Diskussions-Thread über Wahrnehmung

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Suse
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dabei seit: 07.11.2012

Heike_007 schrieb:

Suse schrieb:
Klar gehören ein paar äußere Merkmale mit dazu, aber die Größe und die Schuhgröße alleine erzeugen keine Transphobie oder überhaupt negative Reaktionen. Es kommt dabei auch darauf an wie ich mich kleide oder geschminkt bin, ob eine Perücke gleich als Perücke erkennbar ist usw. Wenn Menschen mehrmals hingucken, diese Dinge ganz bewusst wahrnehmen und anfangen sich Gedanken darüber zu machen, dann fangen sie an zu bewerten, d.h. nicht altersgemäß oder sonstwie exotisch gekleidet, schlecht oder zu auffällig geschminkt, Gang wie ein Bauarbeiter usw.
Richtig, Größe und Schuhgröße allein erzeugen keine negativen Reaktionen, können diese aber nicht unerheblich verstärken. Ich kann mich noch so stilvoll kleiden (was bei den erwähnten Beschaffungsproblemen gar nicht so einfach ist) und zurückhaltend verhalten, ich werde allein schon durch meine Größe mehr auffallen als Transfrauen mit 15...20 cm weniger Körperhöhe.

Völlig richtig, das schrieb ich ja auch sinngemäß. Es kommt immer drauf an, wieviele Merkmale dann tatsächlich zusammen kommen, und natürlich die Geschichte mit der eigenen Sicherheit/Unsicherheit!

Suse schrieb:
Bin ich allerdings sehr unsicher und merkt man mir das an, dann wird mein Gegenüber auch unsicher und verhält sich entsprechend.
Das erscheint bei mir der berühmte springende Punkt zu sein: Mit dem ständigen Denken an alle Unzulänglichkeiten trete ich wenig selbstbewusst und ängstlich auf und provoziere unbewusst damit so manche Reaktion. Da ich keine Lust auf Verbalattacken spüre, bin ich seit einger Zeit wieder auf das Niveau einer Stubentranse abgefallen Sad

Das finde ich sehr schade! Genau das ist der Grund, warum ich gegen pauschales Schwarzdenken bin und dagegen, dass solche Dinge als alleingültige Wahrheit publiziert werden. Ich habe definitiv keine rosarote Brille und auch keine selektive Wahrnehmung, aber ich kann differenzieren. Ich weiß auch, dass nicht alle T-Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit und dem selben Selbstbewusstsein durchs Leben laufen wie ich oder z.B. Triona. Aber diesen Menschen auch noch zu erzählen, dass es richtig ist unsicher zu sein, ihnen merkwürdige Statistiken zu unterbreiten, das finde ich persönlich nicht so toll.

Um es noch einmal deutlich zu machen. Es geht nicht!!! darum, deep stealth durch die Welt zu laufen, sondern wenn ich tatsächlich als trans* erkannt werde, eine Akzeptanz zu erfahren. Und das ist letztlich bestimmt für jede von uns möglich!

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Johanna
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Heike_007 schrieb:
Da ich keine Lust auf Verbalattacken spüre, bin ich seit einger Zeit wieder auf das Niveau einer Stubentranse abgefallen

Bist du denn zufrieden damit?

Die größte Transsexuelle, von der ich gelesen habe, war 2,13m groß. Das sind immerhin volle 17cm mehr als bei dir. Es dürfte aber klar sein, dass sie auch mit allen Hormonen und Operationen nicht als Frau, sondern als Transsexuelle leben wird.

Die Frage ist immer, was man möchte. Was wäre, wenn die körperlichen Gegebenheiten es mir dauerhaft verwehren sollten, als Frau zu leben? Würde ich dann auch als erkennbare Transsexuelle leben wollen, oder bliebe ich dann doch lieber ein Mann?

Ich meine, als Frau rauszugehen, ist nicht die einzig glücklichmachende Lösung. Würde es reichen, als Stuben- und Partytranse zu leben? Meiner Ansicht nach lässt sich die weibliche Seite, zumindest wenn sie nicht zu stark ist, auch anders als durch Kleidung und Äußerlichkeiten kompensieren.

Zunächst einmal müsste man sich dann ein anderes Männerbild zulegen. Sämtliche Klischees und Vorurteile müssten fallen, und weibliche Eigenschaften sollten in diesem Männerbild ganz natürlich und Selbstverständlich ausgelebt werden können. Auch im Frauenbild sollten Klischees entfernt werden. Es geht darum, so wie man ist, mit allen seinen Eigenschaften, Verhalten und Gedanken ganz natürlich und selbstverständlich als Mann leben zu können.

Weiterhin könnte es hilfreich sein, wenn man sein Äußeres nicht ändern kann, stattdessen in seinen Interessen eine Kompensation zu suchen. Typisch weibliche Hobbys fallen mir da ein, z. B. Nähen, das würde auch das Beschaffungsproblem mildern, möglichst Hobbys, wo es z. B. VHS-Kurse gibt, in denen man gleichermaßen interessierte Frauen treffen kann.

Suse schrieb:
Es geht nicht!!! darum, deep stealth durch die Welt zu laufen, sondern wenn ich tatsächlich als trans* erkannt werde, eine Akzeptanz zu erfahren.

Die Frage ist, was man will. Solte deep stealth nicht möglich sein, könnte ich es dann akzeptieren, oft als trans erkannt zu werden oder möchte ich dann lieber Mann bleiben? (Unabhängig von dieser Frage sollten auch diejenigen, die tatsächlich deep stealth leben, es akzeptieren können, vereinzelt mal als trans erkannt zu werden, damit nicht ihre Welt zusammenbricht, falls dann doch mal jemand ihre Vergangenheit errät.)

Heike_007
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Johanna schrieb:
Heike_007 schrieb:
Da ich keine Lust auf Verbalattacken spüre, bin ich seit einger Zeit wieder auf das Niveau einer Stubentranse abgefallen.
Bist du denn zufrieden damit?
Ich bin nicht TS und strebe auch kein 24/7-Frauenleben mit gaOP an, sondern bin eher eine typische Teilzeitfrau (CD/TV). Da lässt sich das Dasein als Stubentranse "zur Not"ertragen, so richtig zufrieden bin ich damit aber nicht wirklich.

Johanna schrieb:
Die größte Transsexuelle, von der ich gelesen habe, war 2,13m groß. Das sind immerhin volle 17cm mehr als bei dir. Es dürfte aber klar sein, dass sie auch mit allen Hormonen und Operationen nicht als Frau, sondern als Transsexuelle leben wird.
Du meinst sicher Lindsey Walker. Ich bewundere den Weg, den sie geht. Sie hat trotz der 2,13 m ein recht akzeptables Passing.

Johanna schrieb:
Ich meine, als Frau rauszugehen, ist nicht die einzig glücklichmachende Lösung. Würde es reichen, als Stuben- und Partytranse zu leben? Meiner Ansicht nach lässt sich die weibliche Seite, zumindest wenn sie nicht zu stark ist, auch anders als durch Kleidung und Äußerlichkeiten kompensieren. Zunächst einmal müsste man sich dann ein anderes Männerbild zulegen. Sämtliche Klischees und Vorurteile müssten fallen, und weibliche Eigenschaften sollten in diesem Männerbild ganz natürlich und Selbstverständlich ausgelebt werden können. Auch im Frauenbild sollten Klischees entfernt werden. Es geht darum, so wie man ist, mit allen seinen Eigenschaften, Verhalten und Gedanken ganz natürlich und selbstverständlich als Mann leben zu können.
Hier stimme ich Dir voll zu. Der knallharte Typ, der ich immer sein sollte, war ich in Wirklichkeit nie, was besonders meinem Vater schwer mißfiel. Die Mehrheit sah (und sieht) in mir immer ein sentimentales Weichei , welches nicht in die berühmt-berüchtigten Schubladen passt. Insofern lebe ich schon lange weibliche Eigenschaften aus, was auch nicht immer ganz ohne Probleme abgeht.

 

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).

Suse
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dabei seit: 07.11.2012

Johanna schrieb:

Suse schrieb:
Es geht nicht!!! darum, deep stealth durch die Welt zu laufen, sondern wenn ich tatsächlich als trans* erkannt werde, eine Akzeptanz zu erfahren.

Die Frage ist, was man will. Solte deep stealth nicht möglich sein, könnte ich es dann akzeptieren, oft als trans erkannt zu werden oder möchte ich dann lieber Mann bleiben? (Unabhängig von dieser Frage sollten auch diejenigen, die tatsächlich deep stealth leben, es akzeptieren können, vereinzelt mal als trans erkannt zu werden, damit nicht ihre Welt zusammenbricht, falls dann doch mal jemand ihre Vergangenheit errät.)

Ok, "lieber Mann bleiben" ist bei mir persönlich unmöglich, da ich ja nie einer war. Da könnte man höchstens fragen "wieder in die Männerrolle zurück". Aber ich werde versuchen es mal von CD-Seite aus zu betrachten, was ja nicht wirklich einfach ist. Ich denke, dass es vielen Crossdressern im Grunde genommen ja nicht drauf ankommt, etwas für die anderen darzustellen. Sie haben ein Bedürfnis, das Bedürfnis nach Weiblichkeit und empfinden auch entsprechend. Das ist ja kein Karneval. Diese Empfindungen haben doch etwas mit dem eigenen Wohlfühlfaktor zu tun. Wenn jemand dann ein starkes Selbstbewusstsein hat, dann ist es ihm letztendlich egal, was andere denken, Hauptsache man selbst fühlt sich wohl. Klar, dass man sich natürlich viel wohler fühlt, wenn es nicht ständig schräge Blicke und blöde Bemerkungen gibt. Aber da gilt es einfach das Selbstvertrauen aufzubauen.

Ok, wenn ich jetzt Blödsinn geschrieben habe, dann steinigt mich! Wink

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Brigitte
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dabei seit: 22.07.2008

Suse schrieb:

Ok, wenn ich jetzt Blödsinn geschrieben habe, dann steinigt mich! Wink

LG

Suse

 

Nein, für mich trifft das zu.

 

Liebe Grüße

Brigitte

Triona
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dabei seit: 05.10.2007

susannecolonia schrieb:

Natürlich würde ich nicht in Russland, Polen, Rumänien etc. als Frau 'rumlaufen. Ich glaube, da könnte es wirklich Ärger geben, es sei denn, frau hat ein perfektes Passing. Die haben in diesen Ländern diesbezüglich noch Nachholbedarf.

Rußland war ich erst 1 x (1 Tag lang in einer Tourigruppe), keine Probleme, aber ist mE in Anbetracht meiner tatsächlichen Erfahrungen kein Maßstab.Habe aber auch noch nie Probleme mit Russen in Deutschland oder in anderen Ländern gehabt, und habe einige Freunde aus Rußland, Ukraine, Kasachstan.

Rumänien war ich noch nicht. Kann mir aber nicht vorstellen, da0 es da viel anders ist.

Polen einmal eine aufs Auge gekriegt, von einem jungen Kerl im Vorbeilaufen (keinerlei Kommentar des Täters, ich war damals als eindeutig uneindeutig, d.h. als zwischengeschlechtliche Erscheinung unterwegs), ist schon fast 20 Jahre her. Aber sonst auch damals nirgends irgendwelche Probleme.  Seither niemals wieder Probleme, alle Leute stets freundlich.

Estland keine Probleme, alle stets freundlich und entgegenkommend.

Kroatien und Bosnien-Herzegovina noch niemals Probleme, alle Leute freundlich und entgegenkommend. Normalerweise erkennbar als Frau behandelt.

Tschechische Republik und Slowakei bin ich sehr häufig. Niemals Probleme, alle Leute freundlich und entgegenkommend. Normalerweise erkennbar als Frau behandelt. Auch schon vor vielen Jahren bisweilen sogar wohlwollende Unterhaltungen mit Fremden über T* gehabt. (Heute kein Thema mehr.) Habe dort auch einige Freunde.

Gebiet der DDR: wohne dort seit 22 Jahren in einer ländlich-altindustriellen Kleinstadt. Normalerweise nie irgendwelche Probleme, auch nicht in Hoyerswerda, Halle-Neustadt, Leipzig-Connewitz, -Grünau, Berlin-Hohenschönhausen, -Marzahn, Görlitz oder sonstwo. Behandlung und Feundlichkeit der Menschen wie anderswo in Deutschland, Österreich, Schweiz auch.

Wohl überflüssig zu sagen, daß ich mich nicht nur in Großstädten bewege, sondern auch in Kleinstädten, Dörfern und im Wald usw, in S-Bahnen, Großbahnhöfen, Autobahnraststätten usw, auch des Nachts und allein, sowie Übernachtung im Freien oder im Auto, also überall, wo ich hin will.

 

Also, was soll das ganze Schwadronieren über Transphobie usw, und dann noch besonders im Osten. Das ist genau das gleiche, wie die dauernde Lamentiererei mancher Leute über die angebliche Rückständigkeit der Menschen in Dörfern und Kleinstädten auf dem Land. Ist auch nichts dran, weil nach meiner langjähjrigen Erfahrung einfach widerlegt. Es kommt wahrscheinlich auch drauf an, wie man auftritt und sich den Mitmenschen gegenüber verhält. Dies gilt auch für Ostdeutschland und Osteuropa. Und irgendwelche Volldeppen gibt es wohl überall. Muß man dann halt aus dem Weg gehen, genauso, wie überall.

Unangenehme Erfahrungen bisher eigentlich nur mit gewissen Männern (ausschließlich) aus Indien und Pakistan gehabt (nur in Europa, war dort noch nie). Da gibt es anscheinend etliche, die T*-Menschen so als eine Art Freiwild-Nutte anzusehen scheinen, zumindest nach ihrem Verhalten zu urteilen. Aber das sind lange nicht alle, wahrscheinlich sogar eine Minderheit. Wohl eben auch vorwiegend die, die gerade nichts anderes zu tun haben, als in Kaufhallen, Bahnhöfen und Parkanlagen herumzulungern. Aber sie fallen halt durch ihren verhältnismäßig hohen Anteil innerhalb ihrer Gruppe und durch ihre herausragende Frechheit unangenehm auf. (Einer hat mich neulich gefragt, ob ich schon eine Muschi habe - einfach so im Vorbeigehen in der Markthalle.) Die meisten sind aber sehr nett oder vlt auch froh, wenn sie selber in Ruhe gelassen werden.

 

liebe grüße

triona

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

sinn féin - ça ira !

Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.

Triona
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dabei seit: 05.10.2007

Heike_007 schrieb:

Das Problem ... : Der Staat DDR bestimmte das Menschenbild vom sozialistischen Menschen, welches aber wenig mit der Realität zu tun hatte. Besonders solche "Dinge" wie Homo-, Bi-, Transsexualität kamen in der DDR nicht vor, sie waren "dem Sozialismus abhold". Es ist kaum zu glauben, aber wer sich nicht selbst informierte, glaubte wirklich, "so etwas gibt es nur im Westen". Solche unterschwelligen Phobien sind mindestens genau so schlimm wie die Neonazi-Ideologie.

Ansichten wie z. B. beim Erich (Honecker) hätte es z. B. keine Transen gegeben, lassen einen wahrlich erschaudern.

 

Hier noch ein Dokument zur Lage von TS in der DDR:

(Es handelte sich allerdings nicht um eine Gesetz, wie in dem Verweis von der dgti irrtümlich behauptet, sondern um eine interne Dienstanweisung des Ministeriums fürGesundheit.)

http://www.trans-ident.de/index.php?option=com_joomdoc&task=doc_details&gid=4&Itemid=5

Gab es also wohl. Wie sollte es auch anders sein. Schließlich macht TS vor staat- und Systemgrenzen keinen Halt. Wurde bloß nicht an die große Glocke gehängt und in der Öffentlichkeit breitgetreten. Möglicherweise wollte man nicht unbedingt "schlafende Hunde" wecken. Und breitere Diskussionen in der Öffentlichkeit über Geschlechtsidentität und TS wollte man anscheinend auch nicht unbedingt.

Es scheint wohl immerhin so häufig vorgekommen sein, daß dafür diese oben aufgeführte Richtlinie gemacht worden ist. Zahlen gibt es wahrscheinlich keine, bzw nach der Vernichtung großer Teile der Stasi-Akten keine mehr.

Nach verschiedenen Quellen wurde den Betroffenen dann in weiter entfernter, anderer Umgebung nach  der Geschlechtsanpassung (die damals wohl auch in der DDR "Geschlechtsänderung" hieß) eine Arbeit, Wohnung usw gegeben, normalerweise ohne daß die Umgebung über die Vergangenheit der Betroffenen Bescheid wußte - im Grunde genommen also eine "neue Identität". Sozusagen der Traum aller Anhänger eines Lebens in tiefster Verborgenheit.

Der Haken daran war, daß bei dem ganzen Ablauf die Staatssicherung den Hut auf hatte. Daß die dafür wohl wünschten, daß man sich dafür später erkenntlich zeigte, ist ein offenes Geheimnis, über das man nicht lange zu spekulieren braucht. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß diese von Betroffenen danach auch gewisse "Gegenleistungen" erwartet hat. Und wahrscheinlich auch mehr oder weniger bekommen hat. Zu diesem Gesichtspunkt Näheres erfahren konnte ich bisher leider nicht.  Ist ja klar, daß es sehr schwer bis unmöglich ist, entsprechende Kontakte zu diesen Menschen zu bekommen. Und über frühere Stasi-Tätigkeit schweigen sich auch die meisten nicht-transsexuellen Menschen lieber hartnäckig aus.

Meine Quelle ist eine Richterin am Amtsgericht. Sie war auch schon Richterin in der DDR.(Den Namen oder das Gericht werde ich aus naheliegenden Gründen hier nicht nennen.) Davor habe ich bereits an 1 oder 2 Stellen im Internet einige kurze Andeutungen von Betroffenen darüber gelesen. Weiß ich aber nicht mehr wo. Die Richterin hat auch bestätigt, daß der ganze Vorgang bei einem Übergang in der Regel von der Stasi abgewickelt oder zumindest beaufsichtigt wurde. Der Ablauf wäre idR eher unbürokratisch und zügig abgelaufen. Und ohne viel Wind zu machen. Was für ein ungestörtes Leben im richtigen Geschlecht ohne Aufdeckung der Vergangenheit an einem anderen Ort natürlich auch vorteilhaft war. 

Übrigens: Auch der §175 StGB wurde in der DDR schon lange vorher abgeschafft, als dies in der BRD geschehen ist. Die Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität hat allerdings keinen unmittelbaren Einfluß auf die Gesinnung breiterer Teile der Bevölkerung, und hat wenig zu tun mit gleichzeitiger oder auch nur baldiger Änderung derselben - hüben wie drüben. Eine gewisse Signalwirkung für gesellschaftliche Entwicklungen darf dem aber wohl schon zugeschrieben werden. Und man muß kein Freund der DDR (gewesen) sein, um zu Erkennen, daß manche Gesetze dort fortschrittlicher waren, als in der BRD.

Siehe hierzu auch:

Heike_007 schrieb:
Ansichten wie z. B. beim Erich (Honecker) hätte es z. B. keine Transen gegeben, lassen einen wahrlich erschaudern.

- was ja wie wir gesehen haben, nicht den Tatsachen entspricht, aber was sie wahrscheinlich schon so oder ähnlich gehört hat.

 

liebe grüße

triona

 

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Heike_007
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Mein Beitrag bezog sich nicht auf die Existenz juristischer Regelungen und Vorschriften, sondern auf deren Auswirkungen auf den Alltag. Da ich 36 1/2 Lebensjahre in der DDR gelebt habe, meine ich, das auch einschätzen zu können. Es gab einen skurrilen "Geheimhaltungsfimmel", es sollten immer nur die direkt Betroffenen Bescheid wissen. Also, die Transsexuellen selbst, die Ärzte der (Uni-)Kliniken, die diese behandelt haben und Gerichte/Standesämter. Der ganze große Rest der Bevölkerung sollte davon nichts wissen, was im Alltag allerdings schwer umsetzbar war. Auch gab es keine Boulevardpresse, wo über entsprechende Beispielfälle berichtet wurde.

In dieser Situation zogen sich viele Betroffene in Nischen zurück, was doppelt Mißtrauen hervorrief: Die Stasi wollte alles geheim halten und Otto Normalbürger war extrem neugierig auf das, was er offiziell nicht wissen sollte. Da schossen dann Gerüchte aller Art ins Kraut, was den spießig-piefigen Umgang mit dem Thema TS zumindestens teilweise erklärt. Und diejenigen, denen das alles egal war, glaubten tatsächlich, "so etwas" gäbe es nicht.

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).

Suse
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Triona schrieb:

Hier noch ein Dokument zur Lage von TS in der DDR:

(Es handelte sich allerdings nicht um eine Gesetz, wie in dem Verweis von der dgti irrtümlich behauptet, sondern um eine interne Dienstanweisung des Ministeriums fürGesundheit.)

http://www.trans-ident.de/index.php?option=com_joomdoc&task=doc_details&gid=4&Itemid=5

Coole Formulierung... Transsexualist

Klingt wie Faschist, Kommunist, Kapitalist

LG

Suse

Ich war kein Mann, ich sah nur so aus.

Triona
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dabei seit: 05.10.2007

Suse schrieb:

Coole Formulierung... Transsexualist

Klingt wie Faschist, Kommunist, Kapitalist

 

Haben die Verfasser des Papiers allerdings wohl nicht erfunden.

Habe das glaube ich auch vorher schon anderswo gelesen. Möglicherweise bei Hirschfeld oder in einer der alten Diskussionen über Hirschfeld. Zumindest ist bei Hirschfeld die Rede von "Transsexualismus". Ein Ausdruck, den ich auch schon des öftern in Arztberichten über mich selber gelesen habe.

Außerdem klingt der Ausdruck mE auch ein klein bisserl mehr "geschlechtsneutral" - wenn er das auch nicht wirklich ist. Finde ich aber noch besser als Binnen-IN oder Unterstrich u.ä. schriftsprachliche Krücken. Bisserl merkwürdig klingt es dennoch allemal - Bürokratendeutsch und Mediziner-Fach-Chinesisch halt.

 

@ Heike:

Genau das wollte ich mit meinem Kommentar zu dem Dokument zum Ausdruck bringen.

Auch wenn ich die DDR vor ihrer "Auflösung" nur ein paar mal in den vorangegangenen 20 Jahren besucht habe, so lebe ich doch immerhin seit nunmehr 23 Jahren hier und kenne dementsprechend massenhaft Menschen, die auch schon vor mir da waren. Aus dem was ich in den Jahren 1990 - 1994 hier täglich erlebt habe - auch in Verbindung mit meinen eigenen kurzen Besuchen in den Jahrzehnten davor -  und aus den ständigen und bis heute noch anhaltenden und bisweilen überaus gründlichen und tiefgreifenden Diskussionen darüber, und aus den damals noch taufrisch berichteten Erinnerungen dieser Menschen ohne den Staub des Vergessens und Umdeutens von Geschichte - sei es nun persönlicher oder gesamtgesellschaftlicher Art - habe ich einiges gelernt.

Ich denke sogar, daß ich in Stande bin, manches weniger einäugig und verkleistert zu sehen, als manche "gelernte DDR-Bürger", die ständig nur auf ihrem exklusiven Selbst-Erlebt-Haben herumreiten, und die da bisweilen auf einem ziemlich hohen Roß daherkommen, und dabei oftmals die Wirklichkeit im blindwütigem Haß oder auch in sonniger Verklärung aus den Augen verlieren, und dann bisweilen nur gequirlte Sch**** von sich geben. Da habe ich schon haarsträubenden Unfug gehört, won dem ich aus eigenem Erleben genau weiß, daß es eindeutig nicht zutreffend war. Und dauerndes weinerliches Wehklagen über die ach so niederschmetternde Vergangenheit zur eigenen seelischen Entlastung ist da noch das Geringste von.

Mit einem der sattsam bekannten "Besser-Wessis" der 1990-er-Jahre bin ich übrigens noch niemals verwechselt worden. Sehr viele Menschen bemerken nur an meiner Sprache (und zwar nicht an der Wortwahl oder den angesprochenen Themen, sondern an meiner muttersprachlichen Dialektfärbung), daß ich nicht auf dem Boden der DDR geboren und dort aufgewachsen bin. Braucht mir also niemand was zu erzählen. (*) Und kritische Aufnahme von Originaldokumenten  und erhaltenen "stummen Zeitzeugen" und deren Beurteilung, sowie das Lesen zwischen den Zeilen ist mir ebenfalls durchaus geläufig.

Also bitte keine grundsätzliche und möglicherweise unangebrachte Voreingenommenheit aufgrund des Geburtsortes eines Menschen. Es gibt immer Solche und Solche ('s geit äwwl Sottiche on Sottiche) - wie der Schwabe so sagt.

Und sage mir keiner was, wie ein Betrieb oder Wirtschaft in der DDR funktioniert hat. Da traue ich mir zu, daß ich so was auch heute noch besser analysieren kann, als die meisten eingeborenen DDR-Bürger - und zwar unter anderem mit Karl Marx, den ich im Gegensatz zu den meisten von denen - einschließlich dem Großteil der ehemaligen eingeschriebenen SED-Mitglieder - auch in meiner Jugend im Originaltext gelesen und ich denke auch im Wesentlichen verstanden habe. Allerdings in Verbindung mit durchaus eigener Anschauung und in guter Kenntnis der (im Grunde genommenen systemunabhängigen) Funktionsweise von Wirtschaftsbetrieben und neuzeitlichen Produktionsweisen und Betriebsabläufen und volkswirtschaftlihchen Abläufen, und auch von Politik und gesellschaftlichen Funktionsmechanismen, und wie man Meinungen macht in den Köpfen von Menschen - egal wer dies tut und mit welcher Absicht. Die Funktionsweise eines DDR-Betriebs war für aufmerksame Beobachter mit der erforderlichen praktischen Sachkenntnis nämlich in den ersten Jahren nach dem Ende der DDR noch durchaus erkennbar. Das hatte sich nämlich nicht von einem Tag auf den anderen geändert.

Und die Methoden der Herrschenden sind auch heute noch im Grunde genommen die gleichen, wie sie zuvor waren - hüben wie drüben. Die haben mittlerweile nur ihre Vorgehensweise verbessert und der veränderten Zeit angepaßt. Teilweise sind es sogar immer noch die selben Leute, die das umsetzen und davon Vorteile haben. Und auch immer noch sind es die selben Leute, die diese Zeche bezahlen. Nur daß letztere immer mehr werden, und der Preis, der von diesen zu zahlen ist, immer höher wird - weltweit.

 

*) Aber gab es nicht auch genug, die bei meiner Geburt und auch nicht in meinen früheren Lebensjahrzehnten gesehen haben - und manche davon bis heute noch nicht sehen wollen, daß ich eigentlich kein Junge oder Mann war und bin?

 

liebe grüße

triona

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

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Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.