Im Rudel oder als einsame Wölfin

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Ella
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Weil ich schon beim Schreiben bin, muss ich jetzt ein Geständnis machen, zu dessen Ursache ich eben durchgedrungen bin. Anscheinend bin ich ein intolerantes Arschloch. Und das kam so:

Im Nachbarforum hatte sich jemand über die geringe Anzahl Anwesender beim einzigen Wiener T*-Stammtisch in einem sehr bekannten, sehr schönen Bar-Restaurant inmitten der Wiener Innenstadt beklagt. Dorthin geht man, um zu sehen und um gesehen zu werden. Nicht mit der neuen Freundin, nicht mit der Frau des Chefs, nicht alleine...

Als ich mich dazu äußerte ("da könnte ich mich gleich mit einem Schild um den Hals "Erklärungen zu TS und TV erhalten Sie hier" zum Wiener Stephansdom stellen, das würde mich ebenso ruinieren"), fiel mir auf, daß dies eigentlich ein Widerspruch zu meinem Posting anlässlich meiner Weihnachtsfeier zu sein scheint.

Da wurde mir klar, daß ich alles tun würde bzw. mich mit ziemlicher Sicherheit alles trauen werde, solange ich mich dabei nicht in Gesellschaft von T*-sisters befinde, sondern unter Normalos die T*-Einzige bin.

Das ist doch irgendwie seltsam, oder? Ok, ich bin auch Einhandsegler (maximal mit meiner Liebsten), aber absolut nicht schüchtern unter Menschen. Ganz im Gegenteil (schüchtern machen mich höchstens 2ergespräche).

Anscheinend habe ich ein Problem damit, mich mit unseresgleichen auseinanderzusetzen, wenn ich nicht sicher bin, dass die so sind wie ich (also auf unauffälliges enFemme-Sein angelegt.

Nein, Dani, wir gehen schon punschen bzw. Kaffeetrinken, Dich meine ich eben genau nicht damit.

Aber ich würde sofort und ungespitzt im Boden versinken, würde ein Pettycoat-Mädl oder eine, die ihr Frau-sein auf die schrille Art oder von mir aus auf die sexy-Art ausleben will, in meiner Nähe sein.

Ich hätte und hatte kein Problem mit Lilo Wanders´Gegenwart, weil sie cool ist und weil sie anders ist als ich mich sehe(n) will.

Aber ich will nicht in einem wie immer gearteten Rudel heulen.

Wie seht ihr das? Ich weiss, ihr - die Aktiven hier - seid überwiegend grosse Treffenbesucherinnen. Bin ich irgendwie daneben? Oder gibts welche, die auch so ticken?

Grübel und schäm,
C

Die Karawane bellt, der Hund zieht weiter...

Roxanne
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dabei seit: 03.01.2006

Schwierige Frage, die einiges an Zündstoff birgt. Da kann man sehr viel zu schreiben, ich fang einfach mal an...

Es gibt viele von uns, die sich in Gegenwart anderer - spezieller anderer! - schämen oder unwohl fühlen. Die Liste ist lang.

Die sogenannten "Edeltransen" möchten nicht mit "Trümmertransen" gesehen werden. Die mit einer sexy Aufmachung wollen nicht mit denen im "Oma-Outfit" zusammensitzen und andersherum. Die "Tageslichttauglichen" nicht mit den DragQueen und so weiter, und so weiter...

Die "Gemeinde" ist zersplittert. Was uns alle eint ist etwas, was in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich sein kann. Ich kenne einige Transen, die sich vor einem Treffen sehr genau angucken, wer da kommt. Wenn sie sich mit Denjenigen nicht zeigen wollen, bleiben sie weg. Auf Partys oder großen Treffen ist es etwas anders. Da sind meist alle "Sorten" vertreten und man wird nicht mehr individuell in Verbindung mit anderen Einzelpersonen gebracht.

Ähh., gleich 01.00 Uhr....zurück zu Cristin: Es gibt viele, die so ticken.

Natürlichkeit ist langweilig    

juliahh123
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dabei seit: 29.09.2007

Hallo Cristin,

ich habe 1980 als 13 jährige ( er ) auf Bornholm einen 80 Jahre alter Reeder kennengelernt. Er war allein auf einer Hallberg Rassy 42 Fuss auf der Ostsee unterwegs. Es scherte Ihn wenig was die Leute von Ihm hielten und was sie über Ihn redeten . Wenn Ihn das Meer holt , tja er hat sein Leben gelebt.

Ich war und bin es heute auch noch derart Beeindruckt von diesem Menschen der in ( für mich ) seiner Einzigartigkeit das tat was er wollte.

Der Hafen hatte maximal Platz für 20 Schiffe und er war der ungleiche unter all den gleichen.

Tja die anderen habe ich vergessen in 27 Jahren

Julia

La Rouge
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dabei seit: 20.02.2007

...hiermit erkläre ich Julia zur Diplomatin des Tages...besser gesagt, der Nacht!

La Rouge

"Unsere Kräfte können wir abmessen, aber nicht unsere Kraft" Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph

seamstress
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dabei seit: 11.06.2007

Hallo Cristin,

ich kann dich sehr wohl verstehen. Wenn man selbst ernst genommen werden will, ist es nunmal nicht gerade zuträglich, wenn man mit Damen unterwegs ist, deren Erscheinungsbild mehr nach Fasching aussieht. Für den oberflächlichen Blick von Außenstehenden sieht's dann leicht so aus, als seien es lauter "Faschingstransen". Dies ist ja auch der Grund, warum so viele Transsexuelle Probleme mit dem Auftreten von Transvestiten haben.

Auf Partys mit nahezu geschlossener Gesellschaft stellt dies weniger ein Problem dar, da es hier ja keine Außenstehenden gibt und die Transgesellschaft selbst die Unterschiede zwischen den einzelnen Grüppchen sehr wohl (er)kennt.

Bei Treffen in der Öffentlichkeit ist es mir auch lieber, wenn es ohne Paradiesvögel stattfindet. Wobei ich dann aber so inkonsequent bin, gut aussehende Paradiesvögel eher zu akzeptieren, als jene die einfach nur schräg oder (nach meinem Empfinden) peinlich aussehen. Dennoch besuche ich gelegentlich solche Treffen. Zum einen weil ich mir meiner eigenen Schwächen bewusst bin und ich mich nicht für etwas "besseres" halten möchte. Schließlich sagt ein (aus meiner Sicht) zweifelhaftes Outfit ja nichts über die Qualitäten dieses Menschen aus, das kann der liebste, intelligenteste, etc. Kerl (oder Kerlin) sein! Und zum anderen vertraue ich darauf, dass Außenstehende doch zwischen der "normal" gekleideten Person und der im roten Ledermini unterscheiden können.

Wobei ich jetzt gleich wieder einschränken muss, dass ich den Personen meines täglichen Umfeldes keinesfalls in Begleitung von T-Girls in Extremmini oder Petticoat gegenübertreten würde.

Sabine
Konsequent inkonsequent

__________________________
It's a Barnum and Bailey world
Just as phony as it can be
But it wouldn't be make-believe
If you believed in me

Jula
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dabei seit: 12.12.2004

Heieiei,
schon wieder bringt Cristin ein Thema auf und bekennt sich mutig zu einer Position, die nicht unproblematisch ist.

Im ersten Moment habe ich gedacht: Genau! Sie hat so recht.
Im zweiten Moment dachte ich: war ich nicht neulich noch auf einem Stammtisch und auf Parties sowieso?
Differenzierung ist angesagt und ich versuche das mal.

Es kommt, meine ich, darauf an, was man will.
Meist will ich (inzwischen! weil ich weiß, dass das geht) einfach unauffällig Frau sein. Dazu ist es absolut kontraproduktiv jemand anderen in der Nähe zu haben, der was anderes will oder auch nur anders aussieht als unauffällig normal. Man verhält sich "selbstverständlich" und wird ebenso selbstverständlich behandelt und aufgenommen. Man geht einkaufen, essen, ins Kino oder eine Bar und genießt die Zeit. Weiblich aber vollkommen unspektakulär.

Oder man will Spaß haben und Aufmerksamkeit. Dazu gibt es fast nichts besseres als mit entsprechend extrovertierten "Schwestern" auf Piste zu gehen. Das ist aufregend und lustig. Manchmal kann ich das gut ab. solche Events schaffen Erlebnisse, an die man sich erinnert. ZB. die Sache mit dem Discodampfer diesen Sommer in Berlin (Danke nochmal an Sheila und die anderen Organisatorinnen!): schrill!
Aber wenn man auf diese Art und Weise Spaß hat, dann kann man nicht gleichzeitig die Unauffälligkeit genießen. Für mich sind das zwei vollkommen verschiedene Arten meine Transidentität zu leben. Wobei ich zugeben muss, dass sich die Priortäten verschoben haben.
Früher waren für mich Parties die Highlights, heutzutage gehe ich bloß noch hin, wenn ich einen Grund habe (Leute treffen insbes.).
Weil nämlich die Trannierudel-Veranstaltungen mein Selbstbewusstsein unterminieren! Jedenfalls, wenn sie wie insbes. Stammtische, im öffentlichen Raum unter den Augen ansonsten Unbeteiligter stattfinden.
Man wird angestarrt, man merkt den "Stinos" an, dass sie sich um so unwohler fühlen, je mehr die Trannies aufdrehen. Plötzlich bin ich nicht mehr die große, unattraktive Frau, sondern Teil einer schrillen Inszenierung. Dabei will ich doch gar nicht auffällig sein. Stammtische geben mir aber genau dieses Gefühl, gegen das ich ansonsten ankämpfe.
Und ich schaue mich dann um und denke: das bin ich nicht!

Wenn ich bedenke, dass ich vor so 3 oder 4 jahren noch überlegt habe, selber einen Stammtisch zu organisieren .... heute bin ich froh, dass ich das nicht getan habe. Zwischen "richtigen" Parties und dem unauffälligen weiblichen Alltagslaben, sind für mich die Stammtische inzwischen der mieseste Kompromiss. Da hinzugehen ist für mich fast so etwas wie eine Mutprobe: bin ich selbstbewusst genug um mich in eine Situation zu begeben, wo ich als Trannie auffallen MUSS? Und ich stelle mich (manchmal) der Mutprobe, aber eigentlich nur, weil ich bestimmte Leute treffen möchte.
Und das ist vielleicht der Punkt, an dem es wieder zusammenläuft:
Hey, es gibt speziell unter uns Trannies Leute, die so interessant sind, dass sie es lohnen auch mal ein Risiko einzugehen! Die sind so interessant, dass ich dafür auch einen "Stammtisch" (blödes Wort) besuche.

NIVEAU ist keine Handcreme! Julas Homepagehttp://www.julaonline.de/

Gast
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Ich glaube, daß ich eher ein(e) einsame(r) Wolf / Wölfin bin, da ich ohnehin kein Herdenmensch bin. Ich gehe deshalb auch bevorzugt alleine 'raus, wenn ich "en femme" bin. Vielleicht aber wohl auch deswegen, weil ich mir zumindest einbilde, dadurch weniger aufzufallen.
Allerdings hätte ich wenig Probleme, wenn ich plötzlich einer auffälligen Drag Qeen begegnete (ist mir bisher zumindest auf der Straße noch nicht passiert), das würde mich eher amüsieren und vielleicht würde ich da auch noch mitmachen. Alleine das zu tun, fiele mir doch schwer, da hätte ich doch nicht den Mut. Da bewundere ich Leute wie Olivia Jones, die ich neulich im Timp hier kennenlernte und die vollkommen ungeniert, ungefähr einen Kopf größer noch als ich, durch die Gegend stöckelte. Mit ihr zusammen hätte ich so eine Tour um die Häuser gemacht, von mir aus auch in entsprechendem Outfit. Hat sich aber nicht ergeben.
Schöne Weihnachtsgrüße an alle.
Susanne

Gast
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Hey Ladies,

neu hier, aber nicht unerfahren mit der genannten Situation.Thinking

Stammtische waren zu Beginn des Trannydaseins die einzige Zufluchtstätte um sich selbst und andere kennenzulernen.
Sie boten in Gestalt der sog. Selbsthilfegruppe ( Aua.. ) dem Neuling einen Kükenschutz.

Nach vielen Jahren eigener Erfahrung kann ich Jula 100%ig zustimmen.

Mit einem Rudel Trannies ziehe ich nicht durchs Gelände...gelegentliche Partyevents ausgenommen.
Ich lebe meinen Stil der unauffälligen Frau und fühle mich in meiner Rolle "Sauwohl".

So ist es.

Petrea

AnneTG
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dabei seit: 19.01.2005

Die Frage, ob wir lieber alleine, in geschützter Umgebung oder in der Gruppe mit anderen Trannies ausgehen wollen, muss jede für sich selbst beantworten. Das erscheint erst mal als ganz banale und selbstverständliche Antwort, ist sie aber vielleicht doch nicht.

Es gibt gute Argumente für alle Einstellungen. Es kann sein, dass sich alle drei nacheinander ablösen und wir sie wie verschiedene Lebensphasen durchlaufen.

Ich bekenne mich dazu, dass ich mich derzeit am liebsten in einer Gruppe mit anderen Trannies in der Öffentlichkeit bewege, was dich, Jula, zur Zeit am wenigsten anzieht. Dabei ist zwar die Wahrscheinlichkeit am größten, aufzufallen. Aber in der Gruppe fühle ich mich auch am sichersten. Wenn wir z.B. auf einem Stammtisch in der Mehrzahl sind oder eine große Minderheit darstellen und die Umgebung grundsätzlich aufgeschlossen ist, dann fühle ich mich stark und akzeptiert, und es macht mir überhaupt nichts aus, wenn andere mich als Trannie erkennen. Vielleicht ist das sogar ein gutes Training für das Eintauchen als Einzelne in der Öffentlichkeit. Insofern könnte das auch nur ein Zwischenstadium sein, dem ein selbstbewusstes Ausgehen alleine in der Öffentlichkeit folgt.

Meine ersten Schritte habe ich auf reinen Trannie-Veranstaltungen gemacht. Auch jetzt besuche ich diese hin und wieder, aber dabei denke ich oft, dass ich diese Phase schon hinter mir habe.

Ich sehe in den Stammtischen (das Wort mag ich allerdings gar nicht!) und vergleichbaren Ereignissen, bei denen wir als Gruppe in einer größeren Öffentlichkeit auftreten, also durchaus einen Wert. Sie helfen uns, Sicherheit beim Auftreten in der Öffentlichkeit zu gewinnen. Und nebenbei bewirken sie, wenn wir auffallen, auch etwas PR für uns, ein Thema, das schon an anderen Stellen intensiv diskutiert worden ist.

Schöne Weihnachtsgrüße
Anne