Generation: InternetTranse

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Konstanze
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ich habe mir mal Gedanken über uns und alles mögliche sonst gemacht und einen Text erstellt, den ich in erster Fassung nun einfach mal so zur Diskussion stelle.

Zitat:
Zu Zeiten von Boris Beckers AOL Werbung "Bin ich schon drin?" von 1997 hat sich das Internet langsam der allgemeinen Bevölkerung erschlossen.

Damit gab es für jedermann die Möglichkeiten der anonymen Kontakt Aufnahme und eine Plattform um innerste Wünsche und Sehnsüchte auszudrücken. Viele TVs, TS, DWTs,... nutzten dies auch. Früher kannte man diese Art Menschen nur von Kabaretts, "rot/rosa/goldenen Blättern", evtl. noch Fernsehberichten. Und immer hatte es einen verruchten Beigeschmack. Fast niemand hätte sich getraut zu äußern, dass er auch in dieser Richtung empfindet. Mit dem Internet war ein anonymes Outing nun plötzlich möglich und man merkte, es gab ja sehr viele, die so oder ähnlich empfanden.

Transen gab es schon immer und in jeden Kulturkreis. Man kann also nicht sagen, es ist eine Mode Erscheinung. Es ist eher anzunehmen, dass durch das Internet die Einstiegshürde runtergesetzt wurde.

Sehr schnell kristallisierte sich auch heraus, dass es verschiedene Strömungen gab. Das ist zwar bekannt, da es den ICD gibt oder die Harry Benjamin Skala, trotzdem oder auch dadurch entstanden Grabenkämpfe und Abgrenzungen.

Es bildeten sich jedoch verstärkt auch Gruppen um sich auszutauschen, zu unterstützen, zu feiern, einfach um ihr Trans-sein zu leben. Einige fassten den Mut sich in echt zu treffen, auszugehen und es wurden immer mehr. Uns gibt es und wir sind uns uns selbst bewusst.

Ich sage mal, das ist die Generation: InternetTranse.

Damit ist eigentlich schon viel erreicht. Wir wissen wir stehen nicht alleine da und können ns unter anderen auch dadurch leichter akzeptieren was wir sind. Aber was sind wir genau?

Die bereits erwähnten Einteilungen halte ich für nicht vollständig und auch teilweise vom falschen Ansatz geleitet.
So charakterisiert Harry Benjamin die einzelnen Typen aufgrund ihres Verhältnisses zur Kleidung und ihrer sexuellen Orientierung. Der ICD geht von einer psychischen Störung aus. Ähnlich wie Homosexualität, die 1992 aus dem ICD gestrichen wurde, sehe Trans auch nicht als Krankheit an.

Ich will mal versuchen eine andere Einteilung zu erstellen, bei der Äußerliches und Sexualität sekundäre, Motivation und Ziel primäre Kategorien sind. (Nur MzF)

Ausgangspunkt sind Männer, die sich in irgendeiner Form weiblich darstellen.

Es gibt 2 dabei Grundgruppen (Motivation):

- Mit weiblichem Grundgefühl (ich nenn sie nun einfach Transidente TI)
- Mit anderen Gefühlsgründen (Transähnliche TÄ)

TI unterteilen sich weiter in (Ziel):

- TI 1, eine möglichst komplette Angleichung an den weiblichen Körper ist erwünscht (F64.0, HBS 5 & 6)
- TI 2, es wird gewünscht ständig als Frau in der Gesellschaft zu leben, evtl. mit Hormonen, jedoch ohne OP (HBS 4 & 3)
- TI 3, das ausleben der weiblichen Seite wird nut temporär ausgelebt kommt mit seinem mänl. Körper zurecht (F64.1, HBS 3 & 1)
- TI 4, die weibliche Seite wird mit sexuellen Handlungen in Verbindung mit weiblicher Kleidung ausgelebt. (F65.1, HBS 2 & 1)

TÄ sind folgende Einzelgruppen:

- TÄ 1, fühlen sich in keinster weise weiblich, transen aus Effekt und Job Gründen, z.B. DragQueen
- TÄ 2, sind eigentlich Homosexuell, lehnen dies jedoch ab und bilden sich als Übersprungshandlung Weiblichkeit ein.
- TÄ 3, rein Fetisch geprägte Menschen, die weder Homosexualität noch Weiblichkeit in sich tragen. (F65.1)

Dies soll nun eine Klassifizierung von Grundtypen darstellen, es wird sicher Vermischungen und Unschärfen geben.
Ebenso ähneln sich die Typen TI 4, TÄ2 und TÄ 3 im Erscheinungsbild und Handlung sehr stark, die Motivation dafür ist jedoch grundlegend anders. Ich bin auch bewusst nicht aufs optische Erscheinungsbild eingegangen, da man Einteilungen nicht sinnvoll anhand des Passings festmachen kann.
Auch unterscheide ich nicht ob jemand “nur“ DWT ist oder perfekt gestylt kommt. Motivation und Zielsetzung (Ausleben) sehe ich als das entscheidende.

n/v
Annabelle_Legault
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Huhu Konstanze,

interessanter Ansatz Wink und deckt sich z.T. auch mit meinen Beobachtungen : Die Zeiten vor dem Internet und die sog. Internetzeit.

Ich wage auch einfach mal folgende Behauptung :

"das Internet macht Transen"

Viele (egal ob TV,TG oder TS) würde es nämlich gar nicht geben, wenn es da nicht vorher das Internet gegeben hätte.

Ciaoii

La Annabelle

Zwischen Wahnsinn und Verstand ist oft nur eine dünne Wand. (Daniel Düsentrieb)

Konstanze
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dabei seit: 29.04.2005

Hi Annabelle,

ich sehe das eher so:

das Internet ermöglichte Transen

ich denke der Kern, des Transen-seins steckt in uns drin. Da dies normal jedoch verpönt oder/und unbekannt war, hat erst das INet uns ermöglicht es zu leben.

n/v
Annabelle_Legault
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Hi Kontanze,

ja....treffend formuliert Wink

Zwischen Wahnsinn und Verstand ist oft nur eine dünne Wand. (Daniel Düsentrieb)

Inga-M
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dabei seit: 18.03.2005

Vor dem Internet wußte ich schon, daß ich geschlechtsidentitätsmässig
einen gewaltigen Sprung in der Schüssel habe, konnte es aber nicht benennen.

Damals bin ich in der Stadtbücherei immer um "diese" T* Bücher herumgeschlichen
und habe mich doch nicht getraut hineinzusehen oder gar - mutig, mutig - eins
auszuleihen. Was soll die Frau an der Bücherausgabe von mir denken!?!

Jahre später, als ich im Netz zu einem anderen Thema recherierte, bin ich über Trans
gestolpert. Ich staunte nicht schlecht, daß andere Leute genau meine Gedanken,
Erfahrungen und Empfindungen in Worte fassten!

Ich habe natürlich die ganze Nacht gelesen, bis der Wecker der Meinung war ich
müsste jetzt aufstehen und zur Arbeit gehen.

Insofern spricht mir Konstanze aus der Seele: das Internet ermöglichte Transen

schönen Nachmittag, Inga

P.M.O.S.F

anja-k
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dabei seit: 17.12.2004

@ all
Ja auch bin der Meinung das erst das Internet, mit ihren Foren dazu beigetragen haben.
Viele von uns die früher nur mal Heimlich oder in der Dunkelheit raus gingen, haben auf einmal ein Plattform gefunden.
Da Treffen sich gleich gesinnte, ja toll. Durch diese Foren haben sich Tranny´s gefunden, die sich so niemals begegnet wären.
Also erster schritt Internet, dann sich mal Treffen, usw.

So habe ich auch meine neuen Freundinnen kennen gelernt.

Mein Spruch dazu.

Im Internett finden sich Transen. Wo sonnst, auch über größere Entfernungen !
anja-k

Gast
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Hallo Konstanze

JA! - Hutab!

...aber was ist weiblich/Weiblichkeit? Abgesehen vom Äußerlichen - da kann man sich wohl noch einig werden - ist das wohl der Knackpunkt schlechthin! Smile

lg - sisico.

Konstanze
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dabei seit: 29.04.2005

Hallo Sisico

sisico schrieb:
...aber was ist weiblich/Weiblichkeit? Abgesehen vom Äußerlichen - da kann man sich wohl noch einig werden - ist das wohl der Knackpunkt schlechthin!

-Öhm- DIESE Diskussion möchte ich lieber nicht beginnen.
Ich denke nicht mal XX Frauen können dies genau definieren.

n/v
Gast
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@Konstanze
..das war nur so'n Gedanke - ne Diskusion darüber wollte ich ganz bestimmt nicht lostreten! Darum auch der Smilie (den du beim zitieren einfach unterschlagen hast!) Wink
_________________________

Vieleicht bischen offtopic aber mir kamen beim lesen paar Gedanken an meine Vergangenheit/Werdegang in den Sinn.

Das Internet hat mir damals (vor ca. 10 Jahren) zwar klargemacht das ich eine nicht so seltene Spezies bin aber es hat mir nur begrenzt weitergeholfen!(Foren etc.) Der entscheidene Punkt war nämlich die Frage was ich denn nun eigentlich bin? Es ist nunmal ganz und garnicht einfach sich in die vorgeschlagenen Schubladen einzuordnen. Und genau deshalb wird es denn noch komplizierter und das schlägt sich relativ schnell auf die Psyche nieder. Letztlich war ich oft tagelang depressiv und mein Selbstbild/Selbstwert zerbröckelte Stück für Stück.

Irgendwann kam denn die Entscheidung sich mit den Fragen und Problemen an fachkundige Seite zuwenden. Allerdings war auch das nicht befridigend und ich war bald wieder allein mit mir und Fragen wie z.B:
Was tun? Wo wird das enden? Crying

Wirklich geholfen hat mir nur der persönliche Kontakt zu anderen TG's - damals vorallem 3 sog. Post-OP-Transen mit denen ich öfter zusammen war und sie teilweise im Alltag, als Mann an ihrer Seite, begleitet habe. Ich bin Ihnen, heute wie damals, sehr dankbar denn Sie haben mir gezeigt wie es ist eine (besondere) Frau zusein im Alltag.

Letztlich ist es bei mir vorallem eine Vernunftsentscheidung mich mit dem zu begnügen was ich bin. Ein Typ der ab und an in Frauensachen schlüpft, es oft sexuell erregend findet oder auch nur genießt die Sachen zu tragen und zu dabei träumen wie es wohl wäre eine schöne Frau zusein.

Im übrigen ist mein Crossdressing auch nicht mehr so erregend wie ich es in Errinnerung habe. Ich genieße es heutzutage meistens nur ausgiebig, fühle mich freier und entspannter wenn ich es tue - und auch noch Tage danach.
Sich en-femme unter Leuten bewegen ist bei mir verdammt selten geworden. Es ist mir eigentlich viel zu anstrengend, sowohl das draußen sein (adrinalin Wink ) als auch die entsprechende Vorbereitung. ...man(n) wird halt älter! :roll: Wink

Lieben Gruß - Sisico

Moni-Ka
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dabei seit: 21.01.2007

Das Internet erspart den Besuch einschlägiger "Fachgeschäfte", wo man sich in Magazinen auch informieren konnte (und auch noch kann, wenn man will). Mir fallen da Publikationen wie Transaktuell, Trans***, Transformation, Rose's Repartee ein, die ich vor ca. 15 Jahren gekauft habe. Der Hauptunterschied liegt m.E. darin, daß man sich im Netz auch - oder sogar überwiegend - Informationen beschaffen kann, die nicht kommerziell geprägt und auch bequem zugänglich sind. Und das knüpfen von Kontakten ist viel einfacher geworden - mir hat's bei der Transerei sehr geholfen.

Liebe Grüße

Monika

"A little bit of Monica in my life" (Lou Bega, Mambo No. 5)

AnneTG
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dabei seit: 18.01.2005

Ich kann Konstanze aus eigener Erfahrung voll und ganz zustimmen. Als ich vor fast exakt 10 Jahren meinen ersten Internet-Anschluss bekam, suchte ich in den damals schon vorhandenen Suchmaschinen zuerst nach Begriffen wie Transidentität und Transsexualität und war entzückt darüber, wie viele Seiten es damals schon dazu gab.

Obwohl ich schon immer irgendwie transident fühlte, war ich bis dahin mit meinen Gefühlen ganz allein. Wie viele von uns hatte ich geglaubt, ich sei der einzige transidentische Mensch weit und breit. Die Informationen, die ich damals aus dem Internet zog, zeigten mir, dass das nicht so war, und half mir zu vielen sehr wichtigen Kontakten. Sie veranlassten mich auch dazu, mich vor meiner Frau zu outen. Da sie damit anfangs nur schwer klar kam, entwickelte sie damals eine große Abneigung gegen das Internet. Sie machte es damals für unsere neu aufgetreten Probleme verantwortlich.

Bei nur wenigen Gruppen in der Bevölkerung ist Scham vor sich und anderen so bedeutsam wie bei nicht geouteten transidentischen Menschen. Das Internet ist ein einfaches und sehr wirksames Mittel, diese Scham zu überwinden. Heute schmunzle nicht nur ich hierüber, aber ich bin mir sehr bewusst, wieviel das Internet dazu beigetragen hat, dass diese Zeit bei mir (und wahrscheinlich bei vielen anderen) überwunden ist.

Fazit: Wenn es sonst keinen Grund gegeben hätte, das Internet zu erfinden, dann hätte es allein für uns transidentische Menschen erfunden werden müssen.

LG
Anne