Instrumentalisierung der Transsexuellen

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Lena4866
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Instrumentalisierung der Transsexuellen

Donnerstag, 09 April 2015 21:04  von Trischa Dorner

Eine linke LGBT-​Lobby vereinnahmt oft Transsexuelle für ihre Interessen. Doch diese wollen weder politisch noch sozialwissenschaftlich instrumentalisiert werden. Ein Gastkommentar der Sozialwissenschaftlerin Trischa Dorner.

Der attraktive Werbeslogan des Berliner Senats, der die Millionenmetropole an der Spree als weltoffene Stadt der Chancen darstellen möchte, heißt seit Jahren: „Sei Berlin“. Minderheiten werden in diesem Traumbild eines wunderbaren „Berlin-​Feelings“ als faszinierende Subkulturen apostrophiert, die den Reiz der deutschen Hauptstadt ausmachen sollen.

Das Kürzel „Trans*” taucht in diesem werbewirksamen Zusammenhang nicht auf. Es handelt sich jedoch dabei um einen wesentlichen Arbeitsbegriff in der alltäglichen rauen Berliner Wirklichkeit.

Transsexualität ist nicht politisch

Ein Satz mit Berlin und Trans* klingt sofort wie ein Statement für eine Minderheitenpolitik der Offenheit und Toleranz. Doch wo eine Conchita Wurst auftaucht, stecken weder Chancengleichheit noch Transsexualität drin. Transsexuelle Menschen sind nämlich weder trans* noch Transgender. Sie sind vielmehr Jungen oder Mädchen, Männer oder Frauen – nur eben konträr zu ihren Geschlechtsbestimmungsfaktoren. Es ist, wie die EU-​Parlamentsabgeordnete Beatrix von Storch (AfD) unlängst festgestellt hat, selten und unbestritten, dass es diese Menschen gibt.Es handelt sich hierbei um Personen ohne Gruppencharakter, die meistens auch sehr unauffällig in unserer esellschaft leben. Sie sind derart unauffällig, dass transsexuell zu sein wirklich gar keinen Lebensstil darstellt. Es ist auch kein Ausdruck einer bestimmten politischen Haltung. Doch genau das ist Trans*.

 Trans* ist – im Gegensatz zu Transsexualität – queer, also sehr politisch. Hier geht es um ein neues Menschenbild und auch um eine andere esellschaftskonstruktion. Transsexuelle Menschen nehmen sich selbst binär als weiblich oder männlich, Junge oder Mädchen, Mann oder Frau wahr. Sie wollen in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen und können das sehr oft auch. Transgender dagegen sind sehr indifferente Menschen, denen es um ihre sehr individuell ausgedrückte Geschlechtsrollendarstellung geht. Transsexuelle Menschen haben im Gegensatz dazu eine körperliche Problematik, die sie mit einem tendenziellen Perfektionismus überwinden. Transgender möchten Freiheit in ihrer „Gender Expression“. Das heißt sie überwinden, wenn möglich, das herkömmliche binäre Menschenbild von Mann und Frau. Es handelt sich dabei um das totale Gegenkonzept zu einer Transsexualität. Strenggenommen haben beide Begriffe auch nie irgendeine Gemeinsamkeitgehabt. Genau das suggeriert der Trans*-Begriff jedoch.

Trans* als sozialwissenschaftliches Modell

Trans* steht nicht, wie transsexuell, in einer langen biologisch-​medizinischen Tradition, sondern ist ein sehr junges sozialwissenschaftliches Model. Es baut auf ntellektuellen Geschlechtsrollenperspektiven – ähnlich wie Transgender – auf. Und anstelle einer Ausdifferenzierung von Menschen und insbesondere Minderheiten fokussiert das queere Trans* immer nur diese eine, für sie zentrale Geschlechtsrolle. Das geschieht dann sowohl bei transsexuellen wie bei nicht-​transsexuellen Menschen mit allen merkwürdigen Folgen für die Allgemeinheit. Das reicht vom Kreuzberger Unisexklo über das Gendergap als „nicht-​diskriminierende Schreibweise“ bis zur „queerenPädagogik“. Und jedes Mal wird von Dritten mit einer transsexuellen Zielgruppe argumentiert. Transsexuelle Menschen spielen hier jedoch keine Rolle. Es geht vielmehr um ein queeres Szenario.

Für eine Trans*-Politik steht es im Zentrum, die sogenannten heteronormativen Strukturen zu durchbrechen. Das ist elementar queer, und nutzt hierbei vielmehr die Unwissenheit von Transsexuellen und Nicht-​Transsexuellen, um eine eigenständige Politik und gesellschaftspolitische Visionen umzusetzen. Transsexuelle Personen sindfür eine derartige Trans*-Politik so etwas wie ein Entrée, ein Vorwand,der aus einem sozialwissenschaftlichen Experiment reale Wirklichkeiten zaubert.

Imperialismus der Körper

Der Hintergrund von queeren Trans*-Szenarios ist, dass diese vielmehr aus einem intellektuellen homosexuellen Milieu heraus tradiert sind.Transsexuelle Menschen werden dort vielmehr spiegelbildlich zur eigenen irklichkeit der Schwulen, Lesben und Transgender, also den sogenannten „LGBT“, erachtet. LGBTist auch der Ausdruck einer schwulen-​männlichen und lesbischen-​feministischen Bewegung, die Transgender wie Transsexuelle ins eigene Boot holen möchte, um gesellschaftlich bedeutender zu erscheinen. Das ist mit Transgendern in der jüngeren Geschichte eher gelungen und mit Transsexuellen fast nie.

Trotzdem versucht die LGBT-​Bewegung in der Form aufzutreten, als spräche sie auch für transsexuelle Menschen. Sie verortet sie regelrecht per definitionem in der eigenen Bewegung. Amerikanische transsexuelle Aktivistinnen sprechen in dem Zusammenhang von einem Imperialismus der Körper. Bestimmte schwule und lesbische Kreise deuten und verorten transsexuelle Menschen und benutzen sie. Das geht so weit, dass der transsexuelle Mensch am Ende dieses Prozesses in der Trans*-Wirklichkeitgeschluckt und quasi transgenderisiert wird.

Anstatt jedoch unterschiedliche Begriffe zu differenzieren und zu erklären, werden explizite Sachverhalte verallgemeinert und Fehlannahmen etabliert. Bestimmte lesbisch-​feministische Autorinnen sprechen generell transsexuellen Frauen ab, Frauen zu sein. Und schwule Lobbys vereinnahmen vielleicht theoretisch Transgender wie Transsexuelle, um dann aber nur einer männlichen Perspektive treu zu bleiben. Insofern ist eine Conchita Wurst umso mehr ein Ausdruck einer Männerbewegung, diealles kann – auch die Rolle einer Frau.

Trans* als Jobmotor

Immer da, wo eine Conchita Wurst als die Speerspitze der Queer– und  LGBT-​Bewegung auftritt, muss die Frage gestattet sein, warum gerade hier keine explizit transsexuellen Frauen auftauchen oder zumindest in ihrer Spezifik genannt werden? Transsexuelle Frauen sind keine Transgender. Es sind Frauen und keine Männer, die als Frauen leben oder sich verkleiden und das Anhängsel einer LGBT-​Bewegung sein müssen. Doch genau mit diesem Missverständnis wird auf Kosten von sehr spezifischenMinderheiten – wie transsexuellen Menschen – Politik gemacht.

In Berlin ist Trans* inzwischen ohne kritische Nachfragen als eigenständiger Arbeitsbegriff quasi durch die Hintertür ein fester Bestandteil der Berliner Politik und so etwas wie ein Jobmotor geworden.Das schafft durchaus Arbeitsplätze und lässt einen Segen mit öffentlichen Geldern auf unterschiedlichste Berliner Einrichtungen seit diesen Tagen niederplätschern. Queere Gedankenmodelle und gerade auch der Trans*-Begriff werden langsam aber sicher in sämtliche Curricula, Forschungsschwerpunkte und Modellprojekte integriert. Und auch die Berliner Wirtschaft erwärmt sich hier und da und unterstützt die schöne neue Trans*-Welt. Das klingt vielleicht für queere Ohren sehr gut. Jedoch nicht für transsexuelle Menschen: Sie werden in ihrer extremen Minderheitenproblematik weiterhin alleingelassen.

http://www.blauenarzisse.de/index.php/anstoss/item/5230-instrumentalisierung-der-transsexuellen

Sarah-HL
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dabei seit: 01.06.2012

Danke, das ist ein ziemlich spannendes Thema und ich hab diese Thematik so noch nicht betrachtet oder auch nur daran gedacht.

Smile Sarah

En fiddl fund Wurbln un ein Harbsch mit Schronk un Borsch...

Dreiviertelmann
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dabei seit: 20.03.2013

Ich (zugegebenermaßen als Außenstehender) sehe da zwar viel wahres drin, denke aber auch, dass man das differenziert betrachten muss. Der Text betreibt ziemlich starke Schwarz-Weiß Malerei. Und es ist eben nicht alles Schwarz oder Weiß im Leben. Es gibt zahllose Grau- und Bunttöne. Ich sehe es auch kritisch, Transsexuelle mit Homosexuellen über einen Kamm zu scheren. Transsexuelle können genau wie Cissexuelle Homo, Bi oder Hetero sein. Das hat nichts miteinander zu tun. Aber es gibt eben auch viele Transsexuelle, die sich bewusst als Transgender bezeichnen und gerade bei ihrem häufigsten Motiv muss ich ihnen Recht geben: Der Begriff "Transidentität" wird von großen Teilen der Gesellschaft nicht ohne ausführliche Erklärung verstanden. Der Begriff "Transsexualität" impliziert für viele Menschen aber, dass es hauptsächlich etwas sexuelles, fetischhaften hat. Da ist es einfacher, mit dem Begriff "Transgender" zu hantieren, der meines Erachtens genau wie "Trans*" als Oberbegriff jeglichen Konflikt zwischen dem inneren, empfundenen und dem biologischen Geschlecht beschreibt. Und da passen auch Formen (nicht alle, hier müsste man eigentlich differenzieren, was jedoch kaum möglich ist) von Transvestitismus, Crossdressertum und Androgynität hinein. Spielen diese Menschen nur mit der Optik oder den sexuellen Reizen, so passen sie natürlich nicht dort hinein. Aber vielfach ist es ja doch so, dass sich diese Menschen, bei einem angenommenen biologisch männlichen Geschlecht, auch teilweise als Frau empfinden und sich selbst, wenn sie in die Frauenrolle schlüpfen auch eindeutig als Frau sehen. Da sind durchaus auch Gemeinsamkeiten zu Transsexualität vorhanden. Während die Diskrepanz zwischen empfundenen und biologischen Geschlecht bei Transsexuellen 100% beträgt, so beträgt sie bei diesen Menschen eben nur irgendwas zwischen 30 und 75%.Instrumentalisieren darf man natürlich nichts davon. Ich würde auch Homosexuelle nicht instrumentalisieren. Es sind immer noch Menschen, um die es geht und das erfordert ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl. Es ist richtig, sich in allen Fällen gegen Diskriminierung einzusetzen. Aber als Instrument im Wahlkampf halte ich so etwas für denkbar ungeeignet. Und auch nicht, um für die Vorzüge einer Stadt zu werben.

LolaLeipzig
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dabei seit: 03.04.2015

Sehr spannendes Thema, das nie zu Ende gehen wird. Aber ich sehe das eigentliche Problem wo ganz anders. Das hauptsächliche Problem ist doch das Schubladen denken.  Alles, und da nehme ich nichts aus, muss in irgendeine Schublade passen. Passt es nicht, kann die Gesellschaft damit nicht umgehen. Kann der einzelne es nicht zuordnen. Und so wird dieses Thema immer mal wieder aufflackern und nach kurzer Zeit wieder in der Allgemeinheit erlöschen, ohne das es einen Fortschritt gegeben hat.  Mag sein, das man jetzt sagt, denkt sie negativ, aber mal Hand aufs Herz, es ist so. 

Die Welt wäre viel schöner, wenn jeder jeden so akzeptieren würde wie er ist, oder auch mal über seinen Tellerrand schauen würde. 

AnneTG
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Reale Person
dabei seit: 18.01.2005

Die "Blaue Narzisse", aus dem dieser Beitrag stammt, ist ein extrem konservativer, der AfD und Pegida nahestehender Blog, der auch der "Neuen Rechten" zugerechnet wird. Das wird auch in dem Beitrag zur angeblichen Instrumentalisierung der Transsexuellen klar erkennbar.

Hier wird Transsexualität als ein Irrtum der Natur dargestellt, der korrigiert werden kann und der dann auch das überkommene zweigeschlechtliche Denken nicht nur nicht in Frage stellt, sondern bestätigt und verfestigt. Transsexuelle werden akzeptiert, weil sie sich in das hetero-normative Geschlechterbild, das nur Mann und Frau zulässt, die jeweils nur einen gegengeschlechtlichen Menschen sexuell begehren, nahtlos mit einer operativen Korrektur einordnen lassen. Transgender oder auch Transsexuelle, die sich nicht so einfach als Unfall der Natur vestehen, stören dieses konservative Bild und werden daher abgelehnt und ideologisch bekämpft. Damit geht die Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Lebensweisen, Femnismus und anderen nicht in dieses schlichte konservative Weltbild passende Auffassungen und Lebensweisen einher.

Also lasst euch davon nicht blenden, wenn euch die Rechte von transidenten Menschen und der Kampf gegen Diskriminierung und Transphobie etwas wert sind. Solche Auffassungen, wie sie in der Blauen Narzisse vertreten werden, sind das genaue Gegenteil davon, sie schüren Vorurteile, Ablehnung und Hass gegen Menschen, die nicht in deren enges Weltbild passen.

Anne

 

 

 

LolaLeipzig
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dabei seit: 03.04.2015

Hallo Anne, 

deinem Kommentar ist nichts hinzuzufügen. 

Klasse.

Sarah-HL
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dabei seit: 01.06.2012

Oooops, Asche auf mein Haupt, ich hatte schon gedacht, daß ich den Originalartikel lesen wollte, war aber zu faul dazu...

Smile Sarah

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