Wahrnehmung - positive und negative Erfahrungen

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Suse
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dabei seit: 07.11.2012

Hallo ihr Lieben,

ich mache jetzt mal einen Feldversuch. Es wäre schön, wenn es in diesem Thread tatsächlich nur um Erfahrungen diverser Menschen geht, die uns diese mitteilen. Ich möchte keine rechthaberischen Diskussionen, unangeforderte Belehrungen, keine Besserwissereien oder Klugscheissereien, keine Interpretationen, wer was wann wie gemeint haben könnte und warum. Einfach nur die Schilderung des Erlebten.

Klar darf oder soll es dazu Kommentare oder Fragen geben, aber halt bitte nicht in dem o.a. Stil! Danke!

Was mich interessieren würde, und ich auch gerne aus eigener Erfahrung berichte, ist wie ihr normal im Alltag wahrgenommen werdet und wie die anderen Menschen z.B. reagieren wenn ihr nicht gerade deep stealth durch's Leben lauft. Vielleicht auch besonders schöne oder besonders schlimme Erlebnisse, wie ihr damit klar gekommen seid bzw. wie es evtl. euer Selbstbewusstsein gestärkt hat.

Kleines Negativbeispiel wie dieser Thread nicht verlaufen sollte: Ich hatte von meiner türkischen Arbeitskollegin erzählt, die mir aus eigenem Antrieb versichert hat, dass sie in mir eine Frau sieht und dass ich in ihren Augen weiblich sei. Ich schrieb, dass sie das mit Sicherheit nicht sagte, um mir einen Gefallen zu tun! Ein paar Beiträge später lese ich dann: "Vielleicht wollte sie dir nur einen Gefallen tun!" Hallo? Geht's noch? Wer lesen kann ist klar im Vorteil und sollte nicht aus der Ferne (kennt mich nicht, kennt meine Arbeitskollegin nicht) irgendwelche Urteile fällen. Solche Dinge möchte ich hier nach Möglichkeit nicht haben. Wenn jemand eine Erfahrung beschreibt und sich sicher ist, wie er/sie wahrgenommen wurde/wird, dann sollte das auch einfach akzeptiert werden.

 

An dieser Stelle möchte ich mal ein erstes Beispiel bringen. Meine Partnerin und ich waren Ende Oktober in Berlin zum 50. Geburtstag eines ihrer Brüder. Er kannte mich schon als Mann, seine Frau und sein mittlerweile 11jähriger Sohn hatten mich noch nie gesehen. Im Vorfeld hatten sie ihrem Sohn versucht zu erklären wer oder was ich bin und ihm erzählt, dass ich ein gebürtiger Junge war und mich im falschen Körper gefühlt habe, und deshalb jetzt als Frau lebe. Seine Reaktion darauf seinen Eltern gegenüber war, dass er sowas überhaupt nicht verstehen kann.

Auf dem Hinflug am Flughafen in Köln beim Einchecken piepste es bei mir als ich durch die Schleuse ging. Der Beamte meinte zu mir: "Die Dame bitte zu meiner Kollegin!" Diese untersuchte mich dann mit ihrem Piepsteil, fertig.

Am Ziel angekommen, habe ich mich ein bisschen restauriert. Danach sind wir mit E.s Bruder, seiner Frau und seinem Sohn zu einem Pfarrsaal gefahren, in dem am nächsten Tag die Geburtstagsfeier stattfand. Dort haben wir geholfen den Saal zu dekorieren. Am nächsten morgen erzählte uns die Frau des Hauses, was ihr Sohn hinterher gesagt hatte. Sein einziger auf mich bezogener Kommentar war: "Mama, die Frau hat aber eine tiefe Stimme."

Auch beim Einchecken vor dem Rückflug piepste die Schleuse und der Beamte zeigte mir wortlos die Richtung zu seiner Kollegin, die mich dann genauer untersuchte.

Ich glaube nicht, dass mir irgendjemand, weder die Leute am Flughafen, noch der Elfjährige, einen Gefallen tun und nett zu mir sein wollte. Ich laufe nicht stealth durch die Welt und spätestens wenn ich den Mund aufmache, hört man (noch), dass ich keine biologische Frau bin. Was ich aber glaube ist, dass man durchaus merkt, wie ich wahrgenommen werden möchte, und das funktioniert im Zusammenspiel mit den meisten meiner Mitmenschen. Und ob ihr es glaubt oder nicht, das finde ich völlig ausreichend, im Gegenteil, sogar gut, da es eben die Akzeptanz für unsereinerihrer fördert, und das finde ich viel wichtiger als dass alle nur unerkannt durch die Gegend laufen. Danke für's Lesen und im voraus für rege Beteiligung!

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Granada
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dabei seit: 10.10.2012

Na dann fang ich doch mal an mit meinen jüngsten Erlebnissen im Büro. Seit Ende November prangt ja ein neues Schild mit den Namen der vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unseres Büros an der Tür und ich wurde von meiner Kollegin gefragt, ob ich nicht zukünftig die Damentoilette benutzen möchte, wo ich doch jetzt die Julia bin. Ich wollte das erstmal nicht selbst ansprechen, um nicht unnötige Provokationen hervorzurufen, aber das Angebot habe ich natürlich gerne angenommen. Das Herrenklo bei uns im Büro hat nur eine Kabine und da stört mich schon lange, daß es offenbar Herren gibt, die die Schüssel im Stehen benutzen und die Spritzer sieht man dann im Tagesverlauf immer deutlicher, weil sie den Dreck der Schuhe aufnehmen. Bäh! Ich erfahre also gerade von den Kolleginnen wie schon geschrieben wurde unglaublich viel positiven Zuspruch. Das muß aber sicher auch daran gelegen haben, daß ich ja schon seit meiner Einstellung 2008 mit den Mädels immer einen freundschaftlichen Kontakt hatte und es zum Glück bei uns nur einmal kurz eine echte Zicke gab, die aber schon wieder weg ist.

LG

Julia

susanne-ffm
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dabei seit: 14.10.2007

Ich möchte vorrausschicken das man mir meine männliche Vergangeheit ansieht.

Den Leuten den ich so übern Weg laufe intressiert es schlicht und einfach nicht das ich eine "Trans" bin.

Anrede klappt zu 99,9% als Frau - was manchmal harkt bei Kollegen ist  das indirekte "Er hat doch gesagt" in dem sinne

Telefon ist die Anrede logischerweise durch den Brummbass immer Herr - und ich frage mich machmal ernsthaft wie das die Kollegen handeln wenn ein Anrufer nach Herrn X fragen Smile , ich jedenfalls bin zu faul um am Telefon den andren darüber aufzuklären das er mit Frau X redet.

Menschen die mich neu kennenlernen haben anfangs manchmal Berührungsängste - aber das legt sich in der Regel.

Die Berührungsängste sind nach meiner Erfahrung meist in der Form "Kann ich das ansprechen" - die haben einfach Angst in ein Fettnapf zu treten wenn sie über TS sprechen. Das geht, denke ich, in die Richtung ich spreche doch kein Behinderten auf seine Behinderung an.

Ich war mal auf einem Lehrgang da wurden anfangs zweier Gruppen gebildet und jeder musste dem andren was von sich erzählen und dann wurde in einer grossen Runde gefordert den andren der Gruppe vorzustellen.

mein ersten Satz war sinngemäss "Ich glaube du hast schon bemerkt das ich TS bin ....."

Am Lehrgangsende hat mir meine damalige Parnerin gestanden das sie gehofft hatte das sie mich mich nicht erwischt - sie hielt es für schwirig eine TS vorzustellen und das sie froh war zu erfahren das ich das so locker sehe.

Und mein Verabschiedungssatz war der "Ich denke alle Lehrgangsteilnehmer nehmen mit nach Hause das TS normale menschen sind" Smile

Also alles im allem behandelt man mich wie jede andre Frau und wenn ich bemerke das jemand nicht weiss wie man mich behandeln soll gehe ich das Thema offensiv an. Ich versuche damit rüberzubringen das ich einfach ein Mensch bin Smile

Die negativen ausfälle einiger Zeitgenossen sind überschaubar selten

 

 

Minolfa
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Reale Person
dabei seit: 06.12.2007

Hallo Suse,

gerne erzähle ich was aus dem Nähkästchen. Normalerweise unter Fremden oder neu hinzu kommenden kann ich glücklicherweise "stealth" leben. Selbst in der Fabrik, wo ich arbeite, wissen derzeit nur 3-4 Leute von meiner Vergangenheit.

Während des Übergangs wechselte ich die Rolle privat auf meiner Geburtstagsparty. Im Büro (der alten Arbeitsstelle) konnte wegen juristischer Bedenken mein Name aber erst 5 Monate später geändert werden. In dieser Zeit lief ich abwechselnd als Mann (Büro) und Frau (Freizeit) herum. Dummerweise brach ich mir bei einem Fahrradunfall die Schulter an und zerstörte meine Brille. Ich hatte also Logopädie, Krankengymnastik, Optikerbesuch.

So kam es, dass ich in Männerkleidung eine Brille kaufen wollte. Der Verkäufer wies mich darauf hin, dass dies Damenbrillen seien. Ich antwortete, ich sei transsexuell und würde normalerweise als Frau leben, nur im Büro usw. blabla. Daraufhin bediente er mich gut und gab auch alle Daten gleich in weiblicher Form ein.

Bei einer Nachkontrolle der Schulter mitten am Tag schaffte ich es nicht mehr, mich umzuziehen. Um den Termin nicht zu verpatzen, bin ich in Männerklamotten hin, wurde als Frau X aufgerufen, und dem Arzt war es erst peinlich. Ich sagte erfreut, es wäre gut so und würde stimmen, ich hätte nur die falschen Klamotten an. Damit war alles gut, und die Arzthelferin kam sogar von selber darauf, beim Röntgen meine noch fast gar nicht vorhandenen Brüste mit einem Bleiumhang zu schützen.

Seit Jahren half ich bei den Sternsingern als Begleitperson für die Kinder. Dabei wird im Wohnquartier der Gemeinde für einen guten Zweck von Haus zu Haus getingelt. Als der Gemeinderatsvorsitzende mich anrief und "meinen Mann sprechen" wollte, erzählte ich ihm was Sache war. Sein Kommentar: "Wollen Sie uns noch weiterhin helfen oder nicht?" Damit war das Thema durch, und ich lief weiterhin mit den Sternsingern von Tür zu Tür. Da ich kein Auto habe, und monatelang abwechselnd in Männer- und Frauenkleidung an der Bushaltestelle und im Bus war, kann ich davon ausgehen, dass viele im Viertel meinen Geschlechtsrollenwechsel mitbekommen haben.

Eine Frau, weit im Rentenalter, sprach mich mal darauf an. Und dass sie es gut fände, dass ich den Wechsel so offen in der eigenen Siedlung gemacht hätte.

Als ich dort weg ziehen musste, besuchte ich alle Nachbarn im Flur mit einer Flasche Sekt. Auch dort wohnte eine alte Frau, sie hatte ein paar Monate vorher ihren Mann verloren. Ich sagte was höfliches dazu, worauf sie anfing zu schimpfen. Über ihren Mann, seine Kneipenbesuche, und über Männer im allgemeinen ... so von Frau zu Frau.

Als meine Mutter vor vielen Jahren starb, behielt mein Vater ihren Schmuck aus Angst, die in Frage kommenden weiblichen Verwandten würden ihn eh verkaufen. Nach meinem Wechsel schenkte er ihn mir, ein in konservativen Familien sehr symbolischer Akt.

Zwei Lacher aus der ganz frühen Zeit:

Auf dem Hinweg zum ersten Schlampenfest meines Lebens, noch überhaupt nicht sicher bezüglich des Stylings, kam ich an zwei Schlägern vorbei und konnte nicht ausweichen. Der erste: "Du, das ist 'ne Frau!". Der zweite konkreter: "Sei froh, dass Du 'ne Frau bist!" Wenn die gewusst hätten, wie sie mich mit ihren besoffenen Kommentaren gebauchpinselt hatten...

Anfangs brauchte ich noch eine Perücke. Der  Händler meinte, ich solle beim zweiten Besuch fürs Anpassen geschminkt kommen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine wintertaugliche Frauenkleidung. Also schminkte ich mich, und fuhr im Überlandbus nach Nürnberg. Der Termin lag zufällig so, dass jede Menge Schüler im Bus waren, die natürlich gleich lautstark sich gegenseitig über den Zustand meines Gesichtes informierten. Böse waren sie aber nicht, nur neugierig.

Etwas negatives zum Schluss:

Mein damaliger Abteilungsleiter kam nicht mit dem Wechsel klar und fürchtete, dass möglicherweise Kollegen doch mal Probleme damit kriegen könnten. Er war selber auf dem angesägten Ast, vermutlich war er deshalb besonders ängstlich. Hätte ich nicht eh schon aktiv eine neue Stelle gesucht (was ihm bekannt war), wäre der Verbleib in der Abteilung kein Zuckerschlecken geworden.

Liebe Grüße, Minolfa

 

 

Suse
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dabei seit: 07.11.2012

Liebe Julia, Susanne und Minolfa,

schon mal vielen Dank an dieser Stelle für euer "Plaudern aus dem Nähkästchen"! Genauso hatte ich mir das vorgestellt und ich finde es total spannend.

Achso, @Susanne, ich habe da noch 'ne Frage, des Verständnisses halber! Bei den Zweiergruppen in eurem Lehrgang, habe ich das richtig verstanden, dass der eine den jeweils anderen vorstellen musste, in der Ich-Form? Das heisst, dass die beiden Sätze vom Anfang und Ende dieser Vorstellung nicht von dir gesagt wurden?

@Minolfa

Ich finde das total stark von dir, mit dieser extremen Switcherei. Ein bisschen musste ich eine zeitlang auch noch switchen mit Arbeit und dem Rest, aber z.B. in Männerklamotten, männlichem Haarschnitt und geschminkt.... ich glaube, da wäre ich nicht cool genug gewesen. Das hätte mich völlig verunsichert. Ich fühlte mich natürlich in der Männerrolle total sicher, klar, hatte ich zig Jahre lang gelernt, aber auch in der Frauenrolle fühlte ich mich sehr sicher, aber so als Zwischending hätte ich mich bestimmt nicht getraut, vor allem noch in öffentlichen Verkehrsmitteln!

Ok, ein Negativbeispiel habe ich natürlich auch. Ich war neulich im Kaufland einkaufen und stand dort an der Kasse. Die Kassiererin hatte auch mehrmals Blickkontakt zu mir während des Kassierens. Wie schon geschrieben, meine Stimme lässt momentan stealth noch nicht zu. Meine PÄ ist zwar beantragt, aber das war's auch schon, bei meiner KK und bei der BfA bin ich mit weiblichem Namen und Geschlecht geführt. Meine Bank zickte allerdings rum und will Name und Geschlecht erst nach dem Beschluss des Gerichtes ändern. Insofern steht auf meiner EC-Karte noch mein männlicher Vorname. Die Kassiererin nahm meine Karte, guckte drauf und nachdem ich ihren Beleg unterschrieben hatte, gab sie mir die Karte wieder und meinte: "Schönen Abend noch Herr F." Ich war so perplex und sprachlos, dass ich fast "Danke gleichfalls" gesagt hätte... aber nur fast!

Und last but not least noch ein kleines Supermarkterlebnis. Jüngere Türken haben eher ein kleines Problem (naja, mit sich selber, mir hat noch niemand was getan), wenn sie checken, dass ich trans* bin.

Ich stehe in der Schlange an der Kasse vom Lidl. Vor mir eine Frau, die sich kurz mit irgendjemanden an der Nachbarkassenschlange auf ausländisch unterhielt. Als sie sah, dass ich nur ein paar Teile in den Händen hielt (ich nehme oft keinen Einkaufswagen, damit die Leute die Möglichkeit haben, mich an der Kasse vorzulassen wenn sie wollen) meinte sie in akzentfreiem Deutsch, ich solle doch vorgehen und meinen Vordermann auch gleich fragen ob er mich vorlässt. Ich bedankte mich artig und meinte, dass der vor mir ja selbst nur ein paar Teile habe, das sei schon OK. Während mein Vordermann abkassiert wurde, kam von der Nachbarkasse her ein relativ junger Ausländer und quetschte sich zu der Frau hinter mir an mir vorbei. Dann war ich dran, bezahlte mit Karte und räumte meine Sachen zwischendurch in meine Handtasche. Als ich mein Portemonnaie wieder in ein Fach meiner Handtasche legen wollte, fiel mir etwas von meinen gekauften Sachen wieder aus meiner offen Handtasche auf die Erde. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sich der junge Ausländer bückte und es für mich aufhob. Fand ich total cool! Smile

Ok, das letzte Beispiel hatten wir schon, dann noch ein allerletztes. *lol*

Nur eine ganz kleine Begebenheit heute abend beim Aldi. Vorweg, mir ist von einer Kollegin anfangs auf der Arbeit erzählt worden, dass es so einige Leute gibt, die ihr gesagt haben, dass sie mich als Frau wahrgenommen haben bis, ja bis ich was gesagt habe... *gg

Wenn man aber z.B. in einer Schlange an der Kasse die Gelegenheit hat, mich aus nächster Nähe ausgiebig zu mustern, und ich mich zusätzlich mit meiner Partnerin unterhalte, dann sieht jeder bei genauem Hinsehen, den biologischen Mann in mir. Ok, heute beim Aldi, vor uns in der Schlange eine türkische Familie. Mutter, Vater, ca. 18jährige Tochter und ein kleineres Mädchen, das schon hinter den Kassen irgendwo rumturnte. Die Tochter sah mich sehr genau an, dann lächelte sie mich an und sagte "Hallo". Die Mutter sah mich zwischendurch beim Ware aufs Band packen auch immer wieder an und lächelte mich dabei freundlich an, der Vater grinste etwas verlegen. Alles in allem, ein für mich eher positives Erlebnis.

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

susanne-ffm
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dabei seit: 14.10.2007

@Suse

Ja die Zweiergruppen war so gedacht das die andre einen vorstellt - Alter, Tätigkeit Hobbys usw - aber nicht in der Ich form

den Satz "Ich bin TS .." habe ich also in der zweiergruppe benutzt damit meine Partnerin wusste wie ich das offensichtliche Problem denn sehe ...

Zum Thema im Supermarkt:

Also ich mit nur ein paar Sachen auf dem Arm und an der Kasse ne Schlage - zwei Männer mit jeweils randvollen Einkaufswagen. Der hinterere Man sah mich lächelte und sprach sein Vordermann an - "Was halten sie davon die Dame vorzulassen ?" "Klar ich bin dabei"

Ich habe den beiden natürlich das netteste Lächeln mit einem "Danke schön" geschenkt was ich drauf hatte.

Oder mal ein Neutrales Erlebnis:

ich bin in der Stadt unterwegs auf der Bank zwei Männner mittleren Alters - südländisch, Kommentar: "Gut siehst du aus - fast wie ein Orginal"

Abteilung -Schade das ich nicht schlagfertig bin:

Auf den CSD! ruft doch ein jugendlicher "Hey kuckt mal - eine Transe" - perplex war ich und eine Stunde später fiel mir erst die Antwort ein die er verdient hätte

"Hey kuckt mal ein Blitzmerker" - was habe ich mich geärgert das ich den Spruch nicht rechtzeitig drauf hatte ...

Abigail
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dabei seit: 04.10.2012

ich weiss nicht, ob das auch zu solchen netten geschichten gehört, aber

 

als ich meiner mama mit 13 oder 14 sagte, dass ich gerne damenunterwäsche für mich hätte, hatte ich große angst sie könnte entsetzt oder unerfreulich darauf reagieren.

aber anstatt unbequeme fragen zu stellen, hat sie gesagt; "ja komm...dann fahren wir gleich los!"...ich durfte mir ein paar sachen aussuchen und sie bezahlte die auch gleich. es war zwar etwas komisch mit meiner mama damenunterwäsche für mich zu kaufen, doch gefreut habe ich mich trotzdem. und ihr war das kein stück unangenehm. das hat mich sehr gefreut.

sie hat gegenüber meinem papa und meinem bruder kein wort darüber verloren. naja sie wollte ja eh immer schon eine tochter haben Wink

 

als ich hier zum ersten mal als abby raus war, mit dem hund spazieren...kam ich an zwei männern vorbei. sie musterten mich einmal von oben bis unten. einer zwinkerte und der andere starrte noch hinterher, als ich schon an ihnen vorbei war. ob das nun wirklich gut ist...keine ahnung. aber ich habe das nicht als schlecht wahrgenommen.

 

lg

Suse
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dabei seit: 07.11.2012

@Abby

natürlich gehört das hier rein, warum auch nicht!?

Finde ich aber echt toll von deiner Mutter... ich hätte mich das nie im Leben getraut. Allerdings glaube ich, dass du auch 'ne ganze Ecke jünger bist als ich und bei mir vor vierzig Jahren auf 'nem 400 Einwohnerdorf in der Eifel, hätte man mich recht schnell in die Geschlossene eingewiesen, glaube ich. Wobei es natürlich bei Unterwäsche die niemand sieht und nur meine Muter es gewusst hätte, schon etwas anderes gewesen wäre, aber ich hätte mich das trotzdem nie getraut...

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Ayna
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dabei seit: 20.12.2011

 

Auch etwas aus dem Kaufland…

Gestern Morgen kaufte ich dort ein für ein leckeres Essen, das gleich noch gekocht wird. Fast niemand nahm sonderlich Notiz von mir. An der Kasse dann bemerkte die Kassiererin zu der kleinen Topfpflanze, die ich für mein Bad kaufte: „Ooch, die ist aber süß.“ „Ja, find ich auch!“ Wir lächelten uns nett an.  Ich bezahlte mit meiner EC-Karte mit Männernamen drauf. Obwohl sie es bemerkte, wünschte sie mir zum Abschied: „Dann noch ein schönes Wochenende Frau N.“ Da steigt das Selbstbewusstsein doch? Ist das schlimm?

Dann am Nachmittag tobten meine Freundin und ich über den Dortmunder Weihnachtsmarkt. Brechend voll! Früher wäre das für mich ein Spießrutenlaufen gewesen, aber auch hier: niemand nahm sonderlich Anstoß an mir. Dabei finde ich es gar nicht schlimm, wenn man sieht, dass ich nicht wirklich eine Frau bin. Hauptsache ich bin es selbst! Ich kaufte einen Schal an einer Bude. Der Inhaber erklärte seinem Sohn folgendes. „Die Dame hat sich diesen Schal ausgesucht, und dann schaust du in der Liste nach dem Preis.“ – Die Dame! Hihi!

Dann Streetfighting am Glühweinstand. Wie durch ein Wunder hatten wir auf einmal zwei Sitzplätze! direkt am Tresen. Die Massen flanierten an uns vorbei. Vielen war ich egal, einige mussten zweimal hinsehen, was ich denn nun sei. Der Kellner hatte keine Probleme mit mir. Er scherzte noch mit mir so rum. Ich hörte von der Seite: „Da sitzt es doch!“ Das sagte ein Jugendlicher zu seinem Kumpel, der offenbar die Transe suchte.

Kurzum, ein ganz normaler Tag in meinem Leben. Ich kann gut damit leben, dass ich manchmal irgendwie auffalle, aber ich ernte eigentlich nur positive Reaktionen. Ist aber alles auch egal, solange ich Ayna bin und keine Ängste mehr habe.

Schönen Advent noch!

☆~☽✪☾~☆

 

Suse
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dabei seit: 07.11.2012

Ayna schrieb:

Auch etwas aus dem Kaufland…

Gestern Morgen kaufte ich dort ein für ein leckeres Essen, das gleich noch gekocht wird. Fast niemand nahm sonderlich Notiz von mir. An der Kasse dann bemerkte die Kassiererin zu der kleinen Topfpflanze, die ich für mein Bad kaufte: „Ooch, die ist aber süß.“ „Ja, find ich auch!“ Wir lächelten uns nett an.  Ich bezahlte mit meiner EC-Karte mit Männernamen drauf. Obwohl sie es bemerkte, wünschte sie mir zum Abschied: „Dann noch ein schönes Wochenende Frau N.“ Da steigt das Selbstbewusstsein doch? Ist das schlimm?

Warum sollte das schlimm sein? Das war doch genau richtig. So oder indem die Kassiererin überhaupt keine Anrede benutzt, hätte ich es in meinem Beispiel auch erwartet. Das war in diesem Fall völlig ignorant und diskriminierend. Wahrscheinlich hätte die, ohne dass ich was gesagt hätte, gar nicht bemerkt, dass ich keine biologische Frau bin! Aber egal, schön, dass es auch anders geht, was ich glücklicherweise in allen anderen Fällen auch so in der Art erlebe!

Ayna schrieb:

Kurzum, ein ganz normaler Tag in meinem Leben. Ich kann gut damit leben, dass ich manchmal irgendwie auffalle, aber ich ernte eigentlich nur positive Reaktionen. Ist aber alles auch egal, solange ich Ayna bin und keine Ängste mehr habe.

Schönen Advent noch!

Und genau darum ging es mir, als ich diesen Thread eröffnet habe!!!

Nein, nicht darum, ständig positive Erfahrungen zu lesen als angeblichen Beweis, dass auch die nicht mehr ganz jungen TS nicht im gesellschaftlichen Abseits stehen und vereinsamen! Wie schon geschrieben, es geht auch durchaus um negative Erfahrungen. Wichtig ist dabei für mich, dass ich nicht die totale Ausnahme bin, die auch damit umgehen kann und sich nicht gleich hinter die Straßenbahn wirft.

Übrigens, falls es nicht so deutlich aus meinem EP hervorgegangen sein sollte: Es sollen hier nicht unbedingt nur TS von ihren Erfahrungen berichten. Auch die Erlebnisse von TV oder CD sind hier willkommen. Da einen Unterschied zu machen, wäre total dämlich. Wenn eine TV oder ein CD als Frau einkaufen geht, auf dem Weihnachtsmarkt rumturnt oder die Kneipen unsicher macht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist oder was auch immer, dann ist das insofern genau dasselbe, als das die anderen Menschen nämlich, ohne ein halbwegs intimes Gespräch geführt zu haben, den Unterschied überhaupt nicht erkennen können. Und so mancher TV oder CD kann ich passingmäßig oft nicht das Wasser reichen!!!

Was ich noch ganz schön fände wäre, wenn ihr euer Alter erwähnen könntet, falls es nicht im Profil steht, wer nicht will ist auch nicht schlimm, aber beir mir ist sogar das genaue Geburtsdatum sichtbar, oder etwa nur für mich selbst?? Hmm, keine Ahnung. Ich bin 54 Jahre alt, falls es nicht erkennbar sein sollte! Und mein Avatarbild ist ca. 1 1/2 Jahre alt.

LG

Suse

Edit hat mal wieder mit mir rumgemeckert: Es sind natürlich auch alle Beiträge von Transgendern willkommen, sorry!!! Ich wollte hier niemanden ausschließen! Ok Beiträge von Männern die nur als Mann leben oder von biologischen Frauen machen nicht viel Sinn...

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Ninakadin
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dabei seit: 07.02.2010

 

Ich finde es auch wichtig, realistisch von den Erfahrungen zu erzählen. Die Erfahrungen Anderer war für mich am Anfang sehr wichtig, wo noch Scham und Unsicherheit eine wichtige Rolle spielten. Mitte 2010, ich war damals 45 Jahre alt, begann ich mich regelmäßig en femme in die Öffentlichkeit zu trauen, und seit Juni 2012 lebe und arbeite ich ausschließlich als Frau.

Ich hatte seitdem zwei doofe Fragen nachts in der U-Bahn ("Frau oder Mann?"), und eine weitere in einer Diskothek ("You got  co..!"). Tut mir (aber nur fast) Leid, wenn ich jetzt viel Vorurteile über den Haufen schmeißen muss, aber das war es mit den Negativerlebnissen.

Die meisten Menschen nehmen meine "Besonderheit" so im Vorbeigehen überhaupt nicht wahr. Die, die es dann doch feststellen, reagieren meist gar nicht, es ist ihnen egal. Von der einen oder anderen Frau bekommt man ein nettes Lächeln.

 

Bei der Friseurin, im Nagelstudio, bei der Kosmetikerin, alle wissen natürlich Bescheid, so gut ist mein Passing auch wieder nicht, aber ich werde völlig normal als Frau behandelt, genauso in jeder Boutique, in jedem Klamottenladen, jedem Restaurant, bei den Ärzten oder sonst wo. Total "stinklangweilige Normalität"!

 

Aber es gibt doch ein paar Ereignisse die Herausstechen: 

Wie sich meine Kollegen fast ein Bein rausreissen, um mir die Tür aufzumachen ist einfach süß, von Mobbing keine Spur.

Mein Vater hat mittlerweile alle Verwandten und Bekannten über die "neue Familienzusammenstellung" informiert, und ich bekam Emails von meiner Patentante aus den USA, mit der ich schon 20 Jahre keinen Kontakt hatte. Sie freute sich, dass ihr Patenkind den Mut hat, diesen Weg zu gehen. Ähnlich äußerte sich eine andere Tante.

Nach den Outings habe ich auch mein Stay-Friends-Profil geändert, wenn schon, denn schon. Und wieder meldeten sich einstmals enge Freundinnen, die ich aus den Augen verloren hatte, wieder mit anerkennenden Worten und ehrlich gemeinter Freude, dass ich auf mein Innerstes höre.

Und ja, es äußern sich nur Frauen, was mich aber heute gar nicht mehr wundert.

 

Natürlich ist nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen, die Beziehung zu meiner Lebenspartnerin ist daran verständlicherweise zerbrochen, aber sie ist heute, nachdem die Trennung verarbeitet ist, eine meiner engsten Freundinnen.

 

LG,

Nina