir den Ring genauer an. Irgendetwas an diesem Ring ließ mich auf einmal an der Echtheit des Steines zweifeln. Also versuchte ich, mit dem Stein die Seitenscheibe anzuritzen, was dazu führte, daß der Stein zerbröselte und ein kleiner Gegenstand auf die Fußmatte fiel.

Im Radio schwafelte mittlerweile irgendein zu Recht unterbezahlter wie unbegabter Moderator von seiner Frequenz und guter Laune, während ich bemerkte, daß die mir folgende Hackfresse zum Überholen ansetzte. Ich riß geistesgegenwärtig das Steuer nach Neun Uhr und schleuderte die dort befindliche Autobahn-Abfahrt mit unbekanntem Ziel hinunter, während mein schwitzender Verfolger mit herausquellenden Augen meinen Käfer mit mir davon fahren sah, während er geradeaus dem Autobahnverlauf folgend samt blondem Atombusen im NSU aus meinem Rückspiegel verschwand...

Ich schlenderte also die Ausfahrt hoch. Irgenwie kam ich oben zum stehen. Auf dem Schild stand Richtung Hannover. Puh, und das über die Landstrasse. Also, rechts ab und weiter Richtung Süden. Im Stillen dachte ich mir, dass kann ja recht heiter werden. Und der Kerl im Radio versuchte imer noch gute Laune zu versprühen. Meine Laune befand sich auf dem Tiefpunkt. Also führ ich erst einmal rechts ran. Meine Hände zitterten ganz schön. Die Zigarette speckte nun auch nicht besondert. Ach was solls, werd ruhig Mädel sagte ich mir und such danach erst einmal das kleine Teil, was aus dem Ring rausgefallen war. Endlich hatte ich es gefunden. Und nun? Da war ein kleines Loch in der Mitte. Also stechte ich meine Kette hindurch und hängte mir es um den Hals. Nun aber los. Und ab nach Marseille. Sonst verpasse ich mein Date.

Was ist das? Mein Käfer springt nicht mehr an. Außer einem kleinem Klack ist nichts mehr. Vermutlich die Batterie oder der Anlasser? Soll ich nun Hilfe rufen? Die nächste telefonzelle ist bestimmt erst im nächsten Ort. was stand auf dem Schild? 20 KM sollen es sein. Mit meinen Pumps kann ich zwar gut Autifahren - aber laufen?. Schnell hab ich mir meine Sandalen aus meinem Rucksack geholt. Das wichtigste reingepackt und folge nun der Strasse Richtung Süden. Den Käfer hab ich am Strassenrand stehen gelassen. Viellicht findet ja der Fleischbrock den Wagen und sucht sich dann halb Tod.

Letztens hab ich noch einen Film über Anhalter gesehen. Vielleicht sollte ich das mal ausbrobieren. Die ersten Wagen fahren alle vorbei. Pech gehabt meine Liebe denke ich mir. Nach längerer Zeit sehe ich eine Horde Motorradfahrer auf mich zukommen. Ich streck den Finger raus und denke die halten ja eh nicht. Auf einmal bleibt der ganze Pulk bei mir stehen. Wilde Kerle und einige wilde Mädels. Wohin ich will - Nach Frankreich. Super sagt der Typ, der sich als Road-Captain vorstellte, wir fahren zu einem Treffen nach Nizza. Wenn ich will kann ich auf seiner Harley mitfahren. Mein Gepäck nimmt ein Kumpel mit. Natürlich will ich. Bei so vielen Beschützern brauche ich mir bestimmt keine Sorgen zu machen.....

Eine Hoffnung, die zugegebenermaßen trügerisch war. Mein Road-Captain legte nämlich die Eigenart an den Tag, bei jeder Notrufsäule laut "Not" zu brüllen und bei jeder Tankstelle "Tanke". Während das "Not" regelmäßig ohne Konsequenzen blieb, bedeutete das "Tanke" den rückengekennzeichneten Prospects doch das Anhalten, um Bier zu kaufen, das unter Gejohle auch sofort konsumiert wurde. Nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit hatte ich auf diese Weise acht Tankstellen unterschiedlichster Marken gesehen und ebensoviele Biermarken preiswerterer Herkunft kennen gelernt. Langsam brummte mein Schädel und die Blase drückte dem Road-Captain vermutlich längst in's Kreuz.

Daher erschrak ich auch kurz, als mein Captain zeigte, daß er auch ein drittes Wort in enormer Lautstärke beherrschte: "Banditos!". Kurz dachte ich, es folgte eine warme Zwischenmahlzeit, doch sein lederbehandschuhter Finger zeigte auf eine Gruppe Dorfjugendlicher, die auf Mofas sitzend eine kurzbehoste Art angehender Dorfnutte zu beeindrucken schienen. Schon hielt unsere Gruppe wieder an, einer der Prospecte stieg von seiner Maschine, schritt auf die Jugendlichen zu und brüllte: "Alter, ey!". Mir erschien die Ansage eines grauhaarigen Bauchträgers in einer knappen Lederkutte gegenüber einem Heranwachsenden zwar etwas unangemessen, aber ich merkte gleichzeitig, daß man nach acht Halben Bier, die durch eine Harley in jede Faser meines Körpers geschüttelt worden waren, ein gepflegt aggressives Verhalten goutieren kann.

"Ich geh' 'mal abschütteln" lallte ich meinem Captain in's Ohr, der mich in meinem mittlerweile verknitterten Rockes etwas verstört ansah. Danach nahm ich mein Gepäck und ging in Richtung der Dorfkneipe, die an diesem Tage eine leckere Schlachtschüssel feilbot. Der Gedanke an eine leckere und fettige Schlachtschüssel verstärkte meinen Wunsch, sofort die heimische Porzellanabteilung aufzusuchen. Derart angetrieben betrat ich das Etablissement...

Ich war zufrieden, aber auch fix und alle. Die Müdigkeit kam hinzu. Ich saß am Fenstertisch des Lokales und konnte gar nicht glauben, was ich da verdrückt hatte und was gegen jede Diätregel verstieß. Aber auch der dritte Kaffee machte mich nicht wacher. Ich schaute aus dem Fenster um zu sehen, ob die Harley-Gruppe nun endlich weiter gefahren ist. Hoffentlich suchen sie mich nicht. Mit denen würde ich ja nie rechtzeitig an der Côte d'Azur ankommen. Aber der Platz war nicht mehr einsehbar weil der doofe Laster sich vor den Laden stellte. Allerdings wurden auf einmal meine Augen immer größer, denn am Fahrerhaus des Lasters klebte ein Aufkleber vom - Fußballclub AS-Monaco !!!

Bitte strahle jetzt nicht den Trucker an, der könnte das falsch verstehen, sagte ich zu mir selber. Doch der eben in den Laden eingetretene Typ hatte mich schon längst entdeckt und lächelte zurück. Es sah allerdings urkomisch aus, dass er dabei, nicht nach vorn schauend, stolperte und beim Stürzen auch noch den Kleiderständer mit zu Boden nahm. Ich lief hin um zu helfen ...

Das Fahrerhausbett war warm. Brian, der Trucker, hatte seine Ruhezeit hinter sich gebracht und versprach mir, bis zur Côte d'Azur nur das Lenkrad anzufassen. So schlief ich beruhigt ein ...

2. Kapitel

Ich wurde mit dem Gedanken wach, daß ich unbedingt einige Telefonate durchführen musste. Erstens sollte ich Jean anrufen, wenn ich in Frankreich bin. Zweitens sollte ich mich bei meiner Sekretärin melden. Ich krabbelte aus der Koje und fragte Brian meinen Trucker wo wir sind. Kurz vor Lyon antwortete er mir. In wenigen Minuten steuert er einen Rastplatz an, Da kann ich mich dann frisch machen. Toll dachte ich, da gibt es dann auch sicher ein Telefon.

In der Zwischenzeit betrachtete ich den Ring etwas genauer. Ein goldener Ring. Vermutlich Handarbeit. Und antik dazu. Nachdem ich die Reste des falschen Steines entfernt hatte, kam eine flache runde Scheibe von ca. 1,5 cm zum Vorschein. In der Mitte war eine Sonne zusehen. Um die Sonne herum waren Zeichen eingraviert. Ich fragte mich, wo ich so eine ähnliche Arbeit schon mal gesehen habe.

Mir fiel es schlagartig wieder ein. Während meines Kunststudiums in Berlin. Mein damaliger Doktorvater trug einen ähnlichen Ring. Ich erinnerte mich an die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Donald, mit deinen Qualifikationen und Kenntnissen wirst Du von den besten Kunsthäusern umworben werden, pflegte er immer zu mir zu sagen. Aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Zugegeben ich war damals schon ziemlich feminin gewesen. Meine Kommilitonen pflegten mich als Exzentriker abzustempeln. Aber das war mit immer egal gewesen. Als ich ihn einmal auf seinen Ring ansprach, sagte er mir, dass er diesen für seine Verdienste bekommen hat. Als besondere Auszeichnung sozusagen. Diese Art von Ringen, Donald werden heute nicht mehr gefertigt. Leider wirst Du nie in die Gelegenheit kommen einen solchen Ring zu tragen. Warum, fragte ich. Meine Frage blieb unbeantwortet. An unserer Uni munkelte man, dass mein Prof. wohl eine Freimaurer sei. Ob es wohl hiermit zusammen hing? Zuhause hatte ich zwar auch einige antike Schmuckstücke. Diese trug ich jedoch nur zu besonderen Angelegenheiten. Ansonsten blieben sie unter Verschluss.

Endlich erreichten wir den Rastplatz. Von dem nächsten Telefon rief ich sofort Jean an. Er war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Als ich ihm von der Verfolgung schilderte sagte er mir, dass mich mein Fahrer mich bis zur letzten Ausfahrt vor Orange bringen soll. Dort werde ich dann von zwei Freunden abgeholt. Woran werde ich diese erkennen. Keine Bange Donna, sie werden dich erkennen. Außerdem ist dort noch ein alter Bekannter von Dir dabei.

Dann rief ich mein Büro an. Ich sagte meiner Sekretärin Birgit, daß sie alle meine Termine für die nächsten zwei Wochen absagen solle. Ich befinde mich auf einer wichtigen Kunstreise in Frankreich.

Danach besprach ich mich mit Brian. Kein Problem. Diese Ausfahrt kennt er. Außerdem ist es nicht mehr weit. Als wir an der Ausfahrt ankamen, stand dort schon ein schwarzer Citroen. Ich stieg aus und ging auf den wagen zu. Zwei Personen stiegen aus. Ein jüngere und ein älter Mann. Donna, sprach mich der ältere an. Ich war wie versteinert. Vor mir stand mein ehemaliger Kunstprofessor....

Im Hintergrund entfernte sich der LKW und mit ihm Brian. Einen Moment stand ich überlegend am Straßenrand und betrachtete meine beiden Gegenüber, als ein weiterer schwarzer Citroen sich mit hohem Tempo näherte. Ich sah, wie an dem heranrasenden Fahrzeug die Seitenscheiben heruntergelassen wurden und warf mich geistesgegenwärtig in den Straßengraben, als ich Schüsse aus Maschinenpistolen und das Fahrzeug vorbeirasen hörte.

Mit einem vorsichtigen Blick aus dem Straßengraben sah ich beide Männer blutend auf dem Boden liegen. Die Straße überquerend ging ich in Richtung meines ehemaligen Professors, der noch atmete, als ich mich über ihn beugte. Er sah mich mit feuchten Augen an, rang nach Luft und stammelte: "Hüte Dich. Hüte Dich vor ...", dann sank sein Kopf zur Seite und die Atmung setzte aus. Als ich mich der zweiten Person zuwandte, war mir sofort klar, daß hier jede Hilfe zu spät kommen würde. Ich durchsuchte beide Personen und fand zwei Schußwaffen, während sich in der Ferne ein dunkles Fahrzeug näherte. Mit den Knarren in der Handtasche warf ich mich ins Unterholz, kroch einen Abhang hinunter und verschwand in der heraufziehenden Dunkelheit.

Nachdem ich in wolkendunkler Nacht mehrere Stunden gelaufen war, kam ich an eine Stelle, die mir sofort bekannt vorkam. Im Kreis laufend kam ich wieder zur Autobahnausfahrt, von der aus ich losgelaufen war. Der Citroen war verschwunden, ebenso die beiden Leichen und im sich durch die Wolken bahnenden Mondschein war zu erkennen, daß alle Spuren, auch das Blut auf dem Asphalt, sorgfältig entfernt worden waren. Während eine innere Panik in mir hochstieg, war ein herantuckerndes Motorrad zu hören. Mit beiden Armen winkend, stellte ich mich auf die Straße und das Motorrad hielt an. Mit einem Griff in meine Handtasche zog ich einen der beiden Schießprügel, den ich dem Motorradfahrer direkt unter die Nase hielt. Dann gab ich ihm mit einer Bewegung der Wumme zu verstehen, er möge sich subtrahieren und mir seine Maschine anheim stellen. Der Fahrer verstand sofort, legte in seiner Verwirrung sogar seinen Helm auf die Sitzbank und rannte in die Richtung los, aus der er gekommen war.

Während der Motorradfahrt Richtung Mittelmeer versuchte ich mich zu konzentrieren, aber ich hatte einen lieben Menschen verloren und die Trauer verdrängte erstmal alles andere. Ich fuhr noch vor Marsaille von der Autobahn ab und suchte einen Platz zum schlafen weil ich schon wieder müde war. Bei einer Telefonzelle in Sausset hielt ich an. Das Meerresrauschen konnte man schon hören Ich informierte Jean und sagte ihm, daß ich hier auf ihn warten würde. Alles andere schien mir zu riskant. Mit dem Motorrad rollte ich zum Meer runter und legte mich auf die Küstenheide zwischen den Klippen. Ich war fix und alle. Wenn Wellen besonders dolle gegen die Klippen klatschten, bekam ich einige Tropfen davon ins Gesicht. Der Nachtwind war aber warm. Es roch nach Oleander und Jasmin. Mit meinen verpennten Augen sah ich noch vor dem Einschlafen, daß im Osten die Sonne schon den Horizont erhellte. …

Ich hatte den Simca gar nicht gehört, so tief pennte ich. Jean stieg aus dem Wagen und krabbelte auf einen höheren Fels. Er hatte mich aber sofort entdeckt und kletterte zu mir rüber. Ein Küsschen auf meine Wange sollte mich wecken. Ich beschloss aber, daß ein Küsschen nicht ausreichte um mich zu wecken. Aber darauf fiel Jean nicht rein. Mit einer Strohblume kitzelte er an meiner Nase. Das hatte wohl insgesamt auch etwas von schlechtem Gewissen bei ihm und er wusste das auch. Mich bewusst in so eine Situation zu bringen und ich brannte darauf, eine umfangreiche Erklärung von ihm zu bekommen. Ich öffnete meine Augen um gleich darauf zu loszuwettern, kam aber erst gar nicht so weit. Ein zweites Küsschen bekam ich, außerdem ein Strauß Rosen. „Guten Morgen Donna, lass uns frühstücken gehen, ich erkläre dir auch alles“. Wir gingen über die Küstenstraße zu einer Bistro-Veranda und tranken Kaffee und aßen Meterbrot mit Salami. Ich wollte trotzdem stinkig auf Jean sein, klappte aber nicht wirklich. „Du Donna, wenn du nun sauer über mich bist, so kann ich das verstehen“ hörte ich als ersten Entschuldigungsversuch. Ich stand auf, stellte mich vor ihm. Jean stand auch auf, senkte seinen Kopf etwas, er errötete. „Du Schuft“ zischte ich ihm rüber und fiel in seine Arme. Ich war froh, nun nicht mehr alleine zu sein.

Wir suchten als nächstes eine Boutique und eine Drogerie auf, damit mein en femmes Äußeres wieder gut aussieht und riecht. „Donna, wir fahren erstmal in mein Sommerhaus, da kannst du dann duschen“. Wir stiegen in den Simca ein und fuhren mit herunter gekurbelten Fenstern die duftende Küste entlang bis Jean auf einen Schotterweg fuhr, der sich serpentinenartig in die Höhe schlängelte. Wir fuhren durch ein altes Eisentor zu einem Haus, welches typisch für die Landschaft war. Die steinerne Hausmauer war Terrakotta-farbig, das Dach rot und die Fenster waren mit blauen Holzlamellen verschlossen.

Während ich duschte und mich nachpuderte, baute Jean auf der Terrasse ein Mittagsbrunch auf. Wir saßen bei Fischkroketten, Brot und Wein in der Sonne und genossen die Meeressicht. Ich vergaß fast alles andere. Jean fing aber dann mit seiner Erklärung von selbst an: "Für diese Fischkroketten verwende ich nur richtig frischen Dorsch, den ich in kleine Würfelchen schneide und dann mit frischer Limette und Sherry mariniere. Dann zerkleinere ich ein Bündel Petersilie, schwitze es mit frischer Landbutter an und lasse es abkühlen, bevor ich es mit dem Fisch vermenge. Dann schneide ich ein paar kleine Charlotten in kleinste Würfelchen, vermische sie mit einigen Löffeln Créme Fraîche, gestoßenem Chili, einem feuchten Brötchen, Meersalz, etwas von der Limettenschale und einem Löffel Fischfonds. Zu guter Letzt wird alles gut vermischt, paniert und in reinem Butterschmalz in der Eisenpfanne herausgebacken. Guten Appetit!"

Jean holte kurz Luft, biß in eine Fischfrikadelle (wie ich sie nach seinem Rezept wegen des feuchten Brötchens gerade getauft hatte), kaute kurz, hielt inne, sah mich an und fragte mit vollem Mund: "Noch'n Weinchen?" "Danke, ja" hörte ich mich antworten und hielt ihm das Glas hin, das er füllte. "Der Trick an den Fischkroketten aber ist," so fuhr Jean voller Enthusiasmus fort, "daß man dazu einen Wein aus dem Tetrapak servieren kann, denn das vertanzt sich ohnehin alles auf der Zunge." Er holte Luft und ich fiel ihm in's Wort: "Nun mach' 'mal Pause. Falls Du mir nichts anderes erklären willst!"

3. Kapitel

Als der Professor wieder zu sich kam, spürte er einen brennenden und pochenden Schmerz in jedem Teil seines Körpers, den er denn fühlte. Er roch eine intensive Muffigkeit, die ihn an den Waschlappen unter seiner Küchenspüle erinnerte und hatte einen Geschmack im Mund, der jeder Beschreibung spottete und Vergleiche mit nicht verrotteten Tieren verbietet. Langsam öffnete er die Augen und sah dunkle Wände, die durch Feuchtigkeit bedingt Moosflechten über Jahre eine prächtige Heimat boten. Während er den Kopf langsam nach rechts drehte, nahm er zwei Gestalten war, die ausahen, als wären sie von einer sibirischen Kolchose aus mit der Mohrrübe in dieses Kellerverlies gelockt worden. Eine der beiden Gestalten trat an die Liegestatt des Professors, beugte sich über ihn und fragte: "Du wach?"

Der Professor versuchte, die schemenhafte Gestalt des sibirischen Bullen zu erkennen, als dieser ihn nochmal fragte: "Du wach?" "Ich wach" stammelte der Professor und merkte bei diesem Sprachversuch, daß Körperteile innerlich noch mehr schmerzen können, wenn man sie beansprucht. "Wo Ring?" fragte der finster dreinblickende Geselle. "Welcher Ring?" stammelte der Professor, um kurz darauf zu merken, daß ihm seine rechte Wange bislang eigentlich noch nicht geschmerzt hatte. "Welche Ring," schnaufte das dem Raum an Geruch in nichts nachstehende Wodkafaß, "ich gib' Dich welche Ring!". "Mein Herr, ich weiß nicht, wovon sie reden." entgegnete der Professor, um kurz darauf auch einen brennenden Schmerz an seiner linken Wange zu verspüren. "Reden oder tot!" rief der andere Ekelapparat, trat nach vorne und drückte dem Professor seine verschwitzte, mächtige Pranke in's Gesicht.

Kein Buchmacher der Welt hätte nur einen Cent auf diese Geschichte angenommen, dachte der Professor fast lächelnd.....da überlebe ich einen Angriff mit Maschinengewehrsalven und falle, als ich mich schon mit Aloisius auf einer Wolke frohlocken sehe, einer Horde Menschen in die Hände, die unser freundlich gemeintes " 'luja, sog I" mit "Du wach? Reden oder tot ! " umständlich beantworten.
Die Welt muss verrückt geworden sein. Stell Dich lieber bewusstlos, dachte der Professor. Die Pranke des Ekelapparates hatte doch im wahrsten Sinne Eindruck hinterlassen.

Wieder einmal in der Gefangenschaft dachte Prof.Dr. Frederick Hummels. Wo soll das bloss wieder hinführen. Die beiden Ekelpakete hatten sich gerade abgewendet. So blieb ihm Zeit seine Peiniger zu betrachten. Interessant dachte er. Anzüge und Uhren nach dem östlichen Stil. Vermutlich KGB. Mit Sicherheit KGB, denn er verstand einige Wortfetzen in Russisch. Wie um alles in der Welt ist der KGB zu den Informatinen der Ringe gekommen? Die Ringe - auch 1940 kam er deswegen in Gefangenschaft. Und alles nur, weil er der erste Vertraute von Jean Pascal de Valloire ist. 1920 habe ich Jean kennengelernt. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und studierte an der Uni in Edinburgh Kunstgeschichte. Jean war damals schon eine erstaunliche Persönlichkeit. Er sah aus wie 30. Erst später merkte ich, dass Jean nicht alterte. War er auch ein Gefallener oder liegt das Geheimnis doch viel tiefer. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Freundschaft. Bald darauf trat ich den Freimaurern "Diener Christi" bei. Jean war ihr Großmeister. Als ich meine erste Professur an der Uni in Edinburgh antrat bat mich Jean auch die Leitung der Komturei in Edinburg zu übernehmen. Gern nahm ich diese neue Herausforderung an. Aufgrund der Unruhen in Deutschland mußte ich im Jahr 1942 nach Berlin fliegen. Die Komturei in Tempelhof sollte verschlossen werden. Zwar gelang mir dies, ich wurde aber vor meinem Abflug von den Nazis gefangengenommen. Die Qualen und Schmerzen, die man mir zufügte waren unmenschlich. jedoch war ich nicht in der lage etwas zu sagen. Für diese Fälle besaß ich eine mentale Blockade. Ich würde eher sterben als etwas über die Brüderschaft zu verraten. Auch die Nazis waren hinter den Ringen her. Ich habe mich schon damals gefragt, ob die Gefallenen hier nicht dran beteiligt sind. Mit viel Glück entkam ich damals meiner Gefangenschaft. Die äußerlichen Wunden sind zwar verheilt, aber die psychischen Schmerzen verheilen nie.

Ich muss mit den beiden Ekelpaketen reden. Was wissen sie? Und wie kommt der KGB in das Wissen der Ringe? Haben sie vieleicht von den Nazis damals das Buch der Apokalypse erbeutet? Oder stecken hier doch die Gefallenen hinter. Ein toller Name für aus dem Himmel gefallene Engel. Diese müssen als schattenlose Wesenseinheiten ihr Leben auf der Erde fristen. Ab und an können sie mal in Kotakt mit einem Menschen treten. Aber auch nur um Ihnen einen Auftrag zu geben oder leicht zu steuern. Das gelingt aber nur für kurze Zeit, da der "Wirt" erheblich schneller altert. Eigentlich bleibt ihnen als letzter Ausweg nur die verlorene Dimension. So wie die Schönheit vergangen ist - wird sie nun in Luzifers Reich zu einer Karikatur derselben.

"He, Du - wo Dein Boss", rief ich den Ekelpakten zu. "Du geben Ring" "Ich sprechen Boss, sonst nix sagen!". Die folgenden Schläge waren eerheblich stärker als die ersten. Ich wapnete mich innerlich gegen die Qualen.

So räusperte sich der Professor kurz und blickte dem dickeren der beiden kaukasischen Ziegenfickern tief in's Auge, wobei er mit fester Stimme sprach: "Habt ihr eigentlich keinen Wodka?", woraufhin er sofort ein "Doch, haben" vernahm. "Dann paß auf, mein Dawarisch permafrostbebodeter Herkunft: Du säufst mich unter den Tisch und bekommst sofort alle Informationen oder ich sauf' Dich unter den Tisch, und Dein Kumpel holt den Boß. Ganz einfach." Der Professor war sich seiner Gewinnersituation seines klug duchdachten Vorschlages bewußt: Entweder er bleibt alleine mit einer Schnapsleiche oder verbringt einige Stunden im Dellirium. Beide Situationen erschienen ihm erstrebenswerter als der Status Quo.

"Welche Tisch?" war die Antwort. "Egal, soll sich halt Dein Kumpel hinknien, solange" entgegnete der Professor, eine Idee, die ihm noch ein Stückchen ulkiger erschien. "Is gut, mach' Tisch, Iwan" sagte der schmalzgelockte Schwitzkopf und holte einen Karton voller Flaschen. "Trinke Flasche oder Becher?" war die letzte Frage zu den Spielregeln, die -schon aus Gründen der Hygiene- mit "Flasche" entschieden wurde.

Kaum zwei Flaschen später war die dritte Flasche entkorkt und der Schmerz des Professors wurde weniger, die Sprache des mittrinkenden Exilkolchosen schwerer und das kniende Tischchen begann langsam zu meckern, daß das kostbare "Wässerchen" in fremden Kehlen verschwand. Dem Professor, dem ohnehin so langsam alles egal wurde, knallte die Flasche auf Ex, rülpste ausgiebig und lallte: "Nochmal!" Der Russe holte den Rückstand rasch auf und entkorkte zugleich unter seltsamen Flüchen bäuerlicher Prägung die nächste Runde. "Ex oder Depp" lallte der Professor, setzte an und zog durch, wobei ihm sein Gegenüber in Nichts nachstand. Nur das Gemecker des wohl unteralkoholisierten Tischchens steigerte sich über Gebühr, als sein Kumpane bei Runde Sieben beim Rülpsen ihm etwa die Menge eines doppelten Schnapsstamperls auf das Hinterteil spuckte. "Du sauf', nich' spuck'" war die letzte Aufforderung des Tischchen bei Runde Zwölf, kurz bevor der volltrunkene Sparringspartner sich und dem ebenso besoffenen Professor aus der Kiste je eine Flasche Pflanzenöl hervorzauberte, die beide ohne nähere Kenntnisnahme ohne abzusetzen leerten.

4. Kapitel

Man schrieb den 30. Juni 1966. Während beinahe die ganze Welt vor ihren Radio- und Fernsehempfängern auf den Anstoß zum legendären Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in England, dessen unrühmlichen Ausgang und den einzigen Titelgewinn des "Mutterlandes" des Fußballs in seiner Geschichte wartete, lag eine farbige Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den Wehen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie und ihr Mann, der sie allerdings bald verlassen sollte, lebten, hatten sie sich entschieden, ein drGeschehnissen im fernen Frankreich zu tun haben sollte, hatten sich -schon aus Gründen der Zeitverschiebung- in Tokio im Budokan ungezählte Beatles-Fans eingefunden, um einem Live-Konzert beizuwohnen. Da es dummerweise Japaner waren, die des Englischen wenig mächtig waren, entging ihnen mehrheitlich bei diesem Konzert ein bemerkenswertes Vorkommnis: Paul McCartney sang in dem von ihm ebenfalls 1966 komponierten und getexteten "Paperback Writer" in der Zeile "... novel by a man named Lear ..." statt "Lear" mit ungewöhnlicher Betonung den Namen "Donna", um danach feixend das Lied zu Ende zu bringen und im fernen Frankreich den Dingen ihren von ihm sehr wohl bewußt verfolgten Lauf zu lassen.

Zu dieser Zeit saß ich -mittlerweile schweigend- mit Jean nach wie vor bei Fischfrikadellen, Brot und Wein in der Sonne. Im Haus klingelte das Telephon, lange und schrill. "Wo ist der verdammte Hausdiener, wenn man ihn braucht?" rief Jean Richtung Gesindewohnung, er hörte ein Grunzen und die Worte "Komme ja schon." Der traurige Schatten eines Hausdieners, der seine besseren Zeiten wohl gesehen hatte, schleppte sich in's Haus, das Klingeln hörte auf und der Hausdiener rief: "Es ist dieses Schlitzauge, mein Herr." "Und, was will der Japs?" antwortete Jean. Der Hausdiener telephonierte einen Moment und rief dann zurück: "Paul hat sich scheinbar absichtlich verquatscht!"

Ich biss ein wenig verwirrt in eine Frikadelle. Zwischendurch schaute ich in meinen Taschenspiegel. Meine Frisur saß noch recht gut. Ich dachte über Jean nach. Der Jean aus Hamburg war ja ein ganz anderer, als dieser Typ, der jetzt aufgeregt war. Sein Benehmen war unmöglich und wo war bitte der galante Herr, der mir im Hotel Alsterdorf tief in die Augen schaute und etwas von Yacht, Capri und Athen in die Ohren säuselte? Ich schaute an mir herunter. Ich hatte eine gute Wahl in der Boutique getroffen. Mein gelbes Blümchenkleid leuchtete ganz toll. Aber ich war ein wenig unsicher. Das Mittelmeer so blau, Jean's Schiff so weiß und hätte ich da nicht ein weißes Kleid kaufen müssen? Und überhaupt, es wäre eigentlich an der Zeit, wo ein Gentleman vor mir knien sollte und mir einen Brillantring ...  DER RING !!!!!!!  Ich schaute Ring und versuchte nachzudenken. Ich fühlte an meiner Halskette auch das zweite Teil des Ringes ab. Es war noch da. Entsetzt fiel mir ein, daß ich in meiner großen Tasche auch noch Pistolen hatte. Während ich in die Tasche schielte und meine Bestätigung bekam, sah ich im Augenwinkel einen aufgelösten Jean hektisch hin und her rennen. Ich aß die Frikadelle ganz auf. Jean kam zu mir: "Wir müssen los". Ich schnappte mir meine Sachen und rannte hinter ihm Richtung Auto hinterher. Jean drehte sich nach mir um: "Wir müssen fliegen". Ich war ganz erstaunt, blieb stehen und fragte: "Ach, der Yachthafen von Monte Carlo hat einen Flugplatz?"

"Genau, wir nehmen den nächsten Flieger nach Paris. Von dort aus geht es Richtung Tokio."" Aber warum Jean?" fragte ich. "Die Ereignisse überstürzen sich," grummelte Jean vor sich hin. Er riss mir die Tür von seinem Jaguar auf und stieg selber ein. Ein Autorennen durch die Schluchten von Monaco war das letzte worauf ich Lust hatte. Aber Jean lenkte souverän den Wagen. Erstaunlich das sich die Gendarmerie gar nicht an den Wagen störte. "Sehen die uns nicht", fragte ich Jean. "Nein - ich habe den Wagen unsichbar gemacht." "Wie?" "Später, meine Liebe". Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir den Flugplatz. Die Motoren der Maschine liefen schon. Wir hasteten zum Flugzeug und einige Minuten später starteten wir schon. "In weniger als zwei Stunden sind wir in Paris", sagte Jean. Er holte eine Flasche Rotwein aus der Bordbar und gab mir eine Glas zum trinken. Ich denke Du bist schon ganz schön neugierig auf meine Geschichte.

"Mein Name ist Jean Pascal de Valloire. Ich bin zwar banker, aber nur in meiner eigenen Sache. In Wahrheit bin ich der letzte Großmeister der Freimaurer der Diener Christi. Geboren wurde ich 1820 in Paris." "Du siehts aber auch wie 30", anwortet ich. "Als ich Großmeister wurde legte ich vor dem Buch der Apokalypse ein Gelübde ab. Daraufhin wurde mir ein langes Leben gewährt." "Unsterblichkeit," fragte ich. "So, in etwa. Und noch etwas mehr," entgegnete Jean. "Unsere Brüderschaft besteht schon seit sehr langer Zeit. Entstanden ist diese nach der Auflösung der Templer. Einige unserer Brüder sind damals nach Schottland geflohen. Bis hierhin reichte der Arm des Vatikans nicht. Mit den uns verbliebenen Kenntnissen und Ausrüstungen konnten wir hier eine neue Brüderschaft gründen. Die Freiumauerer der Diener Christi. " "Was meinst Du mit Kenntnissen und Ausrüstungen?" entgegnete Donna. ""Verschieden Kenntnisse der Alchemie, der Zukunft und der Magie. Die Ausrüstungen lagen nicht in den verschiedenen Komtureien und wurden nach und nach hierher gebracht. Als wichtigste Kpmturei diente Tempelhof. Hier war und ist eines unserer größten Archive untergebracht. Darüberhinaus wird von hier aus die finanzielle Basis unserer Brüderschaft sichergestellt. Dein ehemaliger Professor leitet unsere Komturei in Tempelhof."

Jean legte hier eine kurze Pause ein und schaute aus dem Fenster, bevor er fortfuhr: "Die alten Tempelritter fanden seinerseits mehrere Bücher. Diese wurden teilweise an den Vatikan veräußert und begründeten die Vormachtstellung. Von dem Buch der Prophezeiungen uns Vorhersagen wurde eine Kopie angefertigt. Diese befindet sich bis heute in unserem Besitz. Das Buch der Apokalypse war fest verschlossen. Es wurde von uns wie ein ganz besonderer Schatz gehütet. Den wenn dieses Buch geöffnet wird, so besagen die Schriften, wird der Untergang der Welt - also das jüngste Gericht - erfolgen. Die Mächte des Guten werden gegen die Mächte des Bösen kämpfen und die Dimensionen werden sich gegenseitig aufheben." "Und wo ist das Buch der Apokalypse jetzt - und die Ringe, was haben die damit zu tun," wollte Donna wissen. "Das Buch wurde uns in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gestohlen. Die Ringe - alles zu seiner Zeit Donna." "Aber sie hängen mit dem Buch zusammen" Jean schmunzelte nur. " Ja sagte er, das gibt es so eine alte Prophezeiung. Sie spricht von einem Ritter und einem zweigeschlechtlichen Menschen. Beide zusammen würden das Buch der Apokalypse endgültig vernichten.""Und" "Alles aufgeben". Jean wurde sehr ruhig. Ich war sprachlos. War ich damit gemeint - zweigeschlechtlich. Ich trank meinen Rotwein aus. Und schenkte mir gleich wieder ein- Jean lächelte mir verschmilzt zu. Er sah verdammt gut aus für sein Alter. Bald darauf erreichten wir den Flugplatz in Paris. Ohne weitere Umstände fanden wir unseren Linienflug nach Tokio. Paul, wenn ich dich in die Finger kriege, dachte Jean.

Wir waren einige Stunden geflogen und hatten bislang lauen Kaffee, eine Art kaugummiartigen Brötchens und eine bunt bedruckte Serviette dazu erhalten, als sich der Kapitän via Lautsprecher meldete: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht nochmal ihr Kapitän. Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, befinden uns zwischen Omsk und Irkutsk und unser linkes Triebwerk brennt." Dann herrschte einen Moment Ruhe, während wir mit einem Blick aus dem linken Fenster uns überzeugen konnten, daß der Kapitän keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. "Da wir das Triebwerk irgendwie nicht löschen können," fuhr die scheppernde Lautsprecherstimme des Kapitäns fort, "werden wir uns ein geeignetes Stück Steppe suchen, um notzulanden." Die Stewardessen im vorderen Flugzeugteil wurden zusehends hektischer. "Bitte beten Sie, daß ich den Vogel nicht in einen Geröllhaufen ramme und folgen Sie nun den Anweisungen des Flugpersonals!"

Die Stewardessen zeigten uns, daß wir uns irgendwie hinter den Sitzen zusammengefaltet hinkauern sollten, verteilten wahlweise Rosenkränze, Kreuze und für die Kinder Gummienten und wirkten dabei aber gelöst. Ich hörte, wie die blonde Stewardess dem schwulen Flugbegleiter zuraunte: "Mit Kapitän Funes bin ich bereits dreimal notgelandet. Er ist ein Meister der Landung ohne Fahrwerk." Der Flugbegleiter schien ihre Worte überhört zu haben, als er zurückfragte: "Hat er Dir auch an den Hintern gegrapscht?" "Nein, ich bin seine Fernostroutenmatratze" war die Antwort.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörten wir das obligate "Ready to crash down" aus dem Lautsprecher, das Flugzeug machte eine scharfe Rechtskurve, um danach mit einem scheppernden Quietschen zu dem sich ein dröhnendes Pochen und ein ächzendes Wummern gesellte, irgendwo in der (vermutungsweise) kasachischen Steppe Bodenkontakt zu suchen. Die Maschine mag wohl einige hundert Meter über den Boden geschlittert sein, um mit einem Boing (was für ein Treppenwitz, es handelte sich schließlich um eine Boing 727) plötzlich zu stoppen. Der Pilot meldete sich erneut über Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, wir haben unseren Zielflughafen um wenige tausende Kilometer verfehlt. Wir haben nunmehr unsere Parkposition erreicht und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Bitte fliegen Sie bald wieder mit Air France."

Der Kapitän trat in die Flugkabine, öffnete die vordere Türe, klemmte sich einige Schachteln unter den Arm und verlies die Maschine. Die Besatzung und die Fluggäste folgten ihm, um vor dem Flugzeug stehend den Kapitän dabei zu beobachten, wie er eine Signalpistole abschoß. "Sie geben mir immer ein paar Schachteln Leuchtraketen extra mit an Bord" sprach der Kapitän in Richtung der Fluggäste, während ihm seine Fernostroutenmatratze immer neue Raketen reichte, die der Kapitän in den Himmel jagte. "Dieses Feuerwerk wird Ihnen präsentiert von Air France" näselte derweil der Flugbegleiter und nestelte dabei am Verschluß einer von ihm mit nach Draußen genommenen Champagnerflasche.

Etwa drei Stunden später war der Kapitän bei der vorletzten Kiste Leuchtraketen angelangt und am Horizont sahen wir eine Fahrzeugkolonne, die sich unserem Standort näherte; bald drauf hörten wir auch das Brummen der Motoren, das uns wie ein Dröhnen erschien, als die Kolonne sowjetischer Militärlastkraftwagen, die von einem ordensbehangenen Kerl in einem Geländewagen angeführt wurde, vor uns zum Stehen kam. Der Christbaum stieg aus, lief in Richtung unseres Kapitäns und rief: "Dawarisch Funes!", worauf unser Kapitän antwortete: "Sie schickt ein um's andere Mal der Himmel!"

Der Kommandeur bedeutete uns, wir mögen uns auf die Lastkraftwagen bewegen und kurz darauf verließ der Konvoi das havarierte Flugzeug. Man brachte uns nach einigen Stunden Fahrt nach Irkutsk, der Konvoi stoppte vor dem "Motel Mamitschka", wo wir gebeten wurden, auszusteigen. Kapitän Funes verabschiedete sich mit Handschlag vom Kommandeur und sagte: "Bis Bald!". Dann drehte er sich zu uns und verkündete: "Diese Nacht im Motel Mamitschka wird Ihnen präsentiert von Air France!" Der Flugbegleiter flötete "Bitteschön", als er uns den Zimmerschlüssel Nummer 33 aushändigte und fügte ein "Da geht's lang" hinzu. Kurz darauf fanden wir uns in einem streng nach Kamelhaardecke, die in der glorreichen roten Armee einem Landser als Fußlappen diente, riechenden dusteren Raum wieder, dessen Inneneinrichtung nach Gulag auf LSD aussah.
Na ja, das Bett ging ja so. Ich hatte allerdings Bedenken wegen weiterer Mitbewohner und bat Jean, doch ein wenig dichter an mich ran zu kriechen. Boah, in den Armen eines Ritters zu liegen, der hunderte Jahre Erfahrung mit den Frauen der Geschichte hatte, ich fühlte mich gut, bekam noch ein Küsschen auf die Wange  und schlief schnell ein.

Die Zimmertür wurde polternd eingetreten. Wir saßen beide vor Schreck senkrecht im Bett. Der kaukasische Fleischklops grinste uns an während er mit einer Maschinenpistole rumfummelte. "Kanone auf Boing gut, nich'?", der Klops freute sich wie ein Schneekönig, "Triebwerk puff, gut schießen". Nun wusste ich, wem wir unsere Notlandung zu verdanken hatten. Die Klops-Gesichtszüge wurden ernster: "Anziehen, laufen vor mir auf Flur". Ich bin noch nie so schnell in mein Kleid gekommen und schnappte mir meine Tasche. Wir liefen vor dem Klops den Hotelflur entlang. Ich stoppte kurz vor einem Spiegel, fummelte meine Frisur zurecht und lief weiter. Der Klops konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Laster schüttelte uns durch, die Nacht in den Höhen zivilisationsfremder Gebiete zerrte an meiner Kraft. Nach einer halben Stunde standen wir, die Maschinenpistole im Rücken, auf einem Hochplateau und sahen mehrere Propellermaschinen neben einem Rollfeld. "Los, zu das Flugzeug gehen", kommandierte unser kauskasisches Übergewicht und zeigte auf eine Maschine. Ich ging neben Jean und schob unauffällig meine Umhängetasche vor meinen Bauch. Ich hatte einen Plan! Ich schielte noch nach Jean, der sofort wusste, was ich vor hatte. Auf einmal wurde ich ja sowas von cool und selbstsicher. Der Griff zu dem kalten Stahl in meiner Tasche, das drehen meines Körpers und das Herausziehen einer Pistole war eins. Unter einem Schuss ins Bein des dicken Stinketieres brach der zusammen und ich drückte ihm noch eine Kugel ins andere Bein - nur vorsichtshalber. Jean entwendete den nun am Boden liegendem Schweißhaufen die Maschinenpistole bevor der noch auf dumme Gedanken kam.

Ich konnte nicht anders. Es war ja wie im Kinofilm und ich musste einfach meine Coolness noch einmal ausspielen. Obwohl schlimmeres hätte passieren können, kniete ich auf dem Oberkörper des Muffelkaukasen, schnupperte ihn an und hauchte ihm "Du waschen, Stinke dann weg" ins Gesicht. Normalerweise ist das eine Situation, wo ich nochmal stehend den Rauch aus der Pistole blasen müsste, meine Sonnenbrille aufsetze und nach einem Pfiff mein Pferd aus der Deckung kommen müsste. Ich fühlte mich richtig gut. Jean lachte über meine Sicherheit. Aber ich konnte da noch einen Draufsetzen: "Hey Ritter, wer fliegt nun welche Maschine?"

Die Propeller dröhnten in luftiger Höhe und Jean konnte tatsächlich ein Flugzeug fliegen. Unter uns wurden die Landschaft immer kleiner. Ich war jetzt eine Heldin, redete ich mir zumindest ein. Jean blickte zu mir herüber. Ich saß auf dem Co-Pilotensitz, klappte meine Sonnenblende herunter und Jean meinte schmunzelnd: "Kein Schminkspiegel". "Wohin fliegen wir nun eigentlich?" wand ich  mich an meinen Kapitän, der nach kurzer Überlegung "Buchara" antwortete. Meinem fragenden Blick folgend ergänzte er: "Eine schöne, alte Stadt, die die Sowjets noch nicht völlig dem Ruin preisgegeben haben." "Und was sollen wir dort?" "Bei Omar-al 'mal wieder eine leckere Kebapplatte verputzen. So wie Omar-al 'nen Hammel zubereitet, gibt es so schnell keinen Vergleich." Jean schnalzte mit der Zunge und mir wurde flau.

Nach einigen Flugstunden erschien am Horizont eine Stadt mit Gebäuden, die goldene Kuppeln trugen, die im Sonnenlicht einen großen Glanzfleck in die unwirtliche Landschaft zu zaubern schienen, ja es schien, als schienen sie. Jean brachte den Flieger auf den Erdboden, er rollte aus und vor uns erschien das Ortsschild "Бухоро". "Wir sind da" bemerkte Jean, worauf mir nur ein "Ach!?" einfiel. Wir stiegen aus der Maschine und liefen in die Stadt.

Nach etwa achthundert Metern schlenderten wir nach rechts in eine Seitenstraße, passierten einen Friseursalon, eine Schafscherstube und ein Geschäft für Kamelzubehör. "Das Haus nach dem sechsten Friseursalon" wies mir Jean den Weg und zweihundert Meter weiter betraten wir eine Kaschemme, in der das Licht schummrig war und die Scheiben statt Gardinen einen Nikotinüberzug bekommen hatten. "Jean!" rief ein älterer Mann, der in eine schmuddelige Kochuniform eingewachsen schien und auf uns zukam. "Omar-al!" rief Jean und beide Männer fielen sich in die Arme. Nachdem sie sich ausgiebig geherzt hatten, sagte Jean zu Omar-al gewandt: "Omar-al, Donna" und in meine Richtung: "Donna, Omar-al."

Wir setzten uns an einen Tisch und Omar-al fragte, ob wir außer Tee etwas zu trinken wünschten. "In Buchara trinken wir zu allem Tee, sogar zum Tee. Deswegen reicht es für gewöhnlich, irgend ein Getränk zu bestellen, man bekommt sowieso 'nen Tee dazu. Und falls das Getränk einmal nicht da sein sollte..." Omar-al legte den Kopf in den Nacken, rollte die Augen und stoßseufzte: "Sowjetzeiten", um fortzufahren "... dann gibt's halt nur 'nen Tee. Wenn man folglich also nur einen einzelnen Tee will, dann bestellt man sich am Besten eine ausländische Spirituose." Jean bestellte ein Bier und ich ein Glas Wein. "Also zweimal Tee" notierte Omar-al. "Und zweimal leckere Kebapplatte, bitte" fügte Jean hinzu. "Mit Tee?" fragte Omar-al. Schnell bemühte ich mich, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen: "Gibt's auch was ohne Hammel?"

Omar-al sah Jean entsetzt an und fragte: "Vegetarierin?" "Um Gottes äh Allahs Willen, nein! Auf gar keinen Fall!" entgegnete Jean. "Also ganz ohne Hammel," fragte mich Omar-al mit großen Augen "so ganz ohne?" "Nun, was gibt's denn sonst noch so?" "Außer Hammel habe ich nur Grünes und Gelbes, wahlweise gekocht oder gestampft." Meine Aussichten schienen heute nicht nur durch die Fensterscheiben des Etablissements nicht die Besten zu sein, also bestellte ich tapfer "Eine Kebapplatte ohne Extra-Tee, bitte. Und 'nen Fernet-Branca." Omar-al notierte eifrig: "Zwei Kebapplatten und 'nen weiteren Tee."

Kurz darauf brachte uns Omar-al die drei Teegläser und wenige Minuten danach schleppte er zwei große Silberplatten an, auf denen jeweils ungefähr ein kleingeschnittener halber Hammel lag, der gebraten und gewürzt worden war und auf dessen Haufenspitze eine schwarze Olive lag. "Hau rein und Mahlzeit!" rief mir Jean zu und begann zu kauen. Ich nahm zaghaft ein kleines Stückchen Fleisch zwischen zwei Finger und biß ein Eckchen davon ab. Jean sollte recht behalten: Es war der verdammt nochmal leckerst gewürzte Berg Hammel, den man auf Gottes äh Allahs Erdboden vorgesetzt bekommen kann. "Noch'n Bier" bestellte Jean, um kurz darauf ebenfalls seinen zweiten Tee zu bekommen .
 
5. Kapitel

Der Professor wurde am anderen Morgen etwas zerknausert wach. Wodka, was für ein Scheißgesöff. Es geht doch nichts über ein paar odenliche Maltwhiskys. Am besten einen schönen Laphroig.Schön torfig. Und dazu noch ein paar Pints Guinnes. Aber so etwas feines kennen die im Osten ja nicht. Die beiden Fleischklöse lagen schnarchend auf dem Boden. Wie dumm nur, dass der Professor noch immer auf seinen Stuhl angekettet war. Er bewegte seinen Stuhl in Richtung eines Agenten und trat ihm mit voller Wucht in die Fresse. Der Tritt zeigte Wirkung. Langsam öffnete der typ seine Augen und Fragte ganz benommen: "Was los hier, will schlafen" "Nix schlafen", rief der Professor. Während dessn wurde der zweite Fleischkloß wach. Bevor er sich versah, wurde er auf seinen Stuhl nach hinten weggezogen. "Ivan, aufstehen", schrie der zweite Typ. Und ivan sprang, wie von einer Hornisse gestochen auf. "Hol Auto, fahren heute noch nach Mütterchen Moskau. Und ruf den Chef an. Sag wir haben Professor. Bringen ihm nach KGB-Zentrale.

Der Professor hatte das Wort "KGB-Zentrale" noch nicht richtig gehört, als vier Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden und mit gestreiften Krawatten sowie verspiegelten Sonnenbrillen in den Raum sprangen. Sie trugen Waffen im Anschlag, der Professor hört zwei Plopp-Geräusche und die beiden Russen lagen mit aufgerissenen Augen rücklings auf dem Boden und hatten beide in der Mitte der Stirn ein kleines Löchlein. Der Professor betrachtete die Männer in ihren Anzügen und sinierte, daß die Idee mit von der einen Seite aus durchsichtigen Spiegeln als Brillenglas ihm nur zu gerne selbst eingefallen wäre. Er blickte kurz zu den Russen und scherzte: "Kuckt 'mal, die haben ein drittes Auge!"

"CIA, Agent Schultz" stellte sich der Größte der Vierlinge vor, "Sie sind unser Mann!" "Jo", sagte der Professor und der Kleinste der Vierlinge trat vor: "CIA, Agent Schlutz, Sie sind unser gefangener Mann." "Achso" entgegnete der Professor, zuckte mit den Schultern und setzte sich. "Darf ich 'mal ihre Brille aufsetzen, Herr Agent Schlutz?" "Gib' sie ihm", bedeutete Schultz, "er soll in seinen letzten Stunden wenigstens ein Bißchen Freude haben."

"Wo bringen wir ihn hin, Schultz?" fragte Schlutz und Schultz antwortete ihm: "Wie wär's mit dem Iran? Der Schah wollte für seinen Folterkeller beim letzten Mal nur drei Kamele und 'ne Jungfrau. Klar, Syrien ist billiger, aber da gibt's wieder nur 'ne Gemeinschaftsdusche. Nein, ich hab's: In Nicaragua schulden sie uns noch Was, nachdem die Deppen in der Schweinebucht vergeigt haben." "Bringen wir ihn erst 'mal in's Quartier nach Grafenwöhr. Während wir ihn dort elektroschocken, können wir ja nochmal überlegen." mischte sich einer der beiden Namenlosen in's Geschehen ein. Schultz und Schlutz sahen sich an, nickten sich zu und griffen von je einer Seite den Professor und schleiften ihn aus dem Gebäude.

Kurz darauf klingelte im fernen Buchara das Telefon. Omar-al verschwand im Nebenraum und bisweilen hörte man ein "Ja, is' gut", dann hängte er auch schon ein und kam an unseren Tisch. Er zeigte auf die verbliebene Olive auf meinem Teller und sagte mahnend: "Aufessen. Gibt sonst schlechtes Wetter." Dann brachte er uns den bestellten Kaffe und zwei Tee, setzte sich zu uns und sagte: "John war am Telephon. Er hat erzählt, er sucht sich jetzt in London eine Schlitzschlampe. In Tokio hätten die beim Vögeln immer so herrlich gequietscht." Omar-al nahm einen Schluck Tee und fuhr fort: "Übrigens, der gelehrte Zausel wird gerade nach Grafenwöhr verlegt, hat Brian Epstein durch John ausrichten lassen."

"Für John weiß ich genau die Richtige," setzte Jean an, "eine absolut untalentierte Japanerin, die sich für eine Künstlerin hält und eine Stimme hat, daß man sie beim japanischen Zivilschutz als Sirene verwenden könnte. Außerdem mag sie komische Brillen und macht im November in London eine -naja- Ausstellung, nein: Sie präsentiert kruden Schrott und kreischt dazu. Beim Sex gibt's Keine, die mehr quietscht." Jean hüstelte kurz und legte nach: "Sie heißt Yonko Onko oder so. ... Ich hab' von ihr gehört". Dann sah er Omar-al an und fragte: "Was ist die langweiligste Stadt bei Grafenwöhr, um dort unauffällig Quartier zu beziehen?" Omar-al überlegte einen Moment und antwortete: "Hof. Moment, Bayreuth ist genauso Scheiße und sogar noch dichter dran." "Bayreuth. Eine der miesesten Städte der Welt, ausgerechnet." entgegnete Jean, sah mich an und rief: "Auf zur transsibirischen Eisenbahn! Wir müssen nur in Nawoi, Urbach, Moskau, Minsk, Warschau, Ostberlin (Hauptstadt der DDR), Berlin und Lichtenfels umsteigen."

Ich staunte Jean fragend an. "Häää, transsibirische Eisenbahn? Kommt gar nicht in Frage. Wir haben doch das geklaute Flugzeug. Das geht in jedem Fall schneller. Und wer auch immer der gelehrte Zausel ist, müssen wir nicht mehr nach Tokio? Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung". Ich dachte auch an das prophezeite Finale mit der Zerstörung des noch fehlenden Buches und überlegte, ob nach dieser glorreichen Tat Jean wohl, in Asche verwandelt, zu Boden fällt weil seine Zeit eigentlich ja schon abgelaufen war. Ein schrecklicher Gedanke. Andererseits dachte ich über Jean's Worte nach. Alchemie, Magie und Zukunft. Ich schielte in meinen Ausschnitt und überlegte mir gerade, welche Vorzüge man aus der Magie doch nutzen könnte. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Jean bemerkte das, grinste auch kurz, wurde dann aber wieder ernst. Ich starrte Jean fassungslos an als er sagte: "Hm, wer auch immer der gelehrte Zausel ist, wir müssen weiter. Wir fliegen zurück nach Deutschland. Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung".

Jipiee, ich hatte mich durchgesetzt. Keine Eisenbahn, sondern Flieger. So lobe ich mir das. Und keine Zeitverschwendungen mehr durch unnütze Schießereien oder andere nervige Gegenspieler. Ja, Gegenspieler, richtig gelesen! Es ist wie beim Schach. Gegner eliminieren, keine Rückschritte machen, den Gegenkönig aushebeln. Während der Autofahrt zum Rollfeld scherzte ich noch mit Jean. "Hey Ritter, wie gefällt dir meine neue Sonnenbrille? Vorhin noch im Laden gekauft. Voll cool die Verspiegelung. Ich sage dir, daß ist der neuste Schrei". Jean lachte und nahm mich in den Arm. "Aha", fotzelte er, "Madame werden eine Kämpferin, ja?" und säuselte mir noch ins Ohr "eine verdammt hübsche Kämpferin". Ich schwebte auf Wolke Sieben. "Echt?" meine Augen leuchteten. Ich war völlig außer Fassung. "Jean, wo sind wir hier?" Doch er öffnete mir die Tür des Wagens. Ich stieg aus und war entsetzt. "Das sieht ja aus wie ein Bahnhof, da sind Gleise". Jean stand vor mir, die transsibirische Eisenbahn kam gerade dampfend in den Bahnhof gerollt.

"Donna, 2380km mit dir in einem eigenen Abteil, 2380km dir nur in deine Augen schauen, 2380km neben dir auf der Matratze ..." Ich hielt meinen Finger auf seine Lippen. "Stop Ritter, ich, äh, ----  ich gebe nach". Wir mussten beide lachen. Na ja, die Sitze vom Flugzeug waren ja auch gar nicht bequem, die Sonnenblende hatte keinen Schminkspiegel und überhaupt, fliegen ??? ... geht gar nicht!"

Im Zug gab es die erste Überraschung, denn wir sollten nicht über Nawoi und Urbach, sondern über Taschkent fahren, wobei uns Niemand sagen konnte, ob wir in Orenburg eventuell auch den Zug zu wechseln hätten. So ist das bei den Sowjets, dachte ich bei mir, sie sind dieses Jahr auf dem Mond gelandet, haben aber nicht 'mal einen Bahnfahrplan. Dann sah ich mir unser Abteil und seine Mitbenutzer genauer an: Jean, der am Gang Platz genommen hatte, saß eine dicke Bäuerin gegenüber, die unablässig in eine große Salatzwiebel biß und dann ausgiebig kaute. Mir gegenüber saß vermutlich ihr Ehemann, der in einem abgeschabten Anzug daherkam und der eine braune Ziege auf dem Schoß sitzen hatte. Zu seinen Füßen stand ein Korb mit Hühnern.

"Toll, Jean," dachte ich bei mir, "das wird ja 'ne richtig romantische Reise." Jeans Gegenüber faßte in einen braunen Leinensack und bot uns Salatzwiebeln an, die wir aus Gründen der Gastfreundschaft dankend annahmen. "Eßt, Kinder, eßt," ermunterte uns die Bauersfrau, gab ihrem Mann auch eine Zwiebel  und wenige Minuten später saßen wir in kauender Eintracht in unserem Viererabteil, nur die Ziege kaute gerade nicht. Als wir die Zwiebeln etwa zur Hälfte gegessen hatten, griff der Mann an seiner Ziege vorbei nach einer irdenen Flasche und fragte: "Wodka?" "Danke, ja" antwortete Jean und der Mann sagte zu seiner Frau: "Hol' Tee dazu."

"Kommen sie aus Buchara?" fragte ich mein Gegenüber und dieser antwortete: "Ja. Sie kennen die Stadt?" "Ich habe dort den leckersten Hammel meines Lebens gegessen" antwortete ich ihm und er weinte vor Freude (oder doch wegen der Zwiebel?). "Wissen Sie, meine Frau und ich, wir fahren nach Ostberlin (Hauptstadt der DDR). Mein Sohn, der Offizier bei der ruhmreichen roten Armee ist, hat uns zu seiner Heirat eingeladen und diese Platzkarten für den Zug geschickt. Deswegen auch die Ziege und die Hühner." Jean blickte auf die Platzkarten, sah mich an und stammelte: "Den Plätzen nach fahren wir bis Ostberlin (Hauptstadt der DDR) gemeinsam. Wir haben also genügend Zeit, uns für die Zwiebeln und das Wässerchen zu revanchieren." "Danke, Jean," zischte ich ihm zu, "daß Du die Schlafwagenreservierung vergessen hast." "Hab' ich nicht. Aber sie haben keinen Schlafwagen, der Fahrkartenverkäufer hat seufzend "Sowjetzeiten" gestöhnt. Aber zwischen Moskau und Minsk soll es einen bestechlichen Schaffner geben, der sein Personalabteil vermietet, nur Geduld."

Die erste Nacht in unserem Abteil verlief recht geruhsam. Nachdem ich mich mit der Ziege angefreundet hatte, diente sie mir als Zudecke, während der Rest unserer Reisegruppe den Spätfolgen des Wodkas vermittels kollektiven Schnarchens hörbaren Tribut zollte. Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege ein Stückchen zur Seite schob und fragte ihn: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?"

Das Ei war tierisch lecker. Ich bat Jean und den Bauern noch, die Plätze zu tauschen. So hatte ich Jean gegenüber und konnte wenigstens, meine Schuhe ausgezogen, ein wenig füßeln. Wir mussten beide lachen, als ich mit meinen Füßen unter Jean’s Hosenbeine ging und diese an seinen Beinen wärmte. Schade, dass da nicht mehr drin war. So vertrieben wir uns die Zeit mit kleinen Neckigkeiten und Spielereien. Jean schaute mich plötzlich interessiert an als ich ihn zwar anschaute aber gar nicht wirklich wahrnahm. Irgendwie blickte ich an ihm vorbei. Ich war tief in Gedanken versunken. Da war noch so ein Gedanke, den ich übersehen hatte und ich ließ mich blenden von dem Leben der Donna. Aber nun ratterte es in meiner Birne. Der Faden des Gedanken, was puzzelte sich denn gerade in meinem Kopf zusammen? Ich zuckte kurz zusammen. Ich war wie elektrisiert. Die Ziege ködelte vor Angst als ich abrupt aufsprang und los schrie.
„IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH !!!!!!!!!!“

Die Bauernfrau und ihr Mann starrten mich an. Dann lachte der Bauer: „Gemüsezwiebel belasten Darm ein wenig, was?“ Ich setzte mich wieder hin. Jean sah mich fragend an. Jaaaaaaaaaa, dachte ich mir, jaaaaaaaaa, das isses! Ich hab’s kapiert. Ein Puzzlestück passt mehr. Mein Ritter machte sich eigene Gedanken. „Donna, ist alles in Ordnung?“ Doch ich antwortete ihm nicht. Ich räkelte mich in meinem Sitz. Meine Beine schlug ich gekonnt über einander und ich wurde schon wieder so was von cool und selbstsicher. Ich fuhr mit meinen Händen durch die Haare und schüttelte sie, so dass ich eine wilde Mähne hatte.

Jean schaute immer interessierter. Er sah eine tolle Schnalle, die ihn provozierte in dem sie ihre Zunge zeigte und damit spielte. Er sah, dass seine Donna die Augen zusammen kniff und ihn scharf anschaute. Jean musste schlucken. Donna spielte mit ihm. Jean wurde aber richtig nervös, als Donna etwas machte, womit er nicht gerechnet hatte !!!

Ich presste die kleine runde Scheibe, die an meiner Halskette hing, zwischen meine Lippen. Dann öffnete ich die Kette, löste sie von der Scheibe und ließ sie in meinen Ausschnitt fließen. Ich nahm die Scheibe in die Hand. „Jean, was habe ich hier in meiner Hand? Hm?“ Ich beobachtete Jean’s Augen. „Ahem“ räusperte sich Jean, „Das ist eine kleine Scheibe mit einem Loch drin“. „Nein Jean, das ist keine Scheibe, sondern ein Achteck!“ Mein Gegenüber wollte mehr wissen: „Ja und?“ fragte er mich. „Hey Ritter, das Material ist Gestein und Grün!“ Jean ahnte, was ich ahnte, „Sprich weiter, Donna“. Meine Antwort kam prompt: „Montezuma lässt grüßen! Jean, das was ich hier in der Hand habe, ist ein aztekischer Kalender. Während meiner Studienzeit in Fort Alamo konnte ich diese Art von Artefakt studieren“. Jean war sichtlich überrascht, dass ich sein Geheimnis lüftete. „Donna, mach weiter“ forderte er mich auf. „Ein Zeitenspiegel, er muss da hin wo er war“. Ich nahm die Scheibe und fummelte ihn in den Ring rein. Ein hörbares Klicken bestätigte meine Vermutung, die nun zur Gewissheit wurde. „Jean, ein Zeitenring, den du mir gegeben hast – und ich kann nicht anders…“ Jean wollte gerade aufspringen um mich zurückzuhalten. Doch es war schon zu spät. Ich berührte mit einem Fuß sein Bein und drehte an der Scheibe ein wenig in Richtung Uhrzeigersinn. Ein Blitz hat sich vor uns auf .

Ich stand auf einer großen Sanddüne und vermutete mich in der Sahara. Mein Kleid flatterte vom warmen Wind. Der Sonnenuntergang war wunderschön, der Himmel und die Luft rot gefärbt. „Donna, ich bin hier“ hörte ich Jean hallartig rufen. Ich drehte mich um – und war begeistert. „Jean, es ist unglaublich! Das da, … „ ich zeigte hinter ihm, „ das da, das ist …“ und Donna sah auf der Südseite des hohen marokkanischen Atlas-Gebirges hunderttausende von gebogenen Spiegeln, die strukturiert ausgerichtet waren, „… das ist die Zukunft!“ sprach Jean für mich weiter. „Ja Donna, nun weißt du um die Magie deines Ringes. Damit können wir in die Zukunft, sowie auch in die Vergangenheit reisen. Wir können die Geschichte erleben, wie einen Film gucken. Aber anfassen oder etwas verändern können wir nicht“. „Jean, wir sollten zurück in den Zug. Ich vermute, dass unsere Körper da einfach starr rum sitzen und das könnte auffallen“. Jean nickte mir zu. Bevor ich den Zeitkalender auf meinem Ring wieder auf die alte Stelle zurückdrehte, versprach ich noch meinem Ritter „Aber mein Ritter, eine große Reise werde ich mit dem Ring später noch machen – eine Zeitreise zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg!!!“

Niemand im Abteil hatte etwas bemerkt als unser Bewusstsein zurück in der Gegenwart war. Jean strahlte mich an. Ich war auch glücklich, doch jetzt brauchte ich nur noch eines – einen Ort, wo ich mit meinem Ritter alleine seien konnte!

Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich nahm die Kette und die daran hängende und zwischen meinen Lippen befindliche Scheibe aus meinem Mund und rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege, die mir bis dahin als Zudecke diente, ein Stückchen zur Seite schob und fragte: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?" "Hatten wir das nicht eben schon?" fragte ich vorsichtshalber nach.

Ja ok, der Schaffner sagte zu uns, dass wir in Orenburg den Zug wechseln müssen. Der Anschlusszug steht aber auf dem gleichen Bahnsteig, es wäre also ganz einfach. in 10 Minuten würden wir übrigens Orenburg erreichen. Es ist wie vom Schiff runter auf das Festland wenn du aus dem Zug torkelst. Für eine kurze Zeit wieder festen Boden unter sich, mir war schon ganz schlecht. Jean stütze mich und wir überquerten den Bahnsteig zum Anschlusszug. Also, nicht das die Leser jetzt denken sollten, hier wird nur ein einfallsloser Roman getippt. Er stand tatsächlich auf einmal vor uns. Ich erschrak und Jean schaute sich panisch um. Der kaukasische Fleischklops stützte sich an Krücken und schaute uns nur an. Es gab aber auch keine Militärs oder KGB-Agenten, die sich jetzt auf uns stürzten. "Wir" waren also nur zu dritt. Ich sprach die Krücke als erstes an. "Hey Agent, wer entschuldigt sich nun für welche Tat?" Der Fleischklops tat aber ganz nachdenklich. "Oh Lady, meine Beine sind schon wieder Ok und wir sind ja irgendwie quitt". Ich war sprachlos, der Dicke konnte ja richtig gut reden und er fügte noch an: "Ich habe übrigens den Auftraggeber gewechselt. Gutes Gehalt, bessere Informationen, coole Dienstausstattung". Zu meinem Erstaunen setzte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Jean lachte als der Dicke weitersprach: "Die Brille ist voll cool, der neuste Schrei". Dann humpelte er mit seinen Krücken von dannen. Ohne sich umzudrehen sagte er noch: "Mein neuer Auftraggeber hat ES übrigens nach Bayern bringen lassen. ES war übrigens die ganzen Jahre seit dem Verschwinden im Lincoln Memorial unter dem Hintern des ollen Präsidenten einzementiert."

Der Schaffner forderte uns auf, den Zug aufzusuchen, ein Pfeifen kündigte die Ausfahrt aus dem Bahnhof an. Die meisten Abteile waren leer. Der Zugbegleiter meinte, wir können uns ganz breit machen und das Abteil für uns nutzen. So schnell hatte ich noch nie eine Tür zugezogen und die Vorhänge verschlossen. "Hey Ritter, ich entschuldige mich schon mal für den Knutschfleck an deinem Hals". "Donna, ich habe doch gar keinen Knutsch ....", weiter kam er nicht.

Ich hatte mich gerade in Jean verbissen und er sich in mich, da öffnete sich die Abteiltür und der Bauer, die Bäuerin, die Hühner und die Ziege standen in unserer Sicht. Wir bedeuteten unseren Wunsch, alleine sein zu wollen und der Bauer verabschiedete sich -jedenfalls für den Moment- mit der Drohung: "Machen wir später Frauentausch? Wenn meine Frau nicht gefällt, gebe ich gerne auch die Ziege." Dann schlossen sie die Türe und wir hatten wieder unsere Ruhe.

"Wo waren wir liegen geblieben?" fragte Jean und ich biß ihm erneut in den Hals, während Jean mit seinen Fingern in der Nähe meiner Ohren herumstocherte. Mal sehen, ob er auch andere Körperöffnungen suchen wird, dachte ich bei mir und faßte ihm in den Schritt. Ein massives metallisches Gerät tat sich in meiner Hand auf und ich sah Jean fragend an: "Ein Keuschheitsgürtel?" "Eine Prothese," antwortete Jean, "Du vergißt mein biologisches Alter." Während Jean verwirrte Blicke abbekam, kicherte er kurz und führte fort: "Verdammt, bist Du leicht verwirrbar. Mediziner nennen das, was Du in der Hand hast, einen erigierten Penis. Mein letzter Sexualverkehr war zu Zeiten der Weimarer Republik. Bin einfach nicht mehr dazu gekommen, dabei folglich noch weniger. Naja, alle zehn Jahre nehme ich das selbst in die Hand." Ich nahm Jeans Hände, entfernte seine Finger aus meinen Ohren und begann, ihm die Hose zu öffnen.

Kaum drei Tage später hatten wir Bayreuth erreicht.

Ich wusste nun um die Region des Showdowns und eine Freundin, sich sich noch melden wollte, könnte hier sicher einiges dazu beitragen. Außerdem wird das Buch der Apokalypse, bevor es zerstört wird, noch genau erforscht. Kann ja sein, dass da noch eine Zauberformel drin ist, so dass Jean, also ein Jungbrunnen wäre ja übertrieben, aber ... und vielleicht noch ein paar Zaubertipps für en femme Add-Ons so oder irgendwie, üppige Ausstattung eben.

Jedenfalls hatten wir (Gott sein Dank endlich) Bayreuth erreicht, wenngleich die Menschen normalerweise Gott zu danken pflegen, wenn sie Bayreuth verlassen dürfen.

Wir traten aus dem Bahnhof und ich verspürte nach der ganzen Plörre im Zug den dringenden Wunsch, endlich einen richtigen Café zu trinken. Ein Blick nach links und dort war ein kleines Café mit Konditorei, wohin ich Jean zu ziehen versuchte. Jean wehrte kurz ab und sagte: "Beim Döring ist die Auswahl immer recht bescheiden, gehen wir um's Eck zum Oetter." Wir liefen einige Meter, und sahen ein Café, vor dem noch einige Plätze in der Nachmittagssonne zum Verweilen einluden, wenngleich die umliegenden Häuser gerade keinen besonders heimeligen Eindruck machten. Als die Bedienung kam, bestellte Jean "Zwei Kaffee, bitte," worauf die Bedienung umgehend auf ein Schildchen auf dem Tisch verwies: "Draußen gibt's nur Kännchen!" "Dann eben zwei Kännchen," und die Bedienung schlich von dannen.

"Woher kennst Du eigentlich Bayreuth so gut?" fragte ich Jean und stützte mein Kinn auf seinem Handrücken auf. "Wegen der Festspiele," entgegnete Jean "die dort oben, an der Post vorbei noch 'nen Kilometer weiter in den nächsten Tagen wieder beginnen. Dieses Jahr geben sie wieder den Tannhäuser, den ich zuletzt 1930 unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini in einer Inszinierung von Siegfried Wagner gesehen und gehört habe. Besonders blöd ist die Stelle, wo der Sänger auf die Bühne kommt und 'ne Viertel Stunde gröhlt: "Mein Heil liegt in Elisabeth!". Soll der halt seinen Mist nicht überall rumliegen lassen."

Schon kamen unsere beiden Kännchen, die Bedienung stellte sie ab und sagte: "Wenn's an Ku'gn mög'n, müß' geh' nei!" "Was sagt sie?" fragte ich Jean und Jean übersetzte: "Fall Du Kuchen magst, müßtest Du ihn Dir drinne aussuchen." "Nein Danke," sagte ich der Bedienung, aber ob der demnächst hier stattfindenden Versammlung von Wichtigtuern auf dem sobezeichneten grünen Hügel fügte Jean grinsend hinzu: "Sie hätte gerne noch 'nen Tee zum Kaffee, wissen Sie: Das hat sie sich in Buchara so angewöhnt." "Wos mit Bücha?" antwortete unser blondierter und dauergewellter Sonnenschein mit Schürzchen, "des is' nix für mi." Dann dackelte sie ab und brachte ein Kännchen Tee, in dem ein Teebeutel traurig seine Runde schwamm und dünne Fadheit erzeugte. Jean stand auf, verschwand in der Konditorei und kehrte mit einem Gebäck zurück, das als eine Hülle mit Puderzucker bestäubt erschien, die innen vollständig mit geschlagener Sahne gefüllt war. Auf meine großen Augen entgegnete Jean: "Ein Windbeutel" und veranstaltete sofort ein wüstes Tellergemetzel, aus dem er als (ob der Sahne) angeschlagener Sieger hervorging.

6. Kapitel

Während in Bayreuth noch ein Windbeutel gemetzelt wurde, hing einige Kilometer entfernt der Professor seit nunmehr ebenso einigen Tagen am Dauerstrom. Schultz und Schlutz konnten sich bislang nicht einigen, wohin mit ihm, so daß sie ihm wechselseitig alle Stromarten und Stromstärken, die ihnen so einfielen, durch den Körper jagten. Der Professor selbst sah optisch mittlerweile aus, wie eine Mischung aus Grill-, Räucher- und Dörrfleisch und aus seinen Ohren stiegen kleine, weiße Wölkchen auf. Schultz sagte zu Schlutz: "Kuck' 'mal, weiße Wölkchen. Da wurde wohl ein neuer Papst gewählt." Schlutz entgegnete: "Warum habe ich bei dem Geruch hier immer das Bedürfnis nach 'ner Bratwurst?"

Jean bestellte noch einen Kaffee und wollte seiner Donna noch etwas erzählen, stockte aber. Seine Donna schien ihn gar nicht zu hören. Jean schaute auf ihre Sonnenbrille, konnte aber die Augen nicht erkennen. War sie wieder in Gedanken und würde gleich schreiend aufspringen, so wie im Zug vor ein paar Tagen? Sein Blick glitt auf ihre Hände herunter. Jean sah, dass der Mittelfinger ihrer rechten Hand auf der Scheibe des Ringes lag. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass Donna die Scheibe ganz leicht hin und her drehte. Donna war auf Zeitreise. Der Kaffee kam und die Serviererin bemerkte nichts. So trank Jean seinen Kaffee und wartete bis Donna fertig war. Ein Zucken ihres Körpers und ein Blick auf Jean verriet ihre Rückkehr in die Gegenwart. Dann sprang Donna auf. "Jean, wir müssen ein Taxi finden, er lebt noch!"

Die Agenten Schultz und Schlutz wollten gerade nach einer Kaffee-Pause dem Professor eine finale Durchstömung verpassen, da wurde die Tür des Folterraumes geöffnet. Donna zielte mit beiden Pistolen auf die Beine der Folterknechte und drückte je zwei mal ab, worauf diese auch wie gewünscht zusammen brachen. "Gute Treffer" konnte Jean lobend erwähnen. Neben dem noch angeschnalltem Professor sah Jean ein Telefon und während Donna den völlig erschöpften Professor los machte, wählte Jean die Notrufnummer.

Der Stationsarzt der Intensivstation versprach, den Professor gut zu pflegen. "Die Brandwunden werden wohl zu Narben, aber Hauptsache, die Gehirnfunktionen ist nicht geschädigt". Vor dem Krankenhaus wartete inzwischen die vom Arzt gerufene Polizei. Aber niemand bemerkte, dass ein Paar das Krankenhaus durch den Hintereingang verließ.

"Nach dem Geruch habe ich Bock auf Bratwürste und ein Beck'n," verkündete Jean und ich verbesserte ihn "Beck's." "Nein, Beck'n. Nach dem Traditionsrezept von Konrad Lang. Auf nach Büchenbach bei Pegnitz!" "Und wie kommen wir dort hin?" "Laß' uns Porsche fahren. Die schönste Art, was was von der Landschaft zu sehen. Da drüben steht so ein Ding." Wir liefen auf einen Traktor zu, Jean grinste und zeigte auf den Schriftzug auf der Motorhaube, wo in goldener Schrift "Porsche" stand.

Jean startete den Diesel und gemächlich tuckerten wir über Land, durch Wiesen, Felder und Wälder, vorbei an Weilern und durch Dörfchen, bis wir schließlich Büchenbach erreichten. Vor der kleinen Brauerei standen -für ein Dorf um diese Uhrzeit jedenfalls- ungewöhnlich viele Motorräder, die mir sittsam bekannt vorkamen. "Jean, ich glaube, die Fahrer dieser Maschinen kenne ich. Mich wundert nur, daß sie hier sind und nicht an 'ner Tanke."

Wir betraten das Lokal und selbstverständlich war es gut gefüllt mit meinen Rockern, die hackestramm mit gläsernem Blick in meine Richtung sahen und "Ey, Sers!" riefen. "Was macht ihr denn hier?" fragte ich unbedarft und der Rockervorsteher lallte: "Wenig Tanken in der Gegend hier. Aber unglaublich viele Brauereien. Also brüllen wir jetzt statt "Tanke" "Brauhaus" und gehen dann gepflegt schütten. Wo warst Du eigentlich neulich auf einmal?" Ich erzählte einige belanglose Schwänke aus den vergangenen Tagen, die Rocker knallten in der Zeit vier halbe Liter Bier und als ich fertig war, erntete ich ein allgemeines "Stark, ey!" Ein älterer Mann auf dem Dorfe blickte mich mit alkoholgefüllten Augen an und seufzte: "Nach Buchara wollt' ich auch 'mal. In Stalingrad mußte ich meine Reise aber abbrechen. Wurde zu kalt und außerdem ist uns das Benzin ausgegangen."

Der Rockerchef blickte nun auf Jean und fragte: "Wo kommst Du eigentlich her, wenn Du schon so heißt wie meine Hose? Ami? Aus Grafenwöhr?" "Nein, nein," wehrte Jean ab, "meine Eltern waren frankophil." "Viele Franken?" war die Antwort, "Nein, sie standen halt auf Frankreich." "Frankreich, schönes Land," knarrzte der ältere Mann hinter dem Bierglas, "da war ich auch 'mal. In Paris ist uns der Champagner ausgegangen. Und weil ich dann einen Schäferhund getreten habe, durfte ich mir raussuchen, ob ich nach Buchara oder Kairo möchte. Und Afrika hatte ich keine Lust, trotz dem Rommel. Dem ist nämlich nie der Schnaps ausgegangen, dem alten Wüstenhund."

Totenstille herrschte im Saal und alle starrten auf eine Donna, die erst in Gedanken war, kurz zusammen zuckte um anschließend brüllend aufzuspringen. Jean wollte die Situation noch retten und sagte in die Runde "Das hat die öfters, liegt an den Hormonen". Ein schallendes Gelächter zeigte eine sturz betrunkene Truppe, die sich wieder ihrem Biere hingaben. Jean schaute mich an "Donna, was ist los mit dir?"

Ich wusste nun Bescheid. Wie blöd konnte ich sein, die einfachsten Dinge nicht zu bemerken. "Jean, ihr habt mich angelogen. Ihr gehört alle zusammen. Die Ritter des Wasauchimmers mögen mir erzählen was sie wollen. Tatsache ist, dass ihr nicht das Original des Buches der Apokalypse habt, sondern nur ein - Plagiat." Jean staunte nicht schlecht über meine Analyse. "Ach, ich habe also schon das Buch und Frau Doktor Superklug hat eine eigene Vision darüber und glaubt, mich durchschaut zu haben, ja?" Jean versuchte noch die lächerliche Schiene, kam aber nicht wirklich überzeugend rüber. Ich rückte ganz dicht an ihn ran und starrte selbstsicher in seine Augen. "Ja, mein Herr Ritter, ich habe eine eigene Version und schon bald werde ich dir zeigen, was du schon erfolglos versucht hast". Jean schluckte und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. "Donna, wir sollten einen Spaziergang machen und ich bin ganz Ohr, was du mir erklären willst".

"Besorg' erst 'mal 'ne richtige Karre," bedeutete ich Jean, "dann fahren wir Richtung Kulmbach, genauer nach Guttenberg. Der Name des ehemals erblichen Reichrats und Diplomaten Maximilian aus diesem Dörfchen könnte Dir doch etwas sagen, oder?" Jean schluckte und kleine Schweißperlen begannen, seine Stirn hinunter zu rinnen. "Oder Wolfgang, der ehemalige Ordensritter?" Die Schweißperlen wurden größer. "Wie hieß nochmal der Domherr, der aus diesem Dörfchen kam?" Jean rann der Schweiß in Bächen von der Stirn und er atmete schwer, rang nach Luft und presste hervor: "Sie sind oder waren die Hüter des Buches, die aus Guttenberg." "Nein," war meine Antwort, "die Hüter des Plagiats."

"Wie kommst Du darauf?" fragte Jean. "Laß uns fahren und Du wirst sehen." Jean sah sich eine Weile im Dorf um und zeigte auf ein Fahrzeug: "Der neue Opel Rekord, fahren wir." Nach wenigen Sekunden hatte er das Fahrzeug geöffnet, kurzgeschlossen und wir fuhren Richtung Kulmbach. Ich drehte am Radioknopf und wir hörten aus dem Lautsprecher: "Marmor, Stein und Eisen bricht." "Bei diesem Lied könnt ich auch brechen," entfuhr es mir und ich drehte am Senderrad, bis aus dem Radio "Paperback Writer" von den Beatles ertönte. "Ausgerechnet!" fluchte Jean. "Paul ist mein Freund," flötete ich und begann, mitzusingen.

Nach kurzer Fahrt über die Landstraße kamen wir zur Autobahn. Mit dem Porsche war es nicht möglich gewesen, diese zu benutzen. Jedoch schon nach wenigen Kilometern, wäre mir eine weitere Fahrt mit dem Traktor lieber gewesen. Die Betonplatten des Straßenbelages versetzten den Rekord in eine Art Schaukelbewegung. "plop plop plop" begleitete ich das Geräusch der Reifen. Jean erklärte mir daß bei der Planung der A3 eben schon darauf geachtet wurde, daß irgendwann auch schweres Gerät Richtung Osten verbracht wird. Mit dieser Belastbarkeit konnten sonst nur Pflastersteine konkurrieren. Erfreulicher Weise hatte nach etwa einer Stunde die unangenehme Massage meiner Rückenwirbel und meiner Nerven ein Ende. "Hier müssen wir runter", erklärte Jean, "Kulmbach 24KM" stand auf dem ersten Wegweiser nach er Ausfahrt, und darunter "Himmelkron 3KM". "Ach ja", wies mich Jean hin, "da machen wir noch einen kurzen Halt, in Himmelkron". Ich rutschte mich auf dem, extrem nach Kunststoff riechenden, Sitz wieder etwas höher. "Was willst du den dort?" fragte ich erstaunt. "Wirst schon sehen" wimmelte er meine Frage ab.

Vor einem alten Klostergebäude, mit angebauter gotischer Kirche stellte Jean den Motor ab. "Komm mit," bat mich Jean, "ich brauche deine Hilfe". Willst du beten, oder gar beichten?", fragte ich etwas verschmitzt. "Erzähle bloß nichts von dem Schlafabteil", meine Mundwinkel wanderten nach oben, "das versteht ein Pfaffe sowieso nicht, was ich mit dir in den beiden Nächten gemacht habe" . Er führte mich in eine kleine Kapelle, deren spitzbogige Türe sich im Klosterhof befand. Gruselige Sandsteinfiguren säumten den Eingang. Die Decke des sehr eng bemessenen Inneren war durch ein Kreuzgewölbe gestützt. Hinter dem Altartisch eine weitere gotische Türe, auf die Jean sofort zusteuerte. Ich erstarrte, als ich erkannte was sich dahinter verbarg. Vier aus Holz prachtvoll geschnitzte Särge, die Zwei mal Zwei angeordnet waren. Auf den Deckeln hatte der Schnitzer wohl die Männer, die darin liegen sollten, in Harnisch oder Rüstung verewigt. "Friedrich Christian, das ist der richtige," flüsterte Jean etwas aufgeregt, "hilf mir"! Zusammen schoben wir den schweren Eichendeckel zur Seite. Sofort erfüllte sich die Gruft mit einem Geruch, der an die Küche einer schlecht geführten Gaststätte erinnerte. Ich vermied es Anfangs, ins innere des Schreines zu blicken. Erst als Jean etwas herauszuholen schien, überwog meinen Neugierde die Abscheu . "Das ist eine Richtige," brüstete er sich stolz, " die streut gut" . Er hielt eine prunkvoll , mit gravierten Silberblechen verzierte, Pistole in der Hand, deren riesig Lauföffnung mich irgendwie an ein einzelnes Horn einer Schalmei erinnerte. In der anderen Hand hielt er ein kleines Hörnchen mit Silberspitze, und ein Ledersäckchen. Mit richtiger Knarre hatte ich zwar etwas anderes gemeint, aber besser als nichts, dachte ich. Wir schoben den Deckel wieder etwas zurecht, und verließen diesen schaurigen Ort.

Wieder zurück im Wagen angekommen wickelte er dieses antike Schmuckstück in die Jacke, die auf dem Rücksitz lag. Bis Guttenberg war es nicht mehr weit, deshalb wollte ich die kurze Zeit der Fahrt nutzen, um zu erfahren, woher er von der Beigabe wußte. "Die Linie derer von Brandenburg-Bayreuth ist offiziell mit dem Tod des letzten Markgrafen Friedrich Christian 1769 ausgestorben", erklärte mir Jean. "er war mein Urgroßvater!" Danach blieb er, etwas in Gedanken versunken, still, bis rechts das Ortsschild vorbei huschte: "Guttenberg".

Jean stoppte den Opel vor einer Telefonzelle. Er entschuldigte sich für ein paar Minuten und ich sah in der Telefonzelle einen wild artikulierenden Jean, der mehrfach telefonierte. Nach den Gesprächen setzte er sich wieder in den Wagen und startete den Motor. "Donna, ich habe alle zusammen gerufen, wir treffen uns gleich". Aha, dachte ich, es geht los. Wurde auch Zeit. Ich war mehr als neugierig auf das Buch - auf das Plagiat. Wir hielten in der Dunkelheit und betraten ein altes Gebäude.

"Jean?", "Ja, Donna?", "Jean, wir befinden uns in einer - Kirche". Jean runzelte die Stirn, "Ja richtig, ich finde den Ort der Zusammenkunft passend" und er fügte noch an "Die Anderen sind auch da". Ich sah im hinteren Kirchenbereich unter der Kuppel ein Haufen alter Männer, alle fast gleich gekleidet. Jean schaute mich entsetzt an, "Donna, warum hast du deine Schuhe ausgezogen?" Ich blickte an mir herunter, sah meine Füße. Ich schaute stumm zurück, entdeckte meine Schuhe an der Eingangstür. Warum hatte ich meine Schuhe ausgezogen? Ich wusste darauf keine Antwort, ging zurück und zog die Schuhe wieder an. Wir gingen nach vorn zum Altar. "Jean, ist das nun der Augenblick wo du das Buch hervor holst?" Ein Raunen der alten Männer ging durch ihre Reihen.

Jean ging zu einer Kiste und nahm ein großes Buch heraus. Es war nicht das Buch, welches ich erwartet hatte!!! Er legte es auf den Altar und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt. "Ich gebe es zu, wir haben es nicht geschafft, das Rätsel dieses Buches zu lösen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir wissen nur, dass es zerstört werden muss".

Ich las die Schrift auf dem Buch, erkannte die Zeichnungen und Symbole. "Ah, alt-phönizische Schrift", analysierte ich und blickte zu Jean herüber. "Mein Ritter, dieses Buch mag voller Magie und Geist sein und es erzählt bestimmt auch von dem Unheil über die Menschen, aber keinesfalls ist dieses Buch eine Gefahr für den Menschen selbst". Jean und die Männer schauten sich fragend an. Einer der Männer trat hervor, hob warnend einen Zeigefinger, "Dieses Buch ist verflucht, es ist das Buch der Apokalypse" sagte er. Ein zustimmendes Nicken der anderen Männer unterstütze seine These.

Die Kirchentür wurde plötzlich weit aufgestoßen und wir drehten uns alle um. Ein Krankenpfleger schob den Professor in einem Rollstuhl durch die Tür. Der Professor schien mir gut gelaunt und ich war froh, meinen ehemaligen Mentor so gesund zu sehen. "Hallo Anwesende", rief er uns herüber, "Ich komme also noch nicht zu spät". Jean wollte von dem Professor eine Bestätigung haben, "Professor, du meinst, du kannst gerade noch Donna von einer Unglückstat zurückhalten?" Der Professor entgegnete "Nein, ich will dabei sein wenn Donna das Buch öffnet!"

Das Raunen der Männer wurde lauter. Ich persönlich fühlte mich aber gut. Offensichtlich hatte ich als Einzige die Möglichkeit, das Buch zu öffnen. Schließlich erkannte ich, wem Buch das einmal gehörte. Ich war mir jedenfalls ganz sicher. Ich wollte gerade die Männer beruhigen, "Meine Herren Ritter und Gäste, ich möchte sie bitten, ..." weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Die beiden Polizisten von dem Krankenhaus-Einsatz stürzten in die Kirche. Sie hielten ihre Pistolen auf uns gerichtet und riefen "Alle die Hände hoch". Wir rissen unsere Hände in die Höhe bis auf den Professor, der auf die Polizisten einredete. "Meine Herren, ich bin nicht entführt worden und das hier sind alle meine Freunde". Ein "Achso, na dann .." eines Polizeibeamten ließ uns vermuten, die Hände könnten wieder herunter genommen werden. Die Stimmung beruhigte sich wieder.

Aber einer der Ritter trat hervor und warnte die Polizisten, "Diese Frau will das Buch der Apokalypse öffnen!" Die Polizisten schauten sich gegenseitig fragend an, "Ach, das Buch wurde vielleicht aus einem Museum gestohlen?" Einige Sekunden war alles still bis einer der Polizisten losbrüllte: "Alle die Hände wieder hoch". Wir waren etwas genervt und der Mann mit dem losen Mundwerk erntete strafende Blicke. Doch der Professor beruhigte ein weiteres mal die Ordnungshüter, "Meine Herren, das Buch wurde auch nicht geklaut und es ist alles in bester Ordnung". So konnten wir nun endlich die Hände wieder herunternehmen und ich fragte in die Runde, "Kann ich jetzt endlich anfangen?" "Meine Herren Anwesende, ich möchte mich nun dem Buch widmen und ihnen einiges dazu ..." weiter kam ich nicht.

Polternd knallten beide Kirchentüre an die Wand und der kaukasische Meat Loaf stürzte in die Kirche, "Ich mache den Trauzeugen!" Ein allgemeines, raunendes "Oh Nein!" machte die Runde. Ich strahlte unseren New Special Agent aber an und rief ihm rüber, "Soweit sind wir noch nicht".

Der kaukasische Klops sah das Buch und war ganz erschrocken, "Das Buch, das Buch" rief er. Einer der Polizisten meldete sich zu Wort und blickte Meat Loaf an. "Was ist denn nun mit dem Buch, wurde es geklaut?" Ein einhelliges "Nein!" aus der gesamten Runde zeigte, dass nun Schluss mit Hände-Hoch-Lustig war und alle Anwesenden sich nun auf das Buch konzentrieren wollten. Ein polizeiliches "Ja Ok" gab mir die Freiheit, meine Rede um das Buch zu beginnen.

Ich blickte in die Runde, "Können wir?" und alle verstummten um meinen Worten zu lauschen. "Meine Herren Anwesende, dieses Buch ist eindeutig ein - Original, keine Kopie und außerdem bisher sehr gut versteckt worden. Dieses Buch ist ...", weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Ein Pfarrer stand uns gegenüber, "Habe ich einen Hochzeitstermin verpasst?" Alle waren irgendwie voll abgenervt. Nur der Professor meinte amüsiert "Der Trauzeuge ist auch schon da". Ein schallendes Gelächter machte die Runde. Ich musste zur Ordnung rufen, klärte den Pfarrer kurz auf und führte meine Rede weiter.

"Dieses Buch, meine Herren, ist keinesfalls böse und schon gar nicht ein Buch der Apokalypse. Dieses Buch ist uralt und die Worte wurden geschrieben aus der Hand vom Apostel Johannes persönlich !!!"

Totenstille herrschte in der Kirche und der Pfarrer kippte nach hinten weg. Während er so am Boden lag, erklang vor der Türe das Geräusch eines landenden Hubschraubers. Kurz darauf öffnete such die Tür und Paul Mc Cartney betrat den Raum, kam nach vorne, küßte mich auf die Wange und sah auf das Buch. "Endlich," sagte er "darf ich 'mal, bitte?" Er öffnete den Buchdeckel, blätterte einige Seiten durch und intonierte dann mit dem Finger unter verschiedenen Schriftzeichen: "Ob la di. Ob la da." Er wiederholte ein paar Mal "Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da." Dann begann er, zu summen und schließlich sang er "Ob la di, ob la da, live goes on bra," zeigte auf meine Brüste und grinste, "la-la, how the live goes on. Ob la di. Ob la da, live goes on bra, la-la."

"Klingt interessant," sagte ich, "noch mehr Musik drin?" Paul blätterte eine Weile, dann las er "Hubbbbba, hubbbbba, hubbbbbba, hubbbbba, hubbbbba
Neun, Hubbba." Er sah mich fragend an und meinte: "Klingt mehr nach Scheiße für John, fällt mir keine Musik zu ein." Er blätterte noch ein wenig lustlos durch das Buch, sah mich an und sagte: "Sieh zu, daß es nicht in falsche Hände gerät. Ich muß dann 'mal weg." Er küßte mich auf die Wange und verließ singend den Raum: "Ob la di. Ob la da, live goes on bra..." Draußen hörten dann wir den Hubschrauber starten und schließlich abheben.

Kurz darauf kam der Pfarrer wieder zu sich, sah sich um und fragte: "Habe ich etwas verpaßt?" Der Professor antwortete profan: "Ein Gastspiel von Paul Mc Cartney. Hat aber nur ein einziges Lied aus dem Buch vorgesungen. Ohne Begleitung." Der Pfarrer stöhnte "Nackt auch noch?" und sank wieder in sich zusammen.

Jean sah mich an und fragte: "Ein apostolisches Gesangsbuch?" Der Professor mischte sich ein: "So ähnlich. Johannes hat in seiner Freizeit alle möglichen Silbenkombinationen abgearbeitet, so daß letztlich auch jedes Lied, wenn man mit dem Buch zu kombinieren versteht, herauskommt. Schau' hier," der Professor nahm das Buch, öffnete wahllos eine Seite und las vor: "In a ga da da vi da. Eine interessante Textzeile. Oder schau' diese Silbenfolge: Wa de ha de du de da. Klingt nach deutschem Kinderlied." "Faszinierend," sagte Jean, "dann können wir ja alle Komponisten auf Plagiat verklagen?" Der Professor sah Jean an, blickte zu mir und meinte, ich solle es ihm sagen. "Das Urheberrecht ist längst abgelaufen, Jean. Nichts zu machen."

Jean blätterte in dem Buch, er schien zunehmend verwirrt. "Wenn ich es recht verstehe, ist jeder Liedtext auf der Welt ein Plagiat, wenn man den Johannes richtig lesen kann?" "So ist es, Jean," antwortete der Professor, "jedes Lied auf diesem Planeten ist von Johannes längst vorweggenommen." Der Pfarrer erwachte wieder und räusperte sich. "Egal, was sie jetzt sagen wollen, Hochwürden," setzte Jean an, "geben sie sich keine Mühe, es steht sowieso bei Johannes." "Na und, jetzt wird geheiratet," sagte der Pfarrer, sah mich an und fragte: "Sie sind die Braut?" "Wie oft denn noch," antwortete ich, "hier wird nicht geheiratet, jedenfalls jetzt nicht und ich nicht." "Was wollen sie dann alle hier?" fragte der Pfarrer "hier ist ja mehr los, als bei meinen Sonntagspredigten."

Ich fragte beim Pfarrer nach "Wann ist denn deine nächste Messe?" Der schaute mich an und meinte "In einer Stunde geht es los". "Prima, die Predigt halte ich" triumphierte ich. Jean blickte mich derweil leicht angezickt an. "Paul hat dich zwei mal geküsst" zischte es zwischen seinen Lippen heraus. "Ach, der Herr Ritter ist eifersüchtig?" zischte ich ebenso gekonnt zurück. Aber irgendwie war es auch dabei so niedlich.

Der Pfarrer starrte mich derweil an "Sie wollen die Messe halten?" Ein "Na Logo, das konnte ich früher schon gut" von mir ließ ihn zwar zweifeln, aber seine Neugierde wollte wohl auch wissen, ob ich das drauf hatte. Ich bekam seinen Segen. Die restlichen Ritter waren unsicher, was sie nun tun sollten. Ich bat sie, in den Sitzreihen Platz zu nehmen.

Und eine geile Idee hatte ich auch noch. Jean hätte mich beinahe erwürgt, aber ich fragte ganz unbedarft in die Runde "Hat ein Herr bitte einen Kugelschreiber für mich?" Bevor Jean auf mich stürzen konnte, bekam ich vom Pfarrer einen Kuli und kritzelte etwas ganz vorne in das Buch. Jean's Entsetzen stand in seinem Gesicht geschrieben. "Du hast wirklich im Original des 4ten Evangeliums herumgekritzelt?" Er stürzte sich auf mich, schaute dabei auf die von mir beschriebene Seite und hauchte mich - immer noch lesend -fassungslos an "An Paul und John, in Liebe, Eure Donna? Das ist doch kein Poesiealbum!" röchelte er noch bevor er kollabierend (oder so ähnlich) zusammen brach. Ich versuchte noch, Jean zu beruhigen und bat ihn, wieder auf seinen Platz zu gehen. Männer können ja manchmal so schrecklich kompliziert sein.

Die Kirche füllte sich derweil mit Kirchgängern. Sie sahen nicht so aus, als würden sie heute mal Tiefgreifendes von der Kanzel erfahren. Die waren wohl schon öfters da. Der Pfarrer hauchte mir dann auch zustimmend zu "Meine Stammgäste". Doch ich war mir sicher "Das bekomme ich hin". Ich gab Gas!

"Liebe Kirchengemeinde! Ich weiß, dass ihr alle die Inhalte aller Briefe, jener Apostel, die ausgezogen waren, die Worte Jesus Christi zu verbreiten, nicht mehr hören könnt - weil ihr sie alle schon auswendig aufsagen könnt".
Irgendwie nickten alle Kirchgänger zustimmend und der Pfaffe sah leicht frustriert aus.

"Erstens wird diese jetzige Messe verwendet werden, jene Ritter, die dort vor ihnen sitzen, ihren Verpflichtungen dankend zu entbinden. Sie hatten sich dazu verpflichtet, wichtige Unterlagen des Apostels Johannes bis zum heutigen Tage zu beschützen!" Es kam so etwas wie Bewunderung aus den Reihen der Kirchengemeinde zu den Rittern rüber. Ich bat Jean noch, mir seinen Ring zu geben. Ich bekam ihn wortlos.

Weiter führte ich an "Zweitens wird die heutige Messe dazu verwendet, zu erklären was nicht zu erklären ist!" und gleich hinterher fragend an die Kirchengäste "Was ist nicht zu erklären?"
Ich ging im Buch auf die letzte Seite, sie war noch nicht beschrieben. Ich machte dort sieben Satzzeichen.

Es kam eine zaghafte Stimme eines Gastes aus hinteren Sitzreihen "Kriege sind nicht zu erklären?!"

Das war mein Thema! "Ja richtig, Kriege sind nicht zu erklären! Ich möchte euch heute von den SIEBEN Weltkriegen berichten". Der erste Weltkrieg wurde keinesfalls durch die Ermordung eines österreichischen Thronfolgers ausgelöst". Die Ritter schauten sich gegenseitig an.

Ich fuhr fort "Ab Christi Zeiten wurde schon Europa und Klein Asien als ganze Welt angesehen.
Der erste Weltkrieg beinhaltete dabei nicht nur den Aufbau und Zerfall des römischen Reiches. Es war auch ein Krieg der Religionen und selbst die nachfolgend späteren Kreuzzüge passen in die Zeit noch mit hinein. Die Kreuzritter, sie zogen nach Klein Asien und nahmen den Menschen das Gold".
Der zweite Weltkrieg war zu Zeiten der Kolonisation. Sie segelten aus und nahmen den Menschen fern ihrer Heimat das neu gefundene Land".
Der dritte und vierte Weltkrieg, dass sind die Weltkriege, die sie kennen und die Europa so veränderten. Kriege angetrieben durch Selbstsucht und Wahnsinn".
Den fünften Weltkrieg erleben wir Zurzeit. Mächtige Konzerne ziehen in die Welt hinaus und nehmen den Menschen die Bodenschätze".

Die Kirchengäste staunten nicht schlecht. Weiter ging es "Der sechste Weltkrieg liegt in der Zukunft. Nostradamus selbst beschrieb ihn in seinen Aufzeichnungen. Er beschieb die Wüstenkriege. Aber selbst danach, Nostradamus schrieb von Zehntausend Jahren Frieden nach den Wüstenkriegen, es wird immer noch einen Krieg geben, den alle Menschen betrifft. Einen Weltkrieg, wo Menschen Menschen helfen. Es ist der Krieg gegen Hunger und Durst".

Während meiner Worte nahm ich meinen Ring vom Finger und legt beide Ringe auf das offene Buch. Ich schloß das Buch und die Ringe verschwanden in diesem. Das Buch war komplett geschlossen, die Ringe verschwunden. Die Ritter veränderten sich. Sie verjüngten sich, schauten sich gegenseitig ungläubig an. Jean hatte Tränen in den Augen und strahlte mich an. "Donna", rief er, "Was hast du gemacht? Ich fühle mich so lebendig, so jung". Ich lächelte alle an, zeigte über den Altar auf das Kreuz Jesu und sagte "Der war's". Dann schnappte ich mir das Buch und ging zu Jean. Ich beugte mich so hervor, dass Jean in meinen Ausschnitt schauen konnte. "Uff, Donna, das ist ja ein Ding". "Jean", ich küsste ihn auf die Wange, "Jean, zwei Dinger" zwinkerte ich ihm zu, setzte meine coole Sonnenbrille auf und beim Hinausgehen aus der Kirche drehte ich mich nochmal nach Jean um. "Alles eine Sache der Verhandlungen". Jean lachte mir hinterher, stutzte auf einmal und rief mir zu "Donna, was hast du denn noch verhandelt?" An der offenen Kirchentür drehte ich mich nochmal zu Jean, schob meine Sonnenbrille etwas herunter und schaute Jean voll cool über die Brille an. Ich lächelte ihn an, setzte meine Brille wieder richtig auf und ging flötend von dannen.

7. Kapitel

Jahre waren in's Land gegangen und man schrieb das Jahr 1976. Ich saß vor einem Café in einer mittelgroßen Stadt im Süden Deutschlands und trank einen Campari-Soda ohne Eis, während im Fernseher im Inneren des Cafés Uli Hoeneß einen Elfmeterschuß in den Belgrader Nachthimmel jagte. Aus dem Tanzschuppen am Ende der Straße hörte man Liederfetzen von Let Your Love Flow der Bellamy Brothers herüberwehen, gegenüber in der italienischen Pizzeria zankte die Bedienung mit süditalienischem Akzent einen Gast an, sie serviere keinen Tee zum Chianti. Kurz darauf verließ ein Gast das Lokal, der mir bekannt vorkam. Er ging an mir vorbei in das Café, bestellte einen Chianti und einen Tee und setzte sich mit beiden Getränken an meinen Tisch. Er rief "Cin-Cin!" in Richtung des italienischen Lokals, prostete mir zu und ich sagte: "Jean? Lange nicht mehr gesehen..."

"Fast genau eine Dekade, Donna, zehn lange Jahre. Gut schaust' aus." "Danke, Du aber auch, obwohl Du ein wenig zugenommen hast?" Jean sah ein wenig schmollend an sich herab, straffte das Hemd über seinem erkennbar deutlichen Bauchansatz, streichelte darüber und antwortete: "Mein Knödelfriedhof. War nicht billig. Wie ist es Dir so ergangen?" Ich griff in meine Handtasche, zückte eine verspiegelte Sonnenbrille, setzte sie auf meine Nase und schnippte mit dem Finger. Sekunden später standen zwei schwarze Anzüge mit weißen Hemden, gestreiften Krawatten und verspiegelten Sonnenbrillen neben mir und keuchten: "Agent Schlutz und Agent Schultz melden sich zur Stelle!"

"Wieviele Bücher haben wir heute geschlossen?" fragte ich und Schlutz antwortete: "Leider nur die gräßliche Speisekarte beim Griechen am Sportplatz." "Auch gut," antwortete ich mit einer Handbewegung und sah Jean an, "weißt Du, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast Du auch geglaubt, die Ringe sind im Buch verschwunden?" Jean nickte und ich fuhr fort: "Alter Taschenspielertrick. Man macht mit den Dingern jedes Buch zu, ohne daß die Ringe futsch sind. In den letzten Jahren habe ich hunderte Bücher für immer verschlossen, vornehmlich religiöses Zeug aus vergangenen Zeiten."

Jean fragte mich "Und wo ist DAS Buch? Ich habe es nun seit zehn Jahren nicht mehr gesehen". "Jean, willst du es wissen? Dann folge mir". Die beiden Agenten bekamen noch eine Anweisung "Schultz und Schlutz, ab ins Hauptquatier und melden sie sich dort im Innendienst". Die beiden Knaller riefen gleichzeitig "Jawohl!" und verschwanden im Nu. Wir stiegen in mein Auto und fuhren los. "Donna, warum gibst du dich denn mit dem Agentenpöbel ab, der Professor würde dich umbringen wenn der das wüsste". "Jean, der Professor weiß das und wir sind uns einig, dass ich die Beiden am Besten im Griff habe. So können die nur noch geringen Schaden anrichten". Jean überlegte "Ja ok, das verstehe ich. Wo fahren wir eigentlich hin?" "Jean-Schatzl, zum Bahnhof fahren wir, wohin denn sonst". Den Wagen parkte ich vor meiner Cessna. Jean lachte, sagte aber nichts. Ein von mir ausgesprochenes "Ich fliege" wurde dann auch nicht angefechtet.

Die Wellen der Ägäis waren seicht und der Sonnenuntergang verlief in tollen roten Farben. Der warme Mittelmeerwind streichte über unsere nackte Haut. "Donna, was machen wir eigentlich in diesem Schlauchboot jetzt? Hast du das Buch in der Ägäis versenkt?" "Nö Ritter, schiele mal über den Rand zur Insel Patmos rüber. Oben auf dem Hügel, da wo der Friedhof ist, da liegt das Buch bei seinem Verfasser. Also jedenfalls da, wo der Körper vom Johannes liegt". Jean schaute über den Rand des Schlauchbootes und entdeckte auch den Friedhof. "Aha, da liegt also das Buch bei dem Geist vom Johannes". "Nö, ich glaube, der Geist vom Johannes rockt gerade in London!" Jean staunte "Echt? Wie dumm war ich eigentlich? Jetzt kapiere ich erst die Zusammenhänge".

Plötzlich lenkte er vom Thema ab "Donna, also wirklich, spielst du gerade da an meinem Schnippi rum?" "Jean, du fummelst ja auch an meiner Brust rum". "Donna, ich lasse nur meinem jungen Körper seinen freien Lauf". "Jupp Ritter, das steht fest". "Donna, wird das hier nun doch ein Porno?" "Jean, ich bitte dich, so ein romantischer Abend, ein Paar auf einem Boot im Mittelmeer, ...
... und außerdem sah ich im Kino die Abschußszene vom letzten James Bond, der lag auch mit einer Frau im Schlauchboot".

"Donna, Donna Doria!" "Jean, würdest du bitte nicht so viel reden?" "Donna, wow!" "Jeeeeaaannnnn"    ....

*Ende*

ElleCommandante
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Das römische Artefakt

1. Kapitel


Ich fand meine Idee, mich einfach mal als Frau zu stylen und in Hamburg mein erstes Going-out zu wagen, super gut. Ich hatte sogar meine Hippie-Mähne ladylike umstylen lassen. Auch mein neuer Name Donna passte gut zu mir. Na ja, 1966, wenn nicht in diesem Jahr, wann sonst und wir hatten wir ja alle die wilde Haarpracht.

Die Party in Hotel Alsterdorf war auch gut. Jean, der Banker, ein toller Mann, den ich da kennen lernte und der mich restlos verzauberte, ließ mich romantische Frauenträume erleben.
...

Ich weiß nicht, warum ich jetzt in meinem VW Käfer sitze und Richtung Côte d'Azur fahre. Ich schaute auf den hübschen Ring, den Jean mir in der Nacht aufsteckte. Ein wenig merkwürdig war das ja schon, was er mir da sagte. Sonntag um 11:00 Uhr sollte ich auf der obersten Treppe vor der Kathedrale von Marseille sitzen und ein gewisser Roger würde mich dann zu Jean's Yacht bringen. Eine Mittelmeer-Reise hatte er mir versprochen.

Egal, ich fühlte mich gut. In meinem Boheme-Rock und gelbem Top sah ich Klasse aus und der neue Song von den Walker Brothers aus meinem Radio ließ mich erst gar nicht auf ernste Gedanken kommen - The Sun Ain't Gonna Shine Anymore ...

Die Wahrheit des Liedtitels schien mich schneller einzuholen, als mir lieb war: Eine dunkle Limousine tauchte hinter mir auf, am Steuer ein kaukasisch dreinblickender Fleischberg, der gestern ein hitziges Wortgefecht mit Jean hatte, kaum hatte er mir den Ring angesteckt. Mir fallen seine Worte ein, die Jean mir beim Anstecken des Rings in's Ohr flüsterte: "Achte gut auf den römischen Artefakt!"

Eigentlich hatte ich diesen Worten keine Bedeutung zugemessen, bis auf den kleinen Gedanken dabei, warum er "den Artefakt" und nicht "das Artefakt" sagte. Zwischen Blicken in den Rückspiegel und den Fleischklops an meiner Heckstoßstange und den Versuchen, die großbusige Blondine im NSU vor mir genauer zu mustern, sah ich mir den Ring genauer an. Irgendetwas an diesem Ring ließ mich auf einmal an der Echtheit des Steines zweifeln. Also versuchte ich, mit dem Stein die Seitenscheibe anzuritzen, was dazu führte, daß der Stein zerbröselte und ein kleiner Gegenstand auf die Fußmatte fiel.

Im Radio schwafelte mittlerweile irgendein zu Recht unterbezahlter wie unbegabter Moderator von seiner Frequenz und guter Laune, während ich bemerkte, daß die mir folgende Hackfresse zum Überholen ansetzte. Ich riß geistesgegenwärtig das Steuer nach Neun Uhr und schleuderte die dort befindliche Autobahn-Abfahrt mit unbekanntem Ziel hinunter, während mein schwitzender Verfolger mit herausquellenden Augen meinen Käfer mit mir davon fahren sah, während er geradeaus dem Autobahnverlauf folgend samt blondem Atombusen im NSU aus meinem Rückspiegel verschwand...

Ich schlenderte also die Ausfahrt hoch. Irgenwie kam ich oben zum stehen. Auf dem Schild stand Richtung Hannover. Puh, und das über die Landstrasse. Also, rechts ab und weiter Richtung Süden. Im Stillen dachte ich mir, dass kann ja recht heiter werden. Und der Kerl im Radio versuchte imer noch gute Laune zu versprühen. Meine Laune befand sich auf dem Tiefpunkt. Also führ ich erst einmal rechts ran. Meine Hände zitterten ganz schön. Die Zigarette speckte nun auch nicht besondert. Ach was solls, werd ruhig Mädel sagte ich mir und such danach erst einmal das kleine Teil, was aus dem Ring rausgefallen war. Endlich hatte ich es gefunden. Und nun? Da war ein kleines Loch in der Mitte. Also stechte ich meine Kette hindurch und hängte mir es um den Hals. Nun aber los. Und ab nach Marseille. Sonst verpasse ich mein Date.

Was ist das? Mein Käfer springt nicht mehr an. Außer einem kleinem Klack ist nichts mehr. Vermutlich die Batterie oder der Anlasser? Soll ich nun Hilfe rufen? Die nächste telefonzelle ist bestimmt erst im nächsten Ort. was stand auf dem Schild? 20 KM sollen es sein. Mit meinen Pumps kann ich zwar gut Autifahren - aber laufen?. Schnell hab ich mir meine Sandalen aus meinem Rucksack geholt. Das wichtigste reingepackt und folge nun der Strasse Richtung Süden. Den Käfer hab ich am Strassenrand stehen gelassen. Viellicht findet ja der Fleischbrock den Wagen und sucht sich dann halb Tod.

Letztens hab ich noch einen Film über Anhalter gesehen. Vielleicht sollte ich das mal ausbrobieren. Die ersten Wagen fahren alle vorbei. Pech gehabt meine Liebe denke ich mir. Nach längerer Zeit sehe ich eine Horde Motorradfahrer auf mich zukommen. Ich streck den Finger raus und denke die halten ja eh nicht. Auf einmal bleibt der ganze Pulk bei mir stehen. Wilde Kerle und einige wilde Mädels. Wohin ich will - Nach Frankreich. Super sagt der Typ, der sich als Road-Captain vorstellte, wir fahren zu einem Treffen nach Nizza. Wenn ich will kann ich auf seiner Harley mitfahren. Mein Gepäck nimmt ein Kumpel mit. Natürlich will ich. Bei so vielen Beschützern brauche ich mir bestimmt keine Sorgen zu machen.....

Eine Hoffnung, die zugegebenermaßen trügerisch war. Mein Road-Captain legte nämlich die Eigenart an den Tag, bei jeder Notrufsäule laut "Not" zu brüllen und bei jeder Tankstelle "Tanke". Während das "Not" regelmäßig ohne Konsequenzen blieb, bedeutete das "Tanke" den rückengekennzeichneten Prospects doch das Anhalten, um Bier zu kaufen, das unter Gejohle auch sofort konsumiert wurde. Nach knapp zwei Stunden Fahrtzeit hatte ich auf diese Weise acht Tankstellen unterschiedlichster Marken gesehen und ebensoviele Biermarken preiswerterer Herkunft kennen gelernt. Langsam brummte mein Schädel und die Blase drückte dem Road-Captain vermutlich längst in's Kreuz.

Daher erschrak ich auch kurz, als mein Captain zeigte, daß er auch ein drittes Wort in enormer Lautstärke beherrschte: "Banditos!". Kurz dachte ich, es folgte eine warme Zwischenmahlzeit, doch sein lederbehandschuhter Finger zeigte auf eine Gruppe Dorfjugendlicher, die auf Mofas sitzend eine kurzbehoste Art angehender Dorfnutte zu beeindrucken schienen. Schon hielt unsere Gruppe wieder an, einer der Prospecte stieg von seiner Maschine, schritt auf die Jugendlichen zu und brüllte: "Alter, ey!". Mir erschien die Ansage eines grauhaarigen Bauchträgers in einer knappen Lederkutte gegenüber einem Heranwachsenden zwar etwas unangemessen, aber ich merkte gleichzeitig, daß man nach acht Halben Bier, die durch eine Harley in jede Faser meines Körpers geschüttelt worden waren, ein gepflegt aggressives Verhalten goutieren kann.

"Ich geh' 'mal abschütteln" lallte ich meinem Captain in's Ohr, der mich in meinem mittlerweile verknitterten Rockes etwas verstört ansah. Danach nahm ich mein Gepäck und ging in Richtung der Dorfkneipe, die an diesem Tage eine leckere Schlachtschüssel feilbot. Der Gedanke an eine leckere und fettige Schlachtschüssel verstärkte meinen Wunsch, sofort die heimische Porzellanabteilung aufzusuchen. Derart angetrieben betrat ich das Etablissement...

Ich war zufrieden, aber auch fix und alle. Die Müdigkeit kam hinzu. Ich saß am Fenstertisch des Lokales und konnte gar nicht glauben, was ich da verdrückt hatte und was gegen jede Diätregel verstieß. Aber auch der dritte Kaffee machte mich nicht wacher. Ich schaute aus dem Fenster um zu sehen, ob die Harley-Gruppe nun endlich weiter gefahren ist. Hoffentlich suchen sie mich nicht. Mit denen würde ich ja nie rechtzeitig an der Côte d'Azur ankommen. Aber der Platz war nicht mehr einsehbar weil der doofe Laster sich vor den Laden stellte. Allerdings wurden auf einmal meine Augen immer größer, denn am Fahrerhaus des Lasters klebte ein Aufkleber vom - Fußballclub AS-Monaco !!!

Bitte strahle jetzt nicht den Trucker an, der könnte das falsch verstehen, sagte ich zu mir selber. Doch der eben in den Laden eingetretene Typ hatte mich schon längst entdeckt und lächelte zurück. Es sah allerdings urkomisch aus, dass er dabei, nicht nach vorn schauend, stolperte und beim Stürzen auch noch den Kleiderständer mit zu Boden nahm. Ich lief hin um zu helfen ...

Das Fahrerhausbett war warm. Brian, der Trucker, hatte seine Ruhezeit hinter sich gebracht und versprach mir, bis zur Côte d'Azur nur das Lenkrad anzufassen. So schlief ich beruhigt ein ...

2. Kapitel

Ich wurde mit dem Gedanken wach, daß ich unbedingt einige Telefonate durchführen musste. Erstens sollte ich Jean anrufen, wenn ich in Frankreich bin. Zweitens sollte ich mich bei meiner Sekretärin melden. Ich krabbelte aus der Koje und fragte Brian meinen Trucker wo wir sind. Kurz vor Lyon antwortete er mir. In wenigen Minuten steuert er einen Rastplatz an, Da kann ich mich dann frisch machen. Toll dachte ich, da gibt es dann auch sicher ein Telefon.

In der Zwischenzeit betrachtete ich den Ring etwas genauer. Ein goldener Ring. Vermutlich Handarbeit. Und antik dazu. Nachdem ich die Reste des falschen Steines entfernt hatte, kam eine flache runde Scheibe von ca. 1,5 cm zum Vorschein. In der Mitte war eine Sonne zusehen. Um die Sonne herum waren Zeichen eingraviert. Ich fragte mich, wo ich so eine ähnliche Arbeit schon mal gesehen habe.

Mir fiel es schlagartig wieder ein. Während meines Kunststudiums in Berlin. Mein damaliger Doktorvater trug einen ähnlichen Ring. Ich erinnerte mich an die vielen Stunden, die wir gemeinsam verbracht haben. Donald, mit deinen Qualifikationen und Kenntnissen wirst Du von den besten Kunsthäusern umworben werden, pflegte er immer zu mir zu sagen. Aber das war eigentlich nicht mein Ziel. Zugegeben ich war damals schon ziemlich feminin gewesen. Meine Kommilitonen pflegten mich als Exzentriker abzustempeln. Aber das war mit immer egal gewesen. Als ich ihn einmal auf seinen Ring ansprach, sagte er mir, dass er diesen für seine Verdienste bekommen hat. Als besondere Auszeichnung sozusagen. Diese Art von Ringen, Donald werden heute nicht mehr gefertigt. Leider wirst Du nie in die Gelegenheit kommen einen solchen Ring zu tragen. Warum, fragte ich. Meine Frage blieb unbeantwortet. An unserer Uni munkelte man, dass mein Prof. wohl eine Freimaurer sei. Ob es wohl hiermit zusammen hing? Zuhause hatte ich zwar auch einige antike Schmuckstücke. Diese trug ich jedoch nur zu besonderen Angelegenheiten. Ansonsten blieben sie unter Verschluss.

Endlich erreichten wir den Rastplatz. Von dem nächsten Telefon rief ich sofort Jean an. Er war erleichtert, als er meine Stimme hörte. Als ich ihm von der Verfolgung schilderte sagte er mir, dass mich mein Fahrer mich bis zur letzten Ausfahrt vor Orange bringen soll. Dort werde ich dann von zwei Freunden abgeholt. Woran werde ich diese erkennen. Keine Bange Donna, sie werden dich erkennen. Außerdem ist dort noch ein alter Bekannter von Dir dabei.

Dann rief ich mein Büro an. Ich sagte meiner Sekretärin Birgit, daß sie alle meine Termine für die nächsten zwei Wochen absagen solle. Ich befinde mich auf einer wichtigen Kunstreise in Frankreich.

Danach besprach ich mich mit Brian. Kein Problem. Diese Ausfahrt kennt er. Außerdem ist es nicht mehr weit. Als wir an der Ausfahrt ankamen, stand dort schon ein schwarzer Citroen. Ich stieg aus und ging auf den wagen zu. Zwei Personen stiegen aus. Ein jüngere und ein älter Mann. Donna, sprach mich der ältere an. Ich war wie versteinert. Vor mir stand mein ehemaliger Kunstprofessor....

Im Hintergrund entfernte sich der LKW und mit ihm Brian. Einen Moment stand ich überlegend am Straßenrand und betrachtete meine beiden Gegenüber, als ein weiterer schwarzer Citroen sich mit hohem Tempo näherte. Ich sah, wie an dem heranrasenden Fahrzeug die Seitenscheiben heruntergelassen wurden und warf mich geistesgegenwärtig in den Straßengraben, als ich Schüsse aus Maschinenpistolen und das Fahrzeug vorbeirasen hörte.

Mit einem vorsichtigen Blick aus dem Straßengraben sah ich beide Männer blutend auf dem Boden liegen. Die Straße überquerend ging ich in Richtung meines ehemaligen Professors, der noch atmete, als ich mich über ihn beugte. Er sah mich mit feuchten Augen an, rang nach Luft und stammelte: "Hüte Dich. Hüte Dich vor ...", dann sank sein Kopf zur Seite und die Atmung setzte aus. Als ich mich der zweiten Person zuwandte, war mir sofort klar, daß hier jede Hilfe zu spät kommen würde. Ich durchsuchte beide Personen und fand zwei Schußwaffen, während sich in der Ferne ein dunkles Fahrzeug näherte. Mit den Knarren in der Handtasche warf ich mich ins Unterholz, kroch einen Abhang hinunter und verschwand in der heraufziehenden Dunkelheit.

Nachdem ich in wolkendunkler Nacht mehrere Stunden gelaufen war, kam ich an eine Stelle, die mir sofort bekannt vorkam. Im Kreis laufend kam ich wieder zur Autobahnausfahrt, von der aus ich losgelaufen war. Der Citroen war verschwunden, ebenso die beiden Leichen und im sich durch die Wolken bahnenden Mondschein war zu erkennen, daß alle Spuren, auch das Blut auf dem Asphalt, sorgfältig entfernt worden waren. Während eine innere Panik in mir hochstieg, war ein herantuckerndes Motorrad zu hören. Mit beiden Armen winkend, stellte ich mich auf die Straße und das Motorrad hielt an. Mit einem Griff in meine Handtasche zog ich einen der beiden Schießprügel, den ich dem Motorradfahrer direkt unter die Nase hielt. Dann gab ich ihm mit einer Bewegung der Wumme zu verstehen, er möge sich subtrahieren und mir seine Maschine anheim stellen. Der Fahrer verstand sofort, legte in seiner Verwirrung sogar seinen Helm auf die Sitzbank und rannte in die Richtung los, aus der er gekommen war.

Während der Motorradfahrt Richtung Mittelmeer versuchte ich mich zu konzentrieren, aber ich hatte einen lieben Menschen verloren und die Trauer verdrängte erstmal alles andere. Ich fuhr noch vor Marsaille von der Autobahn ab und suchte einen Platz zum schlafen weil ich schon wieder müde war. Bei einer Telefonzelle in Sausset hielt ich an. Das Meerresrauschen konnte man schon hören Ich informierte Jean und sagte ihm, daß ich hier auf ihn warten würde. Alles andere schien mir zu riskant. Mit dem Motorrad rollte ich zum Meer runter und legte mich auf die Küstenheide zwischen den Klippen. Ich war fix und alle. Wenn Wellen besonders dolle gegen die Klippen klatschten, bekam ich einige Tropfen davon ins Gesicht. Der Nachtwind war aber warm. Es roch nach Oleander und Jasmin. Mit meinen verpennten Augen sah ich noch vor dem Einschlafen, daß im Osten die Sonne schon den Horizont erhellte. …

Ich hatte den Simca gar nicht gehört, so tief pennte ich. Jean stieg aus dem Wagen und krabbelte auf einen höheren Fels. Er hatte mich aber sofort entdeckt und kletterte zu mir rüber. Ein Küsschen auf meine Wange sollte mich wecken. Ich beschloss aber, daß ein Küsschen nicht ausreichte um mich zu wecken. Aber darauf fiel Jean nicht rein. Mit einer Strohblume kitzelte er an meiner Nase. Das hatte wohl insgesamt auch etwas von schlechtem Gewissen bei ihm und er wusste das auch. Mich bewusst in so eine Situation zu bringen und ich brannte darauf, eine umfangreiche Erklärung von ihm zu bekommen. Ich öffnete meine Augen um gleich darauf zu loszuwettern, kam aber erst gar nicht so weit. Ein zweites Küsschen bekam ich, außerdem ein Strauß Rosen. „Guten Morgen Donna, lass uns frühstücken gehen, ich erkläre dir auch alles“. Wir gingen über die Küstenstraße zu einer Bistro-Veranda und tranken Kaffee und aßen Meterbrot mit Salami. Ich wollte trotzdem stinkig auf Jean sein, klappte aber nicht wirklich. „Du Donna, wenn du nun sauer über mich bist, so kann ich das verstehen“ hörte ich als ersten Entschuldigungsversuch. Ich stand auf, stellte mich vor ihm. Jean stand auch auf, senkte seinen Kopf etwas, er errötete. „Du Schuft“ zischte ich ihm rüber und fiel in seine Arme. Ich war froh, nun nicht mehr alleine zu sein.

Wir suchten als nächstes eine Boutique und eine Drogerie auf, damit mein en femmes Äußeres wieder gut aussieht und riecht. „Donna, wir fahren erstmal in mein Sommerhaus, da kannst du dann duschen“. Wir stiegen in den Simca ein und fuhren mit herunter gekurbelten Fenstern die duftende Küste entlang bis Jean auf einen Schotterweg fuhr, der sich serpentinenartig in die Höhe schlängelte. Wir fuhren durch ein altes Eisentor zu einem Haus, welches typisch für die Landschaft war. Die steinerne Hausmauer war Terrakotta-farbig, das Dach rot und die Fenster waren mit blauen Holzlamellen verschlossen.

Während ich duschte und mich nachpuderte, baute Jean auf der Terrasse ein Mittagsbrunch auf. Wir saßen bei Fischkroketten, Brot und Wein in der Sonne und genossen die Meeressicht. Ich vergaß fast alles andere. Jean fing aber dann mit seiner Erklärung von selbst an: "Für diese Fischkroketten verwende ich nur richtig frischen Dorsch, den ich in kleine Würfelchen schneide und dann mit frischer Limette und Sherry mariniere. Dann zerkleinere ich ein Bündel Petersilie, schwitze es mit frischer Landbutter an und lasse es abkühlen, bevor ich es mit dem Fisch vermenge. Dann schneide ich ein paar kleine Charlotten in kleinste Würfelchen, vermische sie mit einigen Löffeln Créme Fraîche, gestoßenem Chili, einem feuchten Brötchen, Meersalz, etwas von der Limettenschale und einem Löffel Fischfonds. Zu guter Letzt wird alles gut vermischt, paniert und in reinem Butterschmalz in der Eisenpfanne herausgebacken. Guten Appetit!"

Jean holte kurz Luft, biß in eine Fischfrikadelle (wie ich sie nach seinem Rezept wegen des feuchten Brötchens gerade getauft hatte), kaute kurz, hielt inne, sah mich an und fragte mit vollem Mund: "Noch'n Weinchen?" "Danke, ja" hörte ich mich antworten und hielt ihm das Glas hin, das er füllte. "Der Trick an den Fischkroketten aber ist," so fuhr Jean voller Enthusiasmus fort, "daß man dazu einen Wein aus dem Tetrapak servieren kann, denn das vertanzt sich ohnehin alles auf der Zunge." Er holte Luft und ich fiel ihm in's Wort: "Nun mach' 'mal Pause. Falls Du mir nichts anderes erklären willst!"

3. Kapitel

Als der Professor wieder zu sich kam, spürte er einen brennenden und pochenden Schmerz in jedem Teil seines Körpers, den er denn fühlte. Er roch eine intensive Muffigkeit, die ihn an den Waschlappen unter seiner Küchenspüle erinnerte und hatte einen Geschmack im Mund, der jeder Beschreibung spottete und Vergleiche mit nicht verrotteten Tieren verbietet. Langsam öffnete er die Augen und sah dunkle Wände, die durch Feuchtigkeit bedingt Moosflechten über Jahre eine prächtige Heimat boten. Während er den Kopf langsam nach rechts drehte, nahm er zwei Gestalten war, die ausahen, als wären sie von einer sibirischen Kolchose aus mit der Mohrrübe in dieses Kellerverlies gelockt worden. Eine der beiden Gestalten trat an die Liegestatt des Professors, beugte sich über ihn und fragte: "Du wach?"

Der Professor versuchte, die schemenhafte Gestalt des sibirischen Bullen zu erkennen, als dieser ihn nochmal fragte: "Du wach?" "Ich wach" stammelte der Professor und merkte bei diesem Sprachversuch, daß Körperteile innerlich noch mehr schmerzen können, wenn man sie beansprucht. "Wo Ring?" fragte der finster dreinblickende Geselle. "Welcher Ring?" stammelte der Professor, um kurz darauf zu merken, daß ihm seine rechte Wange bislang eigentlich noch nicht geschmerzt hatte. "Welche Ring," schnaufte das dem Raum an Geruch in nichts nachstehende Wodkafaß, "ich gib' Dich welche Ring!". "Mein Herr, ich weiß nicht, wovon sie reden." entgegnete der Professor, um kurz darauf auch einen brennenden Schmerz an seiner linken Wange zu verspüren. "Reden oder tot!" rief der andere Ekelapparat, trat nach vorne und drückte dem Professor seine verschwitzte, mächtige Pranke in's Gesicht.

Kein Buchmacher der Welt hätte nur einen Cent auf diese Geschichte angenommen, dachte der Professor fast lächelnd.....da überlebe ich einen Angriff mit Maschinengewehrsalven und falle, als ich mich schon mit Aloisius auf einer Wolke frohlocken sehe, einer Horde Menschen in die Hände, die unser freundlich gemeintes " 'luja, sog I" mit "Du wach? Reden oder tot ! " umständlich beantworten.
Die Welt muss verrückt geworden sein. Stell Dich lieber bewusstlos, dachte der Professor. Die Pranke des Ekelapparates hatte doch im wahrsten Sinne Eindruck hinterlassen.

Wieder einmal in der Gefangenschaft dachte Prof.Dr. Frederick Hummels. Wo soll das bloss wieder hinführen. Die beiden Ekelpakete hatten sich gerade abgewendet. So blieb ihm Zeit seine Peiniger zu betrachten. Interessant dachte er. Anzüge und Uhren nach dem östlichen Stil. Vermutlich KGB. Mit Sicherheit KGB, denn er verstand einige Wortfetzen in Russisch. Wie um alles in der Welt ist der KGB zu den Informatinen der Ringe gekommen? Die Ringe - auch 1940 kam er deswegen in Gefangenschaft. Und alles nur, weil er der erste Vertraute von Jean Pascal de Valloire ist. 1920 habe ich Jean kennengelernt. Ich war gerade mal 20 Jahre alt und studierte an der Uni in Edinburgh Kunstgeschichte. Jean war damals schon eine erstaunliche Persönlichkeit. Er sah aus wie 30. Erst später merkte ich, dass Jean nicht alterte. War er auch ein Gefallener oder liegt das Geheimnis doch viel tiefer. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine feste Freundschaft. Bald darauf trat ich den Freimaurern "Diener Christi" bei. Jean war ihr Großmeister. Als ich meine erste Professur an der Uni in Edinburgh antrat bat mich Jean auch die Leitung der Komturei in Edinburg zu übernehmen. Gern nahm ich diese neue Herausforderung an. Aufgrund der Unruhen in Deutschland mußte ich im Jahr 1942 nach Berlin fliegen. Die Komturei in Tempelhof sollte verschlossen werden. Zwar gelang mir dies, ich wurde aber vor meinem Abflug von den Nazis gefangengenommen. Die Qualen und Schmerzen, die man mir zufügte waren unmenschlich. jedoch war ich nicht in der lage etwas zu sagen. Für diese Fälle besaß ich eine mentale Blockade. Ich würde eher sterben als etwas über die Brüderschaft zu verraten. Auch die Nazis waren hinter den Ringen her. Ich habe mich schon damals gefragt, ob die Gefallenen hier nicht dran beteiligt sind. Mit viel Glück entkam ich damals meiner Gefangenschaft. Die äußerlichen Wunden sind zwar verheilt, aber die psychischen Schmerzen verheilen nie.

Ich muss mit den beiden Ekelpaketen reden. Was wissen sie? Und wie kommt der KGB in das Wissen der Ringe? Haben sie vieleicht von den Nazis damals das Buch der Apokalypse erbeutet? Oder stecken hier doch die Gefallenen hinter. Ein toller Name für aus dem Himmel gefallene Engel. Diese müssen als schattenlose Wesenseinheiten ihr Leben auf der Erde fristen. Ab und an können sie mal in Kotakt mit einem Menschen treten. Aber auch nur um Ihnen einen Auftrag zu geben oder leicht zu steuern. Das gelingt aber nur für kurze Zeit, da der "Wirt" erheblich schneller altert. Eigentlich bleibt ihnen als letzter Ausweg nur die verlorene Dimension. So wie die Schönheit vergangen ist - wird sie nun in Luzifers Reich zu einer Karikatur derselben.

"He, Du - wo Dein Boss", rief ich den Ekelpakten zu. "Du geben Ring" "Ich sprechen Boss, sonst nix sagen!". Die folgenden Schläge waren eerheblich stärker als die ersten. Ich wapnete mich innerlich gegen die Qualen.

So räusperte sich der Professor kurz und blickte dem dickeren der beiden kaukasischen Ziegenfickern tief in's Auge, wobei er mit fester Stimme sprach: "Habt ihr eigentlich keinen Wodka?", woraufhin er sofort ein "Doch, haben" vernahm. "Dann paß auf, mein Dawarisch permafrostbebodeter Herkunft: Du säufst mich unter den Tisch und bekommst sofort alle Informationen oder ich sauf' Dich unter den Tisch, und Dein Kumpel holt den Boß. Ganz einfach." Der Professor war sich seiner Gewinnersituation seines klug duchdachten Vorschlages bewußt: Entweder er bleibt alleine mit einer Schnapsleiche oder verbringt einige Stunden im Dellirium. Beide Situationen erschienen ihm erstrebenswerter als der Status Quo.

"Welche Tisch?" war die Antwort. "Egal, soll sich halt Dein Kumpel hinknien, solange" entgegnete der Professor, eine Idee, die ihm noch ein Stückchen ulkiger erschien. "Is gut, mach' Tisch, Iwan" sagte der schmalzgelockte Schwitzkopf und holte einen Karton voller Flaschen. "Trinke Flasche oder Becher?" war die letzte Frage zu den Spielregeln, die -schon aus Gründen der Hygiene- mit "Flasche" entschieden wurde.

Kaum zwei Flaschen später war die dritte Flasche entkorkt und der Schmerz des Professors wurde weniger, die Sprache des mittrinkenden Exilkolchosen schwerer und das kniende Tischchen begann langsam zu meckern, daß das kostbare "Wässerchen" in fremden Kehlen verschwand. Dem Professor, dem ohnehin so langsam alles egal wurde, knallte die Flasche auf Ex, rülpste ausgiebig und lallte: "Nochmal!" Der Russe holte den Rückstand rasch auf und entkorkte zugleich unter seltsamen Flüchen bäuerlicher Prägung die nächste Runde. "Ex oder Depp" lallte der Professor, setzte an und zog durch, wobei ihm sein Gegenüber in Nichts nachstand. Nur das Gemecker des wohl unteralkoholisierten Tischchens steigerte sich über Gebühr, als sein Kumpane bei Runde Sieben beim Rülpsen ihm etwa die Menge eines doppelten Schnapsstamperls auf das Hinterteil spuckte. "Du sauf', nich' spuck'" war die letzte Aufforderung des Tischchen bei Runde Zwölf, kurz bevor der volltrunkene Sparringspartner sich und dem ebenso besoffenen Professor aus der Kiste je eine Flasche Pflanzenöl hervorzauberte, die beide ohne nähere Kenntnisnahme ohne abzusetzen leerten.

4. Kapitel

Man schrieb den 30. Juni 1966. Während beinahe die ganze Welt vor ihren Radio- und Fernsehempfängern auf den Anstoß zum legendären Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in England, dessen unrühmlichen Ausgang und den einzigen Titelgewinn des "Mutterlandes" des Fußballs in seiner Geschichte wartete, lag eine farbige Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den Wehen. Trotz der ärmlichen Verhältnisse, in denen sie und ihr Mann, der sie allerdings bald verlassen sollte, lebten, hatten sie sich entschieden, ein drGeschehnissen im fernen Frankreich zu tun haben sollte, hatten sich -schon aus Gründen der Zeitverschiebung- in Tokio im Budokan ungezählte Beatles-Fans eingefunden, um einem Live-Konzert beizuwohnen. Da es dummerweise Japaner waren, die des Englischen wenig mächtig waren, entging ihnen mehrheitlich bei diesem Konzert ein bemerkenswertes Vorkommnis: Paul McCartney sang in dem von ihm ebenfalls 1966 komponierten und getexteten "Paperback Writer" in der Zeile "... novel by a man named Lear ..." statt "Lear" mit ungewöhnlicher Betonung den Namen "Donna", um danach feixend das Lied zu Ende zu bringen und im fernen Frankreich den Dingen ihren von ihm sehr wohl bewußt verfolgten Lauf zu lassen.

Zu dieser Zeit saß ich -mittlerweile schweigend- mit Jean nach wie vor bei Fischfrikadellen, Brot und Wein in der Sonne. Im Haus klingelte das Telephon, lange und schrill. "Wo ist der verdammte Hausdiener, wenn man ihn braucht?" rief Jean Richtung Gesindewohnung, er hörte ein Grunzen und die Worte "Komme ja schon." Der traurige Schatten eines Hausdieners, der seine besseren Zeiten wohl gesehen hatte, schleppte sich in's Haus, das Klingeln hörte auf und der Hausdiener rief: "Es ist dieses Schlitzauge, mein Herr." "Und, was will der Japs?" antwortete Jean. Der Hausdiener telephonierte einen Moment und rief dann zurück: "Paul hat sich scheinbar absichtlich verquatscht!"

Ich biss ein wenig verwirrt in eine Frikadelle. Zwischendurch schaute ich in meinen Taschenspiegel. Meine Frisur saß noch recht gut. Ich dachte über Jean nach. Der Jean aus Hamburg war ja ein ganz anderer, als dieser Typ, der jetzt aufgeregt war. Sein Benehmen war unmöglich und wo war bitte der galante Herr, der mir im Hotel Alsterdorf tief in die Augen schaute und etwas von Yacht, Capri und Athen in die Ohren säuselte? Ich schaute an mir herunter. Ich hatte eine gute Wahl in der Boutique getroffen. Mein gelbes Blümchenkleid leuchtete ganz toll. Aber ich war ein wenig unsicher. Das Mittelmeer so blau, Jean's Schiff so weiß und hätte ich da nicht ein weißes Kleid kaufen müssen? Und überhaupt, es wäre eigentlich an der Zeit, wo ein Gentleman vor mir knien sollte und mir einen Brillantring ...  DER RING !!!!!!!  Ich schaute Ring und versuchte nachzudenken. Ich fühlte an meiner Halskette auch das zweite Teil des Ringes ab. Es war noch da. Entsetzt fiel mir ein, daß ich in meiner großen Tasche auch noch Pistolen hatte. Während ich in die Tasche schielte und meine Bestätigung bekam, sah ich im Augenwinkel einen aufgelösten Jean hektisch hin und her rennen. Ich aß die Frikadelle ganz auf. Jean kam zu mir: "Wir müssen los". Ich schnappte mir meine Sachen und rannte hinter ihm Richtung Auto hinterher. Jean drehte sich nach mir um: "Wir müssen fliegen". Ich war ganz erstaunt, blieb stehen und fragte: "Ach, der Yachthafen von Monte Carlo hat einen Flugplatz?"

"Genau, wir nehmen den nächsten Flieger nach Paris. Von dort aus geht es Richtung Tokio."" Aber warum Jean?" fragte ich. "Die Ereignisse überstürzen sich," grummelte Jean vor sich hin. Er riss mir die Tür von seinem Jaguar auf und stieg selber ein. Ein Autorennen durch die Schluchten von Monaco war das letzte worauf ich Lust hatte. Aber Jean lenkte souverän den Wagen. Erstaunlich das sich die Gendarmerie gar nicht an den Wagen störte. "Sehen die uns nicht", fragte ich Jean. "Nein - ich habe den Wagen unsichbar gemacht." "Wie?" "Später, meine Liebe". Nach weniger als einer halben Stunde erreichten wir den Flugplatz. Die Motoren der Maschine liefen schon. Wir hasteten zum Flugzeug und einige Minuten später starteten wir schon. "In weniger als zwei Stunden sind wir in Paris", sagte Jean. Er holte eine Flasche Rotwein aus der Bordbar und gab mir eine Glas zum trinken. Ich denke Du bist schon ganz schön neugierig auf meine Geschichte.

"Mein Name ist Jean Pascal de Valloire. Ich bin zwar banker, aber nur in meiner eigenen Sache. In Wahrheit bin ich der letzte Großmeister der Freimaurer der Diener Christi. Geboren wurde ich 1820 in Paris." "Du siehts aber auch wie 30", anwortet ich. "Als ich Großmeister wurde legte ich vor dem Buch der Apokalypse ein Gelübde ab. Daraufhin wurde mir ein langes Leben gewährt." "Unsterblichkeit," fragte ich. "So, in etwa. Und noch etwas mehr," entgegnete Jean. "Unsere Brüderschaft besteht schon seit sehr langer Zeit. Entstanden ist diese nach der Auflösung der Templer. Einige unserer Brüder sind damals nach Schottland geflohen. Bis hierhin reichte der Arm des Vatikans nicht. Mit den uns verbliebenen Kenntnissen und Ausrüstungen konnten wir hier eine neue Brüderschaft gründen. Die Freiumauerer der Diener Christi. " "Was meinst Du mit Kenntnissen und Ausrüstungen?" entgegnete Donna. ""Verschieden Kenntnisse der Alchemie, der Zukunft und der Magie. Die Ausrüstungen lagen nicht in den verschiedenen Komtureien und wurden nach und nach hierher gebracht. Als wichtigste Kpmturei diente Tempelhof. Hier war und ist eines unserer größten Archive untergebracht. Darüberhinaus wird von hier aus die finanzielle Basis unserer Brüderschaft sichergestellt. Dein ehemaliger Professor leitet unsere Komturei in Tempelhof."

Jean legte hier eine kurze Pause ein und schaute aus dem Fenster, bevor er fortfuhr: "Die alten Tempelritter fanden seinerseits mehrere Bücher. Diese wurden teilweise an den Vatikan veräußert und begründeten die Vormachtstellung. Von dem Buch der Prophezeiungen uns Vorhersagen wurde eine Kopie angefertigt. Diese befindet sich bis heute in unserem Besitz. Das Buch der Apokalypse war fest verschlossen. Es wurde von uns wie ein ganz besonderer Schatz gehütet. Den wenn dieses Buch geöffnet wird, so besagen die Schriften, wird der Untergang der Welt - also das jüngste Gericht - erfolgen. Die Mächte des Guten werden gegen die Mächte des Bösen kämpfen und die Dimensionen werden sich gegenseitig aufheben." "Und wo ist das Buch der Apokalypse jetzt - und die Ringe, was haben die damit zu tun," wollte Donna wissen. "Das Buch wurde uns in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs gestohlen. Die Ringe - alles zu seiner Zeit Donna." "Aber sie hängen mit dem Buch zusammen" Jean schmunzelte nur. " Ja sagte er, das gibt es so eine alte Prophezeiung. Sie spricht von einem Ritter und einem zweigeschlechtlichen Menschen. Beide zusammen würden das Buch der Apokalypse endgültig vernichten.""Und" "Alles aufgeben". Jean wurde sehr ruhig. Ich war sprachlos. War ich damit gemeint - zweigeschlechtlich. Ich trank meinen Rotwein aus. Und schenkte mir gleich wieder ein- Jean lächelte mir verschmilzt zu. Er sah verdammt gut aus für sein Alter. Bald darauf erreichten wir den Flugplatz in Paris. Ohne weitere Umstände fanden wir unseren Linienflug nach Tokio. Paul, wenn ich dich in die Finger kriege, dachte Jean.

Wir waren einige Stunden geflogen und hatten bislang lauen Kaffee, eine Art kaugummiartigen Brötchens und eine bunt bedruckte Serviette dazu erhalten, als sich der Kapitän via Lautsprecher meldete: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht nochmal ihr Kapitän. Wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht, befinden uns zwischen Omsk und Irkutsk und unser linkes Triebwerk brennt." Dann herrschte einen Moment Ruhe, während wir mit einem Blick aus dem linken Fenster uns überzeugen konnten, daß der Kapitän keinesfalls zu Scherzen aufgelegt war. "Da wir das Triebwerk irgendwie nicht löschen können," fuhr die scheppernde Lautsprecherstimme des Kapitäns fort, "werden wir uns ein geeignetes Stück Steppe suchen, um notzulanden." Die Stewardessen im vorderen Flugzeugteil wurden zusehends hektischer. "Bitte beten Sie, daß ich den Vogel nicht in einen Geröllhaufen ramme und folgen Sie nun den Anweisungen des Flugpersonals!"

Die Stewardessen zeigten uns, daß wir uns irgendwie hinter den Sitzen zusammengefaltet hinkauern sollten, verteilten wahlweise Rosenkränze, Kreuze und für die Kinder Gummienten und wirkten dabei aber gelöst. Ich hörte, wie die blonde Stewardess dem schwulen Flugbegleiter zuraunte: "Mit Kapitän Funes bin ich bereits dreimal notgelandet. Er ist ein Meister der Landung ohne Fahrwerk." Der Flugbegleiter schien ihre Worte überhört zu haben, als er zurückfragte: "Hat er Dir auch an den Hintern gegrapscht?" "Nein, ich bin seine Fernostroutenmatratze" war die Antwort.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörten wir das obligate "Ready to crash down" aus dem Lautsprecher, das Flugzeug machte eine scharfe Rechtskurve, um danach mit einem scheppernden Quietschen zu dem sich ein dröhnendes Pochen und ein ächzendes Wummern gesellte, irgendwo in der (vermutungsweise) kasachischen Steppe Bodenkontakt zu suchen. Die Maschine mag wohl einige hundert Meter über den Boden geschlittert sein, um mit einem Boing (was für ein Treppenwitz, es handelte sich schließlich um eine Boing 727) plötzlich zu stoppen. Der Pilot meldete sich erneut über Lautsprecher: "Meine Damen und Herren, wir haben unseren Zielflughafen um wenige tausende Kilometer verfehlt. Wir haben nunmehr unsere Parkposition erreicht und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Bitte fliegen Sie bald wieder mit Air France."

Der Kapitän trat in die Flugkabine, öffnete die vordere Türe, klemmte sich einige Schachteln unter den Arm und verlies die Maschine. Die Besatzung und die Fluggäste folgten ihm, um vor dem Flugzeug stehend den Kapitän dabei zu beobachten, wie er eine Signalpistole abschoß. "Sie geben mir immer ein paar Schachteln Leuchtraketen extra mit an Bord" sprach der Kapitän in Richtung der Fluggäste, während ihm seine Fernostroutenmatratze immer neue Raketen reichte, die der Kapitän in den Himmel jagte. "Dieses Feuerwerk wird Ihnen präsentiert von Air France" näselte derweil der Flugbegleiter und nestelte dabei am Verschluß einer von ihm mit nach Draußen genommenen Champagnerflasche.

Etwa drei Stunden später war der Kapitän bei der vorletzten Kiste Leuchtraketen angelangt und am Horizont sahen wir eine Fahrzeugkolonne, die sich unserem Standort näherte; bald drauf hörten wir auch das Brummen der Motoren, das uns wie ein Dröhnen erschien, als die Kolonne sowjetischer Militärlastkraftwagen, die von einem ordensbehangenen Kerl in einem Geländewagen angeführt wurde, vor uns zum Stehen kam. Der Christbaum stieg aus, lief in Richtung unseres Kapitäns und rief: "Dawarisch Funes!", worauf unser Kapitän antwortete: "Sie schickt ein um's andere Mal der Himmel!"

Der Kommandeur bedeutete uns, wir mögen uns auf die Lastkraftwagen bewegen und kurz darauf verließ der Konvoi das havarierte Flugzeug. Man brachte uns nach einigen Stunden Fahrt nach Irkutsk, der Konvoi stoppte vor dem "Motel Mamitschka", wo wir gebeten wurden, auszusteigen. Kapitän Funes verabschiedete sich mit Handschlag vom Kommandeur und sagte: "Bis Bald!". Dann drehte er sich zu uns und verkündete: "Diese Nacht im Motel Mamitschka wird Ihnen präsentiert von Air France!" Der Flugbegleiter flötete "Bitteschön", als er uns den Zimmerschlüssel Nummer 33 aushändigte und fügte ein "Da geht's lang" hinzu. Kurz darauf fanden wir uns in einem streng nach Kamelhaardecke, die in der glorreichen roten Armee einem Landser als Fußlappen diente, riechenden dusteren Raum wieder, dessen Inneneinrichtung nach Gulag auf LSD aussah.
Na ja, das Bett ging ja so. Ich hatte allerdings Bedenken wegen weiterer Mitbewohner und bat Jean, doch ein wenig dichter an mich ran zu kriechen. Boah, in den Armen eines Ritters zu liegen, der hunderte Jahre Erfahrung mit den Frauen der Geschichte hatte, ich fühlte mich gut, bekam noch ein Küsschen auf die Wange  und schlief schnell ein.

Die Zimmertür wurde polternd eingetreten. Wir saßen beide vor Schreck senkrecht im Bett. Der kaukasische Fleischklops grinste uns an während er mit einer Maschinenpistole rumfummelte. "Kanone auf Boing gut, nich'?", der Klops freute sich wie ein Schneekönig, "Triebwerk puff, gut schießen". Nun wusste ich, wem wir unsere Notlandung zu verdanken hatten. Die Klops-Gesichtszüge wurden ernster: "Anziehen, laufen vor mir auf Flur". Ich bin noch nie so schnell in mein Kleid gekommen und schnappte mir meine Tasche. Wir liefen vor dem Klops den Hotelflur entlang. Ich stoppte kurz vor einem Spiegel, fummelte meine Frisur zurecht und lief weiter. Der Klops konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Der Laster schüttelte uns durch, die Nacht in den Höhen zivilisationsfremder Gebiete zerrte an meiner Kraft. Nach einer halben Stunde standen wir, die Maschinenpistole im Rücken, auf einem Hochplateau und sahen mehrere Propellermaschinen neben einem Rollfeld. "Los, zu das Flugzeug gehen", kommandierte unser kauskasisches Übergewicht und zeigte auf eine Maschine. Ich ging neben Jean und schob unauffällig meine Umhängetasche vor meinen Bauch. Ich hatte einen Plan! Ich schielte noch nach Jean, der sofort wusste, was ich vor hatte. Auf einmal wurde ich ja sowas von cool und selbstsicher. Der Griff zu dem kalten Stahl in meiner Tasche, das drehen meines Körpers und das Herausziehen einer Pistole war eins. Unter einem Schuss ins Bein des dicken Stinketieres brach der zusammen und ich drückte ihm noch eine Kugel ins andere Bein - nur vorsichtshalber. Jean entwendete den nun am Boden liegendem Schweißhaufen die Maschinenpistole bevor der noch auf dumme Gedanken kam.

Ich konnte nicht anders. Es war ja wie im Kinofilm und ich musste einfach meine Coolness noch einmal ausspielen. Obwohl schlimmeres hätte passieren können, kniete ich auf dem Oberkörper des Muffelkaukasen, schnupperte ihn an und hauchte ihm "Du waschen, Stinke dann weg" ins Gesicht. Normalerweise ist das eine Situation, wo ich nochmal stehend den Rauch aus der Pistole blasen müsste, meine Sonnenbrille aufsetze und nach einem Pfiff mein Pferd aus der Deckung kommen müsste. Ich fühlte mich richtig gut. Jean lachte über meine Sicherheit. Aber ich konnte da noch einen Draufsetzen: "Hey Ritter, wer fliegt nun welche Maschine?"

Die Propeller dröhnten in luftiger Höhe und Jean konnte tatsächlich ein Flugzeug fliegen. Unter uns wurden die Landschaft immer kleiner. Ich war jetzt eine Heldin, redete ich mir zumindest ein. Jean blickte zu mir herüber. Ich saß auf dem Co-Pilotensitz, klappte meine Sonnenblende herunter und Jean meinte schmunzelnd: "Kein Schminkspiegel". "Wohin fliegen wir nun eigentlich?" wand ich  mich an meinen Kapitän, der nach kurzer Überlegung "Buchara" antwortete. Meinem fragenden Blick folgend ergänzte er: "Eine schöne, alte Stadt, die die Sowjets noch nicht völlig dem Ruin preisgegeben haben." "Und was sollen wir dort?" "Bei Omar-al 'mal wieder eine leckere Kebapplatte verputzen. So wie Omar-al 'nen Hammel zubereitet, gibt es so schnell keinen Vergleich." Jean schnalzte mit der Zunge und mir wurde flau.

Nach einigen Flugstunden erschien am Horizont eine Stadt mit Gebäuden, die goldene Kuppeln trugen, die im Sonnenlicht einen großen Glanzfleck in die unwirtliche Landschaft zu zaubern schienen, ja es schien, als schienen sie. Jean brachte den Flieger auf den Erdboden, er rollte aus und vor uns erschien das Ortsschild "Бухоро". "Wir sind da" bemerkte Jean, worauf mir nur ein "Ach!?" einfiel. Wir stiegen aus der Maschine und liefen in die Stadt.

Nach etwa achthundert Metern schlenderten wir nach rechts in eine Seitenstraße, passierten einen Friseursalon, eine Schafscherstube und ein Geschäft für Kamelzubehör. "Das Haus nach dem sechsten Friseursalon" wies mir Jean den Weg und zweihundert Meter weiter betraten wir eine Kaschemme, in der das Licht schummrig war und die Scheiben statt Gardinen einen Nikotinüberzug bekommen hatten. "Jean!" rief ein älterer Mann, der in eine schmuddelige Kochuniform eingewachsen schien und auf uns zukam. "Omar-al!" rief Jean und beide Männer fielen sich in die Arme. Nachdem sie sich ausgiebig geherzt hatten, sagte Jean zu Omar-al gewandt: "Omar-al, Donna" und in meine Richtung: "Donna, Omar-al."

Wir setzten uns an einen Tisch und Omar-al fragte, ob wir außer Tee etwas zu trinken wünschten. "In Buchara trinken wir zu allem Tee, sogar zum Tee. Deswegen reicht es für gewöhnlich, irgend ein Getränk zu bestellen, man bekommt sowieso 'nen Tee dazu. Und falls das Getränk einmal nicht da sein sollte..." Omar-al legte den Kopf in den Nacken, rollte die Augen und stoßseufzte: "Sowjetzeiten", um fortzufahren "... dann gibt's halt nur 'nen Tee. Wenn man folglich also nur einen einzelnen Tee will, dann bestellt man sich am Besten eine ausländische Spirituose." Jean bestellte ein Bier und ich ein Glas Wein. "Also zweimal Tee" notierte Omar-al. "Und zweimal leckere Kebapplatte, bitte" fügte Jean hinzu. "Mit Tee?" fragte Omar-al. Schnell bemühte ich mich, in den Ablauf des Geschehens einzugreifen: "Gibt's auch was ohne Hammel?"

Omar-al sah Jean entsetzt an und fragte: "Vegetarierin?" "Um Gottes äh Allahs Willen, nein! Auf gar keinen Fall!" entgegnete Jean. "Also ganz ohne Hammel," fragte mich Omar-al mit großen Augen "so ganz ohne?" "Nun, was gibt's denn sonst noch so?" "Außer Hammel habe ich nur Grünes und Gelbes, wahlweise gekocht oder gestampft." Meine Aussichten schienen heute nicht nur durch die Fensterscheiben des Etablissements nicht die Besten zu sein, also bestellte ich tapfer "Eine Kebapplatte ohne Extra-Tee, bitte. Und 'nen Fernet-Branca." Omar-al notierte eifrig: "Zwei Kebapplatten und 'nen weiteren Tee."

Kurz darauf brachte uns Omar-al die drei Teegläser und wenige Minuten danach schleppte er zwei große Silberplatten an, auf denen jeweils ungefähr ein kleingeschnittener halber Hammel lag, der gebraten und gewürzt worden war und auf dessen Haufenspitze eine schwarze Olive lag. "Hau rein und Mahlzeit!" rief mir Jean zu und begann zu kauen. Ich nahm zaghaft ein kleines Stückchen Fleisch zwischen zwei Finger und biß ein Eckchen davon ab. Jean sollte recht behalten: Es war der verdammt nochmal leckerst gewürzte Berg Hammel, den man auf Gottes äh Allahs Erdboden vorgesetzt bekommen kann. "Noch'n Bier" bestellte Jean, um kurz darauf ebenfalls seinen zweiten Tee zu bekommen .
 
5. Kapitel

Der Professor wurde am anderen Morgen etwas zerknausert wach. Wodka, was für ein Scheißgesöff. Es geht doch nichts über ein paar odenliche Maltwhiskys. Am besten einen schönen Laphroig.Schön torfig. Und dazu noch ein paar Pints Guinnes. Aber so etwas feines kennen die im Osten ja nicht. Die beiden Fleischklöse lagen schnarchend auf dem Boden. Wie dumm nur, dass der Professor noch immer auf seinen Stuhl angekettet war. Er bewegte seinen Stuhl in Richtung eines Agenten und trat ihm mit voller Wucht in die Fresse. Der Tritt zeigte Wirkung. Langsam öffnete der typ seine Augen und Fragte ganz benommen: "Was los hier, will schlafen" "Nix schlafen", rief der Professor. Während dessn wurde der zweite Fleischkloß wach. Bevor er sich versah, wurde er auf seinen Stuhl nach hinten weggezogen. "Ivan, aufstehen", schrie der zweite Typ. Und ivan sprang, wie von einer Hornisse gestochen auf. "Hol Auto, fahren heute noch nach Mütterchen Moskau. Und ruf den Chef an. Sag wir haben Professor. Bringen ihm nach KGB-Zentrale.

Der Professor hatte das Wort "KGB-Zentrale" noch nicht richtig gehört, als vier Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden und mit gestreiften Krawatten sowie verspiegelten Sonnenbrillen in den Raum sprangen. Sie trugen Waffen im Anschlag, der Professor hört zwei Plopp-Geräusche und die beiden Russen lagen mit aufgerissenen Augen rücklings auf dem Boden und hatten beide in der Mitte der Stirn ein kleines Löchlein. Der Professor betrachtete die Männer in ihren Anzügen und sinierte, daß die Idee mit von der einen Seite aus durchsichtigen Spiegeln als Brillenglas ihm nur zu gerne selbst eingefallen wäre. Er blickte kurz zu den Russen und scherzte: "Kuckt 'mal, die haben ein drittes Auge!"

"CIA, Agent Schultz" stellte sich der Größte der Vierlinge vor, "Sie sind unser Mann!" "Jo", sagte der Professor und der Kleinste der Vierlinge trat vor: "CIA, Agent Schlutz, Sie sind unser gefangener Mann." "Achso" entgegnete der Professor, zuckte mit den Schultern und setzte sich. "Darf ich 'mal ihre Brille aufsetzen, Herr Agent Schlutz?" "Gib' sie ihm", bedeutete Schultz, "er soll in seinen letzten Stunden wenigstens ein Bißchen Freude haben."

"Wo bringen wir ihn hin, Schultz?" fragte Schlutz und Schultz antwortete ihm: "Wie wär's mit dem Iran? Der Schah wollte für seinen Folterkeller beim letzten Mal nur drei Kamele und 'ne Jungfrau. Klar, Syrien ist billiger, aber da gibt's wieder nur 'ne Gemeinschaftsdusche. Nein, ich hab's: In Nicaragua schulden sie uns noch Was, nachdem die Deppen in der Schweinebucht vergeigt haben." "Bringen wir ihn erst 'mal in's Quartier nach Grafenwöhr. Während wir ihn dort elektroschocken, können wir ja nochmal überlegen." mischte sich einer der beiden Namenlosen in's Geschehen ein. Schultz und Schlutz sahen sich an, nickten sich zu und griffen von je einer Seite den Professor und schleiften ihn aus dem Gebäude.

Kurz darauf klingelte im fernen Buchara das Telefon. Omar-al verschwand im Nebenraum und bisweilen hörte man ein "Ja, is' gut", dann hängte er auch schon ein und kam an unseren Tisch. Er zeigte auf die verbliebene Olive auf meinem Teller und sagte mahnend: "Aufessen. Gibt sonst schlechtes Wetter." Dann brachte er uns den bestellten Kaffe und zwei Tee, setzte sich zu uns und sagte: "John war am Telephon. Er hat erzählt, er sucht sich jetzt in London eine Schlitzschlampe. In Tokio hätten die beim Vögeln immer so herrlich gequietscht." Omar-al nahm einen Schluck Tee und fuhr fort: "Übrigens, der gelehrte Zausel wird gerade nach Grafenwöhr verlegt, hat Brian Epstein durch John ausrichten lassen."

"Für John weiß ich genau die Richtige," setzte Jean an, "eine absolut untalentierte Japanerin, die sich für eine Künstlerin hält und eine Stimme hat, daß man sie beim japanischen Zivilschutz als Sirene verwenden könnte. Außerdem mag sie komische Brillen und macht im November in London eine -naja- Ausstellung, nein: Sie präsentiert kruden Schrott und kreischt dazu. Beim Sex gibt's Keine, die mehr quietscht." Jean hüstelte kurz und legte nach: "Sie heißt Yonko Onko oder so. ... Ich hab' von ihr gehört". Dann sah er Omar-al an und fragte: "Was ist die langweiligste Stadt bei Grafenwöhr, um dort unauffällig Quartier zu beziehen?" Omar-al überlegte einen Moment und antwortete: "Hof. Moment, Bayreuth ist genauso Scheiße und sogar noch dichter dran." "Bayreuth. Eine der miesesten Städte der Welt, ausgerechnet." entgegnete Jean, sah mich an und rief: "Auf zur transsibirischen Eisenbahn! Wir müssen nur in Nawoi, Urbach, Moskau, Minsk, Warschau, Ostberlin (Hauptstadt der DDR), Berlin und Lichtenfels umsteigen."

Ich staunte Jean fragend an. "Häää, transsibirische Eisenbahn? Kommt gar nicht in Frage. Wir haben doch das geklaute Flugzeug. Das geht in jedem Fall schneller. Und wer auch immer der gelehrte Zausel ist, müssen wir nicht mehr nach Tokio? Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung". Ich dachte auch an das prophezeite Finale mit der Zerstörung des noch fehlenden Buches und überlegte, ob nach dieser glorreichen Tat Jean wohl, in Asche verwandelt, zu Boden fällt weil seine Zeit eigentlich ja schon abgelaufen war. Ein schrecklicher Gedanke. Andererseits dachte ich über Jean's Worte nach. Alchemie, Magie und Zukunft. Ich schielte in meinen Ausschnitt und überlegte mir gerade, welche Vorzüge man aus der Magie doch nutzen könnte. Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Jean bemerkte das, grinste auch kurz, wurde dann aber wieder ernst. Ich starrte Jean fassungslos an als er sagte: "Hm, wer auch immer der gelehrte Zausel ist, wir müssen weiter. Wir fliegen zurück nach Deutschland. Wir hängen hier nur ab. Das hier ist reine Zeitverschwendung".

Jipiee, ich hatte mich durchgesetzt. Keine Eisenbahn, sondern Flieger. So lobe ich mir das. Und keine Zeitverschwendungen mehr durch unnütze Schießereien oder andere nervige Gegenspieler. Ja, Gegenspieler, richtig gelesen! Es ist wie beim Schach. Gegner eliminieren, keine Rückschritte machen, den Gegenkönig aushebeln. Während der Autofahrt zum Rollfeld scherzte ich noch mit Jean. "Hey Ritter, wie gefällt dir meine neue Sonnenbrille? Vorhin noch im Laden gekauft. Voll cool die Verspiegelung. Ich sage dir, daß ist der neuste Schrei". Jean lachte und nahm mich in den Arm. "Aha", fotzelte er, "Madame werden eine Kämpferin, ja?" und säuselte mir noch ins Ohr "eine verdammt hübsche Kämpferin". Ich schwebte auf Wolke Sieben. "Echt?" meine Augen leuchteten. Ich war völlig außer Fassung. "Jean, wo sind wir hier?" Doch er öffnete mir die Tür des Wagens. Ich stieg aus und war entsetzt. "Das sieht ja aus wie ein Bahnhof, da sind Gleise". Jean stand vor mir, die transsibirische Eisenbahn kam gerade dampfend in den Bahnhof gerollt.

"Donna, 2380km mit dir in einem eigenen Abteil, 2380km dir nur in deine Augen schauen, 2380km neben dir auf der Matratze ..." Ich hielt meinen Finger auf seine Lippen. "Stop Ritter, ich, äh, ----  ich gebe nach". Wir mussten beide lachen. Na ja, die Sitze vom Flugzeug waren ja auch gar nicht bequem, die Sonnenblende hatte keinen Schminkspiegel und überhaupt, fliegen ??? ... geht gar nicht!"

Im Zug gab es die erste Überraschung, denn wir sollten nicht über Nawoi und Urbach, sondern über Taschkent fahren, wobei uns Niemand sagen konnte, ob wir in Orenburg eventuell auch den Zug zu wechseln hätten. So ist das bei den Sowjets, dachte ich bei mir, sie sind dieses Jahr auf dem Mond gelandet, haben aber nicht 'mal einen Bahnfahrplan. Dann sah ich mir unser Abteil und seine Mitbenutzer genauer an: Jean, der am Gang Platz genommen hatte, saß eine dicke Bäuerin gegenüber, die unablässig in eine große Salatzwiebel biß und dann ausgiebig kaute. Mir gegenüber saß vermutlich ihr Ehemann, der in einem abgeschabten Anzug daherkam und der eine braune Ziege auf dem Schoß sitzen hatte. Zu seinen Füßen stand ein Korb mit Hühnern.

"Toll, Jean," dachte ich bei mir, "das wird ja 'ne richtig romantische Reise." Jeans Gegenüber faßte in einen braunen Leinensack und bot uns Salatzwiebeln an, die wir aus Gründen der Gastfreundschaft dankend annahmen. "Eßt, Kinder, eßt," ermunterte uns die Bauersfrau, gab ihrem Mann auch eine Zwiebel  und wenige Minuten später saßen wir in kauender Eintracht in unserem Viererabteil, nur die Ziege kaute gerade nicht. Als wir die Zwiebeln etwa zur Hälfte gegessen hatten, griff der Mann an seiner Ziege vorbei nach einer irdenen Flasche und fragte: "Wodka?" "Danke, ja" antwortete Jean und der Mann sagte zu seiner Frau: "Hol' Tee dazu."

"Kommen sie aus Buchara?" fragte ich mein Gegenüber und dieser antwortete: "Ja. Sie kennen die Stadt?" "Ich habe dort den leckersten Hammel meines Lebens gegessen" antwortete ich ihm und er weinte vor Freude (oder doch wegen der Zwiebel?). "Wissen Sie, meine Frau und ich, wir fahren nach Ostberlin (Hauptstadt der DDR). Mein Sohn, der Offizier bei der ruhmreichen roten Armee ist, hat uns zu seiner Heirat eingeladen und diese Platzkarten für den Zug geschickt. Deswegen auch die Ziege und die Hühner." Jean blickte auf die Platzkarten, sah mich an und stammelte: "Den Plätzen nach fahren wir bis Ostberlin (Hauptstadt der DDR) gemeinsam. Wir haben also genügend Zeit, uns für die Zwiebeln und das Wässerchen zu revanchieren." "Danke, Jean," zischte ich ihm zu, "daß Du die Schlafwagenreservierung vergessen hast." "Hab' ich nicht. Aber sie haben keinen Schlafwagen, der Fahrkartenverkäufer hat seufzend "Sowjetzeiten" gestöhnt. Aber zwischen Moskau und Minsk soll es einen bestechlichen Schaffner geben, der sein Personalabteil vermietet, nur Geduld."

Die erste Nacht in unserem Abteil verlief recht geruhsam. Nachdem ich mich mit der Ziege angefreundet hatte, diente sie mir als Zudecke, während der Rest unserer Reisegruppe den Spätfolgen des Wodkas vermittels kollektiven Schnarchens hörbaren Tribut zollte. Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege ein Stückchen zur Seite schob und fragte ihn: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?"

Das Ei war tierisch lecker. Ich bat Jean und den Bauern noch, die Plätze zu tauschen. So hatte ich Jean gegenüber und konnte wenigstens, meine Schuhe ausgezogen, ein wenig füßeln. Wir mussten beide lachen, als ich mit meinen Füßen unter Jean’s Hosenbeine ging und diese an seinen Beinen wärmte. Schade, dass da nicht mehr drin war. So vertrieben wir uns die Zeit mit kleinen Neckigkeiten und Spielereien. Jean schaute mich plötzlich interessiert an als ich ihn zwar anschaute aber gar nicht wirklich wahrnahm. Irgendwie blickte ich an ihm vorbei. Ich war tief in Gedanken versunken. Da war noch so ein Gedanke, den ich übersehen hatte und ich ließ mich blenden von dem Leben der Donna. Aber nun ratterte es in meiner Birne. Der Faden des Gedanken, was puzzelte sich denn gerade in meinem Kopf zusammen? Ich zuckte kurz zusammen. Ich war wie elektrisiert. Die Ziege ködelte vor Angst als ich abrupt aufsprang und los schrie.
„IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH !!!!!!!!!!“

Die Bauernfrau und ihr Mann starrten mich an. Dann lachte der Bauer: „Gemüsezwiebel belasten Darm ein wenig, was?“ Ich setzte mich wieder hin. Jean sah mich fragend an. Jaaaaaaaaaa, dachte ich mir, jaaaaaaaaa, das isses! Ich hab’s kapiert. Ein Puzzlestück passt mehr. Mein Ritter machte sich eigene Gedanken. „Donna, ist alles in Ordnung?“ Doch ich antwortete ihm nicht. Ich räkelte mich in meinem Sitz. Meine Beine schlug ich gekonnt über einander und ich wurde schon wieder so was von cool und selbstsicher. Ich fuhr mit meinen Händen durch die Haare und schüttelte sie, so dass ich eine wilde Mähne hatte.

Jean schaute immer interessierter. Er sah eine tolle Schnalle, die ihn provozierte in dem sie ihre Zunge zeigte und damit spielte. Er sah, dass seine Donna die Augen zusammen kniff und ihn scharf anschaute. Jean musste schlucken. Donna spielte mit ihm. Jean wurde aber richtig nervös, als Donna etwas machte, womit er nicht gerechnet hatte !!!

Ich presste die kleine runde Scheibe, die an meiner Halskette hing, zwischen meine Lippen. Dann öffnete ich die Kette, löste sie von der Scheibe und ließ sie in meinen Ausschnitt fließen. Ich nahm die Scheibe in die Hand. „Jean, was habe ich hier in meiner Hand? Hm?“ Ich beobachtete Jean’s Augen. „Ahem“ räusperte sich Jean, „Das ist eine kleine Scheibe mit einem Loch drin“. „Nein Jean, das ist keine Scheibe, sondern ein Achteck!“ Mein Gegenüber wollte mehr wissen: „Ja und?“ fragte er mich. „Hey Ritter, das Material ist Gestein und Grün!“ Jean ahnte, was ich ahnte, „Sprich weiter, Donna“. Meine Antwort kam prompt: „Montezuma lässt grüßen! Jean, das was ich hier in der Hand habe, ist ein aztekischer Kalender. Während meiner Studienzeit in Fort Alamo konnte ich diese Art von Artefakt studieren“. Jean war sichtlich überrascht, dass ich sein Geheimnis lüftete. „Donna, mach weiter“ forderte er mich auf. „Ein Zeitenspiegel, er muss da hin wo er war“. Ich nahm die Scheibe und fummelte ihn in den Ring rein. Ein hörbares Klicken bestätigte meine Vermutung, die nun zur Gewissheit wurde. „Jean, ein Zeitenring, den du mir gegeben hast – und ich kann nicht anders…“ Jean wollte gerade aufspringen um mich zurückzuhalten. Doch es war schon zu spät. Ich berührte mit einem Fuß sein Bein und drehte an der Scheibe ein wenig in Richtung Uhrzeigersinn. Ein Blitz hat sich vor uns auf .

Ich stand auf einer großen Sanddüne und vermutete mich in der Sahara. Mein Kleid flatterte vom warmen Wind. Der Sonnenuntergang war wunderschön, der Himmel und die Luft rot gefärbt. „Donna, ich bin hier“ hörte ich Jean hallartig rufen. Ich drehte mich um – und war begeistert. „Jean, es ist unglaublich! Das da, … „ ich zeigte hinter ihm, „ das da, das ist …“ und Donna sah auf der Südseite des hohen marokkanischen Atlas-Gebirges hunderttausende von gebogenen Spiegeln, die strukturiert ausgerichtet waren, „… das ist die Zukunft!“ sprach Jean für mich weiter. „Ja Donna, nun weißt du um die Magie deines Ringes. Damit können wir in die Zukunft, sowie auch in die Vergangenheit reisen. Wir können die Geschichte erleben, wie einen Film gucken. Aber anfassen oder etwas verändern können wir nicht“. „Jean, wir sollten zurück in den Zug. Ich vermute, dass unsere Körper da einfach starr rum sitzen und das könnte auffallen“. Jean nickte mir zu. Bevor ich den Zeitkalender auf meinem Ring wieder auf die alte Stelle zurückdrehte, versprach ich noch meinem Ritter „Aber mein Ritter, eine große Reise werde ich mit dem Ring später noch machen – eine Zeitreise zurück zum amerikanischen Bürgerkrieg!!!“

Niemand im Abteil hatte etwas bemerkt als unser Bewusstsein zurück in der Gegenwart war. Jean strahlte mich an. Ich war auch glücklich, doch jetzt brauchte ich nur noch eines – einen Ort, wo ich mit meinem Ritter alleine seien konnte!

Viel zu früh weckte uns der Zugbegleiter mit dem Ruf: "Heißes Wasser oder keinen Kaffee! Die sowjetische Eisenbahn wünscht Ihnen einen Guten Morgen!" Ich nahm die Kette und die daran hängende und zwischen meinen Lippen befindliche Scheibe aus meinem Mund und rief nach dem Heißwasserknecht, indem ich die Ziege, die mir bis dahin als Zudecke diente, ein Stückchen zur Seite schob und fragte: "Haben Sie ansonsten auch kein Frühstück?" "Mal sehen," antwortete der Sowjetheißwässerer, griff in den Hühnerkorb am Boden, holte zwei Eier aus dem Korb und fragte mich: "Halbe, halbe?" "Nur mit Kaffee!" hustete ich ihm hin und hörte sein "Selbstverständlich. Ihr Ei: Gekocht oder gebraten?" "Hatten wir das nicht eben schon?" fragte ich vorsichtshalber nach.

Ja ok, der Schaffner sagte zu uns, dass wir in Orenburg den Zug wechseln müssen. Der Anschlusszug steht aber auf dem gleichen Bahnsteig, es wäre also ganz einfach. in 10 Minuten würden wir übrigens Orenburg erreichen. Es ist wie vom Schiff runter auf das Festland wenn du aus dem Zug torkelst. Für eine kurze Zeit wieder festen Boden unter sich, mir war schon ganz schlecht. Jean stütze mich und wir überquerten den Bahnsteig zum Anschlusszug. Also, nicht das die Leser jetzt denken sollten, hier wird nur ein einfallsloser Roman getippt. Er stand tatsächlich auf einmal vor uns. Ich erschrak und Jean schaute sich panisch um. Der kaukasische Fleischklops stützte sich an Krücken und schaute uns nur an. Es gab aber auch keine Militärs oder KGB-Agenten, die sich jetzt auf uns stürzten. "Wir" waren also nur zu dritt. Ich sprach die Krücke als erstes an. "Hey Agent, wer entschuldigt sich nun für welche Tat?" Der Fleischklops tat aber ganz nachdenklich. "Oh Lady, meine Beine sind schon wieder Ok und wir sind ja irgendwie quitt". Ich war sprachlos, der Dicke konnte ja richtig gut reden und er fügte noch an: "Ich habe übrigens den Auftraggeber gewechselt. Gutes Gehalt, bessere Informationen, coole Dienstausstattung". Zu meinem Erstaunen setzte er eine verspiegelte Sonnenbrille auf. Jean lachte als der Dicke weitersprach: "Die Brille ist voll cool, der neuste Schrei". Dann humpelte er mit seinen Krücken von dannen. Ohne sich umzudrehen sagte er noch: "Mein neuer Auftraggeber hat ES übrigens nach Bayern bringen lassen. ES war übrigens die ganzen Jahre seit dem Verschwinden im Lincoln Memorial unter dem Hintern des ollen Präsidenten einzementiert."

Der Schaffner forderte uns auf, den Zug aufzusuchen, ein Pfeifen kündigte die Ausfahrt aus dem Bahnhof an. Die meisten Abteile waren leer. Der Zugbegleiter meinte, wir können uns ganz breit machen und das Abteil für uns nutzen. So schnell hatte ich noch nie eine Tür zugezogen und die Vorhänge verschlossen. "Hey Ritter, ich entschuldige mich schon mal für den Knutschfleck an deinem Hals". "Donna, ich habe doch gar keinen Knutsch ....", weiter kam er nicht.

Ich hatte mich gerade in Jean verbissen und er sich in mich, da öffnete sich die Abteiltür und der Bauer, die Bäuerin, die Hühner und die Ziege standen in unserer Sicht. Wir bedeuteten unseren Wunsch, alleine sein zu wollen und der Bauer verabschiedete sich -jedenfalls für den Moment- mit der Drohung: "Machen wir später Frauentausch? Wenn meine Frau nicht gefällt, gebe ich gerne auch die Ziege." Dann schlossen sie die Türe und wir hatten wieder unsere Ruhe.

"Wo waren wir liegen geblieben?" fragte Jean und ich biß ihm erneut in den Hals, während Jean mit seinen Fingern in der Nähe meiner Ohren herumstocherte. Mal sehen, ob er auch andere Körperöffnungen suchen wird, dachte ich bei mir und faßte ihm in den Schritt. Ein massives metallisches Gerät tat sich in meiner Hand auf und ich sah Jean fragend an: "Ein Keuschheitsgürtel?" "Eine Prothese," antwortete Jean, "Du vergißt mein biologisches Alter." Während Jean verwirrte Blicke abbekam, kicherte er kurz und führte fort: "Verdammt, bist Du leicht verwirrbar. Mediziner nennen das, was Du in der Hand hast, einen erigierten Penis. Mein letzter Sexualverkehr war zu Zeiten der Weimarer Republik. Bin einfach nicht mehr dazu gekommen, dabei folglich noch weniger. Naja, alle zehn Jahre nehme ich das selbst in die Hand." Ich nahm Jeans Hände, entfernte seine Finger aus meinen Ohren und begann, ihm die Hose zu öffnen.

Kaum drei Tage später hatten wir Bayreuth erreicht.

Ich wusste nun um die Region des Showdowns und eine Freundin, sich sich noch melden wollte, könnte hier sicher einiges dazu beitragen. Außerdem wird das Buch der Apokalypse, bevor es zerstört wird, noch genau erforscht. Kann ja sein, dass da noch eine Zauberformel drin ist, so dass Jean, also ein Jungbrunnen wäre ja übertrieben, aber ... und vielleicht noch ein paar Zaubertipps für en femme Add-Ons so oder irgendwie, üppige Ausstattung eben.

Jedenfalls hatten wir (Gott sein Dank endlich) Bayreuth erreicht, wenngleich die Menschen normalerweise Gott zu danken pflegen, wenn sie Bayreuth verlassen dürfen.

Wir traten aus dem Bahnhof und ich verspürte nach der ganzen Plörre im Zug den dringenden Wunsch, endlich einen richtigen Café zu trinken. Ein Blick nach links und dort war ein kleines Café mit Konditorei, wohin ich Jean zu ziehen versuchte. Jean wehrte kurz ab und sagte: "Beim Döring ist die Auswahl immer recht bescheiden, gehen wir um's Eck zum Oetter." Wir liefen einige Meter, und sahen ein Café, vor dem noch einige Plätze in der Nachmittagssonne zum Verweilen einluden, wenngleich die umliegenden Häuser gerade keinen besonders heimeligen Eindruck machten. Als die Bedienung kam, bestellte Jean "Zwei Kaffee, bitte," worauf die Bedienung umgehend auf ein Schildchen auf dem Tisch verwies: "Draußen gibt's nur Kännchen!" "Dann eben zwei Kännchen," und die Bedienung schlich von dannen.

"Woher kennst Du eigentlich Bayreuth so gut?" fragte ich Jean und stützte mein Kinn auf seinem Handrücken auf. "Wegen der Festspiele," entgegnete Jean "die dort oben, an der Post vorbei noch 'nen Kilometer weiter in den nächsten Tagen wieder beginnen. Dieses Jahr geben sie wieder den Tannhäuser, den ich zuletzt 1930 unter der musikalischen Leitung von Arturo Toscanini in einer Inszinierung von Siegfried Wagner gesehen und gehört habe. Besonders blöd ist die Stelle, wo der Sänger auf die Bühne kommt und 'ne Viertel Stunde gröhlt: "Mein Heil liegt in Elisabeth!". Soll der halt seinen Mist nicht überall rumliegen lassen."

Schon kamen unsere beiden Kännchen, die Bedienung stellte sie ab und sagte: "Wenn's an Ku'gn mög'n, müß' geh' nei!" "Was sagt sie?" fragte ich Jean und Jean übersetzte: "Fall Du Kuchen magst, müßtest Du ihn Dir drinne aussuchen." "Nein Danke," sagte ich der Bedienung, aber ob der demnächst hier stattfindenden Versammlung von Wichtigtuern auf dem sobezeichneten grünen Hügel fügte Jean grinsend hinzu: "Sie hätte gerne noch 'nen Tee zum Kaffee, wissen Sie: Das hat sie sich in Buchara so angewöhnt." "Wos mit Bücha?" antwortete unser blondierter und dauergewellter Sonnenschein mit Schürzchen, "des is' nix für mi." Dann dackelte sie ab und brachte ein Kännchen Tee, in dem ein Teebeutel traurig seine Runde schwamm und dünne Fadheit erzeugte. Jean stand auf, verschwand in der Konditorei und kehrte mit einem Gebäck zurück, das als eine Hülle mit Puderzucker bestäubt erschien, die innen vollständig mit geschlagener Sahne gefüllt war. Auf meine großen Augen entgegnete Jean: "Ein Windbeutel" und veranstaltete sofort ein wüstes Tellergemetzel, aus dem er als (ob der Sahne) angeschlagener Sieger hervorging.

6. Kapitel

Während in Bayreuth noch ein Windbeutel gemetzelt wurde, hing einige Kilometer entfernt der Professor seit nunmehr ebenso einigen Tagen am Dauerstrom. Schultz und Schlutz konnten sich bislang nicht einigen, wohin mit ihm, so daß sie ihm wechselseitig alle Stromarten und Stromstärken, die ihnen so einfielen, durch den Körper jagten. Der Professor selbst sah optisch mittlerweile aus, wie eine Mischung aus Grill-, Räucher- und Dörrfleisch und aus seinen Ohren stiegen kleine, weiße Wölkchen auf. Schultz sagte zu Schlutz: "Kuck' 'mal, weiße Wölkchen. Da wurde wohl ein neuer Papst gewählt." Schlutz entgegnete: "Warum habe ich bei dem Geruch hier immer das Bedürfnis nach 'ner Bratwurst?"

Jean bestellte noch einen Kaffee und wollte seiner Donna noch etwas erzählen, stockte aber. Seine Donna schien ihn gar nicht zu hören. Jean schaute auf ihre Sonnenbrille, konnte aber die Augen nicht erkennen. War sie wieder in Gedanken und würde gleich schreiend aufspringen, so wie im Zug vor ein paar Tagen? Sein Blick glitt auf ihre Hände herunter. Jean sah, dass der Mittelfinger ihrer rechten Hand auf der Scheibe des Ringes lag. Bei genauerem Hinsehen konnte man erkennen, dass Donna die Scheibe ganz leicht hin und her drehte. Donna war auf Zeitreise. Der Kaffee kam und die Serviererin bemerkte nichts. So trank Jean seinen Kaffee und wartete bis Donna fertig war. Ein Zucken ihres Körpers und ein Blick auf Jean verriet ihre Rückkehr in die Gegenwart. Dann sprang Donna auf. "Jean, wir müssen ein Taxi finden, er lebt noch!"

Die Agenten Schultz und Schlutz wollten gerade nach einer Kaffee-Pause dem Professor eine finale Durchstömung verpassen, da wurde die Tür des Folterraumes geöffnet. Donna zielte mit beiden Pistolen auf die Beine der Folterknechte und drückte je zwei mal ab, worauf diese auch wie gewünscht zusammen brachen. "Gute Treffer" konnte Jean lobend erwähnen. Neben dem noch angeschnalltem Professor sah Jean ein Telefon und während Donna den völlig erschöpften Professor los machte, wählte Jean die Notrufnummer.

Der Stationsarzt der Intensivstation versprach, den Professor gut zu pflegen. "Die Brandwunden werden wohl zu Narben, aber Hauptsache, die Gehirnfunktionen ist nicht geschädigt". Vor dem Krankenhaus wartete inzwischen die vom Arzt gerufene Polizei. Aber niemand bemerkte, dass ein Paar das Krankenhaus durch den Hintereingang verließ.

"Nach dem Geruch habe ich Bock auf Bratwürste und ein Beck'n," verkündete Jean und ich verbesserte ihn "Beck's." "Nein, Beck'n. Nach dem Traditionsrezept von Konrad Lang. Auf nach Büchenbach bei Pegnitz!" "Und wie kommen wir dort hin?" "Laß' uns Porsche fahren. Die schönste Art, was was von der Landschaft zu sehen. Da drüben steht so ein Ding." Wir liefen auf einen Traktor zu, Jean grinste und zeigte auf den Schriftzug auf der Motorhaube, wo in goldener Schrift "Porsche" stand.

Jean startete den Diesel und gemächlich tuckerten wir über Land, durch Wiesen, Felder und Wälder, vorbei an Weilern und durch Dörfchen, bis wir schließlich Büchenbach erreichten. Vor der kleinen Brauerei standen -für ein Dorf um diese Uhrzeit jedenfalls- ungewöhnlich viele Motorräder, die mir sittsam bekannt vorkamen. "Jean, ich glaube, die Fahrer dieser Maschinen kenne ich. Mich wundert nur, daß sie hier sind und nicht an 'ner Tanke."

Wir betraten das Lokal und selbstverständlich war es gut gefüllt mit meinen Rockern, die hackestramm mit gläsernem Blick in meine Richtung sahen und "Ey, Sers!" riefen. "Was macht ihr denn hier?" fragte ich unbedarft und der Rockervorsteher lallte: "Wenig Tanken in der Gegend hier. Aber unglaublich viele Brauereien. Also brüllen wir jetzt statt "Tanke" "Brauhaus" und gehen dann gepflegt schütten. Wo warst Du eigentlich neulich auf einmal?" Ich erzählte einige belanglose Schwänke aus den vergangenen Tagen, die Rocker knallten in der Zeit vier halbe Liter Bier und als ich fertig war, erntete ich ein allgemeines "Stark, ey!" Ein älterer Mann auf dem Dorfe blickte mich mit alkoholgefüllten Augen an und seufzte: "Nach Buchara wollt' ich auch 'mal. In Stalingrad mußte ich meine Reise aber abbrechen. Wurde zu kalt und außerdem ist uns das Benzin ausgegangen."

Der Rockerchef blickte nun auf Jean und fragte: "Wo kommst Du eigentlich her, wenn Du schon so heißt wie meine Hose? Ami? Aus Grafenwöhr?" "Nein, nein," wehrte Jean ab, "meine Eltern waren frankophil." "Viele Franken?" war die Antwort, "Nein, sie standen halt auf Frankreich." "Frankreich, schönes Land," knarrzte der ältere Mann hinter dem Bierglas, "da war ich auch 'mal. In Paris ist uns der Champagner ausgegangen. Und weil ich dann einen Schäferhund getreten habe, durfte ich mir raussuchen, ob ich nach Buchara oder Kairo möchte. Und Afrika hatte ich keine Lust, trotz dem Rommel. Dem ist nämlich nie der Schnaps ausgegangen, dem alten Wüstenhund."

Totenstille herrschte im Saal und alle starrten auf eine Donna, die erst in Gedanken war, kurz zusammen zuckte um anschließend brüllend aufzuspringen. Jean wollte die Situation noch retten und sagte in die Runde "Das hat die öfters, liegt an den Hormonen". Ein schallendes Gelächter zeigte eine sturz betrunkene Truppe, die sich wieder ihrem Biere hingaben. Jean schaute mich an "Donna, was ist los mit dir?"

Ich wusste nun Bescheid. Wie blöd konnte ich sein, die einfachsten Dinge nicht zu bemerken. "Jean, ihr habt mich angelogen. Ihr gehört alle zusammen. Die Ritter des Wasauchimmers mögen mir erzählen was sie wollen. Tatsache ist, dass ihr nicht das Original des Buches der Apokalypse habt, sondern nur ein - Plagiat." Jean staunte nicht schlecht über meine Analyse. "Ach, ich habe also schon das Buch und Frau Doktor Superklug hat eine eigene Vision darüber und glaubt, mich durchschaut zu haben, ja?" Jean versuchte noch die lächerliche Schiene, kam aber nicht wirklich überzeugend rüber. Ich rückte ganz dicht an ihn ran und starrte selbstsicher in seine Augen. "Ja, mein Herr Ritter, ich habe eine eigene Version und schon bald werde ich dir zeigen, was du schon erfolglos versucht hast". Jean schluckte und Schweißperlen bedeckten seine Stirn. "Donna, wir sollten einen Spaziergang machen und ich bin ganz Ohr, was du mir erklären willst".

"Besorg' erst 'mal 'ne richtige Karre," bedeutete ich Jean, "dann fahren wir Richtung Kulmbach, genauer nach Guttenberg. Der Name des ehemals erblichen Reichrats und Diplomaten Maximilian aus diesem Dörfchen könnte Dir doch etwas sagen, oder?" Jean schluckte und kleine Schweißperlen begannen, seine Stirn hinunter zu rinnen. "Oder Wolfgang, der ehemalige Ordensritter?" Die Schweißperlen wurden größer. "Wie hieß nochmal der Domherr, der aus diesem Dörfchen kam?" Jean rann der Schweiß in Bächen von der Stirn und er atmete schwer, rang nach Luft und presste hervor: "Sie sind oder waren die Hüter des Buches, die aus Guttenberg." "Nein," war meine Antwort, "die Hüter des Plagiats."

"Wie kommst Du darauf?" fragte Jean. "Laß uns fahren und Du wirst sehen." Jean sah sich eine Weile im Dorf um und zeigte auf ein Fahrzeug: "Der neue Opel Rekord, fahren wir." Nach wenigen Sekunden hatte er das Fahrzeug geöffnet, kurzgeschlossen und wir fuhren Richtung Kulmbach. Ich drehte am Radioknopf und wir hörten aus dem Lautsprecher: "Marmor, Stein und Eisen bricht." "Bei diesem Lied könnt ich auch brechen," entfuhr es mir und ich drehte am Senderrad, bis aus dem Radio "Paperback Writer" von den Beatles ertönte. "Ausgerechnet!" fluchte Jean. "Paul ist mein Freund," flötete ich und begann, mitzusingen.

Nach kurzer Fahrt über die Landstraße kamen wir zur Autobahn. Mit dem Porsche war es nicht möglich gewesen, diese zu benutzen. Jedoch schon nach wenigen Kilometern, wäre mir eine weitere Fahrt mit dem Traktor lieber gewesen. Die Betonplatten des Straßenbelages versetzten den Rekord in eine Art Schaukelbewegung. "plop plop plop" begleitete ich das Geräusch der Reifen. Jean erklärte mir daß bei der Planung der A3 eben schon darauf geachtet wurde, daß irgendwann auch schweres Gerät Richtung Osten verbracht wird. Mit dieser Belastbarkeit konnten sonst nur Pflastersteine konkurrieren. Erfreulicher Weise hatte nach etwa einer Stunde die unangenehme Massage meiner Rückenwirbel und meiner Nerven ein Ende. "Hier müssen wir runter", erklärte Jean, "Kulmbach 24KM" stand auf dem ersten Wegweiser nach er Ausfahrt, und darunter "Himmelkron 3KM". "Ach ja", wies mich Jean hin, "da machen wir noch einen kurzen Halt, in Himmelkron". Ich rutschte mich auf dem, extrem nach Kunststoff riechenden, Sitz wieder etwas höher. "Was willst du den dort?" fragte ich erstaunt. "Wirst schon sehen" wimmelte er meine Frage ab.

Vor einem alten Klostergebäude, mit angebauter gotischer Kirche stellte Jean den Motor ab. "Komm mit," bat mich Jean, "ich brauche deine Hilfe". Willst du beten, oder gar beichten?", fragte ich etwas verschmitzt. "Erzähle bloß nichts von dem Schlafabteil", meine Mundwinkel wanderten nach oben, "das versteht ein Pfaffe sowieso nicht, was ich mit dir in den beiden Nächten gemacht habe" . Er führte mich in eine kleine Kapelle, deren spitzbogige Türe sich im Klosterhof befand. Gruselige Sandsteinfiguren säumten den Eingang. Die Decke des sehr eng bemessenen Inneren war durch ein Kreuzgewölbe gestützt. Hinter dem Altartisch eine weitere gotische Türe, auf die Jean sofort zusteuerte. Ich erstarrte, als ich erkannte was sich dahinter verbarg. Vier aus Holz prachtvoll geschnitzte Särge, die Zwei mal Zwei angeordnet waren. Auf den Deckeln hatte der Schnitzer wohl die Männer, die darin liegen sollten, in Harnisch oder Rüstung verewigt. "Friedrich Christian, das ist der richtige," flüsterte Jean etwas aufgeregt, "hilf mir"! Zusammen schoben wir den schweren Eichendeckel zur Seite. Sofort erfüllte sich die Gruft mit einem Geruch, der an die Küche einer schlecht geführten Gaststätte erinnerte. Ich vermied es Anfangs, ins innere des Schreines zu blicken. Erst als Jean etwas herauszuholen schien, überwog meinen Neugierde die Abscheu . "Das ist eine Richtige," brüstete er sich stolz, " die streut gut" . Er hielt eine prunkvoll , mit gravierten Silberblechen verzierte, Pistole in der Hand, deren riesig Lauföffnung mich irgendwie an ein einzelnes Horn einer Schalmei erinnerte. In der anderen Hand hielt er ein kleines Hörnchen mit Silberspitze, und ein Ledersäckchen. Mit richtiger Knarre hatte ich zwar etwas anderes gemeint, aber besser als nichts, dachte ich. Wir schoben den Deckel wieder etwas zurecht, und verließen diesen schaurigen Ort.

Wieder zurück im Wagen angekommen wickelte er dieses antike Schmuckstück in die Jacke, die auf dem Rücksitz lag. Bis Guttenberg war es nicht mehr weit, deshalb wollte ich die kurze Zeit der Fahrt nutzen, um zu erfahren, woher er von der Beigabe wußte. "Die Linie derer von Brandenburg-Bayreuth ist offiziell mit dem Tod des letzten Markgrafen Friedrich Christian 1769 ausgestorben", erklärte mir Jean. "er war mein Urgroßvater!" Danach blieb er, etwas in Gedanken versunken, still, bis rechts das Ortsschild vorbei huschte: "Guttenberg".

Jean stoppte den Opel vor einer Telefonzelle. Er entschuldigte sich für ein paar Minuten und ich sah in der Telefonzelle einen wild artikulierenden Jean, der mehrfach telefonierte. Nach den Gesprächen setzte er sich wieder in den Wagen und startete den Motor. "Donna, ich habe alle zusammen gerufen, wir treffen uns gleich". Aha, dachte ich, es geht los. Wurde auch Zeit. Ich war mehr als neugierig auf das Buch - auf das Plagiat. Wir hielten in der Dunkelheit und betraten ein altes Gebäude.

"Jean?", "Ja, Donna?", "Jean, wir befinden uns in einer - Kirche". Jean runzelte die Stirn, "Ja richtig, ich finde den Ort der Zusammenkunft passend" und er fügte noch an "Die Anderen sind auch da". Ich sah im hinteren Kirchenbereich unter der Kuppel ein Haufen alter Männer, alle fast gleich gekleidet. Jean schaute mich entsetzt an, "Donna, warum hast du deine Schuhe ausgezogen?" Ich blickte an mir herunter, sah meine Füße. Ich schaute stumm zurück, entdeckte meine Schuhe an der Eingangstür. Warum hatte ich meine Schuhe ausgezogen? Ich wusste darauf keine Antwort, ging zurück und zog die Schuhe wieder an. Wir gingen nach vorn zum Altar. "Jean, ist das nun der Augenblick wo du das Buch hervor holst?" Ein Raunen der alten Männer ging durch ihre Reihen.

Jean ging zu einer Kiste und nahm ein großes Buch heraus. Es war nicht das Buch, welches ich erwartet hatte!!! Er legte es auf den Altar und seine Stimme klang ein wenig verzweifelt. "Ich gebe es zu, wir haben es nicht geschafft, das Rätsel dieses Buches zu lösen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir wissen nur, dass es zerstört werden muss".

Ich las die Schrift auf dem Buch, erkannte die Zeichnungen und Symbole. "Ah, alt-phönizische Schrift", analysierte ich und blickte zu Jean herüber. "Mein Ritter, dieses Buch mag voller Magie und Geist sein und es erzählt bestimmt auch von dem Unheil über die Menschen, aber keinesfalls ist dieses Buch eine Gefahr für den Menschen selbst". Jean und die Männer schauten sich fragend an. Einer der Männer trat hervor, hob warnend einen Zeigefinger, "Dieses Buch ist verflucht, es ist das Buch der Apokalypse" sagte er. Ein zustimmendes Nicken der anderen Männer unterstütze seine These.

Die Kirchentür wurde plötzlich weit aufgestoßen und wir drehten uns alle um. Ein Krankenpfleger schob den Professor in einem Rollstuhl durch die Tür. Der Professor schien mir gut gelaunt und ich war froh, meinen ehemaligen Mentor so gesund zu sehen. "Hallo Anwesende", rief er uns herüber, "Ich komme also noch nicht zu spät". Jean wollte von dem Professor eine Bestätigung haben, "Professor, du meinst, du kannst gerade noch Donna von einer Unglückstat zurückhalten?" Der Professor entgegnete "Nein, ich will dabei sein wenn Donna das Buch öffnet!"

Das Raunen der Männer wurde lauter. Ich persönlich fühlte mich aber gut. Offensichtlich hatte ich als Einzige die Möglichkeit, das Buch zu öffnen. Schließlich erkannte ich, wem Buch das einmal gehörte. Ich war mir jedenfalls ganz sicher. Ich wollte gerade die Männer beruhigen, "Meine Herren Ritter und Gäste, ich möchte sie bitten, ..." weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Die beiden Polizisten von dem Krankenhaus-Einsatz stürzten in die Kirche. Sie hielten ihre Pistolen auf uns gerichtet und riefen "Alle die Hände hoch". Wir rissen unsere Hände in die Höhe bis auf den Professor, der auf die Polizisten einredete. "Meine Herren, ich bin nicht entführt worden und das hier sind alle meine Freunde". Ein "Achso, na dann .." eines Polizeibeamten ließ uns vermuten, die Hände könnten wieder herunter genommen werden. Die Stimmung beruhigte sich wieder.

Aber einer der Ritter trat hervor und warnte die Polizisten, "Diese Frau will das Buch der Apokalypse öffnen!" Die Polizisten schauten sich gegenseitig fragend an, "Ach, das Buch wurde vielleicht aus einem Museum gestohlen?" Einige Sekunden war alles still bis einer der Polizisten losbrüllte: "Alle die Hände wieder hoch". Wir waren etwas genervt und der Mann mit dem losen Mundwerk erntete strafende Blicke. Doch der Professor beruhigte ein weiteres mal die Ordnungshüter, "Meine Herren, das Buch wurde auch nicht geklaut und es ist alles in bester Ordnung". So konnten wir nun endlich die Hände wieder herunternehmen und ich fragte in die Runde, "Kann ich jetzt endlich anfangen?" "Meine Herren Anwesende, ich möchte mich nun dem Buch widmen und ihnen einiges dazu ..." weiter kam ich nicht.

Polternd knallten beide Kirchentüre an die Wand und der kaukasische Meat Loaf stürzte in die Kirche, "Ich mache den Trauzeugen!" Ein allgemeines, raunendes "Oh Nein!" machte die Runde. Ich strahlte unseren New Special Agent aber an und rief ihm rüber, "Soweit sind wir noch nicht".

Der kaukasische Klops sah das Buch und war ganz erschrocken, "Das Buch, das Buch" rief er. Einer der Polizisten meldete sich zu Wort und blickte Meat Loaf an. "Was ist denn nun mit dem Buch, wurde es geklaut?" Ein einhelliges "Nein!" aus der gesamten Runde zeigte, dass nun Schluss mit Hände-Hoch-Lustig war und alle Anwesenden sich nun auf das Buch konzentrieren wollten. Ein polizeiliches "Ja Ok" gab mir die Freiheit, meine Rede um das Buch zu beginnen.

Ich blickte in die Runde, "Können wir?" und alle verstummten um meinen Worten zu lauschen. "Meine Herren Anwesende, dieses Buch ist eindeutig ein - Original, keine Kopie und außerdem bisher sehr gut versteckt worden. Dieses Buch ist ...", weiter kam ich nicht.

Die Kirchentür wurde ein weiteres mal aufgestoßen. Ein Pfarrer stand uns gegenüber, "Habe ich einen Hochzeitstermin verpasst?" Alle waren irgendwie voll abgenervt. Nur der Professor meinte amüsiert "Der Trauzeuge ist auch schon da". Ein schallendes Gelächter machte die Runde. Ich musste zur Ordnung rufen, klärte den Pfarrer kurz auf und führte meine Rede weiter.

"Dieses Buch, meine Herren, ist keinesfalls böse und schon gar nicht ein Buch der Apokalypse. Dieses Buch ist uralt und die Worte wurden geschrieben aus der Hand vom Apostel Johannes persönlich !!!"

Totenstille herrschte in der Kirche und der Pfarrer kippte nach hinten weg. Während er so am Boden lag, erklang vor der Türe das Geräusch eines landenden Hubschraubers. Kurz darauf öffnete such die Tür und Paul Mc Cartney betrat den Raum, kam nach vorne, küßte mich auf die Wange und sah auf das Buch. "Endlich," sagte er "darf ich 'mal, bitte?" Er öffnete den Buchdeckel, blätterte einige Seiten durch und intonierte dann mit dem Finger unter verschiedenen Schriftzeichen: "Ob la di. Ob la da." Er wiederholte ein paar Mal "Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da. Ob la di. Ob la da." Dann begann er, zu summen und schließlich sang er "Ob la di, ob la da, live goes on bra," zeigte auf meine Brüste und grinste, "la-la, how the live goes on. Ob la di. Ob la da, live goes on bra, la-la."

"Klingt interessant," sagte ich, "noch mehr Musik drin?" Paul blätterte eine Weile, dann las er "Hubbbbba, hubbbbba, hubbbbbba, hubbbbba, hubbbbba
Neun, Hubbba." Er sah mich fragend an und meinte: "Klingt mehr nach Scheiße für John, fällt mir keine Musik zu ein." Er blätterte noch ein wenig lustlos durch das Buch, sah mich an und sagte: "Sieh zu, daß es nicht in falsche Hände gerät. Ich muß dann 'mal weg." Er küßte mich auf die Wange und verließ singend den Raum: "Ob la di. Ob la da, live goes on bra..." Draußen hörten dann wir den Hubschrauber starten und schließlich abheben.

Kurz darauf kam der Pfarrer wieder zu sich, sah sich um und fragte: "Habe ich etwas verpaßt?" Der Professor antwortete profan: "Ein Gastspiel von Paul Mc Cartney. Hat aber nur ein einziges Lied aus dem Buch vorgesungen. Ohne Begleitung." Der Pfarrer stöhnte "Nackt auch noch?" und sank wieder in sich zusammen.

Jean sah mich an und fragte: "Ein apostolisches Gesangsbuch?" Der Professor mischte sich ein: "So ähnlich. Johannes hat in seiner Freizeit alle möglichen Silbenkombinationen abgearbeitet, so daß letztlich auch jedes Lied, wenn man mit dem Buch zu kombinieren versteht, herauskommt. Schau' hier," der Professor nahm das Buch, öffnete wahllos eine Seite und las vor: "In a ga da da vi da. Eine interessante Textzeile. Oder schau' diese Silbenfolge: Wa de ha de du de da. Klingt nach deutschem Kinderlied." "Faszinierend," sagte Jean, "dann können wir ja alle Komponisten auf Plagiat verklagen?" Der Professor sah Jean an, blickte zu mir und meinte, ich solle es ihm sagen. "Das Urheberrecht ist längst abgelaufen, Jean. Nichts zu machen."

Jean blätterte in dem Buch, er schien zunehmend verwirrt. "Wenn ich es recht verstehe, ist jeder Liedtext auf der Welt ein Plagiat, wenn man den Johannes richtig lesen kann?" "So ist es, Jean," antwortete der Professor, "jedes Lied auf diesem Planeten ist von Johannes längst vorweggenommen." Der Pfarrer erwachte wieder und räusperte sich. "Egal, was sie jetzt sagen wollen, Hochwürden," setzte Jean an, "geben sie sich keine Mühe, es steht sowieso bei Johannes." "Na und, jetzt wird geheiratet," sagte der Pfarrer, sah mich an und fragte: "Sie sind die Braut?" "Wie oft denn noch," antwortete ich, "hier wird nicht geheiratet, jedenfalls jetzt nicht und ich nicht." "Was wollen sie dann alle hier?" fragte der Pfarrer "hier ist ja mehr los, als bei meinen Sonntagspredigten."

Ich fragte beim Pfarrer nach "Wann ist denn deine nächste Messe?" Der schaute mich an und meinte "In einer Stunde geht es los". "Prima, die Predigt halte ich" triumphierte ich. Jean blickte mich derweil leicht angezickt an. "Paul hat dich zwei mal geküsst" zischte es zwischen seinen Lippen heraus. "Ach, der Herr Ritter ist eifersüchtig?" zischte ich ebenso gekonnt zurück. Aber irgendwie war es auch dabei so niedlich.

Der Pfarrer starrte mich derweil an "Sie wollen die Messe halten?" Ein "Na Logo, das konnte ich früher schon gut" von mir ließ ihn zwar zweifeln, aber seine Neugierde wollte wohl auch wissen, ob ich das drauf hatte. Ich bekam seinen Segen. Die restlichen Ritter waren unsicher, was sie nun tun sollten. Ich bat sie, in den Sitzreihen Platz zu nehmen.

Und eine geile Idee hatte ich auch noch. Jean hätte mich beinahe erwürgt, aber ich fragte ganz unbedarft in die Runde "Hat ein Herr bitte einen Kugelschreiber für mich?" Bevor Jean auf mich stürzen konnte, bekam ich vom Pfarrer einen Kuli und kritzelte etwas ganz vorne in das Buch. Jean's Entsetzen stand in seinem Gesicht geschrieben. "Du hast wirklich im Original des 4ten Evangeliums herumgekritzelt?" Er stürzte sich auf mich, schaute dabei auf die von mir beschriebene Seite und hauchte mich - immer noch lesend -fassungslos an "An Paul und John, in Liebe, Eure Donna? Das ist doch kein Poesiealbum!" röchelte er noch bevor er kollabierend (oder so ähnlich) zusammen brach. Ich versuchte noch, Jean zu beruhigen und bat ihn, wieder auf seinen Platz zu gehen. Männer können ja manchmal so schrecklich kompliziert sein.

Die Kirche füllte sich derweil mit Kirchgängern. Sie sahen nicht so aus, als würden sie heute mal Tiefgreifendes von der Kanzel erfahren. Die waren wohl schon öfters da. Der Pfarrer hauchte mir dann auch zustimmend zu "Meine Stammgäste". Doch ich war mir sicher "Das bekomme ich hin". Ich gab Gas!

"Liebe Kirchengemeinde! Ich weiß, dass ihr alle die Inhalte aller Briefe, jener Apostel, die ausgezogen waren, die Worte Jesus Christi zu verbreiten, nicht mehr hören könnt - weil ihr sie alle schon auswendig aufsagen könnt".
Irgendwie nickten alle Kirchgänger zustimmend und der Pfaffe sah leicht frustriert aus.

"Erstens wird diese jetzige Messe verwendet werden, jene Ritter, die dort vor ihnen sitzen, ihren Verpflichtungen dankend zu entbinden. Sie hatten sich dazu verpflichtet, wichtige Unterlagen des Apostels Johannes bis zum heutigen Tage zu beschützen!" Es kam so etwas wie Bewunderung aus den Reihen der Kirchengemeinde zu den Rittern rüber. Ich bat Jean noch, mir seinen Ring zu geben. Ich bekam ihn wortlos.

Weiter führte ich an "Zweitens wird die heutige Messe dazu verwendet, zu erklären was nicht zu erklären ist!" und gleich hinterher fragend an die Kirchengäste "Was ist nicht zu erklären?"
Ich ging im Buch auf die letzte Seite, sie war noch nicht beschrieben. Ich machte dort sieben Satzzeichen.

Es kam eine zaghafte Stimme eines Gastes aus hinteren Sitzreihen "Kriege sind nicht zu erklären?!"

Das war mein Thema! "Ja richtig, Kriege sind nicht zu erklären! Ich möchte euch heute von den SIEBEN Weltkriegen berichten". Der erste Weltkrieg wurde keinesfalls durch die Ermordung eines österreichischen Thronfolgers ausgelöst". Die Ritter schauten sich gegenseitig an.

Ich fuhr fort "Ab Christi Zeiten wurde schon Europa und Klein Asien als ganze Welt angesehen.
Der erste Weltkrieg beinhaltete dabei nicht nur den Aufbau und Zerfall des römischen Reiches. Es war auch ein Krieg der Religionen und selbst die nachfolgend späteren Kreuzzüge passen in die Zeit noch mit hinein. Die Kreuzritter, sie zogen nach Klein Asien und nahmen den Menschen das Gold".
Der zweite Weltkrieg war zu Zeiten der Kolonisation. Sie segelten aus und nahmen den Menschen fern ihrer Heimat das neu gefundene Land".
Der dritte und vierte Weltkrieg, dass sind die Weltkriege, die sie kennen und die Europa so veränderten. Kriege angetrieben durch Selbstsucht und Wahnsinn".
Den fünften Weltkrieg erleben wir Zurzeit. Mächtige Konzerne ziehen in die Welt hinaus und nehmen den Menschen die Bodenschätze".

Die Kirchengäste staunten nicht schlecht. Weiter ging es "Der sechste Weltkrieg liegt in der Zukunft. Nostradamus selbst beschrieb ihn in seinen Aufzeichnungen. Er beschieb die Wüstenkriege. Aber selbst danach, Nostradamus schrieb von Zehntausend Jahren Frieden nach den Wüstenkriegen, es wird immer noch einen Krieg geben, den alle Menschen betrifft. Einen Weltkrieg, wo Menschen Menschen helfen. Es ist der Krieg gegen Hunger und Durst".

Während meiner Worte nahm ich meinen Ring vom Finger und legt beide Ringe auf das offene Buch. Ich schloß das Buch und die Ringe verschwanden in diesem. Das Buch war komplett geschlossen, die Ringe verschwunden. Die Ritter veränderten sich. Sie verjüngten sich, schauten sich gegenseitig ungläubig an. Jean hatte Tränen in den Augen und strahlte mich an. "Donna", rief er, "Was hast du gemacht? Ich fühle mich so lebendig, so jung". Ich lächelte alle an, zeigte über den Altar auf das Kreuz Jesu und sagte "Der war's". Dann schnappte ich mir das Buch und ging zu Jean. Ich beugte mich so hervor, dass Jean in meinen Ausschnitt schauen konnte. "Uff, Donna, das ist ja ein Ding". "Jean", ich küsste ihn auf die Wange, "Jean, zwei Dinger" zwinkerte ich ihm zu, setzte meine coole Sonnenbrille auf und beim Hinausgehen aus der Kirche drehte ich mich nochmal nach Jean um. "Alles eine Sache der Verhandlungen". Jean lachte mir hinterher, stutzte auf einmal und rief mir zu "Donna, was hast du denn noch verhandelt?" An der offenen Kirchentür drehte ich mich nochmal zu Jean, schob meine Sonnenbrille etwas herunter und schaute Jean voll cool über die Brille an. Ich lächelte ihn an, setzte meine Brille wieder richtig auf und ging flötend von dannen.

7. Kapitel

Jahre waren in's Land gegangen und man schrieb das Jahr 1976. Ich saß vor einem Café in einer mittelgroßen Stadt im Süden Deutschlands und trank einen Campari-Soda ohne Eis, während im Fernseher im Inneren des Cafés Uli Hoeneß einen Elfmeterschuß in den Belgrader Nachthimmel jagte. Aus dem Tanzschuppen am Ende der Straße hörte man Liederfetzen von Let Your Love Flow der Bellamy Brothers herüberwehen, gegenüber in der italienischen Pizzeria zankte die Bedienung mit süditalienischem Akzent einen Gast an, sie serviere keinen Tee zum Chianti. Kurz darauf verließ ein Gast das Lokal, der mir bekannt vorkam. Er ging an mir vorbei in das Café, bestellte einen Chianti und einen Tee und setzte sich mit beiden Getränken an meinen Tisch. Er rief "Cin-Cin!" in Richtung des italienischen Lokals, prostete mir zu und ich sagte: "Jean? Lange nicht mehr gesehen..."

"Fast genau eine Dekade, Donna, zehn lange Jahre. Gut schaust' aus." "Danke, Du aber auch, obwohl Du ein wenig zugenommen hast?" Jean sah ein wenig schmollend an sich herab, straffte das Hemd über seinem erkennbar deutlichen Bauchansatz, streichelte darüber und antwortete: "Mein Knödelfriedhof. War nicht billig. Wie ist es Dir so ergangen?" Ich griff in meine Handtasche, zückte eine verspiegelte Sonnenbrille, setzte sie auf meine Nase und schnippte mit dem Finger. Sekunden später standen zwei schwarze Anzüge mit weißen Hemden, gestreiften Krawatten und verspiegelten Sonnenbrillen neben mir und keuchten: "Agent Schlutz und Agent Schultz melden sich zur Stelle!"

"Wieviele Bücher haben wir heute geschlossen?" fragte ich und Schlutz antwortete: "Leider nur die gräßliche Speisekarte beim Griechen am Sportplatz." "Auch gut," antwortete ich mit einer Handbewegung und sah Jean an, "weißt Du, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hast Du auch geglaubt, die Ringe sind im Buch verschwunden?" Jean nickte und ich fuhr fort: "Alter Taschenspielertrick. Man macht mit den Dingern jedes Buch zu, ohne daß die Ringe futsch sind. In den letzten Jahren habe ich hunderte Bücher für immer verschlossen, vornehmlich religiöses Zeug aus vergangenen Zeiten."

Jean fragte mich "Und wo ist DAS Buch? Ich habe es nun seit zehn Jahren nicht mehr gesehen". "Jean, willst du es wissen? Dann folge mir". Die beiden Agenten bekamen noch eine Anweisung "Schultz und Schlutz, ab ins Hauptquatier und melden sie sich dort im Innendienst". Die beiden Knaller riefen gleichzeitig "Jawohl!" und verschwanden im Nu. Wir stiegen in mein Auto und fuhren los. "Donna, warum gibst du dich denn mit dem Agentenpöbel ab, der Professor würde dich umbringen wenn der das wüsste". "Jean, der Professor weiß das und wir sind uns einig, dass ich die Beiden am Besten im Griff habe. So können die nur noch geringen Schaden anrichten". Jean überlegte "Ja ok, das verstehe ich. Wo fahren wir eigentlich hin?" "Jean-Schatzl, zum Bahnhof fahren wir, wohin denn sonst". Den Wagen parkte ich vor meiner Cessna. Jean lachte, sagte aber nichts. Ein von mir ausgesprochenes "Ich fliege" wurde dann auch nicht angefechtet.

Die Wellen der Ägäis waren seicht und der Sonnenuntergang verlief in tollen roten Farben. Der warme Mittelmeerwind streichte über unsere nackte Haut. "Donna, was machen wir eigentlich in diesem Schlauchboot jetzt? Hast du das Buch in der Ägäis versenkt?" "Nö Ritter, schiele mal über den Rand zur Insel Patmos rüber. Oben auf dem Hügel, da wo der Friedhof ist, da liegt das Buch bei seinem Verfasser. Also jedenfalls da, wo der Körper vom Johannes liegt". Jean schaute über den Rand des Schlauchbootes und entdeckte auch den Friedhof. "Aha, da liegt also das Buch bei dem Geist vom Johannes". "Nö, ich glaube, der Geist vom Johannes rockt gerade in London!" Jean staunte "Echt? Wie dumm war ich eigentlich? Jetzt kapiere ich erst die Zusammenhänge".

Plötzlich lenkte er vom Thema ab "Donna, also wirklich, spielst du gerade da an meinem Schnippi rum?" "Jean, du fummelst ja auch an meiner Brust rum". "Donna, ich lasse nur meinem jungen Körper seinen freien Lauf". "Jupp Ritter, das steht fest". "Donna, wird das hier nun doch ein Porno?" "Jean, ich bitte dich, so ein romantischer Abend, ein Paar auf einem Boot im Mittelmeer, ...
... und außerdem sah ich im Kino die Abschußszene vom letzten James Bond, der lag auch mit einer Frau im Schlauchboot".

"Donna, Donna Doria!" "Jean, würdest du bitte nicht so viel reden?" "Donna, wow!" "Jeeeeaaannnnn"    ....

*Ende*

 

 

 

 

 


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Verpassen Sie nicht die Fortsetzungen demnächst in diesem Forum:

 

Der römische Artefakt II

Als Modern Talking 1986 mit Atlanta is calling die Hitparaden gestürmt hatte, bekam Jean einen kleinen Herzanfall und erhielt, kurz nachdem Toni Schumacher Herrn Battiston in Mexiko die Zähne gerichtet hatte, seinen vorläufigen Rentenbescheid. Donna schließt versehentlich Jeans Scheckbuch und hat in der Folge davon die erste Telephonwarteschleifenerfahrung. Wegen den Folgen von Tschernobyl wird in dieser Folge auf den Verzehr von Salat und Pilzen verzichtet.

 

Die Rückkehr des römischen Artefaktes (Teil 3 der Saga)

Kurz bevor Oliver Bierhoff 1996 ein goldenes Tor schießen wird, verschwindet Jean auf mysteriöse Weise. Donna findet ihn nach langer ereignisreicher Suche in einer Umkleidekabine bei C&A, wo er wegen der tagelangen Bedröhnung durch Los del Rios Macarena ein wenig wirr geworden ist. Donna und Jean betreten das erste Mal in ihrem Leben eine Dönerbude und bestellen Beide ein Schäufelchen Abfall im Brötchen und Ayran mit Tee. Auf dem Nachhauseweg stibitzt Jean einen Rollator.

 

Das römische Artefakt schlägt zurück (Teil 4 der Saga)

Im Rahmen einer Kabinettsumbildung im Jahre 2016 ernennt Mutti Merkel Donna zur Finanzministerin. Donna schließt unwiederbringlich alle Schattenhaushalte, bevor Lena zum sechsten Mal in Folge keinen Liedtitel von Stefan Raab beim Grand Prix vortragen wird. Jean erleidet einen weiteren Herzinfarkt, als bei der Europameisterschaft in Frankreich im Finale Michael Ballack zu seinem 99. Länderspiel eingewechselt wird (er wurde von Bundestrainer Klopp wegen einer Verletztenmisere nachnominiert) und in der letzten Minute durch ein Eigentor das Spiel zu Ungunsten der deutschen Mannschaft entscheidet. Den Hit des Jahres steuert Paul McCartney bei, der mit "Hubbbbba, Hubbbbba" einen Welthit landet, während der "kulinarische" Renner des Jahres der Mc Halal von Mc King wird.

 

Das römische Artefakt kehrt wieder (Teil 5 der Saga)

Vor dem Halbfinale gegen Italien wird Donna 2006 vom Vormundschaftsgericht zum Betreuungsfall erklärt, da sie in der Revision wegen eines Rollatordiebstahls von Jean im Jahre 1996 auf die Worte des Staatsanwaltes "Schließen wir die Beweisaufnahme" die Aktendeckel endgültig geschlossen hatte. Als sie dann noch eine Anzeige gegen Xavier Naidoo wegen Körperverletzung wegen "Dieser Weg" gestellt hatte, war der Weg in fremdes Aufenthaltsbestimmungsrecht kein weiter. Jean nimmt sie in Obhut und verpflegte sie die nächsten Jahre mit seinen berühmten Fischfrikadellen.

 

n/v