Historische Kleider und Unterwäsche !

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Gast
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Jenni, zuerst zu Deiner Frage. Die historisierenden Kleider sind nicht sehr schwer. Das ist dann einfacher Stoff (Baumwolle etc.) Mein rotes Kleid paßt locker in eine Schachtel, wenn es ein halbes oder ein Kilo wiegt, dann ist es schwer.
Die historischen, wie mein Watteaukleid, wiegen schon einiges. Gewogen habe ich es nicht, aber man merkt schon den Unterschied wenn man es in der Hand hält. Am Körper spürt man es dann komischerweise gar nicht mehr.

So nun zu einem historischen Kleid und wie man es anzieht. Ich beziehe mich hier auf mein Watteaukleid (eins mit Schleppe), aber ich schätze mal, es ist bei den anderen Kleidern ähnlich.
Zuerst steigt man in die Chemise, zieht sich die Strümpfe und die Schuhe an. (Schuhe deshalb, weil man sich im Korsett nicht mehr bücken kann)
Über die Chemise kommt das Korsett. Dann darf die Zofe richtig fest schüren. Ist dies vollbracht bindet man sich die Paniers um, oder man nutz einen ovalen Reifrock. Die Betonung liegt auf Oval. Runde Reifröcke gab es erst in der Biedermeierzeit. (Hat man keinen ovalen Reifrock, so kann man einen kleineren runden nehmen und dann die Paniers darübertragen. Dabei muß man bloß aufpassen, daß man den Reifrock mit den Bändern des Paniers befestigt, sonst rutscht einem der Reifrock über kurz oder lang nach unten weg. Das ist mehr als peinlich.)
Über diese ganze Konstruktion zieht die Dame dann einen Unterrock (bei mir in einem Teil, manche Kleider haben auch einen geteilten Rock mit vorder und Hinterteil) Ist dies vollbracht kommt der Stecker an die Reihe. Der Stecker ist das fast dreieckige Brustteil. Dieser wird mit Stecknadeln am Korsett festgemacht.
Darüber kommt dann das Oberkleid. Man zieht es wie einen langen Mantel an. Das Oberkleid wird wieder mit Stecknadeln am Stecker befestigt.
Ist dies geschehen darf die Zofe die Schnürung am Rücken festziehen.
Und schon ist die Dame im Watteaukleid korregt angezogen.
Das dauert so seine Zeit, wie ihr Euch wohl vorstellen könnt und ohne Zofe ist es nicht zu bewerkstelligen.
Das Ausziehen dauert fast ebensolange.

Alita-Saleema
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dabei seit: 19.11.2006

Seltsam, hab immer gedacht, diese wahren Riesenteile (historisch korrekt) wiegen immer so zwischen 15 und 40 Kilogramm und frau sich da fühlt als hätte man ihr eine Bleiglocke übergestülpt..
Aufwändig gearbeitete Ball- und Brautkleider der heutigen Zeit können teilweise ja auch etwa so viele Kilos erreichen.
Zumal edle Stoffe wie Brokat, Moire, Samt oder hochwertige Atlasseide doch recht dicht gewebt und schwer sind. Besonders dann, wenn noch diverse Metallfäden für die Musterung drin sind..

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Ich glaube die wirklich schweren Kleider gab es im frühen Barock. Die Spanische Mode oder auch Mode der Holländer wie man sie auf den Bildern von Rembrand und Co sieht dürfte dazugehören.
Ich bezieh mich auf die Zeit eines August des Starken oder Friedrich des Großen. Da waren die Kleider dann um ein Vielfaches leichter. Man zog ja nun ein Panier bzw einen Reifrock an und nicht wie in den früheren Zeiten zig Röcke übereinander.

Liebe Angelina
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Guten Abend schöne Noriko,
mal wieder sehr spannend Deine Beiträge.
Hast Du auch noch andere historisierende Kleider aus anderen Epochen und so tolle An- b.z.w. Auskleidebeschreibungen ?
Wie sieht es denn bei den Japanerinnen und Kimono aus ?

Freue mich auf Deine Fortsetzung !

Liebe Grüße Angelina

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Hallo Angelina,

ich bin schon seit einiger Zeit im Bereich authentischer historischer Damenklamottage unterwegs. Von 1860er-Krinoline über 1885er Tournüre bis 1900 (siehe Avatar) habe ich einige viktorianischen Modestile genäht, daher lese ich natürlich gerne daß sich auch andere für diese Mode interessieren. Smile
Zwar schwenke ich mittlerweile mehr und mehr auf historische Herrenkleidung um (bin in einer historischen Darstellungsgruppe aktiv...die anderen haben zwar absolut kein Problem mit meinem historischen Crossdressing, aber bei eher offiziellen Terminen kommt das trotzdem nicht so gut), die Damenmode verliere ich deswegen aber natürlich nicht aus den Augen. Wink

Bzgl. 1860er kann man schon mit relativ wenig Aufwand was authentisches auf die Beine stellen, z.B. ein Tagesoutfit bestehend aus sog. Garibaldi-Bluse und Rock. Im Gegensatz zu einteiligen Kleidern ist man da nicht gar so auf absolute Maßanfertigung angewiesen.
Inwieweit bist Du denn schon mit Reifrock/Krinoline und Korsett ausgestattet? Wenn es authentisch sein soll ist letzteres obligatorisches, sonst sieht es nicht aus, egal ob Männlein oder Weiblein...die akkurate Silhouette entscheidet maßgeblich darüber ob das Ergebnis am Ende authentisch oder Westernclub-Optik ist.

LG Ginny

[klugscheißmodus ein]
PS: Vorsicht mit dem Begriff "Biedermeier", die Krinolinenmode der 1860er gehört da nicht mehr hinein, per allgemeiner Definition ging das Biedermeier bis etwa 1848. Natürlich endete das nicht von einem auf den anderen Tag, aber die typischen Elemente der Biedermeier-Mode waren spätestens Mitte der 1850er verschwunden.
[klugscheißmodus aus] Wink

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Nur mal schnell zwischendurch. Mich hat Jennys Frage bewogen mal nachzuwiegen, was die Kleider so wiegen.
Mein historisierendes wiegt mit allem drum und dran (außer Schuhe) knapp 2 kg. Das Watteaukleid kommt auf 6 kg, auch ohne Schuhe. Ich war nämlich zu faul die Dinger rauszusuchen.

Angelina. Mein Faible bezieht sich ausschließlich auf Rokoko und spätes Barock. Die anderen Zeiten interessieren mich einfach nicht. Die Zeit davor ist mir einfach zu ungebildet und schmutzig, die danach einfach zu verklemmt. Natürlich sind die Kleider des Biedermeier auch nicht zu verachten und die berühmten Sissykleider oder die Südstaatenmode sind echt toll. Aber irgendwie reizen sie mich nicht so wie es das Rokoko tut.

jannaevi
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dabei seit: 15.12.2004

noriko ja da muss ich dir recht geben , den jeder hat seinen geschmack für kleider und andere sachen .
bei mir ist es auch so das ich nicht alles fon frauen mag besser nicht so meine sache ist sie zu tragen.
aber bei den seidigen kleidern kann ich persönlich nicht weg den es ist immer ein trage gefühl da was einen reizt. ich glaube das mir baumwolle gar nichts geben kann nur wenn ich als mann rauss gehe, den im brautkleid oder ballkleid kann ich auch nicht immer raus.
es gibt ja noch andere kleidung die ich auch trage und raus gehen kann .
finde es ganz toll das du so offen bist und eine bereicherung im transtreff bist alles liebe monika marina

Jannaevi Liebe und Hoffnug

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Weiter zum Thema Barock- bzw. Rokokokleid.
Ihr werdet Euch fragen, wie es sich anfühlt ein solches Kleid zu tragen. Nun es ist einfach ein tolles Gefühl. Der Oberkörper ist eingeschnürt, seine Beweglichkeit ist eingeschränkt. Dafür hat man unterhalb der Gürtellinie eine absolute Freiheit. Nichts stört oder engt ein.
Trägt man ein Barockkleid, so bewegt man sich gemessenen Schrittes. Es geht auch nicht anders, die ganze Panier- oder Reifrockkonstruktion würde sich sonst sehr schnell aufschaukeln, was sich irgendwie unangenehm anfühlt. Selbst kleine Mädchen lernen das sehr schnell und bewegen sich von ganz allein gemessenen Schrittes. Das ist in einem Barockkleid gar nicht anders möglich.
Wenn man das erste mal ein Barockkleid trägt muß man lernen mit der "Überbreite" klar zu kommen. Ein Barockkleid ist mehr breit als tief und man läuft Gefahr überall anzuecken, sich schmutzig zu machen oder einen Tisch abzuräumen. Auch die Breite von Türen und Gängen muß anders eingeschätzt werden. Passagen, die normalerweise kein Problem darstellen werden auf den ersten Blick zu einem unüberwindlichen Hindernis. Besonders lustig wird es, wenn sich zwei Damen auf einen breiten Treppe begegnen und der Platz auf der Treppe dann doch nicht ausreicht. Aber da gibt es dann den kleinen Trick sich seitwärts zu bewegen.
Man muß auch lernen niemals rückwärts zu gehen. Will man zurück ist es besser einen kleinen Kreis zu beschreiten als sich auf den Rocksaum zu treten und hinterrücks umzufallen.
Auch mit dem Wind muß man anders umgehen. Schon ein laues Lüftchen spürt man als starken Gegenwind (man hat schließlich einen ziemlich hohen Cw Wert). Da wird das Vorwärtskommen etwas schwierig. Bei stärkerem Wind sollte man aufpassen, daß einem der Rock nicht hochgepustet wird, vor allem dann, wenn man historisch korrekt nur eine Chemise und kein Höschen trägt.

Fortsetzung folgt

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Endlich finde ich die Zeit die letzten Worte zum Thema Barockkleid in den Computer zu tippen. Für das historische Crossdressing ist nicht nur das Kleid von Bedeutung, es kommt auch auf die Frisur an. Hier gibt es die ulkigsten Vorstellungen was die Dame im Barock bzw Rokoko so auf dem Kopf trug. Das bekannteste Fehlurteil ist dies, dass man glaubt jedermann trug bei Hofe eine Perücke und diese Perücke war schneeweiß. Also greift man zu einer mehr oder weniger billigen Faschingsperücke und glaubt sich gut angezogen. Macht man dann ein paar Fotos muss man leider feststellen, daß die Perücke das Bild eines noch so tollen Kleides zunichte macht. Es paßt einfach nicht. Kurz gesagt unten hui und oben pfui. (Ein negativer Nebeneffekt: Es wird sehr schnell sehr heiß unter diesen Nylondingern, so daß man vor allem an heißen Sommertagen eine Macke bekommt.)

Wenn man sich die Gemälder der Damen jener Zeit betrachtet findet man sehr selten die Art des Kopfschmuckes wie ihn Filme (z.B. Amadeus) uns glauben machen wollen. In der Mehrzahl trug die Dame eine Frisur aus ihrem eigenen Haar. Das gibt uns beim historischen Crossdressig die Gelegenheit auf eine normale Perücke zurückzugreifen. Einfach eine lockige Langhaarperücke hochstecken und mit entsprechenden Accessoires schmücken. So einfach geht es. Das Bild von Haartracht und Kleid harmoniert.
Will man wirklich mal eine Turmperücke Marke Marie Antoinette oder eine Lockenpracht ala Gräfin Cosel bzw. Madame Lecynska tragen, so ist es besser sich eine solche von einem Theater zu leihen oder wenn man genug Geld hat eine solche Perücke anfertigen zu lassen.

Wenn ich ehrlich bin würde mich eine solche Haarpracht schon einmal reizen. Aber ich bin auch mit meiner roten Wuschelmähne und flachen Schuhen schon einen halben Kopf größer als die übrige Damenwelt und würde deshalb mit einer Turmfrisur noch mehr auffallen.
Was mich gleich verleitet ein paar abschließende Worte zu schreiben. Niemand, der als Dame auf ein Barockfest geht soll glauben, daß er nicht dann und wann als Mann erkannt wird. Selbst wenn man absolut toll geschminkt und gestylt ist, das Kleid perfekt sitzt, besteht doch eine recht hohe Chance, daß dereine oder andere die Maskerade durchschaut. Ein Mann ist nunmal größer als eine Frau und eine große Frau zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Dann wird näher geschaut und ...
Was uns am ehesten verrät ist unser Oberkörper. Von vorn läßt er sich leicht mit Dekoltee etc kaschieren, von hinten jedoch kann man die breiten Schultern nur schwer verstecken (Deshalb liebe ich mein Watteaukleid, wo die Schleppe beim kaschieren hilft.)

Aber das zuletzt gesagte soll nicht abschrecken. Es ist ein tolles Gefühl wenn die neidischen Blicke der Damen auf einem ruhen, man das Zentrum von Spekulationen und Getuschel ist. Ist es nun eine Frau oder doch ein Mann? Und am schönsten ist es wenn man ein kleines Mädchen begeistert ausrufen hört: "Mama schau mal, was für eine schöne Dame!"
Eine Dame im Rokokokleid zu sein ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Und ein kleiner positiver Nebeneffect für Zeigefreudige. Man wird immer und immer wieder fotografiert. [Möchte gern mal wissen wo überall Bilder von Norikos letztem Auftritt herumvagabundieren Smile ]

Nadine-Rose
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dabei seit: 16.04.2005

@all
@ Noriko

Sehr interessant diese Beiträge zu lesen. Interessant und faszinierend. Irgendwie sieht man sich in eine andere Zeit versetzt.

Und jetzt bin ich ein wenig neugierig geworden und frage einfach mal die Spezis unter uns:

Aufwändige Kleider trugen ja nur die erlauchten Damen des Hochstandes. Was trug denn die gemeine Dame ?

Perücken a la Mozart sollen ja auch noch gepudert gewesen sein. Allein die Vorstellung daran erzeugt bei mir einen ziemlichen Nies-Reiz und ist wohl kaum etwas für Heuschnupf-Geplage Damen oder Herren.

Noriko hat sehr treffend bemerkt, daß unten drunter alles ziemlich frei war bei den Damen. Sehr richtig. Was trug denn damals der Herr drunter ?

Wenn man heute so alte Filme sieht, hat man immer den Eindruck, das die hochherrschaftlichen Herren alle einen "Titsch" weg hatten. Schönheitsplästerchen, gepudert und parfümiert, permanent auf die Figur und ihr Outfit achtend. Aber ihre Gelage ließen doch eigentlich Topfiguren gar nicht zu. Also wurde da auch geschnürt was das Zeug hielt ? Oder mußte der Finger im Hals dann herhalten ?

Es soll ja schon als Verkleidung gelten, wenn wir uns als hübsche Frauen darstellen. Aber wie nennt man das denn, wenn man sich nicht nur als Frau, sondern dann auch noch als Prinzessin, Biedermeier-Dame oder victorianische Lady darstellt ?

Ich muss zugeben, es reizt mich da grad ziemlich, so etwas auch mal zu machen.

Lieben Gruss von Nadine