"Die wollen mich fertigmachen"

9 Antworten [Letzter Beitrag]
Lena4866
Bild von Lena4866
Offline
dabei seit: 01.07.2005

Zitat:
"Die wollen mich fertigmachen"

Wie geht man mit Gefangenen um, die Männer sind - aber lieber eine Frau wären? Die Frage ist nicht nur rechtlich schwer zu beantworten, wie der Fall Janina zeigt. Ginge es nach Janina, sollte alle Welt sehen, dass sie eine Frau ist.29.08.2009

Von Sarah Stricker

"Keine Angst, er ist nicht zu verfehlen", sagt der Wärter und schmunzelt ein bisschen, "'s ist der Mann mit den Brüsten." An den Tischen entlang der vergitterten Fenster sitzen die Häftlinge mit ihren Familien, ihre Blicke wandern neugierig zur Tür, Stuhlbeine kratzen über den Linoleumboden. Dann hebt sich ganz hinten eine Hand, winkt. Die pinkfarbenen Lippen zeigen ein Strahlen. "Ich dachte schon, du kommst nicht", sagt Janina, "die da oben haben dich doch sicher geimpft, was?" Sie kichert in die hohle Hand. Die tiefe Stimme steht in krassem Widerspruch zu ihrer Kleinmädchen-Freude. Unter der dicken Rougeschicht auf ihren Wangen sind deutlich die Bartstoppeln zu erkennen.

Der Wärter bringt uns in einen abgetrennten Raum. Als die Tür zufällt, kriecht Janina unter den Tisch, tastet den Schrank ab. Sie sucht nach Wanzen. "Wenn rauskommt, was die hier mit mir machen", sagt sie, "wackelt der Stuhl von der Müller-Piepenkötter", der nordrheinwestfälischen Justizministerin. "Die verweigern mir Hormone, Psychotherapie, ganz zu schweigen von der Geschlechtsumwandlung. Die wollen mich fertigmachen." Sie wird das im Laufe unseres Gesprächs noch oft sagen: Die wollen mich fertigmachen; die diskriminieren mich; die sagen, ich soll mich schämen. Wen sie damit meint, die Justiz, das Personal oder die Mitinsassen, scheint sie manchmal selbst nicht genau zu wissen. Sie weiß nur eines: "Ich stecke in diesem Körper fest, und keiner hilft mir."

Geboren wurde Janina als Mann. Nur gefühlt hat sie sich nie wie einer. Mit zwölf begann sie heimlich die Schlüpfer ihrer Mutter zu tragen, schminkte sich, entwickelte einen Ekel vor dem "Boy" zwischen ihren Beinen, wie sie sagt. "Vom Kopf her war ich schon immer eine Frau, ich hab' es nur draußen noch nicht geschafft, die Operation zu machen. Ich war noch nicht so weit." Seit 55 Jahren sitzt sie in dem Gefängnis, als das sie ihren Körper empfindet. Seit sie vor drei Jahren eine Bank überfallen hat, zusätzlich in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen. Im Männerbau. Denn für die Justiz ist sie das noch immer, ein Mann. Oder zumindest keine Frau. Dazwischen gibt es nichts.

"Transsexualität ist etwas, das im Strafvollzug eigentlich nicht existiert. Wir haben hier nur die Wahl zwischen Mann und Frau", sagt Julius Wandelt, Leiter der JVA. Die Entscheidung, wo transsexuelle Straftäter unterzubringen sind, stellt die Gerichte also vor ein Problem. Die meisten Länder gehen nach dem biologischen Geschlecht, aber nicht alle und nicht immer. "Es gibt keine generelle Regel, ab welchem Punkt Transsexuelle im Frauen- oder im Männerbau untergebracht werden", sagt Andrea Bögge, Sprecherin des Justizministeriums in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem Janina einsitzt. "Die Anstalt muss im Einzelfall entscheiden, was für den Insassen besser ist." Sogar im strikten Bayern ist es schon passiert, dass ein Mann, obwohl er noch einen Penis hatte, aber durch die Hormontherapie bereits sehr weiblich aussah, zu den Frauen kam.

Tatsächlich überlässt der Gesetzgeber die Antwort auf die Frage, wie mit Menschen wie Janina umzugehen ist, weitgehend der jeweiligen Anstaltsleitung. "Das Strafvollzugsgesetz stammt aus den siebziger Jahren, einer Zeit, in der man sich gerade von der Strafbarkeit der Homosexualität verabschiedet hat", sagt Anstaltsleiter Wandelt. "Sie können sich denken, dass da nichts über Transsexuelle drinsteht." Trotzdem sieht er keinen Änderungsbedarf. "Da steht eben nicht drin, ob man einem Mann einen BH genehmigen muss. Aber das Gesetz reicht aus, wir müssen es nur mit Leben füllen - auch wenn das bei Herrn Costakis manchmal eine Herausforderung ist." Janina heißt nicht wirklich Costakis, aber ihren echten Nachnamen will die Gefängnisleitung nicht veröffentlicht sehen. Der Betroffenen selbst geht es anders; viel zu lange habe sie sich schon versteckt vor ihrer griechisch-deutschen Familie, die den Kontakt abbrach, als Janina begann, Damenwäsche zu tragen. Vor ihrem Arbeitgeber. Am meisten vor sich selbst.

Ginge es nach Janina, sollte alle Welt sehen, dass sie eine Frau ist. Das nimmt bisweilen groteske Formen an. Ihr Make-up ist schrill, der Busen riesig. Ihren ersten BH hat sie sich aus einem Feinripp-Männerunterhemd gebastelt, darin zwei prall mit Wasser gefüllte Kondome, die sie auch zum Schlafen trägt, selbst wenn manchmal ein Ballon platzt und ihr Bett unter Wasser setzt. Zwanzig Monate hat sie gekämpft, bis ihr die Anstalt vier Garnituren Damenwäsche erlaubte. Der Reißverschluss ihrer Hose platzt fast im Schritt. Es sind Damenjeans, wie sie stolz erzählt: aus dem Frauenbau über den Müll bis in den Männerknast geschmuggelt. Wenn es rauskommt, wird ihr Lohn gekürzt, aber das ist ihr egal.

"Es ist nicht ungewöhnlich, dass Trans-Frauen ihre Weiblichkeit erst mal überbetonen. Sie kämpfen um Anerkennung als Frau", sagt Werner Heß, Psychologe und stellvertretender Anstaltsleiter. "Die Möglichkeiten werden dann oft exzessiv genutzt, und in dieser Phase befindet sich Herr Costakis." Dass Janina sich damit selbst gefährden könnte, ignoriert sie.

"Trans-Frauen sind enorm häufig Opfer von Gewalt", sagt ihre Anwältin Maria Sabine Augstein. Die Tochter des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein ließ sich selbst zur Frau umoperieren und hat sich auf das Recht für Transsexuelle, Lesben und Schwule spezialisiert. "Die Männer im Gefängnis sind ja zum Teil Schwerkriminelle, warum sollten die vor Transsexuellen zurückschrecken? Für manche stellt es einen besonderen Reiz dar." Sexuelle Übergriffe sind kaum zu verhindern. Wie bei Manfred, der ein paar hundert Kilometer weiter in der Nähe von Frankfurt einsitzt. Im Gefängnis hat er niemandem von seiner Transsexualität erzählt. "Aber die merken, dass ich anders bin, zu lieb, zu schüchtern", schreibt er in seinen Briefen. Einen Besuch lehnt das hessische Justizministerium ab, aus Fürsorgepflicht. Wenn jemand Wind bekäme, könne keiner sagen, was in den Waschräumen passiert. Und tatsächlich ist die Sorge nachvollziehbar: In der letzten Anstalt wurde Manfred von fünf Mitinsassen eine Woche lang vergewaltigt.

Um so etwas bei Janina zu vermeiden, hat die Anstaltsleitung Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sie darf nur alleine duschen, hat eine Einzelzelle, bei der Arbeit im Freistundenhof ist immer ein Aufseher dabei. Bisher ist nie etwas passiert, aber sie weiß, was es heißt, Zielscheibe zu sein. Als sie in der Untersuchungshaft geschminkt über den Hof lief, bewarfen sie die Mitinsassen mit Steinen, Urinbeutel flogen durch die Gitterstäbe. "Hure", "Vieh", schallte es aus den Fenstern. In Gelsenkirchen wurde es besser, manche flirten sogar mit ihr. Sie lacht kokett, wackelt mir den Hüften. Zwar habe sie Angst, aber gleichzeitig genießt sie die Aufmerksamkeit. "Geht doch allen Frauen so, es macht mir Spaß, die Kerle geil zu machen."

Plötzlich wird sie langsamer, die Pausen zwischen den Worten dehnen sich, wie bei einem eiernden Tonband. Ihr Mund spricht noch ein paar Sekunden weiter, aber sie ist nicht mehr bei der Sache. Sie hebt müde den Kopf. "Ich wünsche mir nur, mich würde mal jemand in den Arm nehmen", sagt sie und lässt die Mundwinkel hängen. Ein bisschen sieht sie aus wie ein weinender Clown. "In Wahrheit gefalle ich keinem, aber wenn die echt wären", sie klopft sich gegen den Busen, "dann könnte ich mich nicht retten vor Verehrern." Da ist er wieder, der Kampfgeist, die Wut darüber, dass man sie die Operation nicht endlich machen lässt. "Der ehemalige Anstaltsleiter hat gesagt, ich wäre schon draußen, wenn ich nicht so rumlaufen würde. Aber der Glaube an die Geschlechtsumwandlung ist das Einzige, was mich aufrechterhält."

Aber warum jetzt? Warum nicht warten bis nach der Entlassung? Sie sagt: "Die haben das nicht zu entscheiden." Wenn Janina so aufgebracht ist, klingt sie noch mehr wie der Mann, der sie nicht sein will. "Ich will nicht warten. Ich kann nicht warten!" Laut Weltgesundheitsorganisation ist Transsexualismus eine Krankheit. Auch wenn diese Klassifizierung umstritten ist - für Janina birgt sie Hoffnung. Wenn dem Gericht zwei Gutachten vorliegen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass sie transsexuell ist, muss das Gefängnis ihr die Hormone bewilligen; sobald die Hoden ihre Funktion eingestellt haben und der weibliche Hormonspiegel ein halbes Jahr stabil ist, auch die Geschlechtsumwandlung. Aber bisher ist nur einer der Gutachter restlos überzeugt; der andere ist sich nicht sicher, ob sie es sich nicht anders überlegen könnte. "Der Weg vom Mann zur Frau ist lang", sagt Heß. "Bevor ein Chirurg das Messer ansetzt, bedarf es mindestens einer einjährigen Psychotherapie und mehrfacher Absicherung." In dieser Woche kamen zwei neue Gutachter. Vielleicht kann Janina bald wenigstens schon mal ihren Vornamen im Ausweis ändern. Dann müsste sie die Belegschaft zumindest als Frau ansprechen.

"Kannst du nicht doch meinen Namen schreiben? Die merken das doch nicht", sagt sie zum Abschied. "Vielleicht meldet sich dann jemand bei mir." Sie macht wieder ihr Clownsgesicht, wischt sich eine unsichtbare Träne weg. Dann schüttelt sie den Kopf, streicht das lange Haar aus dem Gesicht. "Die Frau in mir ist so stark. Die können mich nicht stoppen", sagt sie, während der Wärter sie abführt.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/2.3017/die-wollen-mich-fertigmachen-11404093-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Dreiviertelmann
Bild von Dreiviertelmann
Offline
dabei seit: 20.03.2013

Eigentlich find ich die Sache in Gefängnissen einfacher als außerhalb. Die Insassen sind ja oftmals sehr oberflächlich. Mag hart klingen, aber ist ja leider so. Also sollte man meiner Ansicht nach die Richtlinien daran anpassen. Was nach Mann aussieht, kommt in den Männerknast, was nach Frau aussieht, in den Frauenknast. Klar, manchmal ist das uneindeutig, aber da muss man dann eben nach Gefühl entscheiden. Hormone sollten natürlich genausowenig verboten werden, wie Frauenkleidung. Sobald eine zunächst als "Mann" eingestufte Person eher wie eine Frau aussieht, sollte man sie verlegen. Außerhalb von Gefängnissen muss man natürlich deutlich mehr differenzieren, aber in der oberflächlichen und sehr auf Optik reduzierten Gefängniswelt sollte diese Vereinfachung ihren Zweck erfüllen.

Vanilla
Bild von Vanilla
Offline
dabei seit: 17.03.2015

@Dreiviertelmann: Wieder erkennt man, dass du selbst nicht transident bist...

Die Welt besteht nicht nur aus Sex und sexuellen Reizen! Wenn sich die nach Mann aussehende Transfrau weiblich fühlt, dann gehört sie in den Frauenknast! Ich glaube kaum, dass Frauen sie vergwaltigen wird oder andernweitig körperlich zusetzen können.

Männer dagegen vergewaltigen sie, sind sexuelle dort unausgelastet und in der Regel auch einer hormonell unbehandelten Transfrau schon körperlich überlegen!

 

Du würdest vermutlich im Knast deinen Mann stehen, weil du zu deinem Körper stehst und dich zu 70% so fühlst. Damit wirst du maximal etwas "anders" oder etwas "schwul" auffallen. Bei Transfrauen, die sich dessen bewusst sind und auch noch AUF MÄNNER stehen........ Ist das absolut psychisches Drama...

 

Ich weiß selber noch, biologisch inter/uneindeutig geboren, wie es in der Herrentoilette, in der Herrenumkleide, ... war... Blick über Blicke, weil schon ein weiblich aussehener androgyner "Typ" nicht mehr als Mann gilt!

Frauen haben mir nie Angst gemacht oder ernsthaft mich deswegen negativ und gefährlich behandelt. Ich würde IMMER den Frauenknast verlangen! Vorallem, wenn man auch noch auf Männer selber steht..als weiblicher Mensch...

Frauen sind zu allem fähig...

und manche werden sogar in einem männlichen Kärper geboren.

Dreiviertelmann
Bild von Dreiviertelmann
Offline
dabei seit: 20.03.2013

@Vanilla: Du bist offenbar dem Irrglauben erlegen, dass nur Transsexuelle in diesem Forum erwünscht seien. Dies ist nicht der Fall. Ich habe nie behauptet, ich sei transsexuell. Ja, ich habe es hin und wieder für möglich gehalten, aber nein, ich bin es nicht. Ich beschäftige mich seit 8 Jahren mit dem Thema Transsexualität. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Mensch aus dieser Gruppe, die selbst von der Gesellschaft an den Rand gedrückt wird, derart intolerant ist, wie du. Wer hat dich damit geimpft, dass wir in einer binären Welt leben? Es gibt nicht immer nur Schwarz oder Weiß, an oder aus, gut oder böse, Mann oder Frau, Cis oder Trans. Es gibt in den meisten Fällen noch tausende Abstufungen dazwischen. Und einer dieser Abstufungen gehöre ich an. Und wenn du nur für Hetze hier bist, such dir jemand anderes.

Mia86
Bild von Mia86
Offline
dabei seit: 10.02.2014

Das ist voll die gute Idee wenn leute die dich in den Knast stecken wollen nach gefühl entscheiden dürfen wo sie dich hinpacken.

Das geht bestimmt nicht schief.

 

lg

Mia

Brigitte
Bild von Brigitte
Offline
Reale Person
dabei seit: 22.07.2008

Mia86 schrieb:

Das ist voll die gute Idee wenn leute die dich in den Knast stecken wollen nach gefühl entscheiden dürfen wo sie dich hinpacken.

Das geht bestimmt nicht schief.

 

lg

Mia

"Möchten Sie ein Einzelzimmer oder ein Doppelzimmer?"

Brigitte

Minolfa
Bild von Minolfa
Offline
Reale Person
dabei seit: 06.12.2007

Brigitte schrieb:
"Möchten Sie ein Einzelzimmer oder ein Doppelzimmer?"

Einzelhaft in der Dunkelzelle, dann merkt der/die Gefangene auch nicht, ob es sich um einen Männer- oder Frauenknast handelt. Big smile

 

(Ich "liebe" die Diskussion von Beispielen, die so direkt aus dem alltäglichen Leben von 99,9% aller Transgender gegriffen sind, wie die Transition einer Bankräuberin ausgerechnet im Gefängnis... hat so einen netten Touch von Voyeurismus.)

Moni-Ka
Bild von Moni-Ka
Offline
Reale Person
dabei seit: 21.01.2007

Dieser Artikel ist ja nun fast sechs Jahre alt.

Weiß jemand, wie es mit Janina weitergegangen ist?

Liebe Grüße

Monika

"A little bit of Monica in my life" (Lou Bega, Mambo No. 5)

Minolfa
Bild von Minolfa
Offline
Reale Person
dabei seit: 06.12.2007

Es gibt wohl im Web nur diesen einen Artikel aus der FAZ, bzw. mehr oder weniger ausführliche "Zitate" aus dem Artikel in diversen Foren über die Jahre hinweg. Ob Janina es sich noch mal anders überlegt hat, oder inzwischen die Transition hinter sich brachte, machte sie wohl nicht mehr öffentlich? Aus dem Gefängnis entlassen dürfte sie inzwischen ja längst sein.

Liebe Grüße,
Minolfa

Mia86
Bild von Mia86
Offline
dabei seit: 10.02.2014

Mit so einem Lebenslauf geht man doch gerne an die Öffentlichkeit, damit es auch ja niemand vergisst. Versteh ich gar nicht.